> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Titanismus Seite 23

2015-08-20

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Titanismus Seite 23


Der Kampf für diese Natur war zugleich der Kampf gegen die Gesellschaft, und die Haltung des Kämpfers, des Trotzers, in die er dadurch hineingedrängt wurde, ward ihm selber ein Problem, zumal sie seiner durchaus positiven Natur ursprünglich fremd war. Daß er durch die bloße Behauptung seines ursprünglichen Ich, durch seine Selbstdarstellung, zugleich kämpfen, verneinen, zerstören müsse, empfand er als tragisches Problem und nahm es auf mit dem ganzen Schwung eines Genius der dies zum ersten? mal mit morgendlichen Augen sieht. Daß das freie Ich feindlich gegen die Welt gestellt sei war das neue erschütternde Erlebnis dieser Jahre.

Damals also bedrängte ihn, stärker noch als die Liebe, die Tragik die darin liegt, wenn ein gottgetriebner Urmensch mit den Satzungen der Welt in Widerstreit gerät, die als solche ihr Recht und ihre Macht haben — denn auch sie sah er ja jetzt von außen und, mitten im Kampf und Leiden, gerecht. Der Kampf des starken Einzelnen gegen die Gesellschaft bedeutet die Durchsetzung einer neuen im Menschen verkörperten höchsten innem Wirklichkeit gegen die schon gültigen erstarrten durch Ansehn oder weitliche Macht gestützten äußern Wirklichkeiten: ein Thema das Goethe vor allen anging, das kein Mensch seiner Epoche so innerst und echt erleben konnte als gerade er, der Einzige der ein Recht hatte seine Kraft der bestehenden Welt als gleichgewichtig entgegenzustellen. Seine Dramen und Entwürfe aus der Straßburger und Wetzlarer Zeit sind Variationen des einenThemas: die Stellung des schöpferischen, gotthaltigen Menschen gegen das Ganze, der Konflikt unsrer prätendierten Freiheit mit dem „notwendigen Gang des Ganzen“ wie er es in der Shakespearerede formuliert. [ Übrigens schiebt er dies Thema fälschlich Shakespeare als sein allgemeines unter, man müßte denn unter dem „Ganzen“ den Weltplan, die sittliche Welt» Ordnung oder so etwas verstehen, und dann wäre diese Definition der Shakespearischen Tragik eine Selbstverständlicheit und gälte ebenso gut für Homer und die griechische Tragödie, für jedes Drama — denn sobald ein Ich handelt trifft es mit einem Nicht-Ich zusammen, das liegt ja in der Definition des Handelns. Meint aber Goethe einfach den tragischen Konflikt des Helden mit der gemeinen Umwelt: dies Thema hat Shakespeare nur einmal, im Koriolan, behandelt.] Aber beim jungen Goethe handelt es sich allerdings darum daß ein befugter oder begabter Mensch die gültige Gesamtheit bekämpft, verwandelt, belehrt und dafür leidet oder untergeht: das ist das Thema seines Prometheus wie seines Mahomet, seines Cäsar und seines Sokrates, seines Götz und in gewissem Sinn seines Faust, obwohl keineswegs der Gehalt dieser Werke mit dieser Angabe ihres Themas erschöpft wird. Das Wesen und das Schicksal des schöpferischen Menschen als Erlebnis Goethes speist all diese untereinander so verschiedenartigen Werke: „Die wenigen die was davon erkannt, die töricht gnug ihr volles Herz nicht wahrten, dem Pöbel ihr Gefühl, ihr Schauen offenbarten, hat man von je gekreuzigt und verbrannt.“ Bald liegt der Schwerpunkt in der Ausführung mehr auf dem Wesen, bald mehr auf dem Schicksal, das heißt, bald lockt den Dichter mehr der Ausdruck des schöpferischen Kraftgefühls, der göttlichen Fülle an sich, wie im Prometheus, im Mahomet, bald mehr die Wechselwirkung zwischen diesen Gaben und der Welt, mehr das Tun und Leiden als das Sein der großen Natur..wie im Cäsar und Götz. Prometheus: das ist Goethe als der ins Heroisch «»mythische gesteigerte Bildner, der Schöpfer eigner vom legitimen Gott unabhängiger Existenzen mit eignem Leben .. es ist der Trotz des Titanen der eine Welt in sich selbst trägt, stark und reich genug der Ordnung draußen sich zu entschlagen. Mahomet ist die Verkörperung eines überschwenglichen Gefühls des alldurchdringenden Gottes, der Mensch der schöpferischen Sympathie mit den Allkräften, die ihn drängt und berechtigt die alten engen Götzendienste zu verwerfen. Cäsar ist Goethe unter dem Bild eines titanisch freien, muntern, unabhängigen Täters, der sich fühlt als Sohn des Glücks und erhaben über alle Mitmenschen und Umstände, im sichern Genuß seiner Spannkraft und seines Überblicks, dabei bedürftig und begierig, seine Überlegenheit zu erproben gegen eine Welt von Widerständen, hungrig fast so sehr nach Kampf als nach Sieg, nach Beschäftigung als nach Herrschaft. Sokrates: das innerlich freie Herz, die unabhängig starke Seele mit dem unbeirrbaren Dämonion in der Brust, den Menschengeist verteidigend oder durchringend gegen Routine, Gewohnheit und traditionelles Geschwätz von Sitte, Gott und Nutzen. Hinter all diesen Masken blickt Goethes glühendes Adleraug, das die Welt um«schaut, schlägt Goethes eignes unbändiges, schaffens-und umschaffensfrohes Herz: in allen steht der Held gegen die Welt oder die Welt gegen den Helden. Ja, eine der hierher gehörigen Dichtungen ist recht eigentlich die Tragödie dessen der außerhalb der Welt, außerhalb selbst ihrer ewigen Bindungen Raum und Zeit, steht und als Verfluchter von außen die Tragik des Weltlaufs mitmachen und glossieren muß, weil er sich Gott widersetzt hat aus dumpfem Selbstsinn oder allzueigner Klugheit: der ewige Jude.. und in diese titanische Rhapsodie ist noch der größte Mythus vom göttlichen Einzelnen verwoben: der Heiland selbst durchlebt noch einmal die Geschichte seiner göttlichen Alliebe in der beschränkten Menschheit. Nicht das Mysterium der Kindschaft, sondern die menschliche Erlösertat, das Prometheische Ringen und Dulden hat den Dichter ergriffen, und so reiht er Christus selbst zu den einsamen Heroen die im Namen des Gottes den sie verkörpern die Welt bekämpfen, die sie erlösen, beherrschen, verwandeln wollen.

Die Helden der Straßburger und Wetzlarer Dramenpläne sind aber nicht nur freie und eigne, sondern auch riesige, mythische oder welthistorische Einzelne: der Welterlöser Jesus, der Titan Prometheus, der Religionstifter Mahomet, Sokrates der weiseste und Cäsar, der stärkste Mensch. Nur die sichtbarsten und monumentalsten Vertreter des Genietums genügten Goethe um sich darin zu symbolisieren, er bedurfte des weitesten Rahmens um darin seine entfesselte Fülle auszubreiten, und Größe nicht nur als magnitudo, auch als quantitas ward ihm Bedürfnis. Damals ist der heroisch große Einzelmensch als selbstgenugsamer Wert in die deutsche Dichtung eingeführt worden. Damals ist in deutscher Sprache das Wort Übermensch in einem dem Sinn Nietzsches verwandten Ton geprägt worden, damals beginnt — immer unter Goethes echtem und überzeugendem Impuls — das zweideutige Wort Genie seinen optimistischen Wert zu bekommen, damals begründet sich der theoretische Kult der großen Persönlichkeit schlechthin, ohne Rücksicht auf moralischen oder sozialen Wert (der praktische Kult begann schon in der Renaissance) damals die Werkforderung lebensvoll, mächtig zu sein um jeden Preis, selbst den der Gefährlichkeit und Problematik. Erst durch dies Auftreten Goethes bekam der Geniekult Sinn und Rückhalt und Zauber, erst durch Goethe wurden die Bilder und Bekenntnisse des Titanismus verführerisch und erhöhten den Begriff des Menschtums. Goethe legitimierte den Sturm und Drang-titanismus.

Wir fassen die Straßburger Studienjahre bis zur Wetzlar -Frankfurter Zeit als eine Epoche die von denselben Antrieben beherrscht wird: diese Jahre waren der Verarbeitung der gleichen Ur- und Bildungserlebnisse gewidmet. All jene titanischen Gedanken stammen aus der gleichen Epoche, sind Sinnbilder des gleichen Urerlebnisses, und nur in immer andrem Bildungsstoff versuchte Goethe sich auszuprägen, je nachdem ihn mehr die dithyrambisch lyrische Gewalt Pindars ergriffen hatte, oder die dramatische Shakespeares. Mahomet und Prometheus sind die lyrischen unter diesen Plänen . . Sokrates und Cäsar die symbolischen, distanzierten. Kein Zufall: in den beiden ersten drückte er wesentlich Dasein, Fühlen und Sinnen des Genius aus, in den ändern sein Schicksal, Handeln und Leiden, also seine Wirkung auf die Welt und deren Gegenwirkung. Zu den beiden ersten bedurfte er nur sein Subjekt.. zu den beiden dramatischen, objektiven bedurfte er Welt. In den beiden ersten überwog das nackte Urerlebnis, in den beiden andren Plänen galt es Bildungsstoffmassen einzuschmelzen mit dem Urfeuer. Von Mahomet und Prometheus sind uns aus dem anfangs dramatisch weit gefaßten Plan nur lyrisch dithyrambische, monologische und dialogische Fragmente, von Cäsar und Sokrates nur spärliche Andeutungen Shakespearisierenden Stiles übrig geblieben. Mahomet und Prometheus sind schließlich in ihrem wesentlichen Gehalt, als lyrischer Ausdruck des herrischen Schöpfergefühls und allliebenden Führergefühls gerettet und rund geworden. In der Ode Prometheus ist alles Pathos verdichtet das der um? fassendere Plan dramatisch ausbreiten sollte. Mahomets Gesang uncl Mahomets Hymnus an den Einen Allgott enthalten wirklich den Mittelpunkt des ganzen Mahometsplans . . in solche Hymnen dringt auf den kleinsten Raum die ganze Kraft und Masse zusammen die gereicht hätte ein weit angelegtes Drama zu füllen.

Dieser durch Herder entfesselte oder legitimierte, an Pindar stilistisch erzogene Titanismus des überschwänglichen Schöpfergefühls, aus dem dramatischen Ansturm zuhaufgedrängt ins lyrisch dichte Gebild.. nicht, wie er ursprünglich wollte, in Gestalt, sondern in seiner eignen sprachgewordnen Bewegung versinnlicht, als Hymne, bedeutet in Goethes Lyrik und in der deutschen zugleich über die Sesenheimer Lieder hinaus einen Durchbruch zum großen Stil, den Klopstocks Oden nur geahnt und bereitet hatten. Die Großheit und Macht, der allüberschauende Flug, der allumspannende Schwung, der bei Klopstock nur als Tendenz wieder erscheint, ist hier zum erstenmal verwirklicht, weil Goethe nicht als Vertreter, als Sänger und Diener oder Deuter der Gottheit fühlte und sprach, sondern als Verkörperung und Träger, nicht als Geschöpf sondern als Ausdruck. Goethe empfing seine Weihe nicht durch den Abglanz des Höchsten und durch seine Beziehung zu ihm, sondern in ihm und seinem Wort selbst stellte sich das gotterfüllte All sinnlich dar. Er wies nicht außen hin auf die Mitte die ihn hob und begeisterte, er war selbst die Mitte und füllte den ganzen Kreis mit seiner eignen Stimme. Darum ist die „Größe“ bei Goethes Hymnen nie bloße Vorstellung sondern immer zugleich die Aktion des Sängers, und die Worte sind nicht Wegweiser zu einem erhabenen Bild, wie bei Klopstock, sondern sie enthalten es unmittelbar mit sinnlicher Schwere.. sie sind nicht Verheißung sondern Gegenwart. Alles noch so kühne Erhabene und Göttliche in den Goethischen Hymnen Prometheus, Mahomet, Gränzen der Menschheit wird durch die sinnliche Schwere und Gegenwart der großen Seele verbürgt: die Rhythmen sind die unmittelbare, klanggewordne Bewegung der verkündeten Gottheit selbst, und es gibt nicht wie bei Klopstock hier einen Dichter der von der Gottheit eingeweiht, begeistert, ge» würdigt ist, und dort eine Gottheit mit ihrer Schöpfung, zu deren Ehre der Dichter seine Harfe stimmt: nur einen sinnlich gegenwärtigen, bewegten Menschen, dessen Schwingen und Erklingen das Schwingen und Erklingen des gotterfüllten All selbst ist — d. h. dessen menschliche Seele Tragkraft und Spannkraft genug besitzt um das All in sich aufzunehmen, dessen Stimme umfangreich und stark genug ist um als Sphärenharmonie, als Erdbeben, als was immer Elementares oder Himmlisches zu ertönen. Dies setzt eine ganze andere Art der Größe voraus als sie zum erhabnen Stil Klopstocks erfordert war, nicht nur eine repräsentative sondern eine wirkliche. Goethe verhält sich zu Klopstock wie der König zum Gesandten eines Königs, wie der Gott zum Priester.



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