> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Charlotte von Stein Seite 60

2015-09-24

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Charlotte von Stein Seite 60



Also: Charlotte von Steins Bedeutung in Goethes Dasein ist nicht so sehr die Intensität oder Dauer seiner Leidenschaft für sie—sondern dies daß hier in seinem Leben das einzigemal die Liebe das formende Prinzip schlechthin ist. Liebe ist sonst für ihn das belebende, oder das erlösende Prinzip, nicht das formende. Nur in der großen Krise, da er vom Weltgefühl zur Weltschau überging, vom Werthertum zum italienischen Klassizismus, hat er eine Frau gefunden die ihm zwischen Gefühl und Schau eine Einheit herstellte, und ihm in der Gefahr der ersten Weimarer Jahre, sich zwischen nicht mehr allmächtigem Ich und noch nicht beherrschter Welt im Experimentieren zu verzetteln, ein Zentrum gab durch die Liebe, und zwar durch eine gestaltgebende, nicht gestaltauflösende Liebe. In seinen Wetzlarer Jahren hatte er sein Zentrum in dem titanischen Ich, welches durch die Liebe nur erschüttert, nicht gestaltet zu werden brauchte, um sich gegen dieWelt zu behaupten. Nach der italienischen Reise war für Goethe die Schau der Welt selbst geformt und formgebend, und die Liebe seiner späteren Jahre bedeutete in der Ökonomie seines Lebens nur das Mittel ihn vor Erstarrung zu bewahren, ihn zu lockern, ja fast ihn zu vermenschlichen, wenn die Welt der Dinge und Gesetze in die er eindrang ihn zu erstarren drohte. Aber in jener Zeit, da er weder im Gefühl noch im Schauen, weder in den Menschen noch in den Dingen ganz sicher, ganz Herr seiner selbst, d.h. gestaltet war, rettete ihm Frau von Stein durch ihre Liebe beides, da sie zugleich Leidenschaft erregte und Maß gab, als eine zugleich feurige und besonnene, holde und strenge Natur, von beweglichem und schmiegsamem Temperament und zugleich festem, klarem, und reifem Charakter.. anmutig genug um Goethes Phantasie und Sinne zu beschäftigen und umsichtig weise genug um seinen Geist zu bannen.

Nur von da aus versteht man die besondere Art seiner Huldigungen, nur wenn man in ihr eine Erzieherin, eine Formbringerin sieht, gilt jener Vergleich mit Shakespeare

Einer Einzigen angehören,
Einen Einzigen verehren,
Wie vereint es Herz und Sinn!
Lida! Glück der nächsten Nähe,
William! Stern der schönsten Höhe,
Euch verdank ich was ich bin.

Das ist keine leere Vergötterung, sondern drückt die Stellung Lidas in seiner damaligen Welt aus. Er bezeichnete mit Shakespeare den weitesten Umfang, mit Lida die innigste Mitte seiner geistigen Welt. . mit Shakespeare seine Fülle, mit Lida sein Ideal, ja seine geistige Form. Er hat als alter Mann eine Eigentümlichkeit seines Geistes darin gesehen, daß er das Ideale, die Idee nur unter weiblicher Form konzipieren könne: diese geistige Präformation ist durch Charlotte von Stein wenn nicht bedingt so doch befestigt worden. Seine weiblichen Verkörperungen des „Idealen“ wie Iphigenie und die Prinzessin imTasso sind Abgüsse der Form die Lida seinem Innern durch ihr Sein und ihr Lieben eingeprägt. Er hat sich gleichsam an ihr versehen und seine weiblichen Gestalten aus der frühweimarischen Zeit zeigen, wenn auch erst in italienischer Sonne gereift und ausgetragen, die Züge seiner maßgebenden Geliebten. Sie war ihm und bewahrte ihm allein in der Hetze des Weimarischen Treibens was er vor allem suchte und bedurfte: Gestalt. Er hat diese Festigkeit und einzige Sicherheit selbst in einem jener Gedichte gepriesen, wie er sie als Dankgebete von Station zu Station auf dem Hinundher seiner Hof- und Amtsreisen an die Geliebte schickte:

Den Einzigen, Lida, welchen du lieben kannst,
Forderst du ganz für dich, und mit Recht.
Auch ist er einzig dein. Denn seit ich von dir bin,
Scheint mir des schnellsten Lebens lärmende Bewegung 
Nur ein leichter Flor, durch den ich deine Gestalt 
Immerfort wie in Wolken erblicke:
Sie leuchtet mir freundlich und treu,
Wie durch des Nordlichts bewegliche Strahlen 
Ewige Sterne schimmern.

Auf die Frage was Goethe in Charlotte gesucht hat, was für ihn das Schöne, das Notwendige, das Erlösende in ihr war, gibt dies Gedicht und jener Rückblick deutliche Antwort. Goethe war keine bloß auf Tätigkeit und Erkenntnis gestellte Natur und bedurfte auf jeder Stufe seines Daseins einer menschlichen Gegenwart für seine Liebe: und er hätte in dieser Zeit der Selbstverdeutlichung keine Geliebte ertragen können die nicht in sich ein bewußtes Maß nach außen, Klarheit, Reinheit, Harmonie besaß und bewirkte, sie mußte zugleich auf der Höhe geistiger und seelischer Durchbildung stehen, mit dem Gefühl einer Verantwortlichkeit in der Liebe. All dies unterscheidet Charlotte von Goethes früheren Huldinnen. Diese hatten, wie Friederike, die Harmonie vor dem Konflikt, gleichsam im Naturzustand, nicht im Kulturzustand, oder sie waren wie Lotte und Lili, durch ihre gesellschaftliche Stellung gebunden und hätten deshalb durch eine dauernde Gemeinschaft entweder ihre innere Sicherheit verlieren oder seine Freiheit zerstören müssen. Frau von Stein gehörte zur Gesellschaft, aber sie war dadurch nicht befangen, sie war nicht in dem Sinn Gesellschaftsdame wie etwa Lili. Wenn irgendwo, so war an dem Hof Karl Augusts und der Herzogin Amalie eine lebendig bewegte Menschlichkeit und seelische Freiheit innerhalb des geselligen Gefüges möglich. Charlotte stand auf dem Niveau welchem Goethe damals sich anzupassen suchte. Mit vollkommener innerer Freiheit Grenzen, Stufen und selbst Konventionen anzuerkennen, im Seelischen sich nicht befangen lassen, im Geselligsittlichen nicht mehr opponieren: das ist ja ein Ziel seiner Selbsterziehung. Charlotte hat ihn da« hin gefördert, ja schon die Art solch eines Verhältnisses zu der Frau eines andren ist symbolisch für die innere Haltung dieser Liebe: es führte gar nicht zu einem Konflikt (wozu es in seinen Titanenjahren hätte führen müssen). Die gesellschaftliche Bindung war ja für Goethe jetzt eine reine Konventionssache und Konventionssachen gehörten für ihn nicht mehr zu den Gegenständen der Opposition. Er vermischte die gesellschaftliche und die seelische Sphäre nicht mehr miteinander, und innerhalb der seelischen Sphäre gehörte ihm Frau von Stein völlig, ohne die Rechte ihres Gatten zu schmälern.

Die Ansätze zu Konflikten in dieser Richtung waren freilich in Goethes Naturell gegeben, das im tiefsten Grunde antisozial war, wie das jedes echten Dichters, d.h. überhaupt jedes Menschen der im Wesen der Dinge selbst lebt und nicht in Begriffen welche die andren davon haben. Er hat die Ansätze zu solchen Konflikten im Tasso zu einer Tragödie ausgefaltet: den Konflikt zwischen dem künstlerischen und dem geselligen Menschen. Daß Goethes eignes Leben damals, bei dem Übergang vom Titanismus zur freiwilligen Bindung, nicht heftiger gestört worden ist durch einen Tasso-Antoniokonflikt, das hat er wesentlich der Liebe zu Frau von Stein zu danken: denn was für Goethes titanische Natur ursprünglich ein Zwang sein mußte, wurde ihm durch die Liebe zu dieser innerlich freien und natürlichen, aber gebändigten und gesellschaftlich schmiegsamen Frau ein willkommenes Opfer.

Für sie war die Gesellschaft kein Gefängnis, sondern eine Atmosphäre. In ihrer Gegenwart lernte er, mehr noch als in den Unbändigkeiten des Herzogs, diese Atmosphäre mit der Freiheit verträglich finden. Er hat diese Erfahrungen niedergelegt in den Sentenzen des Tasso, die wir als Dank und Quittung an Charlotte ansehen:

Willst du genau erfahren was sich ziemt,
So frage nur bei edlen Frauen an

Und deutlicher noch, zugleich den Gegensatz bezeichnend den die Beziehung zu Charlotte, die Erziehung durch Charlotte aufzuheben hatte: 

Nach Freiheit strebt der Mann, das Weib nach Sitte.

Sitte in jenem tiefern Sinn: als freiwillige Selbstüberwindung berechtigtigter, natürlicher Egoismen zugunsten der menschlichen Gemeinschaft und des Gleichgewichts, Sitte als tätige und leidende Anerkennung fremder Eigentümlichkeit hat Goethe durch Charlotte lernen wollen und gelernt.

„Von der Gewalt die alle Wesen bindet 
Befreit der Mensch sich der sich überwindet“

„Edel sei der Mensch,
Hilfreich und gutl 
Denn das allein Unterscheidet ihn 
Von allen Wesen Die wir kennen.“

„Wieviel bist du von Andern unterschieden?
Erkenne dich, leb mit der Welt in Frieden!“

In solchen Sentenzen erkennen wir den geistigen Niederschlag einer neuen Sittlichkeit, Sittlichkeit kommt von Sitte und Sitte heißt bei Goethe nicht nur Konvention und Gebrauch, sondern geradezu Humanität. Dieses neue Humanitätsideal, welches in wesentlichen Punkten Umkehr und Abkehr von seinem Natur-und Freiheitskult bedeutet (Die Hymnen „Grenzen der Menschheit“ und „das Göttliche“ sind Palinodieen des „Prometheus“) ist vor allem entstanden aus Goethes neuer Liebe. Erst Charlotte von Stein gab seiner neuen sozialen, selbsterzieherischen Tendenz den eigentlich seelischen Mittelpunkt, und waren die neuen gesellschaftlichen Pflichten und Erfahrungen Material zu einer neuen Humanität: gestaltet konnte sie nur vom Herzen aus werden, und das tat die neue Liebe.

Während Adel, Hilfsbereitschaft, Güte dem jungen Goethe mehr Naturell, Instinkt, Temperament war, wurden diese angeborenen Eigenschaften unter dem Einfluß Lidas für ihn persönliche Forderung, gesetzliches Bedürfnis. Das Soziale, Sittige, Sittliche ist bei Goethe niemals in Kantischer oder Rousseauischer Weise aus dem Intellekt, als Vernunftprinzip oder kategorische Pflicht abgeleitet worden: es ergibt sich als Frucht und Zucht seines Naturells, welches eigenwillig, aber gütig überströmend war. Die Goethische Humanität ist ein individuelles Wachstum, gepflegt durch die Liebe, von jeder moralischen Starre weit entfernt. Er ist sozial und sittlich aus individuellem Bedürfnis und Liebe, und er ist es durch Charlotte geworden. Seine frühere Güte ist so wenig sozial ihrer Begründung nach wie die Großmut des Löwen. Charlotte aber war ihm die verkörperte Sitte, Sophrosyne, Humanitas, und vom menschlich Persönlichen, vom individuell Gelebten aus erhellte und erweiterte sich sein neues Gefühl der Mäßigung, der Demut, des Vertrauens zu dem weltumfassenderen Ideal der Humanität, dessen philosophisch historischen Kodex er in Herders Ideen fand, dessen dichterische Verherrlichung „die Geheimnisse“ werden sollten.



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