> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie-Strassburg Seite 17

2015-08-12

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie-Strassburg Seite 17


In diesem Sinn fand er jetzt an der Jurisprudenz Gefallen als an einer methodischen Schulung des Geistes, die ihm in dem schöngeistigen Leipziger Treiben gefehlt hatte, und er zwang sich zu dieser gewaltsamen Selbsterziehung hygienisch und pädagogisch bewußt, obwohl seine Wissenschaftlichen Neigungen seit der Rückkehr von Leipzig eigentlich in anderer Richtung liefen. „Die Chymie ist noch immer meine heimlich Geliebte.“ Die Chymie, damals noch nicht so weit von der Alchymistik getrennt, war für den jungen Goethe die Wissenschaft vom Leben, von den Gesetzen und Zusammenhängen der lebendigen Kräfte. Diesen Geist hatte ihr Begründer Paracelsus ihr eingehaucht, der wahre Prototyp des Faustischen Forschers, wie ihn die deutsche Renaissance hervorgebracht. Paracelsus’ Werke wurden vom jungen Goethe in Straßburg eifrig gelesen, und in diesem Sinn, der Gottes Wirken aufsucht in den Bewegungen der Natur, der die Wechselwirkungen der lebendigen Erdenkräfte sich klar machen will, ergab sich der junge Goethe der halb wissenschaftlichen, halb magisch religiösen Disziplin. Seine Straßburger Ephemeriden 1770 enthalten mannigfache Auszüge aus Paracelsus, aus Mystikern und Chymisten: eine dunkle Ahnung wies ihn auf diese beiden quasi illegitimen Arten sich in Gott und die Welt einzulassen. Was ihn in der Religion zu Mystikern und in der Wissenschaft zu den Chymisten hinzog war dasselbe, nämlich der Drang nach einer geistigen Einheit in dem was die offizielle Theologie dogmatisch festlegte und die offizielle Empirie stofflich zerlegte: „dann hat man die Teile in der Hand, fehlt leider nur das geistige Band.“ Goethes schöpferischer Instinkt suchte ebenso wie die Mystiker, wie Bruno und Paracelsus die Einheit im Vielen, und hielt mehr vom Erlebnis und der Intuition in die Kräfte als von der „Demonstration“ der Fakten im Begriffe. Er fühlte sich den Mystikern und Chymisten verwandt, weil sie wie er über die Worte einerseits und über die Begriffe andererseits zu Gesamtanschauungen und Wirkungen hinausstrebten. Überall her raffte der junge Adept aus Gesellschaft und Wissenschaft, aus Natur und Geschichte sich die Ansätze solcher Tendenzen zusammen. Wo ihm Verwandtes, halb verschüttet, halb verzerrt, halb verfemt, halb verfälscht, entgegendrang tastete er, grub er weiter.

Freilich, da er nirgends ein Ganzes fand und noch ohne rechtes System aufs Ahnen und Wühlen angewiesen war, ward er eher verwirrt und beunruhigt als gefördert durch seine Anklänge und Entdeckungen. Aber bei den Quietisten und Mystikern, bei Bruno, bei Tauler, bei Paracelsus, bei Susanna Klettenberg, bei Homer und bei Shakespeare witterte er, noch nicht ganz praktisch klar über die Richtung in der er lief, aber mit triebhafter Sicherheit und divinatorischem Blick: Kräfte statt Begriffe, Anschauung statt Worte, Wirkung statt Folgerung, Erlebnis statt Beweise — und etwas das übergesellschaftlich sei und ihn in unmittelbaren durch keine konventionelle Zwischenwand der Vernunft und Schicklichkeit gehemmten Kontakt mit den Grundwesenheiten des Lebens bringe, ihn nackt vor Gott und die Welt treten lasse, ihn: den schöpferischen Menschen vor das Schaffende und Wirkende. An vielen Stellen waren schon Löcher in den rationalistischen Schleier gerissen, und den überrationalistischen Äußerungen die er bei seiner aus* greifenden Suche in der Geschichte oder in der Umgebung fand antworteten immer pochender und drängender die eigenen Ahnungen und Forderungen seines Genies von innen her: den von außen hereinwirkenden Bildungskräften begegneten von innen herauswirkende Urbedürfnisse und es fehlte nur noch der einheitliche Weitblick der ihm die hundert Zeugnisse des Lebendigen von innen und außen zu einem Ganzen deutete, mit einem mal den Schleier wegriß und die Welt geründet, morgendlich frisch unmittelbar offenbarte. Fast an jedem einzelnen Punkt der Natur, der Geschichte, der Gesellschaft ist Goethe schon vor der Begegnung mit Herder wach geworden zu eignem freiem Gefühl für das schöpferisch Atmende das in den Erscheinungen wirkt (gerade das ists ja was auch den genialsten Rationalisten völlig abging) aber es war noch ein Tasten an der Peripherie der wach werdenden Welt, noch kein Ergreifen der Kugel von der Mitte aus. Er ging nicht fehl, aber nicht weil er die Gegend völlig kannte, sondern weil ihn ein dunkler Ortssinn glücklich leitete.

Drei Äußerungen aus Straßburg, die alle vor der Begegnung mit Herder geschrieben sind, zeigen wie bereit er für die Botschaft Herders schon war und lassen begreifen was gerade Herder ihm werden mußte. Die erste bezieht sich auf den Durchbruch des neuen Naturgefühls, des Sinns für Landschaft — nicht als malerische Kulisse menschlicher Gruppen, sondern als gewachsene vom wehenden Gottesatem bewegte Schöpfung. „Gestern waren wir den ganzen Tag geritten, die Nacht kam herbey und wir kamen eben aufs Lothringische Gebürg, da die Saar im lieblichen Thale unten vorbey fließt. Wie ich so rechter Hand über die grüne Tiefe hinaussah und der Fluß in der Dämmerung so graulich und still floß, und linker Hand die schwere Finsterniß des Buchenwaldes vom Berg über mich herabhing, wie um die dunkeln Felsen durchs Gebüsch die leuchtenden Vögelchen still und geheimnißvoll zogen; da wurds in meinem Herzen so still wie in der Gegend und die ganze Beschwerlichkeit des Tags war vergeßen wie ein Traum.“ So hatte noch kein Deutscher den Einklang zwischen Landschaft und Gefühl vernommen. Hier dringt alle Beschreibung bereits aus dem bewegten Herzen, alles gewordene Sichtbare aus wallendem Werden.

In demselben Brief, vom Juni 1770, bricht auch zum erstenmal in deutscher Sprache, über Klopstock hinaus, der neue Gefühlston für die kosmisch sinnliche Liebe durch. „Sobald unser Herz weich ist, ist es schwach. Wenn es so ganz warm an seine Brust schlägt und die Kehle wie zugeschnürt ist, und man Trähnen aus den Augen zu drücken sucht, und in einer unbegreifflichen Wonne dasitzt wenn sie fließen, O da sind wir so schwach daß uns Blumenketten fesseln .. .“„Wenn ich Liebe sage, so versteh ich die wiegende Empfindung in der unser Herz schwimmt, immer auf Einem Fleck sich hin und her bewegt, wenn irgend ein Reitz es aus der gewöhnlichen Bahn der Gleichgültigkeit gerückt hat. Wir sind wie Kinder auf dem Schaukelpferde immer in Bewegung, immer in Arbeit, und nimmer vom Fleck.“ Neu ist hier das Nachspüren der körperlichen Symptome als seelischer Bewegungen — überall ist schon an die Stelle der beschreibbenden Vorstellungen die mitschaffende, mitschwingende Wortaktion getreten . . alles Starre, Spröde der Sprache, des Vorstellens ist aufgetaut, in Fluß geraten.

Eine dritte Stelle verdeutlicht im Negativen wie weit er schon vom Rationalismus abgerückt war, der Demonstration das Gefühl, dem Erkennen das Erleben vorzog: „Mendelssohn und andre haben versucht die Schönheit wie einen Schmetterling zu fangen, und mit Stecknadeln, für den neugierigen Betrachter festzustecken; es ist ihnen gelungen; doch es ist nicht anders damit, als mit dem Schmetterlingsfang; das arme Tier zittert im Netze, streifft sich die schönsten Farben ab; und wenn man es ja unversehrt erwischt, so stickt es doch endlich steif und leblos da; der Leichnam ist nicht das ganze Tier, es gehört noch etwas dazu, noch ein Hauptstück, und bei der Gelegenheit, wie bei jeder andern, ein sehr hauptsächliches Hauptstück: das Leben, der Geist der alles schön macht.“

Es bleibt offen, wie weit die elsässische Landschaft dazu beigetragen hat dies Gefühl des Lebens zu reifen und zu beschleunigen. Es gilt auch hier: „mit dem Genius steht die Natur im ewigen Bunde, was der eine verspricht, leistet die andre gewiß“ und nicht nur die Natur, auch die Geschichte. Es gehört zum Charakter Goethes so gut wie zu seinem Schicksal, d. h. es ist das Dämonische in ihm, daß er zur richtigen Reifezeit in die richtige natürliche Landschaft, in eine volkhafte Umgebung, in eine übergesellschaftliche Liebesleidenschaft eintrat, und Herder begegnete.




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