> Gedichte und Zitate für alle: W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen......12.08.1766 Horn an Moors (10)

2015-08-17

W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen......12.08.1766 Horn an Moors (10)



1766

12. August


Leipzig. Horn an Moors

In Frankfurt hatte Wolfgang Goethe in den letzten Jahren besonders mit den Nachbarssöhnen und Altersgenossen Horn, Riese, Kehr und Moors verkehrt. Riese und Kehr gingen im Herbst 1865 nach Marburg, Moors nach Göttingen. Ostern 1766 folgte Horn seinem Freund Goethe nach Leipzig und konnte bald über ihn berichten.

Das ist immer noch der stolze Phantast, der er war, als ich herkam. Wenn Du ihn nur sähst, Du würdest entweder vor Zorn rasend werden oder vor Lachen bersten müssen. 

Ich kann gar nicht einsehen, wie sich ein Mensch so geschwind verändern kann. Alle seine Sitten und sein ganzes jetziges Betragen sind himmelweit von seiner vorigen Aufführung unterschieden. Er ist bei seinem Stolze auch ein Stutzer, und alle seine Kleider, so schön sie auch sind, sind von so einem närrischen goüt, der ihn auf der ganzen Akademie auszeichnet. Doch dieses ist ihm alles einerlei, man mag ihm seine Torheit Vorhalten, soviel man will.

Man mag Amphion sein und Feld und Wald bezwingen, 
Nur keinen Goethe nicht kann man zur Klugheit bringen.

Sein ganzes Dichten und Trachten ist nur, seiner gnädigen Fräulein und sich selbst zu gefallen. Er macht sich in allen Gesellschaften mehr lächerlich als angenehm. Er hat sich — bloß weil es die Fräulein gern sieht — solche porte-mains und Gebärden angewöhnt, bei welchen man unmöglich das Lachen enthalten kann. Einen Gang hat er angenommen, der ganz unerträglich ist. Wenn Du es nur sähest!

II marche ä pas comtes
Comme un recteur suivi des quatres facultees.

Sein Umgang wird mir alle Tage unerträglicher, und er sucht auch denselbigen, wo er kann, zu vermeiden. Ich bin ihm zu schlecht, daß er mit mir über die Straße gehen sollte. Was würde der König von Holland sagen, wenn er ihn in dieser Positur sähe ? 

Schreibe doch bald wieder einmal an ihn und sage ihm die Meinung; er bleibt sonst samt seiner gnädigen Fräulein närrisch. Wenn mich nur der Himmel, solange ich hier bin, vor einem Mädchen bewahrt, denn das hiesige Weibsvolk ist ganz des Teufels. Goethe ist nicht der erste, der seiner Dulcinea zu Gefallen ein Narr ist. Ich wünschte nur, daß Du sie ein einzig Mal sähest. Sie ist die abgeschmackste Kreatur von der Welt. Eine minecoquette avec un air hautain ist alles, womit sie Goethen bezaubert hat. 

Lieber Freund, ich wäre hier noch einmal so vergnügt, wenn nur Goethe noch so wäre wie in Frankfurt. So gute Freunde wir auch sonst waren, so vertragen wir uns jetzo kaum [keine?] eine Viertelstunde. Doch mit der Zeit hoffe ich ihn noch zu belehren, ob es schon schwer ist, einen Narren klug zu machen. Doch ich will alles Mögliche dran wagen. 

Ach, fruchtete dies mein Bemühen!
Ach, könnt ich meinen Zweck erreichen!
Ich wollt nicht Luther, nicht Calvin 
Noch einem der Bekehrer weichen.

Du kannst ihm nur alles wiederschreiben, was ich Dir hier erzählt habe. Es ist mir recht lieb, wenn Du es tust. Es ist mir weder an seinem noch an der gnädigen Fräulein Zorne etwas gelegen. Denn er wird doch nicht so leicht bös auf mich. Wann wir uns auch gezankt haben, so läßt er mich doch den andern Tag wieder zu sich rufen ...

Goethe empfiehlt sich Dir. Er schriebe gern an Dich, wenn er nur nicht befürchtete, er möchte morgens mit dintenbekleckten Händen zur gnädigen Fräulein kommen. Wie närrisch sind wir, wenn wir verliebt sind!

"Fräulein" bedeutete damals immer eine Adlige. "Was würde der König von Holland sagen:" Redensart aus dem zu jener Zeit beliebten Theaterstücke "Herzog Michel". 

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