> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Werther Seite 37

2015-09-01

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Werther Seite 37


Aus dieser momentanen, krisenhaften Entstehungsweise des Werther erklärt sich auch das Unterscheidende seiner Form gegenüber Goethes andren großen Werken aus dieser Epoche: der Werther ist unter ihnen weitaus am meisten lyrisch, am meisten unmittelbarer Ausdruck des bewegten Ich, am wenigsten durch Bildungserlebnisse gekreuzt und mitbedingt, am wenigsten beschwert durch die symbolische Verarbeitung von Bildungsstoff. Diese Selbstdarstellung, diese Beichte konnte nun freilich nicht als reines lyrisches Gedicht erfolgen, weil es sich dabei ja nicht um das Austönen eines in sich abgeschlossnen sei es freudigen sei es schmerzlichen Moments handelte, sondern um Konflikt, um Spannung, um Krise, die bereits aus dem Dichter herausgestellt, von ihm vorgestellt, distanziert sein mußte, um überhaupt als Krise empfunden werden zu können. Um zu sagen »ich bin froh, ich bin traurig, durch den Frühling, durch die Nähe oder Ferne der Geliebten, durch die Größe Gottes oder meines Vaterlands« genügt der einfache Lyrismus, dieser Zustand tönt von selbst, er bedarf keiner Anschauung, keiner Selbstbespiegelung. Um zu sagen »die und die Krise hab ich durchgemacht, dem und dem Schicksal bin ich verfallen« dazu gehört schon Distanz vom eignen Zustand, kurz um zu beichten was man erlebt hat, um sich durch Beichte vom Zustand zu befreien, muß man schon gleichsam von außen sich selbst sehen können, muß man sich Bild geworden sein, und eine Selbstdarstellung dieser Art wird nicht mehr rein lyrisch sein können, sondern bereits symbolisch, durch Zuhilfenahme von Weltstoff in den man sein Bild prägen kann, da es sich eben um Bild, nicht rein um lyrische Bewegung handelt. Ohne Weltstoff kam also Goethe beim Werther als der Objektivierung einer Krise, nicht nur eines Zustands, nicht aus. Er wollte nicht aussprechen »so ist mir zumute« sondern »durch die und die Erlebnisse ist mir so zumute gewesen« und darüber hinaus »dies ist das Schicksal eines solchen Charakters«! Er hat ja gerade den ewigen Sinn der momentanen Krise, die Allgültigkeit und Notwendigkeit seines Erlebnisses über den Zufall des Momentanen hinaus gefühlt und zeigen wollen und dazu bedurfte es eines Sinnbildes.

„Du gute Seele, die du eben den Drang fühlst wie er, schöpfe Trost aus seinem Leiden und laß das Büchlein deinen Freund sein, wenn du aus Geschick oder eigner Schuld keinen eignen finden kannst“ schreibt er im Vorwort.

Dem Gehalt und der Absicht nach konnte Goethe also diese Krise, eben als Krise und als Beichte, nicht rein lyrisch, nicht nur als Bewegung des Ich darstellen.

Andrerseits konnte er bei der Darstellung eines so momentanen, so nahen, so ganz aus einmaligem Impuls, aus Explosion hervorgegangenen Erlebnisses kein Symbol brauchen das ihn irgendwie mit fremdem Bildungsstoff belastete oder das impulsive Erlebnis verdunkelte. Er konnte kein Symbol aus Mythus und Geschichte brauchen, weil das Erlebnis der expansiven Empfindsamkeit zu sehr seiner eignen Zeit angehörte, um heroisches oder historisches Kostüm zu vertragen. Sein Titanentum konnte Goethe sehr wohl, ja mußte er in vergangnen Symbolen ausdrücken, wenn er es nicht lyrisch aussprach, sondern sinnbildlich gestalten wollte: Prometheus, Cäsar, Götz: In seiner Zeit fand er ja kein Sinnbild dafür, es sei denn Friedrich der Große, der doch auch mehr groß als titanisch drängend im Sinne Goethischen Titanismus war. Und auch Faust mußte in die hi» storische Distanz gerückt werden, weil er in erster Linie Titan war. So komisch also ein „Titan“ im blauen Rock und gelber Weste, ein Titan im Bildungsstoff des Rokoko wirken mußte — (diese Komik ward bald deutlich genug in den zeitgenössischen Kraftprotzen der Klingerschen und Lenzischen Geniedramatik so komisch hätte andrerseits ein unglücklich liebender Prometheus, Cäsar, Mahomet gewirkt und selbst der Faust der zwischen Titanismus und Erotismus ringt ist als Liebender ein Eroberer, nicht ein Dulder. Das Unangemessene das darin liegt wenn moderne Gefühle vergangnen Helden in den Mund gelegt werden, wenn antike Helden rokokomäßig schmachten, hatte Goethe als abschreckendes Beispiel an der klassischen Dramatik der Franzosen vor Augen. Wenn er also für die heroisch-titanische Seite seines Wesens nur Symbole heroischs-titanischer Zeiten brauchen konnte und dafür seine eigne Zeit gerade ausschied, in der er wohl heroische Gesinnungen, aber nicht, worauf es ankam, heroische Gestaltungen, Haltungen, Verkörperungen fand, so kam als Bildungswelt, als Symbolstoff für die erotisch empfindsame Seite seines Wesens überhaupt nur seine jüngste Gegenwart in Betracht: denn Kostümdichter war er nicht, der um der Farbigkeit oder um der pittoresken Aufhöhung willen modeme Gefühle in historische Maskeraden vermummt hätte. Wo er historisch dichtete da geschah es wie im Götz oder später im Egmont, weil ihn das Bildungserlebnis, das bestimmte Historische als solches faszinierte, nicht zur Erschleichung von Farbenreizen die das Historische vorgab, vorausgab.

Als das geeignete Symbol für den Träger der Handlung in welcher seine Empfindungen und Erlebnisse sich objektivieren mußten bot sich ihm nun im kritischem Moment, da alles in ihm selbst bereit war sich als reife Frucht von ihm abzulösen, der junge Jerusalem mit seinem Selbstmord. Freilich, nicht zum Träger der innern Erlebnisse hätte Goethe von vornherein ein Symbol gebraucht: da hatte er sein Ich, dem er einfach einen Namen zu geben hatte, und die glückliche Form unter der er das Ich zugleich als sein eignes und als ein fremdes wirken lassen konnte, hätte keines Anstoßes von außen bedurft. Aber um die Handlung abzuschließen und die innere Möglichkeit zur sinnfälligen Wirklichkeit zu verdichten, hätte sein Ich nicht genügt, es hätte ihm widerstrebt einen Schluß wie Werthers Tod einfach zu erfinden.. nachdem er sich nun schon einmal auf sein Kostüm und bis in die Details hinein auf sein eignes Milieu beschränkt hatte, hätte er einen so kühnen Schritt über seine gegebene Wirklichkeit in der Selbstdarstellung, wie der Abschluß durch den Selbstmord war, schwerlich gewagt, aus einfacher Erfindung heraus. Das hätte ihm theatralisch forciert Vorkommen müssen: denn der Selbstmord war im damaligen Deutschland nicht ein geläufiges Ereignis, gegen das man durch hundert tägliche Zeitungsnotizen fast abgestumpft worden war, sondern eine die Grenzen der gewohnten Welt sprengende Ungeheuerlichkeit, ein Schritt ins Graun und die Tragik der alle Gemüter aus dem Gleichgewicht brachte. Ja, der Selbstmord war damals ein Schritt aus dem Rokokokreise, aus dem Zeitmilieu hinaus in eine Welt des Tragisch-heroischen das man nur verschollenen klassischen oder barbarischen Zeitaltern zugetraut hatte, eine solche Tat war etwas für Naturen und Schicksale wie Brutus und Cato an denen man sich aus der Ferne a la Klopstock erhob und entsetzte, aber außer dem Bereich des heute Wirklichen oder Wahrscheinlichen — allenfalls gestattete man es der Sphäre der großen Welt, wie in Emilia Galotti. Ein Schriftsteller der damals, vor Jerusalems Tod, die Geschichte einer unglücklichen Liebe aus seiner eignen Zeit derart aus freier Erfindung heraus abgeschlossen hätte, würde etwa so abenteuerlich überstiegen gewirkt haben wie heute ein Autor der einen im zeitgenössischen Milieu spielenden, naturalistisch angelegten normalen Roman abschlösse, indem er den Helden, einen jungen Mann mittlerer Schichten von Gefühl und weltmännischen Manieren, weil er ein Mädchen nicht kriegt, im Grunewald eine Räuberbande gründen ließe.

Mit andren Worten, die Tat des jungen Jerusalem war eine Erweiterung der zeitgenössischen Möglichkeiten, eine Erweiterung des Milieus, des Kostüms, des Gesichtskreises, und vor allem des Symbolbereichs an den Goethe sich zu halten hatte. Das Schrecknis der Tat war nicht nur Sensation über einen Einzelfall, sondern das dumpfe Gefühl daß die bürgerlich zahmen Vemunftgrenzen ins Irrationelle und Pathetische durch diesen Fall erweitert, wenn nicht gesprengt würden.. ein Entsetzen über die Erschütterung der bürgerlichen Ordnung befiel jene enge, eingeschränkte Welt. Von da aus wird klar was der Tod des jungen Jerusalem gerade damals für Goethe bedeuten mußte: nun blieb er innerhalb seiner Zeit, innerhalb seines Kostüms, wenn er die Handlung wirklich so abschloß wie sie seiner überbürgerlichen Leidenschaft möglich, fast notwendig war. Was vor Jerusalems Tat als Abschluß seines Werks eine verstiegene Romantik erschienen wäre, vielleicht sogar als ruchlose Propaganda eines Freigeists, das erschien nach ihr als die meisterlich motivierte, rührend ausgeführte, erschütternd vorbereitete Darstellung eines schrecklichen, aber wirklichen Ereignisses das noch alle in Atem hielt. Für das Publikum und für Goethe hatte der Tod Werthers und Jerusalems genau die entgegengesetzte Bedeutung. Für das Publikum war der ganze Roman nur die Vorbereitung, die Begründung des schrecklichen Vorfalls. Goethe erschien als der begabte Autor der die Sensation des Jahres, Jerusalems Selbstmord, plausibel, menschlich verständlich gemacht und zugleich verklärt hatte, indem er sie zum Höhepunkt einer rührenden Liebesgeschichte gemacht. Für Goethe war der ganze Selbstmord nur der symbolische, der symbolschaffende Anlaß, seine eigne pathetische Leidensgeschichte abzurunden und abzuschließen. Das Publikum ging von Werthers Tod, als einem außerhalb der Geschichte noch sensationellen Stoff aus, Goethe von dem Leiden, seinem eignen, für das der Tod mehr technischer als innerer Abschluß ist. Was Goethe am Werther interessierte wäre auch mit einem tassoartigen Abschluß, einem stumpfen Abschluß gesagt gewesen: der Roman, nicht die Dichtung verlangte solch ein Ende. Es fragt sich ob der Werther so wie er uns vorliegt diesen Massenerfolg gehabt hätte, wenn ihm nicht durch die stoffliche Sensation, deren romanhafte Darstellung er dem breiten Publikum erschien, vorgearbeitet worden wäre. Gewiß öffnete dann das stoffliche Interesse die Sinne nach und nach für die seelischen und sprachlichen Wunder, für den eigentlich Goethischen Gehalt, für die Eroberung neuer gemütlicher und sinnlicher Provinzen die mit dem Werk gegeben waren. Wenn Napoleon das Werk siebenmal las und es auf dem ägyptischen Feldzug nicht von der Seite ließ, so fesselte ihn die verwandte Stimmung eines weltdurchdringenden expansiven, überschwenglichen und maßlos begeisterten Herzens, nicht die stoffliche Sensation, von der er vielleicht gar nichts wußte: in dem Geschmack Napoleons an Werther liegt nichts Paradoxes: denn der junge Napoleon war ein titanischer Schwärmer, wie der Verfasser des Werks, und er mochte in dem Verfasser vor allem fühlen was er bei keinem seiner Zeitgenossen fühlen konnte, eine gesellschaftsprengende, urtümlich kosmische Seele wie seine eigene. Aber bei der großen Masse war sicherlich die stoffliche Sensation der Ausgangspunkt des Interesses, der Selbstmord Jerusalems die Vorbedingung für den Erfolg von Werthers Selbstmord. Für Goethe also war die Tat Jerusalems die Ermöglichung eines pathetisch großen Abschlusses im Kostüm seiner Zeit, die Erlaubnis als symbolischen Träger seiner Erlebnisse einen Zeitgenossen zu wählen, ohne die glaublichen Grenzen seiner Zeit zu überschreiten. Diese wurden durch Jerusalems Tat bis zu dem Punkt hin erweitert zu dem Goethe kraft seiner eignen seelischen Notwendigkeiten Vordringen, sich ausspannen mußte.

Es ist lehrreich einmal die gegebne Form einer großen Dichtung nicht einfach als gegeben hinzunehmen, sondern sich zu fragen warum diese und keine andre gewählt worden ist, ob sie zufällig oder im Erlebnis des Dichters begründet und notwendig war.



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