> Gedichte und Zitate für alle: W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen...10.09.1772 Kestner in seinem Tagebuch (43)

2015-08-25

W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen...10.09.1772 Kestner in seinem Tagebuch (43)



10. September

Kestner in seinem Tagebuch

Johann Christian Kestner aus Hannover, auf den Tag acht Jahre älter als Goethe, waren seit 1767 Legations-Secretär des hannoverschen Hofrats Falke, die auch bei der Visitation des Reichskammer-Gerichts das Herzogtum Bremen vertrat. Er war Bräutigam der Lotte Buff, einer Tochter des Deutschordens-Amtmanns Buff.

Mittags aß Dr. Goethe bei mir im Garten. Ich wußte nicht, daß es zum letzten Mal war...

Abends kam Dr. Goethe nach dem Teutschen Hause. Er, Lottchen und ich hatten ein merkwürdiges Gespräch, von dem Zustande nach diesem Leben, vom Weggehen und Wiederkommen p., welches nicht er, sondern Lottchen anfing. Wir machten miteinander aus: wer zuerst von uns stürbe, sollte, wenn er könnte, den Lebenden Nachricht von dem Zustande jenes Lebens geben. Goethe wurde ganz niedergeschlagen, denn er wußte, daß er andern Morgens wegreisen wollte.

11. September: Morgens um 7 Uhr ist Goethe weggereiset, ohne Abschied zu nehmen. 

Er schickte mir ein Billett ... nebst Büchern. Er hatte es längst gesagt, daß er um diese Zeit nach Koblenz, wo der Kriegszahlmeister Merck ihn erwarte, eine Reise tun und er keinen Abschied nehmen, sondern plötzlich abreisen würde. Ich hatte es also erwartet. Aber daß ich dennoch nicht dazu vorbereitet war, das habe ich gefühlet, tief in meiner Seele gefühlet. 

Ich kam den Morgen von der Diktatur zu Haus. „Herr Doktor Goethe hat dieses um 10 Uhr geschickt.“ Ich sah die Bücher und das Billett und dachte, was dieses mir sagte: Er ist fort!... und war ganz niedergeschlagen. 

Bald hernach kam Hans zu mir, mich zu fragen, ob er gewiß weg sei. Die Hofrätin
Langen  hatte bei Gelegenheit durch eine Magd sagen lassen, es wäre doch sehr ungezogen, daß Doktor Goethe so ohne Abschied zu nehmen weggereiset sei. Lottchen ließ wieder sagen, warum sie ihren Neveu nicht besser gezogen hätte. Lottchen schickte, um gewiß zu sein, einen Kasten, den sie von Goethe hatte, nach seinem Hause. Er war nicht mehr da. Um Mittag hatte die Hofrätin Langen wieder sagen lassen: Aber sie wolle es des Doktor Goethe Mutter schreiben, wie er sich hier aufgeführet hätte. — Unter den Kindern im Teutschen Hause bis zum Kleinsten sagte jedes: „Doktor Goethe ist fort!“

Mittags sprach ich mit Herrn von Born, der ihn zu Pferde bis gegen Braunfels begleitet hatte. Goethe hatte von unserem gestrigen Abendgespräch ihm erzählt. Goethe war sehr niedergeschlagen weggereiset. 

Nachmittags brachte ich das Billett von Goethe an Lottchen. Sie war betrübt über seine Abreise; es kamen ihr die Tränen beim Lesen in die Augen. Doch war es ihr lieb, daß er fort war. da sie ihm das nicht geben konnte, was er wünschte. Denn er war sehr verliebt in sie und bis zum Enthusiasmus. Sie hatte solches aber immer von sich entfernt und ihm nichts als Freundschaft eingeräumet, auch förmlich deklarieret.

Wir sprachen nur von ihm. Ich konnte auch nichts anders, als an ihn denken, verteidigte die Art seiner Abreise, welche von einem Unverständigen  getadelt wurde; ich tat es mit vieler Lebhaftigkeit. Nachher schrieb ich an ihn, was seit seiner Abreise vorgegangen war.

Kcst 102 f.

Deutsches Haus: Der Deutschordens-Hof, in denen die kinderreichen Familien Buff und Brand wohnten. Hanns: ein Bruder der Lotte Buff. Geheime Rätin Lange, eine geb.Lindheimer: die jüngste Schwester von Goethes Großmutter Textor. Diktatur: das Protokoll-aufnehmen.

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