> Gedichte und Zitate für alle: W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen......:18.07.1764 Andre an Ysenburg (6)

2015-08-16

W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen......:18.07.1764 Andre an Ysenburg (6)



18.Juli

Offenbach- Andre an Ysenburg von Buri

Herr Goethe ist vorige Woche ohngefähr eine Viertelstunde bei mir gewesen. Er brachte mir ein Kompliment von Herrn Alexis [Karl Schweitzer], aber das Kompliment war erfunden, wie mich Alexis gestern versichert hat.

Ich wußte nicht, was ich mit ihm reden sollte. Ich fragte ihn, wie er hieß. Er nannte sich und sagte, Herr Alexis wäre sein vertrauter Freund; so wie er dann auch meine Oprette bei demselben gesehen hätte. Er fing nun an, das Stück zu loben.

„Kann ich Ihnen mit einer Schale Tee oder mit einem Glase Wein aufwarten?“ unterbrach ich ihn, weil ich ihn zu jung für einen Kunstrichter hielt. „Ich bin Ihnen für alles gehorsamst verbunden“, antwortete er mir.

Hierauf sagte er mir weiter, er wäre bei Herrn Mannskopf zum Besuch, und fing darauf an, von der Komödie zu sprechen, die wir bei Ihnen aufgeführt haben. Er lobte sie sehr: Herr Alexis hätte sie ihm höchstens angerühmt. Ich konnte ihm nicht gänzlich beifallen.

Von unserer Komödie kamen wir auf die Frankfurter Komödie und Opera, und das war unser ganzes Gespräch. Er hat mir also kein Wort von Gesellschaftsangelegenheiten gesagt. Nach Ihnen hat er sich erkundigt und mir ein Kompliment an Sie aufgetragen ...

Schließlich bat er mich, ihn zu besuchen. Ich sagte es ihm so zu, wie man etwas wider Willen zusagt.

Warum ich aber keine Neigung zu ihm trug, ist bloß, daß er mir zu jung schien. Er mag fünfzehn Jahr oder sechzehn alt sein, im übrigen hat er mehr ein gutes Plapperwerk als Gründlichkeit.

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