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2015-08-14

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Shakespeare Seite 19


SHAKESPEARE

Die Erweckung Shakespeares war für Goethe als den bildnerischen Menschen von den Erweiterungen die er Herder dankte weitaus die wichtigste: wichtiger als die Legitimierung der Volkslyrik und Ossians — denn diese waren ein anregender Rohstoff für die naturdurstige Seele, aber sie konnten unmöglich auf die Dauer als eine Bildungswelt wirken. Im Fluge sammelte oder übersetzte Goethe Volkslieder oder Ossianische Gesänge, der von Herder angeregten Tendenz folgend — aber selbst mitten im Durchbruch zu der freien Naturluft, schwelgend im Zauber dieser morgendlich wehenden und raunenden, stammelnden und lallenden Urgetöne, mitten im Ruck aus den französischen Umschnürungen heraus fühlte Goethe (dessen Bildnertum zugleich seine Sittlichkeit war) nicht nur die Freiheit von den Fesseln, sondern auch die Freiheit zum Werk, das heißt die Verpflichtung zum Werk. Für ihn war nicht, wie für die meisten Stürmer und Dränger, die Natur die Erleichterung der Kunst, sondern ihre Erweiterung auch in die Tiefe hin. Gerade für den Bildner Goethe war Shakespeare das unschätzbarste Vorbild: denn hier war der Gegensatz zwischen Natur und Kunst, woran er gelitten hatte und woran er als Bildner mitten im Sturm und Drang immer hätte leiden müssen, aufgehoben . . hier war höchste Natur, ursprünglichere Natur als selbst die Volkslieder und Ossian sie boten, zugleich höchste Kunst — Lessing hatte es gezeigt — der Kunst der Griechen ebenbürtig. Und vor den Griechen (die Herder dem neuen Erlebnis als Natur legitimierte, wie Lessing den Shakespeare dem Rationalismus als Kunst, d.h. als vernünftige Zweckleistung legitimiert hatte) selbst vor Homer hatte Shakespeare voraus daß er das Welt- und Menschenbild der christlich europäischen Periode verkörperte. Er dichtete mythisch gesteigert die Leidenschaften und Schicksale nicht eines verklungenen Heldenalters, sondern einer Periode die menschlich nah genug war um noch in die Goethische Zeit hinein zu spiegeln und zu wirken, und doch noch groß, heroisch, ritterlich und gefährlich genug um sich von der sittigen Bürgerwelt als mythischer Hintergrund abzuheben. Relative Gleichartigkeit im seelischen Gefüge der Menschen und Erhabenheit in den Maßen: das fand Goethe bei Shakespeare wie bei keinem andren. Shakespeare ist der letzte und einzige Dichter der schon und noch innerhalb der modernen bürgerlichen Welt das heroische Pathos gerettet, lebendig und leibhaft gezeigt hatte, nicht als rückblickende Romantik sondern als selbstverständliche gegenwärtige Haltung, nicht als pittoreske Theatergeste sondern als unmittelbare Sprache des Herzens . . Hamlet ist ein heroisch pathetischer Mensch mit allen spezifisch modernen Gefahren und Qualen. Von ihm aus führt ein gerader Weg zum antiken Helden Brutus und ein nicht minder gerader zum sentimentalen Bürgerkind Werther.

In der Wiedererweckung Shakespeares, d. h. der dichtunggewordenen Natur und Geschichte, dem weitesten Sprach umfang für Weit und Mensch, dem Sinnbild der menschlichen Schöpferkraft, verdichtete sich also wesentlich das neue Bildungserlebnis welches Herder dem jungen Goethe vermittelte. Shakespeare vereinigte in sich all die Lockungen, Bereicherungen und Vertiefungen die ihm Homer und die Bibel (von Herder neu gedeutet) Ossian und die Volkslieder (von Herder neu entdeckt) gesondert bieten konnten. Mit Homer teilte Shakespeare die heroische Plastik der Gestalten, mit der Bibel die malerische Erhabenheit der Bilder und den seherischen Flug der Diktion, mit Ossian das atmosphärisch webende Grauen, landschaftliche Stimmung und Schauer der Elemente, mit den Volksliedern das derbe und sinnliche Ergreifen des Augenblicks, die pralle Abrundung der Vorgänge, die herzhaft nackte Körperlichkeit des Gefühls oder die schwebende und großartig unbekümmerte Verknüpfung der Eindrücke, die animalische Logik. Und er brachte als neue Elemente, die den jungen Goethe mit der ganzen Gewalt von Entdeckungen bestürmten oder ihm entgegenkamen als längst ersehnte und geahnte Verwirklichungen seiner eignen heimlichen Fähigkeiten, die Sprache der individuellen Leidenschaft in allen Graden und Lagen, die seelische Freiheit und Helle mitten im Sturm und Wirbel, die Breite der ganzen sinnlichen und sittlichen Welt, die knappe Weisheit im tiefen Gefühl, die Kenntnis der Seelen und der Stände, zumal der Wechselwirkungen zwischen dem menschlichen Charakter und den gültigen Gesetzen, das Lächeln des Schöpfers über seine Schöpfung, die Milde und die Unbarmherzigkeit des Allwissenden, die äußerste Seelenstärke bei der äußersten geistigen Lockerheit und Spielfähigheit — kurz eine Vereinigung von Eigenschaften deren vereinzelte Elemente wichtige Faktoren des damaligen Zeitgefühls waren oder zu werden anfingen, die aber nur als Einheit für Goethe das bedeuteten was er suchte, was sein eignes Wunschbild von sich selbst war: Menschwerdung des Kosmos und Erweiterung des Menschen zum All. Goethe hat im Wilhelm Meister später die Wirkung dargestellt welche diese Welt Shakespeare auf ihn machte. Eine unmittelbare Huldigung ist seine Rede zum Shakespearetag, die er in Vertretung Herders 1772 hielt. „Von Verdiensten, die wir zu schätzen wissen“ heißt es darin „haben wir den Keim in uns.“ Über jedem Einzelverdienst war es die Allseitigkeit Shakespeares, die er sich Zutrauen durfte, ohne daß er sich die Kolossalität zutraute.

Erst durch die ihm von Herder vermittelte Bildung, deren Hauptgehalt Shakespeare war, empfing Goethe einen angemessenen Raum für die Auswirkung seiner Urerlebnisse, den Mut zu seiner Natur, und eine Bildungsrichtung die seinem Lebenstrieb entsprach — während bisher Bildungs- und Lebensrichtung bei ihm gegen einander liefen. Von nun ab laufen Bildungserlebnis und Urerlebnis bei ihm ineinander . . der potenzielle Goethe der in ihm erst schlummerte, dann rang, dann vereinzelt durchschlug, wurde hier endlich aktuell.

Der Dank Goethes an Shakespeare in seiner Straßburger Shakespearerede ist zugleich ein Dank an Herder, der ihm den wahren Shakespeare erschlossen hatte, und macht aus einer Huldigung ein jubelndes Bekenntnis: „Ich fühlte aufs lebhafteste meine Existenz um eine Unendlichkeit erweitert, alles war mir neu, unbekannt, und das ungewohnte Licht machte mir Augenschmerzen.“ „Ich sprang in die freie Luft und fühlte erst daß ich Hände und Füße hatte.“

An Gelegenheit die Hände und Füße zu benutzen, d. h. an Erlebnissen die er mit der neuerworbenen Freiheit ausdrücken konnte, sollte es ihm nie fehlen — und es war ein Gewinn der rechtzeitigen Befreiung daß eine Fülle produktiver Kraft die sonst rein durch die Reibung zwischen den gültigen Regeln und dem ausdrucksbedürftigen Trieb verbraucht worden, von nun an unverbraucht gleich der Produktion zugute kommen konnte. Wieviel seelische Wärme ward frei, die nicht mehr sich plagte mit der Anpassung an eine gültige Geselligkeit und Sittel Was nicht mehr an den Form ein sich rieb konnte unmittelbar in die Form investiert werden. Und das Morgendliche, Lerchenhafte, jubelnd Freie und Helle der ersten Straßburger Liebeslieder kommt nicht nur aus dem Morgendlichen dieser Liebe selbst, sondern auch aus dem Jubel über die neue Freiheit: singen zu dürfen wie der Vogel singt, seinen Gesang, seine Entladung nicht nur befreiend, sondem auch künstlerisch legitim zu finden. Nicht nur Unmittelbarkeit, sondern auch gutes Gewissen der Unmittelbarkeit unterscheidet Goethes Straßburger Lyrik von seiner Leipziger. In dem freien drängenden, hymnischen, naturhaften Ton, in der außergesellschaftlichen Haltung und Wirkung von Goethes Straßburger Produktion mindestens waltet nicht nur neues Erlebnis, auch neues Wissen um Wesen und Wert der Naturpoesie. Ja, es fragt sich ob die Liebe zum Sesenheimer Mädchen als Urerlebnis stark genug gewesen wäre, um ihn von der galanten Lyrik zur erotisch-leidenschaftlichen den Durchbruch wagen zu lassen, wenn ihm nicht Herder durch die Erweckung und Legitimierung der alten Volkslieder die Zunge gelöst hätte wenigstens stecken die ersten Lieder an Friederike „Balde seh ich Rickgen wieder“ „Erwache Friederike“ ja selbst noch „Kleine Blumen, kleine Blätter“ nach Motiv und Tonfall noch halb im geselligen Rokoko — erst das nach der Begegnung mit Herder verfaßte „Es schlug mein Herz“ wagt sich nackt und einsam in die sinnlich seelische Stimmung hinein und taucht das Motiv in das Naturgefühl, in die Leidenschaft des Verliebten, nicht in die amuröse Reflexion einer Gesellschaft.

Mag Goethe noch den Durchbruch von den Annetteliedern zu den Friederikeliedern vollzogen haben ohne Hilfe der Volkslyrik rein aus der morgendlichen Leidenschaft des entfesselten Jünglings, so war gewiß der Durchbruch von den Mitschuldigen zum Goetz zunächst nicht durch ein neues Urerlebnis, sondern wesentlich durch das Bildungserlebnis Shakespeare bedingt. Genug, der durch Herder für Goethe entstarrten Natur und Geschichte, dem entrationalisierten Makrokosmos, dem Einsturz der konventionellen Zwischenwelt, welche sich zwischen das Urerlebnis des Genius und die lebendige Wirklichkeit des Alls, zwischen das Gefühl und die Dinge geschoben hatte — diesem neuen Bildungszustand danken wir es daß wir von jetzt ab Goethes Urerlebnisse unmittelbar und nackt in seinen Dichtungen selbst dargestellt ergreifen können, daß wir nicht mehr durch allerlei außergoethische Bildungsformen hindurch sie erraten müssen oder unter fremdartigen Hüllen und Fesseln erst durchscheinen sehen, durchschlagen hören. Was Goethe von nun an schafft ist von vornherein Goethisch, mag es aus dem Trieb oder dem Denken stammen, weil er nun nichts mehr als Bildung gelten ließ was nicht ganz in seinen Geist hinein gefüllt und verwandelt war.

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