> Gedichte und Zitate für alle: W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen......03.10.1766 Horn an Moors (11)

2015-08-17

W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen......03.10.1766 Horn an Moors (11)



3. Oktober

Leipzig. Horn an Moors

Aber, lieber Moors, welche Freude wird Dir es sein, wenn ich Dir berichte, daß wir an unserm Goethe keinen Freund verloren haben, wie wir es fälschlich geglaubt. Er hatte sich verstellt, daß er nicht allein mich, sondern noch mehrere Leute betrog und mir niemals den eigentlichen Grund der Sache entdeckt haben würde, wenn Deine Briefe ihm nicht den nahen Verlust eines Freundes vorher verkündigt hätten. Ich muß Dir die ganze Sache, wie er sie mir selbst erzählt hat, erzählen; denn er hat mir es aufgetragen, um ihm die Muhe, die es ihm machen würde, zu ersparen.

Er liebt — es ist wahr; er hat es mir bekannt und wird es , auch Dir bekennen. Allein seine Liebe, ob sie gleich immer traurig ist, ist dennoch nicht strafbar, wie ich es sonst geglaubt. Er liebt - allein nicht jene Fräulein, mit der ich ihn im Verdacht hatte. Er liebt ein Mädchen [Käthchen Schönkopf], das unter seinem Stand ist, aber ein Mädchen, das — ich glaube nicht zuviel zu sagen —, das Du selbst lieben würdest, wenn Du es sähest. 

Ich bin kein Liebhaber, und also werde ich ganz ohne Leidenschaft schreiben. Denke Dir ein Frauenzimmer: wohl gewachsen, obgleich nicht sehr groß; ein rundes, freundliches, obgleich nicht außerordentlich schönes Gesicht; eine offne, sanfte, einnehmende Miene; viele Freimütigkeit ohne Koketterie; einen sehr artigen Verstand, ohne die größte Erziehung gehabt zu haben. 

Er liebt sie sehr zärtlich, mit den vollkommen redlichen Absichten eines tugendhaften Menschen, ob er gleich weiß, daß sie nie seine Frau werden kann. Ob sie ihn wiederliebt, weiß ich nicht. Du weißt, lieber Moors, das ist seine Sache, nach der sich nicht gut fragen läßt. Soviel aber kann ich Dir sagen, daß sie füreinander geboren zu sein scheinen. 

Merke nun seine List! Damit niemand ihn wegen einer solchen Liebe in Verdacht haben möchte, nimmt er vor, die Welt grad das Gegenteil zu bereden, welches ihm bisher außerordentlich geglückt ist. Er macht Staat und scheint einer gewissen Fräulein, von der ich Dir erzählt habe, die Kur zu machen. 

Er kann zu gewissen Zeiten seine Geliebte sehen und sprechen, ohne daß jemand deswegen den geringsten Argwohn schöpft, und ich begleite ihn manchmal zu ihr. Wenn Goethe nicht mein Freund wäre, ich verliebte mich selbst in sie. 

Mittlerweile hält man ihn nun in die Fräulein — doch was brauchst Du ihren Namen zu wissen! — verliebt, und man vexiert ihn wohl gar in Gesellschaft deswegen. Vielleicht glaubt sie selbst, daß er sie liebt; aber die gute Fräulein betrügt sich. Er hat mich seit der Zeit einer näheren Vertraulichkeit gewürdigt, mir seine Ökonomie entdeckt und gezeigt, daß der Aufwand, den er macht, nicht so groß ist, wie man glauben sollte. 

Er ist mehr Philosoph und mehr Moralist als jemals, und so unschuldig seine Liebe ist, so mißbilligt er sie dennoch. Wir streiten sehr oft darüber; aber er mag eine Partei nehmen, welche er will, so gewinnt er, denn Du weißt, was er auch nur scheinbaren Gründen für ein Gewicht geben kann. 

Ich bedaure ihn und sein gutes Herz, das würklich in einem sehr mißlichen Zustande sich befinden muß, da er das tugendhafteste und vollkommenste Mädchen ohne Hoffnung liebt. Und wenn wir annehmen, daß sie ihn wiederliebt, wie elend muß er erst da sein? 

Gemeint ist die Wirtstochter Kätchen Schönkopf,- Aufwand: Goethe verbrauchte in Leipzig, alles in allem, 100 Gulden im Monat.


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