> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Titanismus Seite 22

2015-08-19

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Titanismus Seite 22




TITANISMUS

Das unwillkürliche Weltgefühl, dem Herder zu Durchbruch und legitimem Ausbruch verhalf, ward Goethen geistige Aufgabe sobald er sich nach außen betätigen und verwirklichen wollte, d.h. beim bildnerischen Menschen: sobald er es formen sollte.

Auch sein Begriff „Form“ hatte sich verwandelt unter Herders Einfluß: Während sie für seine Leipziger Zeit das Gefäß bedeutete worein etwas gepreßt wurde, ward sie jetzt der Leib einer Bewegung. Jetzt erst konnte sein Bildnertum sich auswirken, ohne seiner Bewegtheit, seinem entfesselten Sturm und Drang, seiner Aktion Eintrag zu tun: denn all diese Bewegtheit war ja nur im eigentlichen Sinn Bildwerdung, Formwerdung, Leibwerdung. Es war Bewegung wie das Leben der Organismen unablässige Bewegung ist—„ein formumformend Weben“, es war die Bewegung die darin besteht, daß das Feste Geist wird und das Geisterzeugte sich fest bewahren will.

Wenn wir also Goethe immer wieder als den tiefst Bewegten zeigen, so ist dies kein Widerspruch dagegen daß er zugleich der Gestalthafteste ist.. und auch das liegt nicht nur an der Person Goethes sondern an dem Wesen der dichterischen Sprache als menschliches Ausdrucksmaterial: sie ist ihrem Wesen nach Bewegung, Hauch, Stimme, Schwingung, sie kommt aus der Bewegung des Geistes, der Kehle, der Luft, des Trommelfells hervor, sie setzt in Bewegung. Sie bedeutet aber, oder vielmehr sie kann bedeuten, Gestalt, Vorstellung, Raum, Begriff . . umgekehrt wie das Material des bildenden Künstlers, vor allem des Plastikers: Farbe, Linie, Marmor sind ihrer Natur nach Ruhendes, können aber Bewegung bedeuten und ausdrücken (man denke z.B. an Rodin, der mit dem wuchtigsten Stoff die Impression der flüchtigsten Bewegung gibt). Mit anderen Worten: die Sprache kann das bewegte Zeichen der Gestalt sein, und der Marmor das gestalthafte Zeichen der Bewegung. Die Sprache kann nun alles ausdrücken, alles bedeuten, ihrer Symbolkraft sind weniger Grenzen gesteckt als irgendeinem anderen Kunstmaterial, und zwar deshalb, weil sie zusammenfällt mit dem menschlichen Geist selbst, während die anderen Kunstmaterialien nicht unmittelbar dem Geist angehören, sondern ihm erst einbezogen werden müssen. Bewegung ist jede Sprache: und nur bewegte Menschen können Dichter sein. Aber unter den bewegten Menschen, den Dichtern, kann man scheiden zwischen solchen deren Bewegung, nämlich deren Sprache das Zeichen ist für Gestaltung, und solche deren Sprache das Zeichen ist abermals für Bewegung: das ist ein Hauptunterschied, neben anderen, zwischen Klassikern und Romantikern.

Von den Stürmern und Drängern hebt sich Goethe ab nicht nur durch die unvergleichlich größere Fülle seines Genies und Stärke seines Charakters, sondern schon durch die Richtung seiner Bewegtheit — er dichtet, selbst in der Sturm- und Drangzeit, nie wie die anderen um der Bewegtheit, um des Sturms und Drangs willen, sondern immer um der Gestaltung willen. Bei jenen war Sturm und Drang das Ziel, bei ihm war es der Ausgangspunkt. Sie stürmten und drängten, weil sie wollten, weil sie es schön fanden — er, weil er mußte, und er fand es gar nicht schön, er litt unter dem worin seine Nachahmer vergnügt puddelten. Er wollte die größte Bewegung zur vollkommensten Gestalt bezwingen . . allerdings bezwingen von seinem eignen Herzen aus, nicht durch gewaltsame Einschränkung von seiten einer Außenwelt.

Es ist abermals Herders Einfluß daß Goethe sich zum Maß der Dinge machte, nicht mehr die Dinge zum Maß seines Könnens und Wollens. Man vergleiche die Art wie Goethe seine Vorbilder jetzt sammelt, deutet, übersetzt, nachahmt mit der Art wie er in Leipzig sich anschloß an die Franzosen, wie er Moliere nachahmte oder Corneille übersetzte. Damals versuchte er deren spezifische Tugenden mit seinen Mitteln zu erreichen: jetzt ist es immer das spezifisch Goethische was er aus den Vorbildern herausliest, und er biegt und färbt sie um nach seinen eignen Zuständen und Bedürfnissen. Die Volkslieder die er sich aufzeichnet haben alle den Gegenstand der ihn damals beschäftigte, die Liebe, und er macht sie womöglich noch schwebender, melodisch und farbig voller als er sie vorgefunden hat in ihrer balladesken, abgerissenen Gedrungenheit. Im Pindar hört er weniger die getragene und weitgespannte Feierlichkeit womit er die alten Mythen anknüpft an das gegenwärtige Spiel und dem dadurch Hintergrund, Horizont, Wucht und Schicksal gibt, sondern mehr den dithyrambischen Flug, die seherhafte Verzückung, ja Besessenheit, den allverknüpfenden Sprung der Gedanken die über Abgründe hinweg sich anleuchten: mehr die innere Glut des Herzens, als die weise Helligkeit des Geistes, mehr das Pathos als das Ethos Pindars wirkt auf ihn. Das Hohelied der Liebe macht er schwellender, sinnlich brennender, süßer, saftiger, schwebender, stimmungsvoller als Luther, er verdeutscht es lyrisch dringend, während es bei Luther einen episch-patriarchalischen Klang hat. Seine Übersetzungsfragmente aus dem Ossian haben eine sanfte sinnliche Wallung des Naturgefühls, eine Zärtlichkeit für das Raunen, Schwimmen, Grauen, Beben der Landschaft weit über die Vorlage hinaus. „Die Fliegen des Abends schweben auf ihren zarten Schwingen, das Summen ihres Zugs ist über dem Feld.“ Selbst dem Shakespeare schiebt Goethe in jener Shakespearerede seine eigenen Probleme unter wenn er sagt: „seine Stücke drehen sich alle um den geheimen Punkt in dem das Eigentümliche unsres Ichs, die prätendierte Freiheit unseres Wollens, mit dem notwendigen Gang des Ganzen zusammenstößt.“ Sein eigener Titanismus lehrt ihn das in Shakespeare sehen.

Kurz, seine Urerlebnisse waren es jetzt wodurch seine Bildung Farbe und Richtung empfing, seit er den Mut zu sich selbst gefunden hatte. Diese waren noch immer die Liebe und der Titanismus: der Drang sich hinzugeben, seine schöpferische Fülle auszuströmen in das All oder in ein geliebtes Wesen, und der Wille sich zu behaupten in seiner Individualität gegen? über dem Chaos von Welt, indem er es mit seiner schöpferischen Kraft formte oder ordnete. Diese beiden Grundtriebe sind jetzt die Motive seiner Lebens-und Schöpferkraft, ihr Aus-und Einatmen . . sie waren es schon in der Leipziger Zeit, nur daß dort seiner Hingabe wie seiner Selbstbehauptung durch die Gesellschaft Grenzen gezogen waren die er anerkannte. Der Raum innerhalb dessen er sich ausströmte und einrichtete waren gesellschaftliche und ästhetische Regeln und Konventionen. Jetzt anerkannte er keinen anderen Raum und keine andere Gesetzlichkeit mehr, als denen das All, die Natur selbst unterstand — Natur gefaßt im Herderschen Sinne, nicht als Komplex von Sachen, sondern von wirkenden, vor allem menschlichen Kräften, insbesondere als die ursprünglich göttliche Anlage, Fruchtbarkeit, Leidenschaft und Energie des schöpferischen Menschen. Natur, negativ gefaßt, im Sinne Rousseaus, ist die Freiheit von willkürlichen Übereinkünften der Gesellschaft, positiv im Sinne Herders die Summe der unmittelbaren Schöpferkräfte der Welt.

Seine Liebe brauchte sich von der Straßburger Zeit ab nicht zu verwandeln, nur zu erweitern, sie konnte sich unbefangener ausströmen, da die Hindernisse welche die Leipziger Konvention ihrem dichterischen Ausdruck denn nur um diesen handelt sichs hier — entgegenstellte, innerlich waren. Anders war es mit dem Titanismus, dem Gestalterwillen Goethes. Hier mochte er noch so sehr sich Natur unmittelbar als Prometheus fühlen — hier waren nicht nur, wie bei seinem neuen Liebesgefühl, innere Vorurteile und Hemmungen zu überwinden, sondern auch äußere: nicht nur seine Vorstellung von dem was Rechtens in der Gesellschaft sei hatte er zu verwandeln, sondern doch eben diese Gesellschaft und ihre Vorstellung selbst, wenn anders er sich als Sieger, als wirklich starker Einzelner fühlen wollte. Denn die Konventionen bestanden draußen weiter, auch wenn er sie in sich nimmer gelten ließ. Während seine Hingabe wesentlich seine eigne Sache und die einer Geliebten war (ja nicht einmal deren Sache sein mußte — denn das neue Liebesgefühl bedurfte nicht der Erhörung, um neu und frei zu sein) war seine Selbstbehauptung und Beherrschung der Umwelt auch eine Sache der Gesellschaft, welcher das neue Evangelium vom Genie, von der Freiheit und Naturunmittelbarkeit des schöpferischen Herzens noch nicht so gültig war wie dem Jünger Herders. Darum äußerte sich von der Straßburger Zeit ab sein Titanismus nicht nur als Sang, wie seine Liebe, sondern auch als Kampf. Hier galt es nicht nur sich auszusprechen und darzustellen, sondern zugleich sich zu wehren gegen jene gezierte und verschnürte, lauwarme und behäbige, bürgerlich sittigeWelt. Alles was er unter Herders Einfluß schrieb an Manifesten, wie die Shakespearerede, die Rhapsodie über das Straßburger Münster, seine Rezensionen in den Frankfurter gelehrten Anzeigen, seine polemische Farce gegen Wieland stellt nicht nur seine Positionen und Ideale hin, sondern grenzt sie zugleich polemisch ab gegen die sichtbarsten und einflußreichsten Vertreter jener Konventionen, vor allem gegen die Franzosen mit ihrer Verzärtlung, ihren Regeln und ihren Schnörkeln. Die gleiche Gesinnung zog ihn von der klassizistischen Zierlichkeit, der Voltairischen Eleganz, der Wielandischen Weichlichkeit, zu den getürmten Massen der Gotik, zu der innigen Altmeistertreue, Echtheit und Frommheit des Erwin von Steinbach, zur alten schweifenden Heldenluft des Ossian, selbst zur vaterländischen Gefühlsüberschwenglichkeit eines Klopstock. Alles was nicht geschnürte Vernünftelei, geschnörkelte Sinnen? oder Seelenschwäche, ängstliche Regelung, sittiges Behagen war, alles was kühner, unverzagter, herzlicher Ausbruch innerer Kraft und Fülle war, einerlei ob titanischer Trutz oder gottinnige Hingabe, römische Wucht oder gotischer Schwung, griechischer Heroismus oder nordische Wallung, Volks? derbheit oder mystischer Überschwang — all das ehrte und suchte er, Prometheus und Paracelsus, Brutus und Fingal, Pindar und Erwin, Dürer und Hans Sachs, Volkslied und Klopstock, vor allem Shakespeare, diese Synthese von nordischer und südlicher, germanischer und romanischer, gotischer und klassischer Natur.



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