> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Charlotte von Stein Seite 59

2015-09-24

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Charlotte von Stein Seite 59



CHARLOTTE VON STEIN

Wir haben in Goethes Verhältnis zu Karl August, in seiner Erzieherrolle und in dem Pflichtenkreis des Weimarischen Hof-und Staatsmannes halb freiwillige, halb erzwungene Mittel zur Sozialisierung, zur Enttitanisierung gesehen. Damit zusammen, in Wechselwirkung, gehen die Anfänge des Objektivierungsprozesses durch welchen Goethe aus einem Naturdurchfühler zum Naturerforscher wurde. Beide Schicksalskreise, die Gesellschaft wie die Natur, hat Goethe mit einiger Bewußtheit als Heilmittel aufgesucht, um aus jener doppelten Not herauszukommen: dem Drang des überfüllten Innern und dem Mangel an angemessenem Tätigkeitsraum. Diese doppelte Not ist eigentlich nur eine, und nur je nachdem man sie von außen oder von innen betrachtet stellt sie sich unter diesen zwei Aspekten dar.

Ein drittes Heilmittel hat er nicht gesucht, sondern gefunden: die Liebe zu Charlotte von Stein. Diese Liebe ist unter den seelischen Vorstufen und Übergängen zum italienischen Erlebnis am wirksamsten, weil sie mehr als die andren vom Herzen ausging, weil sie Goethe von innen nach außen umbildete, während das Weltwesen und die Naturbetrachtung mehr Umbildung von außen nach innen waren. Indes Goethe sich die Klarheit und Ordnung beinah gewaltsam (wie er bei seinem Übermaß damals nicht anders konnte) erringen wollte, durch die Übung und Läuterung seiner Sinne und Fähigkeiten im Kampf mit selbstgesuchten oder von außen gestellten Aufgaben, ergriff sein ganzes Inneres eine Leidenschaft welche ihn dem ersehnten Maß und der erstrebten Reinheit näher brachte als alle bewußten Bildungsversuche, und sein titanisches Übel gleichsam homöopathisch heilte.

Wir begegnen hier wieder dem typischen Schicksal Goethes: daß seine großen Krisen gleichzeitig durch Bildungserlebnisse und durch Urerlebnisse vorbereitet und bewirkt werden, daß seinem inneren Bedürfnis immer der äußere Zufall entgegenkommt, daß sein Daimon mit seiner Tyche in Wechselbeziehung waltet. So ist ihm, als er in Straßburg den Durchbruch aus dem rationalistischen Rokoko zum schöpferisch freien Naturkult vollziehen mußte, gleichzeitig durch Herder eine neue Bildungswelt und durch Friederike eine neue Liebe aufgegangen, welche ihn aus dem gesellschaftlich Bedingten zur Natur und freien Atmosphäre führten. So hat ihm, als die Wertherkrise ihn bedrängte, gleichzeitig eine äußere Erfahrung, wie der Selbstmord Jerusalems und die eigne Leidenschaft zur Entladung geholfen. Und so ist ihm Charlotte von Stein zum inneren Schicksal geworden, als ein äußeres Schicksal von ihm Ordnung und Maß verlangte, als seine seelische Lage ihm die titanische Unruhe und Spannung unerträglich machte. Wie Shakespeare, Herder und Friederike, so gehören für ihn Weimar, Spinoza und Charlotte von Stein zusammen: es sind nur verschiedene Stufen derselben Wandlung.

Dem Historiker, der ein Werden faßlich machen will, muß es erlaubt sein ein Vorher und Nachher, ein Inneres und Außeres zu unterscheiden, wo für das Erleben und Geschehen selber nur eine komplexe Einheit vorliegt: so erscheinen uns auch alle einzelnen Lebensstufen Goethes von seinem Gesamtleben aus, wie es vor uns ausgebreitet ist, als Ursachen und Folgen, als Vorbereitungen und Inhalte, der geistigen, zumal sprachlich dichterischen Niederschläge, in denen Goethes Leben für uns verewigt ist, um derentwillen wir uns um Goethes Leben kümmern. Goethe selbst aber hat nicht gelebt, um zu dichten, sondern er hat gedichtet, weil er gelebt hat, und der Literaturhistoriker hat daher die dreifache Aufgabe, 1.) jeden Lebensmoment Goethes selbständig zu betrachten, wie er von Goethe erlebt wurde, ohne Rücksicht auf das Ganze seiner Existenz, welche wir überschauen, aber nicht er 2.) diesen Moment als eine Stufe von Goethes gesamter Existenz anzuschauen 3.) ihn als Ursache, Stoff oder Gehalt seines Schaffens zu erforschen. So ist uns auch seine Liebe zu Charlotte von Stein eine selbständige Leidenschaft, ein Bildungsmoment und ein dichterischer Gehalt seiner voritalienischen Jahre. Was hat er an dieser Frau geliebt? Was hat diese Liebe in ihm verwandelt? Wie hat sich diese Liebe und diese Wandlung in seinem Werk geäußert?

Charlotte von Stein reifte den Leidenschaftlichen durch die Leidenschaft selbst für sein italienisches Leben — sie vertiefte seine Weimarischen Bildungserlebnisse durch ein Urerlebnis, und erreichte durch eine neue Verinnigung mehr als das übrige Weimar durch Ablenkung, Beschäftigung und Vergegenwärtigung. Wenn nicht Charlotte von Stein selbst, so ist jedenfalls seine Liebe zu ihr seine wichtigste Erzieherin für Italien. Denn dies ist angesichts neuerer subalterner Angriffe gegen Charlotte von Stein vorauszuschicken: es geht uns wenig an wie Charlotte von Stein „wirklich“ gewesen ist, sondern was Goethe in ihr gesucht, gefunden und gesehen hat. Ob er das Recht gehabt hat sie zu lieben, das mögen jene platten Gesellen unter sich ausmachen und ihm auf Grund von Auskunfteismethoden und Lakaienpsychologie dies Recht absprechen. Charlotte von Stein lebt weiter und lebt nur durch das was sie für Goethe gewesen und als was Goethe sie verewigt hat — ihr Leben ist eingegangen in das seine und aufgehoben in dem seinen.

Wir haben kein authentischeres Mittel die Wirklichkeit Charlottes festzustellen als das Bild das sie in Goethes Seele hervorgebracht und das er uns aufbewahrt hat, durch unmittelbares Bekenntnis oder durch dichterische Verklärung. Goethe hat von dieser Frau mehr gesehn und gewußt als alle Nachgeborenen aus etwaigen Nachlaßfetzen oder aus Berichten von Zeitgenossen herauslesen können . . und wer grämliche oder bittere Momente, wie sie in solchen Nachlaßfetzen oder Anekdoten festgehalten sind, isoliert und dann verallgemeinert — eine Versuchung der wohl moderne Literarhistoriker auch ohne den Lakaieinstinkt erliegen können aus einem falschen Glauben an die Authentizität des Zufälligen — der verfährt wie einer der etwa eine fratzenhafte Momentphotographie Bismarcks als Vertrauenswürdigen Ausdruck von Bismarcks Wesen den Bildern Lenbachs vorzieht. Nur das symbolisch Fruchtbare, nicht das zufällig Passierte hat Wirklichkeit, und wenn bei einem romantischen Gemüt allenfalls die Idealisierung ausgehen kann von einer zufälligen Erscheinung, wenn die erotische Einbildungskraft überhaupt auf der Mohrin Stirn Helenens Reiz sehen kann: gerade Goethes Art war es nicht, seine Ideale, d. h. die Gestalten seiner geistigen Ansprüche, aus der Luft zu ballen oder an einen beliebigen Gegenstand anzuschichten. „Der Geist des Wirklichen ist das einzige Ideelle“ das war sein Satz, und er hat keine Schönheit ersonnen deren konkretes und wirkliches Gegenbild ihm nicht hier auf Erden begegnet war. Es gibt in seinem Dasein keine platte Zufälligkeit, und wenn ihm unter tausend Frauen gerade Charlotte von Stein das Glück der nächsten Nähe, die Besänftigerin, Frö Mäze wurde — wie man im Mittelalter das Ideal personifizierte welches sie ihm vertrat — so hat er ihr nicht aus Laune und Willkür diese Huldigung durch ein Jahrzehnt hindurch erwiesen wie keiner andren Frau, sondern genötigt durch eine sinnlich-sittliche Kraft die in ihr verkörpert war, wie in keiner andren.

Aber freilich: nicht in jedem Abschnitt seines Lebens hätte ihm gerade diese Frau das bedeuten können, und nicht in jedem Abschnitt seines Lebens hat sie ihm das bedeutet. Wäre dieselbe Charlotte ihm zur Zeit seit seiner Wertherkrise begegnet, sie wäre damals kein Schicksal für ihn geworden: denn damals verlangte sein Dämon eine andre Tyche, sein Geist eine andre Verkörperung des Ideals .. und wenn sie ihm nach der Rückkehr aus Italien nicht mehr dasselbe bedeutete, so geschah dies nicht, weil sie ihn enttäuscht hätte, oder weil er sie jetzt in ihrem wahren Charakter und Unwert durchschaut hätte, oder weil sie sich verändert hatte, sondern weil dieselbe in ihr beschlossene Wirklichkeit die ihn ehemals begeistert, die er bedurft hatte, für seine damalige Lebensstufe keine Notwendigkeit mehr war. Sie hatte ihre Aufgabe erfüllt und konnte ihm, beim besten Willen Goethes zur Dankbarkeit und zur Anerkennung ihres absoluten Werts, und ihres relativen Verdiensts um ihn, nicht mehr die Mitte seines Daseins bedeuten wie in jenem Jahrzehnt der Huldigung.

Aber das was sie wirklich war und was er in den achtziger Jahren des 18. Jahrhunderts zur Umbildung seines Wesens bedurfte, ihre Wirklichkeit und seine Notwendigkeit, entsprachen einander und darum hat er die unscheinbare und sanfte Frau geliebt, in ihr den Inbegriff der Schönheit, Seelenshoheit und Reinheit finden können und die Bürgschaft des Glücks, wie seinerzeit in Lotte, in Friederike und Lili. Wenn Schönheit „une promesse de bonheur“ ist, so ist die Liebe zur Schönheit Drang des Menschen nach diesem Glück. Je tiefer der Instinkt eines Menschen, je dämonischer, je weniger zufällig das Schicksal eines Menschen ist, d.h. seine Kraft aus Raum und Zeit das auszuwählen was ihn fördert, das auszuscheiden was ihn hemmt und mindert, desto sicherer wird ihm das als das Schöne erscheinen was ihm auf seiner jeweiligen Lebensstufe das Fördernde ist. Ja der Unterschied zwischen einem glückhaften und einem unglückhaften Leben besteht geradezu in der Sicherheit und Richtigkeit seiner Auswahl, seiner Liebe — nicht in dem größeren oder geringeren Quantum an Leid oder Lust. Nimmt man (wie Goethe in der ganzen Natur) so in seinem Leben eine Polarität zweier entgegengesetzter aber zusammenwirkender Bildungskräfte an, einer ausdehnenden und einer zusammenziehenden, oder einer herrschsüchtigen und einer hingebenden, so entsprechen auf der frühweimarischen Stufe seines Daseins seine gesellschaftlichen und naturwissenschaftlichen Bemühungen um Selbstbehauptung in der Welt und Eroberung der Welt dem Straßburger und Wetzlarer faustischen Titanendrang, und seine Liebe zu Charlotte von Stein ist die jetzige Stufe und Form desselben hingebenden Triebs der sich früher im Werther entlud.

Er hatte einst, als übersozialer Mensch, seine Selbstbehauptung und Welteroberung durchzusetzen gemeint durch ein allumfassendes Schöpfertum, dessen dichterische Sinnbilder Faust, Mahomet, Prometheus sind, und damals entsprach es seinem Gesamtzustand, daß er das Schöne fand in einem Unerreichbaren oder Verbotenen, z. B. der Braut eines andren. Jetzt, da er sozialisiert und objektiviert werden sollte, kann auch die Geliebte für ihn nicht mehr der Gegenstand einer dumpf-süßen Begier sein, sondern ein deutliches und ihn verdeutlichendes Wesen, nicht eine passive Schönheit, um welche seine Flammen und Wellen gestaltlos schlugen, sondern eine aktive Seele, welche der seinen mit eignem Feuer und eigner Kühle antwortete. Charlotte von Stein ist die erste Geliebte Goethes die nicht nur durch ihr bloßes Vorhandensein, sondern durch ihr So-und-nichts-anders-sein, durch ihr Tun und Lassen, durch ihren besonderen Charakter auf Goethe gewirkt hat. Sie hat in seinem Dasein nicht nur als Krise oder Schicksal gewaltet, sondern als Erzieherin, und ist in der Tat bisher die einzige Frau die ihm zwar nicht geistig und welthistorisch, aber seelisch ebenbürtig war: sie gehört als Individuum, als Persönlichkeit zu den wenigen epochemachenden Erscheinungen in seinem Leben, neben Herder, Karl August und Schiller. Friederike, Lotte, Lili vorher und Minna Herzlieb, Marianne Willemer, Ulrike vonLevetzow nachher sind Anlässe oder Episoden auf seinem Lebensgang gewesen, oft sehr entscheidende und für seine Produktion bedeutsame . aber in keinem dieser Verhältnisse ist die Geliebte als Charakter selbst das formende Prinzip der Goethischen Leidenschaft, man kann beinah sagen das männliche Prinzip. Sie sind Anregungen, Entzünderinnen, Spiegelungen, Brennstoff für Goethes Liebe, die in ihm bereit war und gerade dieser jeweiligen Anlässe bedurfte, um sich zu verwirklichen. Diese anmutigen und schönen Mädchen oder Frauen hat er geliebt um ihres Weiblichen willen — die Art wie sie in seine Produktion eingegangen sind beweist es. Er hat alle Stufen der Erotik von dem materiellen Genuß bis zur mystischen Ekstase, von den römischen Elegien bis zur »Seligen Sehnsucht« und der Marienbader Elegie durchlebt und durchdichtet wobei der Mann, als der eine Pol der Schöpfung, genießend, begehrend, strebend, zum zeitlich oder ewig Weiblichen hingezogen wird. Die Liebe zu Lida war davon nicht gradmäßig, sondern artmäßig verschieden (nicht etwa durch den dummen Gegensatz von „sinnlich“ und „geistig“ den es in keiner wirklichen Liebe gibt) sie war, mag ihr Ausgangspunkt immer die Anziehung zwischen Mann und Weib gewesen sein, in ihrer Bedeutung und ihrer Folge vor allem die Liebe zwischen Mensch und Mensch, deren letzter Sinn — das ist der wesentliche Unterschied — nicht der Wille zum Genuß oder zum gegenseitigen Besitz ist, sondern der Wille zur gegenseitigen Formung. In Goethes Leben ist die Liebe zu Charlotte von Stein das einzige Beispiel einer derartigen Gegenseitigkeit, und Lida die einzige Diotimaartige Gestalt in seiner Geschichte.



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