> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Charlotte von Stein Seite 61

2015-09-24

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Charlotte von Stein Seite 61



In der Geschichte des modernen Humanitätsideals haben viele Faktoren wechselseitig gewirkt. Die Voltairische Aufklärung, der Winckelmannische Griechenkult, der Rousseauische Freiheits- und Naturkult, die Klopstockische Seelenschwärmerei, die Herderische Völkerlehre, die Kantische Vernunfts und Sittengesetzgebung sind sechs Hauptquellen dieses Stroms: aber ihrer keine hat auf die Goethische Gestaltung und Verkörperung der Humanität einen so zentralen Einfluß gehabt wie die persönliche Gemeinschaft mit einer edlen Frau: denn Goethes Erziehung und Entwicklung wird nicht durch allgemeine Ideen, sondern durch individuelle Erlebnisse bewirkt; die allgemeinen Ideen modifiziert oder entwickelt er an seinen besondersten Erfahrungen. Sein Geist formulierte nur was in seinem Naturell vorgebildet war, und seine Sitte, seine Sittlichkeit, seine Sozialität und Humanität (all das ist bei ihm kaum zu trennen) hat sich entwickelt aus seiner Liebe, die ein unvermeidliches Urerlebnis war, und hat sich entwickelt an und mit seinen Bildungserlebnissen, wozu ich seinen weimarischen Berufs-und Gesellschaftskreis sowie seine ersten wissenschaftlichen Bemühungen rechne. Frau von Stein hat nicht nur negativ ihn vom Titanentum abgewendet, sondern ihn positiv zu einem Humanitätsideal um-oder wenigstens vorgebildet.

Der sinnliche Mensch, der Dichter kann kein Ideal konzipieren das ihm nicht in der Wirklichkeit als Wunschbild begegnet ist, als sichtbare Vergegenwärtigung eines erst nur gefühlten Bedürfnisses. Eine Iphigenie, eine Prinzessin erfindet man nicht, ja man kopiert sie nicht einmal aus frührer Dichtung — denn nicht der Komplex von Eigenschaften, der sogenannte „Charakter“ ist das Dichterische, das eigentümlich Lebendige dieser Gestalten, sondern die Haltung, Gesinnung, Beseelung . . und diese setzt ein menschliches, kein literarisches Vorbild voraus, wobei nicht einmal nötig ist daß der Dichter ein bewußtes Konterfei im Sinne gehabt hat: es genügt, daß bei der Konzeption und Ausgestaltung sein Geist mit der Wirkung einer bestimmten Gestalt gefüllt, seine Phantasie mit einer bestimmten Vorstellung schwanger war: Iphigenie und die Prinzessin, auch Antiope im Elpenor, sind keine Porträts der Frau von Stein, aber sie sind die Sprachwerdung, die rhythmische Umsetzung der Gefühle worin er durch die Liebe zu ihr lebte, sie sind der dichterische Eindruck und Ausdruck ihrer geliebten Gestalt, zugleich Darstellung seines unter diesem Eindruck empfangenen Humanitätsideals.

Es ist kein Zufall daß Frauen in dieser Periode die Trägerinnen seines Ideals sind, daß die Mahomet, Prometheus, Faust, Götz, die aktiven Heroen seiner Titanenzeit — Sprachwerdungen seiner Wunschbilder — daß die Werther, Egmont, Clavigo, seine leidenden, schwankenden, schuldigen Gefühlshelden — Sprachwerdungen seiner Zustände — jetzt ein Gegengewicht, ja ein Übergewicht erhalten durch edle Frauen: Orest durch Iphigenie und Tasso durch die Prinzessin.

In den Zustand selbst aus dem jene dramatischen Werke empfangen wurden, mit andren Worten, in die unmittelbare Wirkung von Lidas Wesen läßt uns ein rein lyrisches Gedicht Goethes blicken worin sein Verhältnis zu ihr am reinsten ausgedrückt ist: die elegische Ode »Warum gabst du uns die tiefen Blicke . .« Es ist hervorgegangen aus dem zugleich schmerzlichen und seligen Gefühl des Hellwerdens, des Bewußtwerdens dumpfer Ahnungen und Empfindungen, und spricht den Zustand eines Menschen aus der aus einer Dämmerung in das Helle tritt, zwischen einer Wirklichkeit und einer Traumwelt noch befangen schwankt. Goethe hat den Übergang festgehalten, indem er die beiden Zustände nebeneinander, ja miteinander darstellt, durch das platonische Motiv der Seelen Wanderung und Anamnese. Dadurch wirkt das Gedicht geheimnisvoller, weiter und zugleich zarter, es gibt nicht nur die Empfindung, sondern die Atmosphäre und Spannung dieses Doppellebens selbst wieder. Das gleichzeitige Leben in der Helle und in der Dumpfheit, in dem Wissen und im Gefühl der Liebe, im Wachen und im Traum, im Eros und im Logos, wie es Goethes damaliger Zustand war, hat hier seinen unsterblichen Ausdruck gefunden.

Das Leben im offenbaren Geheimnis der Liebe, welches hier bezeugt ist wie in keinem andren Gedicht, verdankt er der Frau von Stein, und es hätte in keinem andren Zeitpunkt entstehen können, an keine andre Geliebte gerichtet werden können: all seine andren Liebesgedichte sprechen die Gefühle des Glücks, der Sehnsucht, der Hoffnung, des Bangens, der Qual, die Situationen der Trennung, des Genusses, des Wiederfindens auf mannigfache Weise aus, und blicken dabei in Vergangenheit oder Zukunft vor dem gegenwärtig dargestellten Moment und Zustand aus. Auf Nähe oder Ferne fällt sonst das Licht von dem augenblicklichen Gefühl des Dichters. Wir kommen auf diese spezifisch Goethische Technik oder vielmehr Erlebensform gelegentlich der römischen Elegien zu sprechen. Dies Gedicht allein hat zwei Lichtquellen, oder — um es ohne ein mißzuverstehendes Gleichnis aus der Malerei zu sagen — es vereinigt in demselben rhythmischen Gebilde zwei verschiedene seelische Spannungsarten: es gibt den Zustand des Dichters gleichzeitig wieder von innen gesehen als dumpfen Drang und von oben gesehen als geistige Spiegelung, als Reflexion . . so daß es die Eigenschaften des Liedes und der Elegie vereinigt: es singt zugleich aus einem Gefühl als einem gegenwärtigen und über das Gefühl als über ein fernes vergangenes. Das ist ein logisches Paradox, aber kein vitales, und selbst den logischen Widerspruch hat Goethe verschleiert dadurch daß er den Zustand der Dumpfheit, der doch ganz gegenwärtig und von ihm selbst erlebt in dem Gedicht schwingt, als den andrer Menschen ausspricht. Um den Zustand der Klarheit selbst nur als Ahnung zu geben, entrückt er ihn durch die Fiktion der Erinnerung, so daß er zugleich als Wirklichkeit und Traum erscheint. Dies ist aber das eigentümliche Mittel und der technisch dichterische Sinn von Träumen überhaupt: in völliger Dumpfheit, nämlich dem Zustand des Schlafs, völlig deutlich zu wissen und zu schauen.. gleichzeitig dumpf zu leben und klar zu denken, gleichzeitig da zu sein und fern zu sein: dieses dichterische Wunder des Traums hat Goethe hier der Anamnesis zuerteilt.

Das Mittel des Traums, das den Romantikern so willkommen war, um die menschlichen Grenzen aufzuheben, hat Goethe nicht geliebt, da es ihm ja grade um die Anerkennung dieser Grenzen zu tun war, da ihm Deutlichkeit der körperlichen Anschauung über alles ging, und der Traum mit seinem gleichzeitigen Hier und Dort das Auge verwirrt. So hat Goethe auch hier lieber den Zeitsinn ausgeschaltet, durch die Hereinziehung der Anamnese, als den Raumsinn, durch die doppelte Perspektive. Und er hat es getan in diesem Moment, da wirklich durch Charlotte von Stein in seiner Liebe der Übergang vom dumpfen Verlangen zur hellen und erhellenden Seelendurchdringung sich vollzog. In seinem Verhältnis zur Geliebten und zum Schicksal vollzog sich dieselbe Wandlung wie in seinem Verhältnis zur Natur. Daß das sinnliche Verlangen nur Traum, Ahnung, Vorstufe einer sittlichen, gesetzlichen Bindung sei war seine neue Erfahrung die in den Versen ausgesprochen ist:

Sag, was will das Schicksal uns bereiten?
Sag, wie band es uns so rein genau?
Ach, du warst in abgelebten Zeiten 
Meine Schwester oder meine Frau.

Der seelendurchdringenden und ruhevollen Überlegenheit der Freundin der er seine Wandlung verdanken wollte setzt er dies Denkmal:

Kanntest jeden Zug in meinem Wesen,
Spähtest, wie die reinste Nerve klingt,
Konntest mich mit Einem Blicke lesen,
Den so schwer ein sterblich Aug durchdringt — 

der Umwandlung selbst, gleichsam der Erziehung zur neuen Liebe durch Ernst und Spiel, Lösung und Bindung huldigen die Verse:

Tropftest Mäßigung dem heißen Blute,
Richtetest den wilden irren Lauf,
Und in deinen Engelsarmen ruhte 
Die zerstörte Brust sich wieder auf.

Dieser Übergang war verknüpft mit Leiden, und diese geistige Klarheit und Freiheit in dem Verhältnis zur Geliebten, welche Goethe als der ursprüngliche, eigentliche Sinn, als die „alte Wahrheit“ ihres Verhältnisses vorschwebte, als Ideal ersehnt, mußte er der Fülle seines Wesens, ja auch den äußeren Bedingungen ihrer Gemeinschaft mühsam abringen, dem was in diesem Gedicht als der „neue Zustand“ bezeichnet wird . . neu gegenüber dem fingierten ihrer früheren Verkörperung. In dem Gedicht erscheint also sein ersehnter Zustand als ein früherer, durch seinen gegenwärtigen verhüllter, verdunkelter.

Und wir scheinen uns nur halb beseelet,
Dämmernd ist um uns der hellste Tag.

Tatsächlich ist also der schmerzend neue Zustand quälender Dämmerung, halber Beseelung nur der Übergang, das Durchbrechen der unverlierbar innem Helle und Deutlichkeit, das Ringen des innern Lichts mit dem abziehenden Gewölk des Gefühlsüberschwangs. Wir haben in Goethes Leben nur noch ein solches Gedicht aus der Dämmerung und zwar aus einer Abenddämmerung, wie dies eines der Morgendämmerung ist: „Selige Sehnsucht“aus dem Westöstlichen Divan. Wie hier die Sehnsucht nach dem Herauftauchen, dem Hellwerden, so ist dort das Verlangen nach dem Zurücktauchen in den dunklen Urgrund, das Eingehn in das ungegliederte Wesen und Schicksal des Lebens besungen. Wie ihm jetzt das Wissen und Erkennen als die Befreiung erscheint, so kommt ihm als Greis, da er im Besitz alles Wissens ist, angesichts eines unüberwindlichen und unerklärlichen, nicht wegzuräsonnierenden Schmerzes, ein Moment da er im Wissen und Erkennen nur eine Befangenheit, eine Trübung der Wirklichkeit empfindet, und die Befreiung von dieser Trübheit des Denkens ersehnt im einfachen Stirb und Werde, das jenseits alles Denkens liegt.

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