> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie-Strassburg Seite 16

2015-08-12

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie-Strassburg Seite 16


STRASSBURG

Die Leipziger Unruhe, Geselligkeit, Beschäftigung hatte Goethes Blick nach außen, auf den Beobachtungsstoff gerichtet und seiner Aufnahmelust und Verarbeitungsfähigkeit immer Anregung und Aufgaben gewährt, so daß er dort, bei allem Hang zur Selbstbespiegelung, nicht dazu kam eine Bilanz zu ziehen. Denn das Bedürfnis sich über den Gewinn und Verlust seiner jeweiligen Zustände klar zu werden war in Goethe bedingt durch sein Streben danach etwas zu werden, ein Wunschbild von sich zu erreichen. Er lebte nicht einfach genießend in den Tag hinein, und wie sehr er auch plätscherte in allen Wassern, naschte, liebelte und tändelte, sich gehen ließ und wohl auch einmal untertauchte im genüßlichen Augenblick: bald als dunkler Drang, bald als helles Bewußtsein rang in ihm eine Aufgabe, eine Verantwortung, ein Vorgefühl künftigen Werts und Wirkens. Er fühlt den Moment nur als die Welle eines Stroms der ihn weiter drängt: nicht als eine Pfütze in der er, wie der gewöhnliche Genießer, plätschern kann. Aber er konnte auch nicht, wie der gewöhnliche Streber, den lebendigen Augenblick einfach in eine Rechnung einstellen, und abmessen was er da von für die Karriere oder das Geschäft brauchen darf: dazu gibt er sich zu sehr an das Lebendige hin, als daß er es einem berechneten äußeren Ziele opferte. Er hat kein äußeres Ziel, sein Ziel ist er selbst, wie das Ziel des Keims die eigne Blüte oder Frucht ist.

Was war nun etwa das Ideal, das Wunschbild wonach der junge Goethe in Leipzig strebte, woran er seine Leistungen maß? Er wollte etwa als Maler werden was Oeser, als Dichter was Wieland war: ein Mann der aus vollkommener Einsicht in die Gesetze des Schönen und den Gang der Welt das Schöne und Wahre in Gebilden der Farbe oder der Sprache verewigen könne, zur Ergötzung und Belehrung einer gebildeten Gesellschaft. Dies Wunschbild war kleiner als seine Fähigkeiten und seine künftige Bestimmung, aber es bestätigt Goethes Satz: daß seine Idee vom Vortrefflichen nie viel höher reichte als er gerade selber jeweils zu erfüllen fähig war. Seine Ideale lagen nicht als absoluter und unerreichbarer Maßstab über seinem Wesen sondern sein Wesen selbst war das Maß seiner Ideale. Aber eben weil der Durst nach dem Unerreichbaren nicht sein beständiger Zustand war, wie bei den geborenen „Idealisten", den „sehnsuchtsvollen Hungerleidern nach dem Unerreichlichen“, weil er sich in jedem Moment Zutrauen durfte das Absolute, d. h. sein absolut Höchstes zu erreichen, seine Weltsphäre auszufüllen, empfand er jede Hemmung von innen oder von außen doppelt schmerzhaft, und so wenig er zur Hypochondrie neigte, wie die „ringenden Seelen“ und die „problematischen Naturen“ die mit ihrem Innern nicht fertig werden können und keiner äußeren Lage genügen, so gefährlich war er von völliger Zerrüttung bedroht bei jedem Hemmnis welches seine drängende Fülle staute. Dann schlugen seine Kräfte nach innen, und wenn er nicht bilden und wirken konnte, wühlte und wütete er gegen sich selbst. Zu seinem Glück gehörte es daß ihn solche.Krisen stets überfielen in den Übergangszeiten, wenn er einen ihm möglichen Bereich durchlaus fen, eine ihm mögliche Form erfüllt hatte, ja vielleicht sind solche Krisen die Mittel unter denen sein Übergang aus einer Lebensform in die andere sich vollzog, wenn er den Gehalt eines Lebenskreises erschöpft und den neuen ihm angemessenen Wirkungsraum noch nicht gefunden hatte.

Eine solche Krise ist die schwere Krankheit die ihm die Zeit zwischen Leipzig und Straßburg ausfüllte. Diese äußere Krise verhüllte und milderte nur eine innere, der er in diesem Zeitpunkt doch nicht entgangen wäre — die äußerlich erzwungene Sammlung, Lockerung, Rückschau und Umschaltung füllte die Kluft zwischen der Erziehung durch Wieland und der Erweckung durch Herder, zwischen Leipzig und Straßburg. Die scheinbar wirre und zerrüttete Frankfurter Zwischenzeit lockerte ihn für den Einfluß der größeren und freieren Welt die ihn in Straßburg erwartete: denn unmittelbar aus der Wielandischen Sphäre hätte er nicht in die Herdersche eintreten können, sie hätte ihn abgestoßen oder überwältigt. Durch die Frankfurter schmerzhafte Lockerung und sehnsüchtige Bereitschaft war er offen und weit genug für das Neue geworden .. und wie er aus der ersten Erschütterung nach dem Gretchenerlebnis durch eine Krankheit aus den Knabenjahren in die Jünglingsjahre hinübergeleitet wurde, so entrückte ihn jetzt wieder eine körperliche Krise aus der engeren Bildungswelt in die weitere.

Welcher Art die Lockerung war und wie er die Wende ausnützte zur Selbstschau und Selbstverdeutlichung dafür haben wir als Zeugnis einen halb hypochondrischen halb koketten Plauderbrief an Friederike Oeser: er zeigt das Mißverhältnis nicht nur zwischen Goethes Wünschen und seinem Zustand, zwischen seinem Wollen und Können, sondern auch zwischen seinem Können und Müssen. Er konnte sich damals, durch seine Krankheit gehemmt, weder betätigen wie er wünschte, im Sinne Oesers und Wielands, noch entsprach die Virtuosität in ihrem Sinn, die er erlangt hatte, dem Gehalt, dem dunkleren Trieb der in ihm schon nach Ausdruck rang. In der Klage über die Krankheit verbirgt sich ein tieferer Kummer, ein Leiden an der eigenen Existenz und nicht nur an einer schiefen Stellung gegen die Welt. Freilich gibt Goethe, noch immer in der Rokokostechnik befangen, den Blick auf die gesellschaftliche Wirkung nach außen gerichtet, diesen Zustand nicht von innen her, sondern schildert nur seine Sypmtome nach außen. Zugleich erweist er sich hier als scharfer Beobachter und paradiert mit seinem Sinn für typische Zeichen der Stände und der Gesellschaft. Es gehörte zum guten Ton des Rokokomenschen, auch seine Pein nicht anders als munter zu berichten. Sich im Schmerz gehen zu lassen, d.h. die von der Gesellschaft gezogenen Schranken zu überschreiten, ist keinem Kind einer formierten Gesellschaft eingefallen: und so darf uns auch Goethes muntrer Ton nicht irre machen über das was er damals litt.

In diesem Zustand der halben Bindung, der halben Lockerung und der vollen Empfänglichkeit kam er nach Straßburg, in unruhig wacher Sinnlichkeit und Frömmigkeit quietistischer Art: sich mit der Ruh in Gott zu beschwichtigen oder in ihr unterzutauchen hatte er auch versucht. Wie vor der Abreise nach Leipzig sein Anschluß an den Pseudomaurerorden seinem Trieb nach dem Wunderbaren ungenügende Betätigung und Nahrung geboten hatte, so konnte er jetzt bei den Stillen im Lande, in dem Kreis um Susanna von Klettenberg noch am ehesten eine Weltansicht finden die ihm den Blick in ein Jenseits der Gesellschaft gestattete. Denn so wenig diese gottinnigen Wallungen, diese passiven Beschaulichkeiten dem titanischen jungen Ringer an sich entsprechen konnten: sie waren doch, soweit er sich damals unter lebenden und gültigen Personen oder Gemeinschaften umsah, die einzigen Formen unter denen sich ein tieferes Gefühl für kosmische Zusammenhänge, über die Begriffe der Rokokogesellschaft hinaus, entwirken mochte. Diese Frommen hatten, wenn nicht eine Sprache, so doch eine Gebärde gefunden für das Verhältnis der nackten Seele zu Gott ohne die Vermittlung der vernünftigen Bildung, und das war’s was Goethe bedurfte und was ihn als Form des seelischen Verhaltens anzog, auch ohne Rücksicht auf seinen Inhalt, und obgleich ihm die Mehrzahl dieser Frommen auch schon in Frankfurt sein mochte was sie ihm, bei fortgesetztem Verkehr, in Straßburg wurden. „Sie sind so von Herzen langweilig .. daß es meine Lebhaftigkeit nicht aushalten konnte. Lauter Leute von mäßigem Verstande, die mit der ersten Religionsempfindung auch den ersten vemünftigen Gedanken dachten, und nun meinen das wäre alles, weil sie sonst von nichts wissen ... Es kömmt noch was dazu. Die Vorliebe für unsre eignen Empfindungen und Meinungen, die Eitelkeit eines jeden Nase dahin drehen zu wollen wohin unsere gewachsen ist; Fehler denen solche Leute die eine gute Sache haben mit der größten Sicherheit nachhängen.“ Religiöse Innigkeit an sich genügte ihm nicht — überhaupt ahnte er in der Selbstschau die Gefahr des Dünkels und der Entkräftung, und stürzte sich, sobald er sich wieder regen konnte, ausgreifend auf die offne Erfahrungsbreite, aber nicht nur um die Dinge zu sammeln, sondern vor allem das geistige Band zu erforschen das die Welt im Innersten zusammenhält. Er beschreibt seine eigene Hygiene, wenn er einem jungen hypochondrischen Bekannten anrät: „Die Sachen anzusehen so gut wir können, sie in unser Gedächtnis schreiben, aufmerksam zu sein und keinen Tag ohne etwas zu sammeln vorbeigehen lassen. Dann, jenen Wissenschaften obliegen, die dem Geist eine gewisse Richte geben, Dinge zu vergleichen, jedes an seinen Platz zu stellen, jedes Wert zu bestimmen: eine echte Philosophie mein ich und eine gründliece Mathesin... Dabei müssen wir nichts sein, sondern alles werden wollen, und besonders nicht öfter stille stehen und ruhen, als die Notdurft eines müden Geistes und Körpers es erfordern.“




Keine Kommentare: