> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie-Leipzig Seite 14

2015-08-08

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie-Leipzig Seite 14


Die Dämon und Phyllis der Schäferpoesie lassen Zweifel darüber ob ihnen eine Wirklichkeit zugrunde liegt: jedenfalls sind sie nicht erfunden, um von wirklichen Erlebnissen der Dichter Bericht zu erstatten, sondern um ex abstracto Lehren über die Wechselfälle der Liebe zu erteilen oder um die Fertigkeit des Dichters im Beherrschen bestimmter Techniken und Gattungen zu erweisen, gleichgültig ob die Verfasser Liebeserfahrungen hatten oder nicht. Goethe verkleidet in die Lehren und Sentenzen, in die Parabeln seiner Leipziger Lieder eigne Erfahrungen — auch seine Lehren sind indirekte Selbstdarstellungen, wie bei den Schäfern und Anakreontikern sogar die Ichgedichte indirekte Schulmeisterei sind: Goethe hat die rationalistischen Mittel in ihr Gegenteil verkehrt, und unter der Maske eines Lehrers macht er Bekenntnisse . . während die rationalistischen Poeten unter der Maske von Lyrikern Unterricht geben.

Die Liebe von der Goethe Kunde gibt tritt allerdings weit weniger als Leidenschaft auf denn als „Galanterie“. Was ist der Unterschied? Galanterie ist die Liebe als eine gesellschaftliche Erscheinung, nicht als eine naturhafte, kosmische. Und die Liebe von welcher Goethe in seiner vor Straßburger Lyrik singt ist nirgends jener absolute, nackte menschliche Grundtrieb welcher die ganze Welt verdampft und vergißt und nichts will als den geliebten Gegenstand: überall ist die Gesellschaft, die Geselligkeit, die Sitte zugleich mit der Geliebten gegeben und der Reiz der Liebe besteht für den galanten Liebhaber gerade in dem Wechselspiel zwischen Sittlichkeit und Sinnlichkeit, zwischen einsamen Schäferstunden und gesellschaftlichen Schranken, zwischen öffentlich Erlaubtem und heimlich Begehrtem oder Gewährten. Die Liebe ist hier noch kein allgemein menschliches Urschicksal, wie sie bei den großen Dichtem der Liebe von Dante bis Shakespeare dargestellt wird als ein Einbruch des unbedingten Göttlichen oder Natürlichen in die menschlich bedingte Welt, in der sie entweder tragisch untergeht, wie Romeo und Julia, oder die sie sieghaft überwindet, verklärt, zum Gleichnis macht, wie Beatrix oder Laura. Die Goethische Liebe in seiner Produktion vor der Sesenheimer Zeit gehört zu jenen gleichsam gesellschaftlich organisierten Gefühlsweisen, wie sie im mittelalterlichen Minnesang, in der französischen Hofpoesie unter LudwigXIV. und XV. und deren deutschen Nachahmungen ausgebildet worden sind — auch des jungen Goethe sinnliche Leidenschaft war noch nicht gewillt oder genötigt diese gesellschaftlichen Bindungen zu sprengen, seine Liebe als ein außergesellschaftliches „Urphänomen“ auszudrücken.

Die galante Lyrik verhält sich zur ursprünglichen Liebesdichtung wie eine Mensur oder ein Duell zum Zweikampf in einer Schlacht: Galanterie ist „kommentmäßige“ Liebe. Nicht die nackten menschlichen Leidenschaften Haß und Liebe und die letzten menschlichen Schicksale Leben und Tod bestimmen die Ausdrucksformen, sondern die Rücksicht auf eine Gesellschaft in die man eingeordnet ist und über die hinaus kein Horizont gesehen oder anerkannt wird. Der leidenschaftliche Lyriker ist ein Naturwesen und der galante Lyriker ist ein Gesellschaftswesen. Nur von diesem Gesichtspunkt aus verstehen wir die Motive oder die Probleme von Goethes Leipziger Lyrik: sie gehen fast alle hervor aus den Gedanken über das Benehmen der Geliebten mit Rücksicht auf ein bewußt oder unbewußt immer gegenwärtiges Publikum welches die Sitten vertritt. Sitte und Sittlichkeit sind noch identisch. Bezeichnende Gedichte hierfür: „Das Schreien“:

Da rief ich trotzig, ha ich will 
Den töten der uns stört
Still, lispelt sie, Geliebter, still!
Daß ja dich niemand hört.

In diesem Sinn redet „Liebe und Tugend“ von dem Verhalten der Geliebten gegenüber den mütterlichen Lehren. Wichtiger als die Gefühle sind dem Dichter noch die Verhaltungsarten: seine Lyrik gewinnt dadurch an Anschaulichkeit und sachlichem Motivreichtum was sie an Tiefe und Seelengewalt einbüßt. Der unabweisbare Seitenblick auf die Gesellschaft, die Beobachtung, die Selbstbeobachtung, die Rücksicht auf sich, auf die Geliebte, auf andere verhindert einen unmittelbaren Ausbruch und Ausdruck des nackten naturhaft eignen Gefühls und zwingt den Autor zur Füllung seiner Gedichte mit Motiven aus der Außenwelt, aus der Gesellschaft innerhalb deren, durch die hindurch, an der vorbei, um die herum er liebt.

Z. B. das Neujahrslied, das erste des Leipziger Liederbuchs, ist eine Revue verschiedener Gesellschaftstypen, Charaktere im Sinn des Theophrasi oder Labruyere, die sub specie amoris durchgehechelt werden. „Kinderverstand“ beschreibt anschaulich epigrammatisch das Verhalten verschiedener Stände bei der Liebe .

„Die Liebhaber“ (nicht ins Leipziger Liederbuch aufgenommen) läßt die verschiedenen Argumente und Vorzüge Revue passieren womit man Mädchen wirbt. In der moralischen Erzählung „Triumph der Tugend“, Wielandisch in Vortrag und Motiv, wird der Konflikt zwischen Sinnlichkeit des Liebenden und Sitte der Geliebten lehrhaft und lüstern ausgemalt. „Der wahre Genuß“ deliberiert über die Rechte und Pflichten, über Freiheit und Selbstbeschränkung des Liebhabers, immer unter dem Gesichtspunkt der Gesellschaft: die Sitte ist noch nicht leere Konvention die vernichtet werden muß, sondern Gesetz mit dem man sich abzufinden hat, um des Glücks und des Wertes willen .. sie wird umgangen, aber sie ist gültig, sie hält der Sinnlichkeit das Gleichgewicht. Galanterie ist die Auseinandersetzung zwischen Sitte und Sinnen.

„Soll dich kein heilig Band umgeben 
O Jüngling; schränke selbst dich ein.
Man kann in wahrer Freiheit leben,
Und doch nicht ungebunden sein.“

„Wollüstig nur an meiner Seite,
Und sittsam wenn die Welt sie sieht“

wünscht er die Geliebte

„Wenn in gesellschaftlicher Stunde 
Sie einst mit mir von Liebe spricht,
Wünsch ich nur Worte von dem Munde,
Nur Worte, Küsse wünsch ich nicht. .

Immer ist der Blick auf die Gesellschaft gerichtet.

Doch beschäftigt den jungen Liebhaber schon damals ahnungsvoll ein Problem der Galanterie das eben aus diesem Kampf zwischen Sitte und Sinnlichkeit sich ergibt, und das er später als ein allgemein tragisches Problem erleben und darstellen sollte in der Gretchentragödie: die Hingabe der Geliebten ohne Ehe. Er streift es in dem eben zitierten Gedicht, er behandelt es ausführlich und mit pathetischem Nachdruck, ja mit Worten die fast wie ein Vorklang zu Gretchens Jammer anmuten, in der „Elegie auf den Tod des Bruders meines Freundes“, worin sentimentale Rhetorik mit wirklichem Pathos sich vermischt. Es handelt sich um einen jungen Mann der in der Schlacht gefallen ist, nachdem er einem Mädchen die Eh versprochen und es verführt hat: das Schicksal des gefallenen und verlassenen Mädchens ist der eigentliche Gegenstand der Elegie.

Nie hat ein Herz so viel gelitten,
Herr, sieh herab auf ihre Not,
Und schenke gnädig ihren Bitten 
Sein Leben, oder ihren Tod.

O Gott, bestrafest du die Liebe,
Du Wesen voller Lieb und Huld?
Denn nichts als eine heilige Liebe 
War dieser Unglückseligen Schuld.

Diese zwei Strophen des 18 jährigen heben sich durch ein Pathos des Mitleids ab von den rein rhetorischen Leichenklagen über den Tod und den nicht recht gefühlten, ungoethischen Anklagen gegen den Fürsten der durch seinen Krieg den Tod des Bräutigams veranlaßt. Es sind Vorläufer des Verses „der Menschheit ganzer Jammer faßt mich an.“ Aber auch hier wird das Problem noch von der Gesellschaft aus angesehen, nicht von der Leidenschaft aus. In der Gretchentragödie ist die Sitte nur der Anstoß durch den ein Geschöpf an seiner Leidenschaft zugrunde geht, nur das Exekutivorgan des Schicksals das in den beiden Liebenden selbst gegeben ist. Das Schicksal Gretchens ist Faust und seine Liebe, nicht die Sitte. In Leipzig ist die Sitte noch als das Absolute wirksam, sie wird zum Schicksal der Sinnlichen im Guten oder im Bösen — sie ist das Maß, das ursprüngliche schlechthin Gegebne. So grenzt in Goethes Jugendlyrik überall die Gesellschaft den geistigen Raum ab und die Sinnlichkeit schafft die Bewegung die ihn füllt. Sinnliche Bewegung und Beobachtung ihrer gesellschaftlichen Wirkungen und Gegenwirkungen sind die beiden Kräfte die den Gehalt dieser Leipziger Produktion bestimmen: Materialsammlung zur Beobachtung seiner selbst und der Gesellschaft, die damals für Goethe das Leben, die Welt selbst war, und Übung in der Beherrschung der geistigen und seelischen Mittel sind die Probleme seiner damaligen Lebensführung, wie die Sinnlichkeit und die Gesellschaft der Gehalt seiner Produktion ist, die Auseinandersetzung zwischen Sinnlichkeit und Gesellschaft das Problem seines Erlebens selber ist.

Es war zu erwarten daß bei seinem unablässigen Streben und Versuch in alle Sättel gerecht zu werden Goethe dies Erlebensproblem auch in den damals ihm vorliegenden Formen der Dramatik vergegenständlichen werde . So sind die Laune des Verliebten und die Mitschuldigen (diese erst nach der Leipziger Zeit in Frankfurt ausgetragen) zu verstehen. Die Erfahrung, die Beobachtung und Selbstbeobachtung hat diese beiden Stücke geschrieben, nicht die Leidenschaft, und die Liebe ist darin mehr noch als in der lyrischen Produktion eine rein gesellschaftliche Erscheinung. Beide Stücke sind „Sinnspiele“ nach dem Muster der französischen Komödie: sie stellen den Menschen als stilisiertes Gesellschaftswesen dar, und sie sind erweiterte, als Handlung anschaulich gemachte Epigramme. Die epigrammatische Lehre der beiden Stücke wäre etwa: Was du nicht willst daß man dir tu, das füg auch keinem ändern zu oder: eine Krähe hackt der ändern das Auge nicht aus.

Worauf kam es nun Goethe abgesehen von der Lehre an? Waren es bloß nachahmende Übungen, literarische Versuche Geliert oder Gärtner als Sinnspieldichter, Moliere als Lustspieldichter zu erreichen — oder brannte ihm etwas auf die Nägel das nur in diesen Formen sich ausdrücken konnte, ein Erlebnis das er beichten, eine Erfahrung die er ver* gegenständlichen mußte? Ohne Frage das letztere — aber die darzustellende Erfahrung war nicht die individuelle Leidenschaft, wie sie sich beim Men* sehen als einem Geschöpf aus Natur und Schicksal äußert. Es gibt in beiden Stücken weder Natur noch Schicksal, sondern nur Gesellschaft, Empfindung und Intrige. Daraus ergibt sich weiterhin daß wir nicht die menschlichen Erregungen selbst als Sprachgebärde dargestellt bekommen, sondern nur ihre Symptome, als Gedanken oder Handlung. Die Menschen in dieser Art Dramatik sind nicht sprachliche Verkörperung von seelischen Zuständen und Leidenschaften, aus denen die Schicksale und Handlungen als notwendige Ausstrahlungen oder Entladungen hervorgehen, sondern sie sind die Aussprecher von Gedanken über Empfindungen welche sie hegen und die Begeher von Handlungen.






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