> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie-Leipzig Seite 13

2015-08-05

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie-Leipzig Seite 13


Dies Sprachmittel ist nur Zeichen oder Funktion des neuen Erlebnisses: daß die Natur nicht mehr als ein Museum abgegrenzter, rationell faßbarer, unter rationelle Gruppen verteilbarer Einzeldinge erscheint, sondern als bewegtes, atmendes Chaos wirkender Kräfte. Hinter den für die einzelnen fünf Sinne faßbaren Erscheinungen werden die an die fünf Sinne nicht gebundenen Kräfte und Prozesse gefühlt. Von denen sind die sichtbaren, hörbaren, tastbaren, riechbaren, schmeckbaren Einzelerscheinungen nur gleichsam der Niederschlag. Denn die fünf Sinne, unter die die Gegenstände der Natur von der vorgoethischen deutschen Lyrik verteilt wurden, gehören ja nicht der Wirklichkeit als solcher an, sondern sind Hilfsmittel unserer Vernunft um der Wirklichkeit Herr zu werden, Querschnitte die wir durch die Wirklichkeit legen. Wir werden bei der vorgoethischen Poesie, die durchaus auf Begreifen, auf vernunftmäßiges Festhalten und Festlegen der Erlebnisse eingestellt ist, niemals eine Vermischung der sinnlichen Sphären finden —etwa der Tastsphäre und der Gesichtssphäre, wie sie in dem Wort „Silberschauer“ statt hat: ein Schauer kann für die Vernunft nicht silbern sein, wohl aber für das Erlebnis, welches sich an die rein Vernunftmäßige Einteilung in fünf Sinne nicht kehrt. Vom Dichter aus betrachtet enthält also eine Zusammenfügung wie „Silberschauer“ ein Zurücktauchen in den Vorbegriff liehen Zustand der Natur, in eine Natur die unabhängig ist von der Erfahrung der Vernunft, als welche nur vermöge der Einteilung in fünf Sinne apperzipiert. Vom Hörer aus betrachtet, erfordert sie ein Zersprengen der vernunftmäßigen Scheidewände die wir zwischen dem Bereich des Silbers und dem Bereich des Schauers zu machen gewohnt sind: und dies Zersprengen muß ein Akt, eine Schwingung der Einbildungskraft sein, wie jede Assoziation eine ist. Man kann sich vorstellen daß einem Dichter der alten Schule, wenn er ein Wort wie „Silberschauer“ las, das als barer Unsinn vorkam .. und mit Grund: denn es handelte sich hier gar nicht um Vernunft, sondern um ein vor- oder über- oder untervernünftiges, jedenfalls außervernünftiges Erlebnis. Es ist nun aber das Recht der Sprache und die Macht des Dichters, Dinge in den Bereich des Denkbaren zu heben die vorher nur erlebbar waren — d. h. der Vernunft neue Provinzen durch Sprache zu erobern. Auch das liegt in der Doppelnatur der Sprache, daß sie zugleich logischer und magischer Natur ist. Was sie magisch unmittelbar aus dem vordenkbaren Erlebnis als Klang und Tonfall enthält wird, sobald es verlautbart ist, ins Licht des Bewußtseins heraufgehoben, zugleich Denkinhalt: freilich, es muß echtes Erlebnis gewesen, muß im Bereich der gelebten Wirklichkeit gewesen sein, sonst kann es nie ein legitimer, gültiger Denkinhalt, nie Besitz der Vernunft werden, sondern bleibt leere Willkür und Spielerei des Verstandes einerseits, leerer Wortschall an dererseits, wie die rein erklügelten, aus Nachahmung früherer sprachschöpferischer Dichter übertriebenen, aus literarhistorischer Kenntnis von der Erlaubtheit sprachlicher Neubildung abgeleiteten, aus ästhetischer Theorie gewagten Neologismen schlechter Schriftsteller.

Goethes Leipziger Lyrik hat erst wenige und schüchterne Ansätze dieses Neuen — sie bleibt zum großen Ganzen noch im Bann der Anakreontik und Wielands . Man kann die Verse aufzählen die nur Goethe damals gedichtet haben konnte, und die die Herauf kunft einer unmittelbar sinnlichen Lyrik ankündigen, noch untermischt mit Resten der alten Anakreontik: 

Luna bricht die Nacht der Eichen,
Zephirs melden ihren Lauf,
Und die Birken streun mit 
Neigen Ihr den süßten Weihrauch auf.

Die beiden ersten Verse übernehmen scheinbar noch mit selbstverständlicher Anmut die üblichen allegorischen Rokokosgötter — aber Goethe teilt ihnen bereits eine spezifische Funktion zu, so daß sie nicht Schablone und Chiffer bleiben: diese Luna ist nicht nur die konventionelle Göttin des Mondes, d.h. die Allegorie welche nach Übereinkunft ein für allemal „den Mond“ bedeutet, den Begriff Mond hervorruft — mit den üblichen Mondeigenschaften bleich, kühl, keusch.

Die Goethische Luna ist hier der besondere Mond einer bestimmten, einmal erlebten Nacht mit dieser einen Funktion und nur bestimmt durch diese: der silbrigen Durchdringung nächtlichen Walddunkels .. diese Luna ist der personifizierte Schauer des Dichters, ein symbolischer Genius für ein dichterisches Erregtsein, Verkörperung einer Goethischen Stimmung, nicht die von vornherein aus der Mythologie gegebene festgelegte, begrifflich starre Mondallegorie. Kurz: der Prozeß der die antiken Naturgötter schuf, die Personifizierung des Naturschauers, ist hier wieder wirksam .. die gestalten« schaffende Kraft des Dichters die Shakespeare mit den Worten bezeichnet: 

Empfindet er nur irgendeine Freude 
So ahnt er einen Bringer dieser Freude —

Die alten Götter werden aus ihrer allegorischen Erstarrung gelöst, sobald man sie in eine Tätigkeit versetzt die nicht zu ihrer begrifflichen Definition gehört — eine Luna die die Nacht der Eichen bricht war bisher nicht vor» gesehen, setzt ein individuelles neues Erleben ihrer Existenz voraus. „Nacht der Eichen“ ist eine Verknüpfung zweier Anschauungen, wie sie nur dem möglich ist dem sowohl die Nacht als die Eichen aufgehört haben bloß mit bestimmten Merkmalen versehene feste Vorstellungen zu sein sie sind in einer geheimnisvollen einmaligen Verbindung nicht nur angeschaut, sondern in der Funktion dieser Verbindung überrascht. Noch deutlicher wird dies beiden zwei letzten Versen: das Neue daran, über die Anakreontik hinaus, ist nicht nur genaue, detaillierte eigene Anschauung der Birken, sondern das dahinter wirksame, rhythmisch ausgedrückte Gefühl für die Funktion, für die bewegten und bewegenden Kräfte der natürlichen Erscheinung, des Zustands oder Vorgangs.

Die Natur, die sich den Sinnen nur als ruhende Erscheinung zeigt, wird durch Goethe verwandelt in ein Gesamt bewegter geheimer Kräfte. Das ist neu in deutscher Sprache auch über Klopstock hinaus und verschieden von der Naturbeseelung Klopstocks. Klopstocks Naturgefühl beruht darauf daß er seine jeweilige seelisch gedankliche Wallung ausbreitet, hineinträgt, hineindeutet in die Natur, daß er sich mit der Natur in Beziehung setzt.. z.B. wenn er den Mond anredet als „Gedankenfreund“— damit ist nicht, wie bei der Goethischen Luna, eine dem Mond als solchem innewohnende, vom Dichter nur wahrgenommene Kraft entdeckt und ausgesprochen (kein Mensch wird jemals der sinnlichen Erscheinung des Mondes die Gedankenfreundschaft zusprechen können) sondern nur eine Beziehung Klopstocks zu dem Mond. Klopstock benutzt die einzelnen Naturdinge nur als Anhaltspunkte für seine Seele, er erlebt sie nur, sofern sie einem seelischen Affekt als Gleichnis oder als Dekoration, als Gefäß oder als Schranke dienen: einen selbstgenugsamen Wert haben sie für ihn nicht. Die Natur als Ganzes ist für ihn vollends nur da, insofern sie Schöpfung Gottes ist, der Schauplatz und das Zeugnis für Gottes Allmacht, Güte, Weisheit usw. Was Klopstock erlebt das ist die christliche Gottheit einerseits und die Menschenseele in ihren Beziehungen zu Gott, zu Mitmenschen und zur Natur andererseits. Aber Goethe erlebt schon damals die Natur als eine selbständig beseelte, von ihren Beziehungen zum Menschen unabhängige Wesenheit: er erlebte ihre Erscheinungen selbst als Akte, als menschenhafte, d.h. beseelte Kräfte —und die Sympathie zwischen ihm und der Natur besteht darin daß er in ihr die gleichen alldurchdringenden und göttlich lebendigen Kräfte spürt die auch ihn durchdringen, während Klopstocks Sympathie ein brückenschlagendes Hineindenken ist.

Für Goethe war das Wesen der Natur von vornherein menschlich göttlich, für Klopstock machte die Beziehung der menschlichen Seele oder der göttlichen Allmacht zur Natur diese erst zu einem würdigen Gegenstand. Goethe liebte sinnlich die Erscheinungen, die Gestalten selbst als gotthaft. Klopstock sah sie erst mit Bezug auf Gott, auf die Seele, von Gott aus, zur Seele hin.

Die übrigen Verse des Leipziger Liederbuches die jenes neue Gefühl der Natur, jene fromme Sinnlichkeit oder sinnliche Frömmigkeit bekunden sind: 

Es blinkt mit mystisch heiligem Schimmer 
Vor ihm der Flammen blasses Gold. (Hochzeitslied)

Im spielenden Bache da lieg ich wie helle!
Verbreite die Arme der kommenden Welle,
Und buhlerisch drückt sie die sehnende Brust.
Dann trägt sie ihr Leichtsinn im Strome darnieder,
Schon naht sich die zweite und streichelt mich wieder,
Da fühl ich die Freuden der wechselnden Lust. (Unbeständigkeit)

Ewige Kräfte, Zeit und Ferne,
Heimlich wie die Kraft der Sterne,
Wiegen dieses Blut zur Ruh......
Aufgezogen durch die Sonne,
Schwimmt im Hauch ätherischer Wonne So das leichtste Wölkchen nie,
Wie mein Herz in Ruh und Freude. (Das Glück der Liebe)

Und die schönsten:

Nebel schwimmt mit Silberschauer 
Um dein reizendes Gesicht.

Deines leisen Fußes Lauf 
Weckt aus tagverschlossnen Höhlen 
Traurig abgeschiedne Seelen,
Mich, und nächtige Vögel auf. (An den Mond)

In all diesen Versen, und zunächst nur in diesen Versen, kündigt sich die Wiedererlösung der Natur an: die Erlösung aus der christlichen Entgötterung der Natur, die selbst Klopstocks Lyrik noch nicht überwand: (denn Natur als Schöpfung Gottes erleben heißt nicht sie als Gottheit erleben) und dann die Erlösung aus der rationalistischen Erstarrung, welche nur begriffliche Vorstellungen, keine Kräfte und Akte in der Natur anerkannte.

Von solchen unwillkürlichen Durchbrüchen abgesehen, sind diese Gedichte zunächst weniger geschrieben um Goethes Leidenschaft und Spannung zu entladen, als um sein Können zu zeigen oder zu üben und sich klar zu werden: es ist fast mehr Klugheit, Beobachtung und Selbstbeobachtung als Sinnlichkeit, Gefühl und Leidenschaft darin. Darum überschreiten sie den Kreis der rationalistischen Poesie, den sie vollkommen ausfüllen durch Beherrschung aller technischen Mittel, nur selten. Sie geben fast nie den unmittelbaren Erguß der Seele, wie es die Klopstockische Lyrik tut, sondern versuchen echt rationalistisch immer noch ein intellektuelles, halb lehrhaft altkluges, halb galant spielerisches Resüme aus dem dargestellten oder beschriebenen Zustand zu ziehen. Der Zustand wird von dem Beobachter und Selbstbeobachter nicht nur von innen nach außen dichterisch ausgedrückt, wie an jenen rein poetischen Stellen, sondern vor allem auch von außen nach innen als Erfahrung verwertet und gedeutet. Die jahrhundertlange rationalistische Übung, welche Poesie nur gelten ließ, sofern sie, wie die übrigen lernbaren und brauchbaren Wissenschaften, den Menschen nach außen hin einen Nutzen, Lehre über das Leben oder Erbauung oder Vergnügen, bereitete, hat auch ihren jüngsten und genialsten Schüler damals gleichsam gegen seinen schon erwachten rein bildnerischen Trieb, dem es nur um Selbstauswirkung, um Selbstdarstellung, ohne Rücksicht auf Publikum, auf Lehre oder Nutzen zu tun war, noch gezwungen seinen Gedichten eine Pointe oder eine Sentenz anzuhängen. Diese Zwiespältigkeit verdirbt gerade die schönsten Gedichte des Leipziger Liederbuchs — die nur reflektierenden werden nicht zwiespältig, und also auch nicht verdorben durch die Pointe und Sentenz. Aber gerade nach den ursprünglichen lebendigen Versen wirkt der Spruchzettel am Schluß oder der Blick in den Spiegel schief und kokett.

Freudei Wollust! Kaum zu fassen!
Und doch wollt ich, Himmel, dir 
Tausend solcher Nächte lassen,
Gäb mein Mädchen Eine mir.

Es ist an sich noch nicht einmal der Gedanke, was hier das ahnungsvolle Halbdunkel zerreißt: die Sehnsucht nach einer Nacht mit der Geliebten könnte als leidenschaftlicher Abklang sehr gut dies Gedicht krönen und runden — aber hier ist es der Begriffsinhalt, die geistreiche Antithese, der logische Kontrast zwischen der Schönheit der Mondnacht und der ersehnten Liebesnacht was plötzlich ohne anderen Übergang als einen des Begriffs, des Begriffs Nacht, ein dumpfes Gefühl und einen geistreichen Einfall konfrontiert, d. h. aus einer gelebten Welt in eine gedachte umspringt. Noch störender ist dies Geistreiche bei dem Gedicht an den Mond, wo ein liebevoller Anfang jählings aufgehoben wird in einen schalkisch galanten Schluß.

Dämmrung wo die Wollust thront,
Schwimmt um ihre runden Glieder,
Trunken sinkt mein Blick hernieder.
Was verhüllt man wohl dem Mond.
Doch was das für Wünsche sind!
Voll Begierde zu genießen,
So da droben hängen müssen;
Ey, da schieltest du dich blind.

Goethe selbst hat übrigens in einem Gedicht des Leipziger Liederbuchs, diesen Zwiespalt zwischen Reflexion und Sinnlichkeit gleichnishaft dargestellt und ausgedeutet: „Die Freuden“.

Noch war Goethes Leidenschaft nicht stark genug um ihn bis zum Rand zu füllen, um die anakreontischen galanten Rokokoformen zu verzehren — seine Natur schien erst durch, glühte erst die Bildungsformen an deren er sich bediente — aber freilich hatte sie schon genug Gewalt um des Junglings immer regen Selbstbeobachtungsdrang zu beschäftigen und fast ganz in Anspruch zu nehmen. Der Gegenstand seiner unablässigen Reflexion war die Liebe. Hier unterscheidet sich auch derjenigeTeil seiner Dichtung welcher noch im Bann der rationalistischen Reflexionspoesie geblieben war wesentlich von den bisherigen Erzeugnissen dieser Poesie. Ihr Gegenstand waren die Mädchen die ihn durch Liebe verwandelten und sodann sein eignes verwandeltes Bild das ihm im Spiegel des Denkens wiederstrahlte. Seine Nutzanwendungen, Sentenzen und Pointen unterscheiden sich von denen seiner anakreontischen Zeitgenossen und Vorgänger, vielleicht Günther ausgenommen, dadurch daß sie ausgehen von Erfahrungen am eignen Leib. Nicht aus Büchern gelernt, nicht aus dichterischen Motiven einfach nachgeahmt, auch nicht aus fremder Beobachtung zusammengestoppelt sind seine Reflexionen über das Benehmen der Mädchen und die Pflichten des Liebhabers, über das Verhältnis von Liebe zur Tugend, über Treue und Wankelmut, über die Mittel Liebe zu gewinnen und zu erhalten, über die Stimmungen und Wechselfälle des Liebenden, über die Launen und Gebräuche der Verliebten, über das Glück und Unglück in der Liebe: sie bezeugen alle reale Anschauung, Erfahrung, klaren Blick mitten in der Erregung.



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