> Gedichte und Zitate für alle: W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen... 04.11. 1773 Lavater an Herder (66)

2015-08-29

W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen... 04.11. 1773 Lavater an Herder (66)



4.November

Zürich. Lavater an Herder

Goethe hat mir seinen „Götz von Berlichingen“ geschickt. Ich ließ ihn durch Deinet um sein Porträt bitten. Es scheint, daß wir näher Zusammenkommen werden. Ich freue mich mit Zittern. Unter allen Schriftstellern kenn ich kein größeres Genie — und vielleicht ist er auch der feinste, naivste Sentimentalist. Und dennoch ahndete mir, jene feste, glatte, gerade Brudereinfalt, so wie ich sie in Pfenninger täglich vor dem Aug und Herzen habe, jene sanfte und doch feste, jene stille und dennoch kühne Menschlichkeit oder menschliche Tätigkeit und die wahre Duldung des Menschenfreundes dürft ich vielleicht an ihm nicht in der Proportion mit seinem Denken und Empfinden— antreffen. Doch ich will wenigstens sein Bild abwarten. 

Gewiß ist’s, daß mir der Mann unendlich viel nützen kann, mich erheben, erwärmen, begeistern, abschleifen, demütigen, reinigen kann. Gewiß ist’s aber auch, daß es einem Betrug eher als jener oben gerühmten Brudereinfalt gleich siehet, wenn ich seine Freundschaft annehme, da ich ihm vielleicht minder als nichts werde sein können. Aber — ich bin eigennützig — und gebe ..., weil ich nicht Silber und Gold habe, was ich habe, und wär’s auch nur Nürnberger Metallschlag.

Johann Conrad Pfenniger, gleichfalls Geistlicher in Zürich. Lavaters hingebendster Freund.

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