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2015-09-04

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Egmont Seite 40


EGMONT

Das Werthererlebnis und die Wertherdichtung bedeutet im Leben des jungen Goethe, des Goethe vor der italienischen Reise, den inneren Höhepunkt und vielleicht für die Ökonomie seiner geistigen Kräfte den wichtigsten Einschnitt. Werther ist die größte fertige Dichtung der ersten Hälfte seines Lebens: denn wenn auch einzelne Pläne und Fragmente an Umfang und Macht der Konzeption den Roman übertreffen, wie Prometheus, Mahomet und vor allem der Urfaust, so blieben sie doch eben Bruchstücke, und in der Kunst gilt nicht das Geplante, sondern das Vollendete. Wenn auch an einzelnen Punkten von Goethes früher Dichtung der Strahl seines Lebens noch höher trieb als das Gesamtniveau des Werther, z. B. im Ganymed, in der Prometheusode und in Mahomets Gesang, in Fausts Monolog und im Erdgeistgespräch: wie weit es ihm gelänge die ganze Masse seiner aufgewühlten Natur zum Gebild zu bändigen, Herr über die Gesamtfülle seiner Leidenschaft zu werden — und welcher Leidenschaft! das konnte Goethe erst nach Vollendung des Werther sehen: denn den Faust trug er als unvollendetes ihn bedrängendes Gewoge mit sich weiter, ab und zu einige gewaltige Torsi davon herausstellend, aber mit dem Gefühl daß er hier noch eine Last und Pflicht, keine Befreiung vor sich habe.

Der Werther bedeutete für ihn, wenn nicht den weitesten Umfang seines Planens und dichterischen Sehbereichs, so doch den weitesten Kreis den seine Wirksamkeit als Dichter bis jetzt erfüllte, wie ihm das Werthererlebnis das Maß seiner seelischen Tragkraft bezeichnete: hier war ja sein Titanismus auf die gefährlichste Probe gestellt worden durch den Erotismus, den er als die größte Gefahr seines Strebens erkannte und beherrschte, und durch den Werther hatte er den entscheidenden Sieg seiner Bildnerkraft auch über die wildesten Stürme seines Herzens davongetragen. Die Zeit nach dem Werther ist bezeichnet durch ein (bei aller innern Unruhe und Spannung) unerschütterliches Vertrauen in die eigne Kraft, durch Glauben an die endliche Läuterung seines Schicksals — ein Gefühl was verschieden ist von dem tragischen oder heroischen Titanenstolz oder dem Schöpfermut der vorwertherischen Zeit. Goethe hatte den Untergang nie gefürchtet, obwohl er damit rechnete — „mit mir nimmts kein gutes Ende“ meint er einmal — aber nach dem Werther glaubte er nicht mehr an die Möglichkeit seines Untergangs, und mitten in den Qualen um Lili, in der schwankenden Unruhe aller seiner Verhältnisse verließ ihn nie die instinktive Sicherheit daß ihm nicht bestimmt sei unterzugehn. Allmählich wurde das strotzende Kraftgefühl das sich zu Prometheus und Mahomet verdichtet hatte abgelöst oder durchdrungen von einem fatalistischen Gefühl der Glückhaftigkeit — nicht der Glückseligkeit, d.h. nicht einer grenzenlosen inneren Genußfähigkeit wie er es in den Versen über die Gaben der Götter besungen, sondern geradezu des Glaubens daß ihm nichts Übles widerfahren könne. Dieser Glaube vertrug sich mit jeder neuen Seelenqual und all den neuen Konflikten denen er kraft seiner faustisch-expansiven Natur bis ans Ende ausgesetzt bleiben mußte.

Das fatalistische Glücksgefühl nährte sich aus dem kaum eingestandnen Gefühl der Erleichterung und der frommen Dankbarkeit daß er aus der Wetzlarer Leidenschaft heil hervorgegangen war. Diese Erfahrung konnte ihm nicht die Konflikte ersparen die mit seiner Natur selbst gegeben waren, aber sie gewährte ihm doch ein Maß von dem aus er wußte was er tragen konnte. Er hatte die Probe bestanden und wußte: wer dies getragen hatte war bestimmt auch die faustische Qual weiterzutragen, ja er segnete jetzt diese Qual selber.. dem Fluch des Faust steht das Gebet „Sehnsucht“ gegenüber, als der qualvolle Ausdruck eines unverlierbaren Glaubens:

Dies wird die letzte Trän nicht sein 
Die glühend Herz auf quillet,
Das mit unsäglich neuer Pein 
Sich schmerzvermehrend stillet.
Ol laß doch immer hier und dort 
Mich ewig Liebe fühlen;
Und möcht der Schmerz auch also fort 
Durch Nerv und Adern wühlen.
Könnt ich doch ausgefüllt einmal 
Von dir, o Ewigerl werden —
Ach diese lange, tiefe Qual 
Wie dauert sie auf Erden !

Ein solcher Anruf, eine Seligpreisung des eigenen Überschwangs, ein Seufzen nach dem Schmerz der ewig belebenden Liebe wäre vor dem Werther nicht möglich gewesen, weil damals Goethe seiner Rettung, seiner Dauerbarkeit nicht so sicher war. Der vorwertherische Goethe traute sich zu alles zu leisten, das Höchste zu erreichen und zu umfassen, aber nicht alles zu ertragen und zu überstehen. Und wie durch das Friederikeerlebnis in Goethes Leben erst das Schuldgefühl geweckt wurde, so dankt er dem Sieg über seine Leidenschaft zu Lotte jenen sieghaften Fatalismus, den „amor fati“: das heißt nicht eine Unempfindlichkeit gegenüber dem Leiden, sondern Ehrfurcht vor dem Leiden als einer Form seines göttlichen Schicksals. Auch dies Gefühl ist so wenig das christliche Gefühl schlechthiniger Abhängigkeit von einem Gott oder einer blinden Notwendigkeit wie sein Schuldgefühl christliche Zerknirschung ist. Nicht fromme Ergebung in einen unerforschlichen Ratschluß drückt dieser Fatalismus aus, vielmehr Zuversicht selbst gottgetrieben zu sein nicht nur kraft seiner Natur, sondern kraft eines in ihm beschloßnen Schicksals, in sich etwas Unzerstörbares, im letzten Grund selbst Ungefährdbares zu sein, unabhängig von allen Absichten eines gütigen Weltlenkers. Das hat weder Götz noch Mahomet noch Prometheus noch Cäsar, alle diese vertrauen auf ihre Kraft, nicht auf ihr Schicksal, und Werther geht, zugrunde mit dem Jammer des verfehlten Daseins.

Die Liebe zum Schicksal setzt bei Goethe einen Sieg seines Dämons voraus über die Gefahr, erst nach diesem Sieg hatte er das triebhafte Vertrauen daß seine Natur mit seinem Schicksal in der gleichen Richtung laufe, oder um sein eigenes Wort zu gebrauchen, daß er ein „dämonischer Mensch“ sei. Denn das ist die Definition des dämonischen Menschen: Jemand dessen Charakter ein über ihn hinausreichendes Gesetz des Geschehens, ein Gefüge von glücklichem oder unglücklichem Verhängnis in sich trägt. Das Gleichnis eines solchen Zustandes ging Goethe in der nachwertherischen Zeit zuerst in vagen Umrissen auf: der Egmont. Goethe hat in Dichtung und Wahrheit gerade an diesem Charakter das Dämonische überhaupt und das Dämonische in seinem eignen Leben erläutert, und seine Selbstbiographie schließt mit den Worten seines dämonisch getriebenen Helden, gleichviel ob zum Tod oder zum Sieg getrieben, jedenfalls zu einem in sich erfüllten, sinnvollen, Ehrfurcht, nicht Verzweiflung oder Hader gebieten* den Geschick.

Egmont, der sieghafte, fröhliche, leidenschaftliche, buhlende und lachende Götterliebling, fatalistisch und dämonisch, unfähig an seinen Untergang zu glauben, und als der Tod ihm dann doch gewiß ist, ihn dankbar hinnehmend wie seine heiteren „Verhängnisse, wie die Liebe und den Ruhm: Egmont ist das wichtigste Sinnbild des Goethischen Lebenszustandes, und zumal seines neuen Verhältnisses zum Schicksal aus derZeit nach der Wertherkrise, da er zwischen glücklich unglücklicher Liebe und der Entscheidung über seine äußern Verhältnisse gespannt und zerrissen war und dabei doch seine Kraft, seine Bestimmung und sein Glück durch alle Wirbel und Peinen hindurch fühlte.

Der Egmont ist das Symbol des Fatalismus, welcher sich nach dem Werther in Goethe herausbildete, in ähnlicherWeise wie der Götz ein Symbol des Titanismus vor dem Werther ist. Egmont offenbart Goethes Schicksalsgefühl, wie Götz sein Kraftgefühl.. und auf dieser andren Ebene hat der Egmont als dichterische Konzeption auch ein ähnliches Schicksal gehabt wie der Götz. Auch im Egmont ist das Urerlebnis woraus der Gedanke des Dramas empfangen wurde, eben das sieghaft fatalistische Glücksgefühl der nachwertherischen Zeit, gekreuzt durch den geschichtlichen Stoff in dem das Erlebnis symbolisiert werden sollte, einen von dem Götzischen nicht allzuweit abliegenden Stoff. Auch hier hat Goethes Leidenschaft eine ihr nicht von vornherein angemessne Masse zu durchdringen gehabt. Andererseits war bei dem Egmont das Verhältnis zwischen Urerlebnis und Bildungserlebnis doch nicht so, daß das Bildungserlebnis das Übergewicht hätte gewinnen und wie beim Götz aus einem Drama des heldenmäßigen Handelns oder Leidens ein Milieustück hätte machen können. Der Bildungsstoff in den Goethe sein Egmonterlebnis prägte lag ihm lange nicht so am Herzen wie der Bildungsstoff des Götz. Deutsche Vorzeit, Lutherzeit war ihm damals unter Herders Einfluß eine eigenlebendige Welt, nicht bloße Historie wie die Geschichte des Abfalls der Niederlande. Darum ist der Egmont, verglichen mit dem Götz, bei weitem mehr Tragödie eines Einzelschicksals als historische oder Milieustragödie, als episch-dramatisches Zeitbild . . darum ist aber auch das Historische noch weit zufälliger und beiläufiger behandelt als im Götz. Im Götz lebt das Geschichtliche (eben weil als solches, als Milieu seelisch ganz durchdrungen) sein selbständiges Leben und nimmt als solches, als belebte Atmosphäre, dem Helden gegenüber einen breiten Raum ein — im Egmont füllen die paar Bürgerszenen, typisierende Abkürzungen, nur soviel Raum als nötig ist um überhaupt einen Begriff vom historischen Hintergrund zu geben. Die einzelnen führenden Gestalten jedoch, Egmont, Oranien, Alba, Klärchen sind viel mehr private Personen mit politischen Gedanken oder unpolitischen Leidenschaften als Träger geschichtlicher überprivater Krisen oder leidenschaftliche Verkörperungen der geschichtlichen Kräfte wie es selbst noch Götz, wie es namentlich Shakespeares historische Helden sind. Das kam daher daß Goethe vom Geschichtlichen als solchem nicht bewegt wurde. Für Goethe gilt bereits ein gesondertes Privatleben . . der Mensch ist ihm naturhaftes Einzelwesen, nicht ........ Bei Goethe ist es wirklich nur um der größeren Sinnfälligkeit der Schicksale willen, um „der Fallhöhe“ willen, wenn er seine Konflikte an geschichtlichen Größen verdeutlicht. Um seine kosmischen Kräfte, seinen Titanismus zu verkörpern brauchte er mythische Maße — und nur um der Dimension willen, nicht weil er politisch wie Shakespeare schon als......... erlebt hätte, bediente er sich geschichtlicher Symbole. Shakespeare konnte das Menschliche gar nicht anders sehn als kosmisch oder politisch, ein Sohn seiner Zeit und politischer Engländer: das Privat bürgerliche war ihm kein Eigenschicksal. Goethe konnte auch anders, und in seinem Egmont hat er sogar ohne Lebensnotwendigkeit gewisse Privatschicksale in politischen Stoff gepreßt, und dabei allerdings die günstige Gelegenheit benutzt über politische Dinge bedeutende und tiefe Worte zu sagen, aber nicht aus politischem Pathos heraus sondern als Betrachter von außen. Bei Shakespeare dringt jedes Wort aus einem aktiv politischen Geiste, bei Goethe ist jedes Wort ferne Kontemplation eines unpolitischen Denkers über das Weltwesen, über staatliche Dinge. Diese durchzuleben war Goethe nicht wie Shakespeare kraft seiner Natur gedrängt, sondern er wurde dazu veranlaßt durch seine Beschäftigungen und Beobachtungen, von außen her. Für Shakespeare war der Staat mit all seinen Aufgaben, schon unbewußt, Atmosphäre und Natur, für Goethe war er Gegenstand und Problem.



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