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2015-09-22

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Anfänge der Wissenschaft Seite 57



ANFÄNGE DER WISSENSCHAFT

Vor allem liegen in der Weimarer Frühzeit die Anfänge zu Goethes systematischer Naturforschung, welche ebenfalls erst Italien völlig entwickeln und begründen sollte. Von Kind auf mit einem tiefen Gefühl begabt für das Weben und Walten der Natur, für das Ganze der wachsenden Erscheinungen und zeugenden Kräfte mit der menschlichen Mitte, vollwacher Aufmerksamkeit für die Formen und Vorgänge der Landschaft, und voll dichterischem Mitschwingen mit allem Lebendig-Erscheinenden, hat Goethe doch erst in Weimar Anlaß gefunden, sich über den Grund seines allgemeinen Naturgefühls, über die Wirkungen und Gegenstände, über die Reiche und Mittel, über die Kräfte und Formen der Natur zu unterrichten, anschaulich und eindringlich sich ihrer zu bemächtigen, und erst Italien eröffnete ihm dies Reich völlig und half ihm die Organe zu seiner Eroberung auszubilden. Denn eines lebendigen, ja praktischen Anlasses bedurfte es bei Goethe: nie ging er von einem abstrakten Suchen nach der Wahrheit oder Erkenntnis aus, jede Erkenntnis ist bei ihm das Hell- und Deutlichwerden, die Anwendung und Folge eines Bedürfnisses welches ihm durch seinen Lebensdrang oder seine Lage erwuchs, und erst das tätige Leben in Weimar nötigte ihn zum Forschen, Erkennen und Wissen über das Fühlen, Ahnen und Schauen seiner sentimentalischen und titanischen Epoche hinaus.

In Weimar erwacht sein Bedürfnis nach vertiefter Naturkunde, aber erst Italien gewährte ihm die innere und äußere Freiheit dies Bedürfnis zu befriedigen. Er hat selbst in einem seiner reichsten Aufsätze, der Geschichte seines botanischen Studiums (1817) den Anteil der weimarischen Umgebung an der Entwicklung seines naturwissenschaftlichen Studiums dargelegt. Dort heißt es: „In das tätige Leben jedoch sowohl als in die Sphäre der Wissenschaft trat ich eigentlich zuerst als der edle weimarische Kreis mich günstig aufnahm; wo außer andern unschätzbaren Vorteilen mich der Gewinn beglückte, Stuben- und Stadtluft mit Land-, Wald- und Gartenatmosphäre zu vertauschen.“

Durch die weimarischen Jagdfreuden wurde Goethe auf das Forstwesen, durch das Forstwesen auf die Waldkunde, durch den Wald auf die Bäume, Moose und Kräuter geführt, immer seinen Weg gehend vom individuellen Erlebnis zur symbolischen Erfahrung, von der praktischen Anwendung zur grundsätzlichen Einsicht: oder wie Goethe selbst es ausdrückt, indem er seinen individuellen Bildungsgang vergleicht mit der Geschichte der Botanik: „ich war vom augenfälligsten Allgemeinen auf das Nutzbare, vom Bedarf zur Kenntnis gelangt.“

Wie das Jagd-und Forstwesen Weimars der Ausgangspunkt von Goethes Botanik ist, so ist das weimarische Bergwesen, auf das erst sein Interesse, dann seine Tätigkeit hingelenkt wurde, der Ausgangspunkt der Geologie. Auch dazu kam er beinah zufällig durch praktische Anregung, als man seinen Anteil an der Wiederherstellung des Ilmenauer Bergwerks verlangte. „Ich dachte mir unerläßlich, vor allen Dingen das Bergwesen in seinem ganzen Komplex mit Augen zu sehen und mit dem Geiste zu fassen: denn alsdann nur könnt ich hoffen in das Positive weiter einzudringen und mich mit dem Historischen zu befreunden.“

Zur Osteologie hatte Goethe (wenn auch schon in Straßburg der Anatomie beflissen) den produktiven Anstoß empfangen durch die Teilnahme an Lavaters Physiognomik. Freilich erst die italienische Reise brachte ihm die zentralen Einsichten mit denen er systematisch forschen konnte. Aber jeder praktische Schritt führte Goethe in ein neues Gebiet der Erkenntnis, und sofern Weimar erst für ihn die Schule der Praxis geworden ist, ward es für ihn auch die Schule seiner weltumfassenden Wissenschaft.

Goethes Weg zur Wissenschaft ist sinnbildlich für die Geburt der echten Wissenschaft überhaupt. Man darf den Forscher und Denker Goethe niemals sondern von dem Dichter, und gerade an dieser Stelle können wir den gemeinsamen Ursprung seiner Wissenschaft und seiner Dichtung aus den Bedürfnissen seiner Lebenskraft selbst deutlicher fassen. So wenig er Dichter um des bloßen Dichtens, um der absoluten Literatur willen war, so wenig war er Forscher um der bloßen Erkenntnis willen, um der abstrakten Wahrheit willen. „Wissenschaft auf dem Papier und zum Papier“ hatte für ihn keinen Reiz. Dichtung und Wahrheit — beide waren ihm Mittel, um seinen Lebenstrieb gestaltet auszuwirken, um sich im Sein zu behaupten und nicht die innere Fülle und die äußeren Massen über sich Herr werden zu lassen. Dichtung und Wissenschaft sind Formen seines Selbsterhaltungstriebs oder seiner Herrschsucht, seines „Willens zur Macht“, es sind höchst geläuterte, durchgeistigte, entselbstete Formen, in denen keine Spur von empirischem Egoismus, von Utilitarismus, mehr waltet: aber niemals hat Goethe selbst vergessen, daß der Ausgangspunkt seiner Wissenschaft nicht der absolute Geist sondern das bedingte Leben sei, nicht der Begriff sondern das Bedürfnis, nicht das Denken sondern die Sinne.

Jene seit Plato in höherem Ansehen stehenden Kategorien, des absoluten, reinen, zwecks und bedürfnislosen Vernunftbereichs erkannte er wohl als mögliche Ziele oder Folgen wissenschaftlicher Betätigung, und forderte zum mindesten selbstlose Hingabe des Einzelnen an den Gegenständ. Aber Selbstlosigkeit des forschenden Individuums, die erste Forderung jeder Wissenschaft, darf man nicht verwechseln mit Selbstlosigkeit des Lebens das den Einzelnen zum Forschen treibt. Das Bewußtsein des Einzelnen muß frei von Zwecken sein, aber das Forschen, der selbstlose Forscherdrang des Einzelnen, ist selber nur Organ eines Lebenswillens welcher durch ihn wirkt. Noch in der abstrakten Intellektualität, in der scheinbar freischwebenden Kontemplation, in dem Ideenreich Platos, im amor intellectualis Dei Spinozas, in der reinen Vernunft Kants, so gelöst von allem bewußten Zweck solche Lehren sind, ist ein Wille, ja eine Herrschsucht wirksam — wenn auch unbewußt den empirischen Personen der Verkünder. Dies als ein moralisches Urphänomen begriffen zu haben ist eine Leistung Nietzsches, es als eine biologische Tatsache verkündet zu haben, eine Leistung des Pragmatismus, es erkenntnistheoretisch, psychologisch und metaphysisch ausgebeutet zu haben, eine Leistung Henri Bergsons.

Ohne eigentlich philosophische Ansprüche ist Goethe deren Vorläufer, indem er einfach biographisch seinen Weg zur Wissenschaft darlegte und den individuellen Triebkräften nachging die bei ihm allgemein zu Grundsätzen wurden. „Was man nicht nützt ist eine schwere Last“ „Wir sind aufs Leben und nicht auf die Betrachtung angewiesen“ „Was fruchtbar ist allein ist wahr“ „Ich halte für wahr was mich fördert“ das heißt nicht, das was mir Vorteil bringt oder was ich brauchen kann, sondern das wodurch mein Leben die ihm innewohnenden Möglichkeiten reiner, deutlicher, gestalteter verwirklicht. „Wahrheit“ ist für ihn also nicht ein absolutes Erkenntnisprinzip, ein Kriterium an dem er das Leben mißt, sondern umgekehrt: er mißt die Wahrheit am Leben — er ist nicht, wie neuerdings absurderweise behauptet worden ist, ein Schüler Kants, sondern der äußerste Gegensatz der in Deutschland gegen Kantische Denk-und Fühlweise überhaupt zu finden ist. Und so war er sich von vornherein klar daß alle seine Erkenntnis nur eine Auswirkung seines Lebens sein werde, wie seine Dichtung auch, und als Heilmittel oder Machtmittel hat er in den Krisen seines Lebens immer wieder die Erkenntnis der Gottnatur begriffen und errungen.

In Weimar hat er ihre wohltätige Wirkung erfahren, in Italien, wo die objektive Welt mit gesteigerter Wucht auf ihn eindrang, mußte er immer tiefer sich der Mittel zu ihrer Beherrschung und Ordnung bemächtigen. Es spricht für die objektive Helligkeit seiner Erkenntnis, daß er niemals die vitalen Ursprünge und Grenzen seiner Wissenschaft, die biotische Bedingtheit seines Denkens verkannt hat, daß er niemals dem absoluten Geist verfallen ist, wie die Naturphilosophen und apriorischen Konstrukteure, daß er vor allem immer (das ist besonders der Sinn und das Verdienst seines Streits mit Newton über die Farben) den Menschen und des Menschen Organe als sinnliche Urphänome gegenwärtig hatte. Es spricht andrerseits für die Sicherheit seines Instinkts daß er, der Anlage nach einer der dunkel-drangvollsten, gefühlüberschwenglichsten, widerrationalsten Menschen, sich zur Heilung in die intellektuelle Klarheit begab, sich zur vollkommensten Denkordnung erzog und es fertig brachte, die ganze dunkle angeborene Tiefe seiner Lebensfülle in helle Begriffe, Einsichten, Reflexionen, Maximen, Sentenzen heraufzuheben.

Daß Goethe uns heut der weiseste Mensch erscheint ist nicht so selbstverständlich — wäre er vor der italienischen Reise gestorben, so würde er immer als ein Genie, nicht als ein Weiser dastehn, nicht als ein Mensch der die Begriffe mit gleicher Meisterschaft beherrscht wie die Anschauungen und Gefühle. In jedem Genie steckt auch das Begriffsvermögen, aber nicht für jeden ist es das Heilmittel, wie für Goethe . Nicht jeder bildet es aus unter dem Druck vitaler Bedürfnisse wie Goethe, erst in Weimar, dann, doppelt bedrängt von der Fülle der Welt, in Italien. Aber nur als Heilmittel behandelte Goethe seine Erkenntnisse — nicht alles was er erkannt hatte sprach er aus, seine tiefste Weisheit verschwieg er oder stellte sie nur im Zeichen und Gebild in die Welt. Auch darin unterscheidet er sich von den absoluten Denkern, welche ein System haben und um des Systems willen denken und lehren. Wie er an eine absolute Erkenntnis nicht glaubte, eben weil er sich der vitalen Bedingtheit alles Erkennens bewußt war, so verbot er auch geradezu die erkannte Wahrheit um jeden Preis auszusprechen. Auch das gehörte zu dem Maß und der Bescheidung deren Anfänge in die Weimarer Zeit fallen. Man kann die zum Verständnis Goethes wie als Weisheit gleich wichtigen Worte nicht oft genug wiederholen: „Der Mensch ist nicht geboren die Probleme der Welt zu lösen, sondern zu suchen wo das Problem angeht und sich sodann in den Grenzen des Begreiflichen zu halten. Die Handlungen des Universums zu messen, reichen seine Fähigkeiten nicht hin und in das Weltall Vernunft bringen zu wollen ist bei seinem kleinen Standpunkt ein sehr vergebliches Bestreben.. Auch sollen wir höhere Maximen nur aussprechen, insofern sie der Welt zugute kommen, andre sollen wir bei uns behalten, aber sie mögen und werden auf das was wir tun wie der milde Schein einer verborgenen Sonne ihren Glanz breiten.“

Seine Theorien werden niemals Selbstzweck, und so klar begrifflich durchgearbeitet alle seine wissenschaftlichen Schriften sind: niemals verlieren sie, wie selbst die unsrer meisten großen Philosophen, den Boden unter den Füßen aus dem sie gewachsen sind. Seine Sätze sind nie „abstrakt“, d. h. abgezogen von ihrem Sprecher, nie absolut d. h. losgelöst von ihrer Wirklichkeit in Goethes Dasein. Sie sind die natürlichen Ergebnisse eines ganzen Menschen mit all seinen unerschöpflichen Augenblicken und Beziehungen. Es sind Gelegenheitsgedanken in demselben Sinne wie er seine Gedichte Gelegenheitsgedichte genannt hat: die Geburten seiner fruchtbaren Augenblicke, gedanken-gewordene Augenblicke seines Lebens. Der Gegensatz dazu wären Gedanken die notwendige Glieder eines von vornherein angelegten Systems darstellten, etwa die Hegels. Hegel kommt im Verlauf seiner Enzyklopädie auch auf die Farben zu sprechen, weil sein System eine Lücke hätte, wenn er nicht auch über die Farben spräche. Dies Prinzip der Vollständigkeit ist Goethe fremd, wie denn überhaupt seine Universalität mit Vollständigkeit nichts zu tun hat. Wenn er über Farben, Steine, Knochen, Kräuter, Bilder usw. spricht, so geschieht es nie, um sie in irgendein Gedankensystem einzuordnen, welches von irgendeinem Punkt aus sein Geist sich vorgezeichnet hat, sondern weil er auf dem Wege seines Lebens mit diesen jeweiligen Erscheinungen in aktive oder passive Berührung gekommen ist, weil sie ihm „Erfahrungen“ geworden sind, Widerfahrungen, Begegnisse. Weil er nun, und zwar wesentlich durch seine Berufung nach Weimar und seine italienische Reise, nach und nach mit allen typischen Erscheinungen in Berührung kam, und als ein aufmerksamer, unermüdlicher und tiefdringender Mensch sie alle in ihrem ganzen Umkreis und all ihren Verknüpfungen zu erkennen strebte, so ist er, bei seinem langen und ausgebreiteten Leben, gelegentlicher Erforscher aller menschlichen Anlässe und dennoch ein Kenner des Alls geworden, nach seinem Grundsatz „Willst du ins Unendliche schreiten, geh nur im Endlichen nach allen Seiten“. Aber freilich wäre selbst dann seine Universalität nur fragmentarisch, ein Kosmos aus Stücken, wenn ihm nicht das All symbolisch in jeder seiner Erscheinungen gegenwärtig gewesen wäre: in sich selber fand er die vorwegnehmende Einheit, die verknüpfende Deutung der heterogensten Natur? erscheinungen vom menschlichen Herzen bis zum Stein in den Grüften. Wie ihm jeder Augenblick ein Repräsentant der Ewigkeit war, nicht ein isolierter Zeitabschnitt, sondern der Träger aller Zeitfülle aus der er hervorgestiegen, von der er hervorgedrängt war, so ist ihm jedes einzelne Phänomen, jede Gestalt oder Kraft symbolisch für die gesamte Wirkung der Gottnatur: unermüdlich war er diese Erkenntnis, oder vielmehr diesen Glauben — denn es ist eine Idee, eine Anschauungsart, keine Erfahrung — zu formulieren. „Ich bin ewig, denn ich bin“ „Es ist das Ewig Eine das sich vielfach offenbart“ „Das Ewige regt sich fort in allen“ usw.



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