> Gedichte und Zitate für alle: W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen.....09. März K.Flachsland an Herder (26)

2015-08-20

W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen.....09. März K.Flachsland an Herder (26)



9. März

Darmstadt. Karoline Flachsland an Herder

Ich habe vor einigen Tagen Ihren Freund Goethe und Herrn Schlosser ... kennengelernt. Sie haben Merck besucht auf etliche Tage, und wir waren zwei Nachmittage und ich beim Mittagessen beisammen. 

Goethe ist so ein gutherziger, muntrer Mensch, ohne gelehrte Zierat, und hat sich mit Mercks Kindern so viel zu schaffen gemacht, und eine gewisse Ähnlichkeit im Ton oder Sprache oder irgendwo mit Ihnen, daß ich ihm überall nachgegangen. 

Der erste Nachmittag wurde uns verdorben durch ein Triseptspiel und zwei Leute aus der Stadt. Nur einen Augenblick saß Goethe, meine Schwester und ich der Abendsonne, die sehr schön war, gegenüber und sprachen von Ihnen. Er hat sechs Monat in Straßburg mit Ihnen gelebt und sprach recht mit Begeistrung von Ihnen. Ich habe ihn von diesem Augenblicke an recht lieb bekommen. Den zweiten Nachmittag haben wir auf einem hübschen Spaziergang und in unserm Hause bei einer Schale Punsch zugebracht. Wir waren nicht empfindsam, aber sehr munter, und Goethe und ich tanzten nach dem Klavier Menuetten. Und darauf sagte er uns eine vortreffliche Ballade von Ihnen her, die ich noch nie gehört: „Dein Schwert, wie ist’s vom Blut so rot, Edward, Edward?“ Er hat sie mir auf meine öftere Bitte den andern Tag nach seiner Rückkunft in Frankfurt, aber ohne Brief, geschickt. 

Herr Schlosser ist ein guter, sehr guter Mann — nur ein wenig zu viel Weltfirnis. Er hat mich sehr lieb, und mehr, dünkt’s mich, als Goethe, das mir doch leid ist ...

Sie wollen im Sommer wiederkommen.

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