> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Titanismus Seite 24

2015-08-20

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Titanismus Seite 24




Doch nicht nur die größere Fülle hat Goethe durch seinen Pantheismus, kraft dessen er selbst gotthaltig ist, vor dem Protestantismus Klopstocks voraus, auch die größere Freiheit. Der Gott darf sich gehen lassen, der Priester nicht: denn was der Gott berührt wird an sich göttlich, der Priester darf nichts berühren als was seiner gottgegebnen Sendung würdig ist. Und so zieht Goethe mit ganz andrer Unbefangenheit die sinnliche Welt in seine Erschütterung hinein, als Klopstock in seine Weihe.

Vergleichen wir die Gedichte die Goethe damals unter Pindars Einfluß verfaßt hat, Wanderers Sturmlied, der Wandrer, Elisium, Pilgers Morgenlied, Felsweihe-gesang an Psyche, selbst mit den freiesten und relativ am schaulichsten Klopstockoden (welche zum erstenmal seit der rationalen Poesie Weiträumigkeit der Diktion erstreben und erreichen) so fällt als Unterscheidendes in der Gesamtanlage, abgesehen von der schärferen, umfassenderen, anschmiegenderen, beweglicheren Sinnlichkeit ein Neues auf: die Heiligsprechung des Augenblicks. Klopstock wirft seinen Blick und Gedanken immer zuerst nach dem Unvorstellbarsten, der Unendlichkeit oder der Ewigkeit, und benutzt den Moment, den Ort oder die Zeit höchstens als malende Einschränkungen. Wenn er den Frühling feiert oder den Eislauf, das Goldkäferchen oder den Sternenhimmel, so sind diese momentanen Dinge nur da, um ihren Gegensatz, die unvorstellbare Unendlichkeit oder Ewigkeit, als Attribute Gottes in Erinnrung zu rufen. Goethe ist immer in der Mitte, für ihn ist der sinnlich durchgelebte Nu selbst die Ewigkeit. Wie könnte es anders sein, wenn er selbst das Göttliche ist! Er geht immer aus von der jeweiligen sinnlichen und sinnlich durchgelebten Situation, sei sie nun ein Frühlingsmorgen im Nebeltal wie im Ganymed, oder ein geselliger Nachmittag am bemoosten Felsen wie im Felsweihegesang, die Begegnung mit einer jungen Mutter unter den überwachsnen Trümmern alter Tempel wie im Wandrer, sei es eine Sturmwandrung oder eine Seefahrt, sei es der Anblick der Geliebten oder der Schmerz der Trennung von ihr, immer steht er fest im Momentanen und Lokalen mit allen Sinnen und fühlt den Gott da wo er sein Herz schlagen fühlt, nicht am fernsten Umfang der Weltkugel, im Unendlichen, sondern wo sein Leib erschüttert ist. Überall ist er die Mitte, und nur seine Wallung, seine Seele ist weiträumig genug um von jedem belebten Punkt des Universums aus so weit zu reichen als er will, bis zum Mund der Geliebten die vor ihm steht, oder bis an den Busen des allliebenden Weltvaters, umfangend umfangen vom Genius den er selbst erfühlt, erschaffen hat, bis zur nächsten Blume die ihm ans Herz drängt oder bis ins Grenzenlose des Sternenhimmels. Die Idee der Unendlichkeit, der Allgüte, der Allmacht hat er nicht ein für allemal als religiöses Maß über sich, um dann die Dinge und Augenblicke darin zu vernichtigen.. in ihm selber liegen die Spannkräfte die ihm erlauben sich in die sichtbare Welt auszubreiten, so dicht und weit er will. Das Erhabene ist für ihn nicht wesentlich unterschieden vom Idyllischen, sondern nur der Grad seiner seelischen Expansion unterscheidet Wanderers Nachtlied von dem Ganymed oder Mahomets Gesang von den Friederikeliedern. Das Unendliche ist für ihn nicht der Gegensatz und die Aufhebung des Sinnlich-Irdischen, sondern seine Steigerung, seine Erweiterung . . er traute sich die Weiträumigkeit seiner Sinne zu, um das Grenzenlose noch mit seinem Atem zu vergegenwärtigen. Ebensowenig ist ihm die Ewigkeit der Gegensatz, die Aufhebung des Augenblicks: der Augenblick ist die Mitte, der Inbegriff der Ewigkeit. Für dies heidnische Weltfühlen, die Vergottung des sinnlichen Augenblicks (der äußerste Gegensatz gegen Klopstock) ist sein Ganymed das Sinnbild: die sinnliche Einsenkung in den seligen Moment selbst erhebt den Jüngling zum Gott: der alliebende Vater ist die Verkörperung des Alls lebens selber in den jeder gesteigerte Lebensaugenblick unverlierbar eintaucht oder in den er sich ausbreitet. Unter einem andren Bild ist diese Verewigung des Zeitlichen und Begrenzten im Schluß von Mahomets Gesang verkündet.

Auch hier spricht sich das Weltfühlen aus das im körperlichsten Augenblick, im Vergänglichen, im Leib selbst die Ewigkeit, die Unendlichkeit, die Allfülle erfaßt und dem nichts anderes wirklich ist als die Gegenwart selbst: der Punkt auf dem der griechisch Gesinnte, der dionysisch Gespannte dieser Art jeweils steht ist immer der Mittelpunkt des Alls und der Kreis den seine Wirksamkeit erfüllt ist die Welt, ist sein.

„So bin ich ewig, denn ich bin“ weiß Prometheus.

Unendlichl Allmächtig
Was könnt ihr?
Könnt ihr den weiten Raum 
Des Himmels und der Erde 
Mir ballen in meine Faust?
Vermögt ihr mich zu scheiden 
Von mir selbst.
Vermögt ihr mich auszudehnen 
Zu erweitern zu einer Welt.

Hier stellt sich deutlich die intensive, qualitative Selbstgenügsamkeit des Menschen, der das All als Leib, als Kraft in seiner Gegenwart besitzt, gegen die extensive, quantitative Allheit der Götter, welche nur eine unendliche Menge Raum und Zeit besitzen, haben, aber nicht wirken und wesen.

Aus dem Glauben daß der Moment, das Vergänglichste, die unwiderbringliche Gelegenheit (Kairos) das All ist, das Kraftall, kommt das Gefühl für die Unersetzlichkeit der Augenblicke, dem Faust vor dem Besuch Wagners, Prometheus nach dem Besuch des Götterboten Ausdruck gibt.

Das ist der Sinn der Antwort des Prometheus an Jupiter. Die neue Erhabenheit beruht also nicht mehr auf dem Gegensatz sondern auf der Gegenwart des Göttlichen im Menschen, und all die Attribute welche die Erhabenheit bei Klopstock ausmachen, die Unendlichkeit, Ewigkeit, Allheit Gottes werden nun dem Menschen zuerteilt, und zwar dem Menschen gerade als dem sinnlich lebendigen, erlebnisfähigen Wesen — und dann sind jene Erhabenheits-Vorstellungen nicht mehr Maße aus Raum und Zeit, sondern Kräfte ohne Raum und Zeit: das Goethische Erhabene, Unendliche, Ewige ist eine Kraft, eine Qualität — es ist umso größer, je intensiver sie wirkt, das Klopstockische ist eine Quantität. Die Goethische Göttlichkeit kann sich in den Moment, in den Punkt drängen, die Klopstockische bedarf der grenzenlosen Ausdehnung.

In diesem Sinn durfte Goethe seine Gedichte Gelegenheitsgedichte nennen (der griechische Gott dieser Goethischen „Gelegenheit“ ist Kairos) jeder Moment in Goethes Existenz besaß die Eignung um Mitte und Träger zu sein für das Ganze seines Lebens, d. h. für sein jeweiliges All — und da Goethe Dichter war, also erschütterter Mensch, oder nach Dantes Wort einer der erklang wie die Liebe hauchte, so ist in seinem kleinsten augenblicklichsten, gelegentlichsten Gedicht, z.B. Über allen Gipfeln, jenes Allgefühl, jene kosmische Rundung und Selbstgenügsamkeit die wir vergebens suchen bei den Klopstockischen Sternengesängen. An Stelle der extensiven Allheit, die bloß gedacht ist und daher der Wirklichkeit nie genügen kann, tritt die intensive, die gelebt und daher selber Wirklichkeit ist und die eine Welt nicht von der Raumperipherie sondern von der Kraftmitte aus erfaßt. Als Kraftmitte kann jede Gelegenheit, jeder Kairos, d.h. jeder wirklich durchgelebte Nu dienen. An einem einzelnen Fall läßt sich der ganze Unterschied dieser Klopstockischen und der Goethischen Fühlweise noch deutlicher machen: an der Deutung des Todes. Für Klopstock ist der Tod das äußerste Zeichen der Kleinheit, Jämmerlichkeit und Beschränktheit des Menschen, das eigentliche Donnerwort das ihn in sein Nichts schleudert, das ihn Gott auf Gnade und Ungnade preisgibt, das der unendlichen Güte Gottes Spielraum läßt zur Erlösung oder Verdammnis der unsterblichen Seele. Für Goethe wird der Tod der Inbegriff der Allfülle, der Ewigkeit (als Kraft, nicht als Maß verstanden, als Qualitas, nicht als Quantitas).

Wenn aus dem innerst tiefsten Grunde
Du ganz erschüttert alles fühlst
Was Freud und Schmerzen jemals dir ergossen,
Im Sturm dein Herz erschwillt,
In Tränen sich erleichtern will und seine Glut vermehrt 
Und alles klingt an dir und bebt und zittert,
Und all die Sinne dir vergehn 
Und du dir zu vergehen scheinst 
Und sinkst und alles um dich her
Versinkt in Nacht, und du in inner eigenem Gefühle 
Umfassest eine Welt,
Dann stirbt der Mensch.

So sehr sind selbst die scheinbar bloß ästhetischen Vorstellungen bedingt vom ganzen Weltgefühl, von der Religion des Dichters. Durch Goethe ward der Begriff des Erhabenen aus einem Quantitätsbegriff, als welchen ihn der Protestant Klopstock zu fassen hatte, in einen qualitativen verwandelt, weil er nicht mehr aus der Vorstellung Gottes, sondern aus dem Gefühl des Menschen hervorging. In dem Moment wo statt Gottes der Mensch wieder das Maß der Dinge wurde, und zwar der Mensch als sinnlicher Kräftekomplex, nicht als Träger der Weltvernunft und Weltmathematik (wie für den Rationalismus) bekam die ganze sinnliche Welt, die vergänglichen, blühenden und welkenden Erscheinungen wieder Sinn und Selbstgenügsamkeit, unabhängig von der Güte und Allmacht eines Schöpfers oder der Ordnung und Weisheit eines Weltlenkens, einer Weltvernunft, welche wesentlich mathematisch gedacht ward. Die Welt ward göttlich, d.h. sinnvoll und unbedingt in sich selbst — in diesem Sinn gebrauche ich stets das Wort „göttlich“: etwas das kein höheres Prinzip über sich hat, das aus und durch sich selbst lebt und sich selbst seinen Wert bestimmt. Ungöttlich ist alles was geschaffen, bewegt oder gewertet wird durch ein Prinzipium außerhalb seiner, sei es einen Schöpfer oder ein Gesetz.

Damit aber diese Heiligsprechung, die Vergottung der sichtbaren Welt, vor allem des menschlichen Leibs und Herzens sich vollziehen konnte, ohne welche die neue Weltlyrik, Gelegenheitslyrik nicht möglich war, mußte ein Mensch auftreten, spannkräftig genug um das All intensiv durchzufühlen — nicht nur extensiv anzuschauen und zu messen sei es an seiner Vernunft wie Lessing, sei es an Gottes Größe wie Klopstock — stolz und selbstgenügsam genug dies sein Allfühlen gegenüber jeder Norm zu vertreten und durchzusetzen, produktiv genug um es in unmittelbarer Bewegung oder in monumentaler Gestaltung sinnfällig, sinnbildlich zu machen, als Lyriker oder als Dramatiker.



Keine Kommentare: