> Gedichte und Zitate für alle: W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen... 12.10.1773 Schönborn an Gerstenberg (64)

2015-08-28

W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen... 12.10.1773 Schönborn an Gerstenberg (64)



12. Oktober

Frankfurt.  Schönborn an Gerstenberg

G. F. E. Schönborn, 1737 geboren, wie die vorigen dem Klopstockschen Freundeskreis angehörig, blieb einige Tage in Frankfurt auf der Reise von Kopenhagen nach Algier, wo ihre eines dänischer Konsulatsekretär leben sollte. Der Dichter Heinrich Wilhelm von Gerstenberg, gleichfalls 1737 geboren, war Beamter in Kopenhagen. Am berühmtesten Was ein Trauerspiel "Ugolino".

Franfurt gefällt mir überaus wohl. Es ist eine reiche, blühende Stadt, die in einem fruchtbaren Weintale liegt...

Gleich des Abends nach meiner Ankunft habe ich auch Herrn Goethe, den Verfasser des „Götze“, gesprochen, und das ging so zu. Es saß ein Mann in der Stube des Gasthofes, wo ich logierte, in der Ecke, der eine Pfeife Tabak rauchte. Der Wirt frug ihn, ob er mit bei Tische zu Abend essen wollte. Er antwortete: „Nein, ich will es mir auf meiner Stube ausbitten; Herr Doktor Goethe wird bei mir diesen Abend sein.“ Ich frug ihn, ob er den Doktor Goethe meine, der neulich ein Drama herausgegeben, er antwortete: „Ja!“ Ich sagte ihm, daß ich einen Brief an ihn habe von Herrn Boie. Darauf strömte er in so große Lobeserhebung seines Freundes und über das Stück von Berlichingen aus, daß er sagte, der „Ugolino“  und dieses Drama wären die beiden einzigen Meisterstücke, die in Deutschland von der Art erschienen wären. Da er hörte, daß ich den Verfasser des „Ugolino“, daß ich Klopstock ganz genau von Person kennte, so erstaunte er über meine Erscheinung, und wir wurden gleich gute Freunde. Ich sagte ihm, daß Gerstenberg und Klopstock beide ausnehmend mit dem „Götze“ zufrieden wären. Dieser Mann ist ein junger Professor juris in Gießen, welches drei Meilen von hier ist. Sein Name ist Höpfner. 

Kurz darauf kam Goethe selbst, und wir wurden gleich bekannt und gleich Freunde. Er ist ein magerer junger Mann, ohngefähr von meiner Größe. Er sieht blaß aus, hat eine große, etwas gebogene Nase, ein länglichtes Gesichte und mittelmäßige schwarze Augen und schwarzes Haar. Wir sind alle Tage beisammen. Seine Miene ist ernsthaft und traurig, wo doch komische, lachende und satirische Laune mit durchschimmert. Er ist sehr beredt und strömt von Einfällen, die sehr witzig sind. 

In der Tat besitzt er, soweit ich ihn kenne, eine ausnehmend anschauende, sich in die Gegenstände durch und durch hineinfühlende Dichterkraft, so daß alles lokal und individuell in seinem Geiste wird. Alles verwandelt sich gleich bei ihm ins Dramatische. 

Er freute sich ungemein, da ich ihm sagte, daß Sie sehr mit seinem Stück zufrieden gewesen. Ihr und Klopstocks Urteil habe er längst gerne vernehmen mögen, und es solle ihn feuern, es noch besser zu machen; denn er wisse sehr wohl, wie weit er unter seinem Ideal geblieben ... Er scheint mit ausnehmender Leichtigkeit zu arbeiten. Jetzo arbeitet er an einem Drama, „Prometheus“ genannt, wovon er mir zwei Akte vorgelesen hat, worin ganz vortreffliche, aus der tiefen Natur gehobene Stellen sind ... 

Er zeichnet und malet gut. Seine Stube ist voller schönen Abdrücke der besten Antiken. Das „Von deutscher Baukunst“ ist von ihm ... Er will nach Italien gehn, um sich recht in den Werken der Kunst umzusehn.

Er ist ein fürchterlicher Feind von Wieland et Konsorten. Er las mir ein paar Farcen, die er auf ihn und Jacobi gemacht, wo beide ihre volle Ladung von Lächerlichem bekommen. Das will er aber nicht drucken lassen. Allein weh Wielanden, wenn er sich mausig gegen ihn macht!


Wieland et Konsorten: Wieland lebte seit dem September 1772 in Weimar als Lehrer der beiden dortigen Prinzen. Seit dem 1793 gab er eine Monatsschrift, den "Deutschen Merkur" heraus. Seine Konsorten sind also seine Mitarbeiter, namentlich aber die Brüder Jacobi in Düsseldorf: Georg (1740 geboren) und Friedrich (1743):
Georg war ein weichlicher lyrischer Dichter. Friedrich Kaufmann und Philosoph: er schrieb auch Romane. Goethe kannte sie zwar noch nicht von Person und dennoch genau, nämlich durch ihrer Tante Johanna Fahlmer, die jetzt in Frankfurt wohnte und seine vertraute Freundin wurde.

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