> Gedichte und Zitate für alle: W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen... 08.07.1773 Bürger an Boi (57)

2015-08-27

W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen... 08.07.1773 Bürger an Boi (57)



8. Juli

Gelliehausen. Bürger an Boi

Gottfried August Bürger, 1747 geboren, war seit kurzem Justizamtmann in Altengleichen bei Göttingen. Seine Gedichte waren erst vereinzelt erschienen. Der Holsteiner Heinrich Christian Boie ich (1744 bis 1806) und lebte seit 1793 in Göttingen als Student und Hofmeister. 1770 begründete er mit Gotter den ersten deutschen Musen-Almanach.

Boie! Boie! Der Ritter mit der eisernen Hand, welch ein Stück! Ich weiß mich vor Enthusiasmus kaum zu lassen. Womit soll ich dem Verfasser mein Entzücken entdecken? Den kann man doch noch den deutschen Shakespeare nennen, wenn man einen so nennen will. Brechen möcht ich mich vor Ekel, wenn man Weißen so nennt. 

Welch ein durchaus deutscher Stoff! Welch kühne Verarbeitung! Edel und frei, wie sein Held, tritt der Verfasser den elenden Regeln-kodex unter die Füße und stellt uns ein ganzes Evenement, mit Leben und Odem bis in seine kleinsten Adern beseelt, vor Augen. Erschütterung, wie sie Shakespeare nur immer hervorbringen kann, habe ich in meinem innersten Mark gefühlt. Mitleid! Schrecken! — Grausen, kaltes Grausen, wie wenn einen kalter Nordwind anweht! Götzens kleiner Junge! Die Zigeunerszene, die auf dem Rathause, der sterbende Weislingen, das heimliche Gericht! Gott! Gott, wie lebendig, wie shakespearisch! Oh ich kann selbst nicht sagen, wie vortrefflich! —

Glück zu dem edelen freien Mann, der der Natur gehorsamer als der tyrannischen Kunst war! Mag doch das Rezensenten-Geschmeiß, mag doch der Lesepöbel, der die Nase beim Schnikschnack der Orsina rümpfte, bei dem A-lecken den Rüssel verziehn! Solches Gesindel mag diesem Verfasser im--

O Boie, wissen Sie nicht, wer es ist? Sagen Sie, sagen Sie es mir’s, daß ihm meine Ehrfurcht einen Altar baue. Ich behalte das Stück; will’s gerne bezahlen, und wenn es auch noch soviel kostete und wenn ich alle Werke Voltaires und Corneilles darum verkaufen sollte. Corneille! — armseliger Bel zu Babel! Wer mag wohl solch leimenem Götzen Ehre er weisen? Le grand Corneille? Sch-kerl! Sch-kerls alle Franzosen!

Dieser „Götz von Berlichingen“ hat mich wieder zu drei neuen Strophen zur „Lenore“ begeistert! — Herr, nichts weniger in ihrer Art soll sie werden, als was dieser „Götz“ in seiner ist. Aber in zwei Monaten wird sie noch nicht fertig. Hu! wie wird mich der Unverstand drüber anblöken! Aber der kann mir im — —. 

Frei! frei! Keinem untertan als der Natur! — — Mein Verdruß ist nur itzt, daß ich keinen um mich habe, mit dem ich recht über den „Götz“ exklamieren kann. Meine Freude will mir schier das Herz abstoßen. Ich möchte wohl eine Rezension davon machen, die sollte so lauten:

„Wenn der Exekutionszug der Journalisten an den freien, kühnen Verfasser dieses originellen Meisterstücks seine  Trompeter absenden, ihn für einen Rebellen gegen die Kritik erklären und auffordern lassen sollte, sich auf Gnad und Ungnade zu ergeben, so müßte er das antworten, was er seinen Ritter durchs Fenster dem feindlichen Herold Zurufen läßt: Vor Ihrer Kaiserlichen Majestät, der wahren Kritik, hab ich wie immer schuldigen Respekt; aber ihr Geschmeiß könnt mich allzusammen im — —!“

Bei dem beliebten Dichter Christian Felix Weiße (1726 bis 1804) und konnte man auf eine Vergleichung mit Shakespeares verfallen, weil er einige von dessen Stoffen auf die deutschen Bühne brachte: Richard der dritte, Romeo und Julia.-

Schnickschnack der Orsina: In Emilia Galotti IV. 3 braucht Gräfin Orsina den damals in der Schrift-und Bühnensprache auffälligen Ausdruck: einen elenden Schnickschnack zu halten.

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