> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Egmont Seite 41

2015-09-04

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Egmont Seite 41


Der Egmont ist als politisches Drama mit unpolitischen Schicksalen oder vielmehr als bürgerliche Tragödie mit politischem Hintergrund erst in eigner viel späteren Epoche ausgetragen worden als in der vorweimarischen, in der Egmonts Gestalt empfangen wurde als Sinnbild eines sieghaften Fatalisten dem der Untergang selbst keine Schrecken mehr beut, der selbst den Schauer über den Verlust der süßen Gewohnheit des Daseins überwindet. Solch ein Sinnbild hat Goethe grade damals nach der siegreichen Überwindung der Wertherkrise bedurft. Es ist sogar möglich daß, wie behauptet wurde, der Egmont manches übernommen hat von dem Cäsarsymbol, daß sich allmählich das Cäsarisch-titanische hinübergebildet hat zum Egmontisch*fatalistischen.

In dem Gesamt von Goethischen Eigenschaften als deren Sinnbild von der Straßburger Zeit bis in die Mitte der siebziger Jahre Goethe die Cäsargestalt beschäftigte befinden sich allerdings die wesentlichen Züge des Egmont. Er hat diesen Komplex selbst ausgesprochen in der Zeit welche für die Empfängnis des Egmont als Charakter (nicht gerade schon als ausgeführtes Drama) die entscheidenden Erlebnisse reifte, eben in der Zeit nach der Entladung und Erlösung der wertherischen Gefahr. In Lavaters Phy<siognomischen Fragmenten befindet sich von Goethes unverkennbarer Hand ein Abriß des Cäsarischen Charakters: „... groß rein und gut! mächtig und gewaltig ohne Trutz. Unbeweglich und unwiderstehlich. Weise, tätig, erhaben über alles, sich fühlend Sohn des Glücks...“ In dieser letzten Formel spüren wir den Keim des Egmont.

Aber der Egmont als Ganzes ist nicht aus einem Guß. In dies Drama sind nicht nur, wie in den Götz, heterogene Massen derselben Zeit, Ur-und Bildungserlebnisse, hineingearbeitet, sondern sogar verschiedene Bildungsspannen und Grunderfahrungen eines langen Zeitraums — es enthält noch einzelne Elemente seines Sturms und Drangs und Elemente seiner reifsten Besonnenheit. Zwar Egmont war nicht wie Faust ein Sinnbild der Goethischen Gesamtexistenz das mit Notwendigkeit alle Erfahrungen des Dichters aufnahm und trug, und er begleitete Goethe so lange — nicht, weil er wie der Faust erst mit Goethes Leben hätte abgeschlossen werden können sondern weil das Leben ihm in diese Konzeption (die ihm lieb geworden war, vielleicht als Erinnerung, ja als Bürgschaft einer Epoche dämonischen Glücksgefühls) immer neue Erfahrungen dazwischen warf die er meinte diesem Sinnbild noch anschichten zu können. Der Egmont aber, einmal in Goethe festgesetzt (nicht wie Mahomet, Sokrates, Cäsar, im Wirbel der Schöpferpläne von andren verdrängt und als Trümmer liegen geblieben) mußte nun die Einwirkung sehr verschiedener Erlebnisse sich gefallen lassen. Egmont wurde schon zu einer Zeit empfangen, da Goethe anfing haushältiger mit seinen Kräften umzugehn und so leicht keinen größeren Entwurf, kein brauchbares Symbol einfach liegen ließ, vielmehr aus allem so viel inneren Gewinn zu schlagen suchte als möglich.

Das Gefühl der unerschöpflichen, immer wiederherstellbaren Produkt tivität, das zu einer Verantwortungslosigkeit gegenüber den eigenen Geburten führte, ließ seit der Vollendung des Werther, noch mehr seit der Übersiedelung an den Weimarischen Hof nach und machte zwei andren Grundstimmungen Platz, die sich scheinbar widersprechen: einmal dem dämonischen Fatalismus, dem Glauben an seine Rettung zu einer fruchtebaren und sinnvollen Lebensform, und dem Wunsch aus den ihm gegebnen Kräften soviel als möglich zu machen, nichts mehr zu vergeuden, einem Gefühl gesteigerter Verantwortlichkeit vor seinem eignen Dämon. Beide Lebensstimmungen sind vielleicht nur zwei Ausflüsse derselben neuen Herzensgewißheit Goethes: nicht nur titanisch, reich, genial, sondern im engern Sinn dämonisch zu sein, d. h. mit dem Schicksal in einem geheimnisvollen, vielleicht erforschlichen Bunde zu stehn.

Aus dem Gefühl seines Dämonismus zog Goethe nun nicht die Folgerung daß er sich könne gehen lassen, es werde doch schon alles zum Guten führen — vielmehr empfand er zugleich mit dem Dämonischen eine neue Verantwortung, mit dem neuen Adel eine neue Pflicht, mit dem neuen Reichtum eine Aufforderung zur Haushältigkeit, wie er sie in den ersten Jünglingsjahren, da er sich rein als verschwenderische Natur und als gefährdetes Geschöpf des Alls hinnahm, nicht gekannt hatte. Eine besondre Beziehung der Gottheit zu sich hatte er vor seiner glücklichen Rettung aus der Wertherkrise nicht anerkannt, er fühlte sich ja, prometheushaft selbständig, zu keiner Rechenschaft veranlaßt vor dieser Allleitung, die ihr Licht leuchten lässet über Gerechte und Ungerechte. Der Prometheus drückt recht eigentlich die Gesinnung des unverantwortlichen naturhaften Schöpfers aus, der den Augenblick so gut ausfüllt wie möglich, der die Ewigkeit als Horizont und den Moment als Boden unter sich hat.

Nach der Vollendung des Werther und infolge der Vollendung des Werther setzt in Goethe erst dumpf, und noch getrübt durch die ganze Sturm und-Drangunruhe, gehemmt durch Wirren und Peinen aller Art, nachher immer bewußter und stärker, genährt oder gestützt durch Spinoza, Frau von Stein, Beruf und endlich Italien, die neue Frömmigkeit, Schicksalsgläubigkeit — und damit Verantwortlichkeitsgefühl, Ordnungswille und geistige Haushältigkeit ein, deren dichterisches Bekenntnis, die Hymne Das Göttliche, gradezu die Gesinnung des Prometheus widerruft. Keine Macht über sich zu erkennen als das blinde Schicksal selbst, die Anangke, die sich nicht kümmert um uns und um die wir uns daher nicht kümmern können: das war das Pathos des Prometheus, des titanischen Goethe. Es macht Platz dem Gefühl, der Anangke nicht blindlings unterworfen zu sein, sondern eben als „Goethe“ einem sehenden, ahnungsvollen, fordernden, strengen aber wohlwollenden Eigenschicksal, einem Dämon unterstellt zu sein, einem Lenker des eignen Genies — und um diesen Dämon mußte sich Goethe auch kümmern, d. h. er fühlte sich seiner eignen Begnadung gegenüber verantwortlicher als im prometheischen Zustand.

Dies neue nachwertherische Verantwortlichkeitsgefühl ist eine der Ursachen warum der Egmont, obgleich minder gewaltig hervorgetrieben, doch nicht beim ersten Hemmnis, bei der ersten Stockung liegen gelassen wurde, wie die großen Pläne der Straßburger und Wetzlarer Zeit, wenn sie nicht gleich auf den ersten Anhieb fertig heraussprangen und dem genialen Augen? blick gehorchen wollten. Wurde aber der Egmont durch Jahre hin von der Wertherzeit bis zur italienischen gehegt und bearbeitet (grade „Arbeit“ an einer Dichtung leistete Goethe in seiner Sturm- und Drangzeit eigentlich nicht) so mußten sehr verschiedene Bildungsfaktoren ihre Einwirkung dem Werk aufprägen.

Also die glückliche und fruchtbare Überwindung der Wertherkrise zeitigte in Goethe ein fatalistisches Gefühl des Dämonischen in seinem Leben, und der bedeutendste dichterische Träger seiner dämonischen Zuversicht ist die Gestalt des Egmont. Die Gestalt und nicht die Handlung des Egmont ist der Ausgangspunkt dieses Werks — aber die Handlung diente ihm dazu, spätere Erlebnisse an dieses Symbol seines Dämonismus anzuschichten. Vor allem zwei Probleme des Goethischen Daseins: das eine tat sich für ihn erst durch die Berufung nach Weimar auf und durch den Pflichtenkreis den er dort vorfand (ex abstracto gab es für ihn keine Probleme: alle Fragen auch allgemeinster Art veranlaßten ihn zur Auseinandersetzung und Beantwortung immer erst, wenn sein eignes Leben irgendwie aktiv oder passiv davon berührt wurde). So hat er im Egmont zum erstenmal den Staat und die Regierung, das Verhältnis zwischen Volk und Obrigkeit, das Problem der Freiheit als politisches Problem behandelt, weil er durch seinen weimarischen Pflichtenkreis unmittelbar mit Regierungsfragen zu schaffen bekommen hatte. Die Volkszenen, die Reden Machiavells, Oraniens, der Statthalterin und Albas enthalten die Goethische Antwort auf die Fragen deren Beantwortung Schiller im Don Carlos unternommen hatte. Wir können dabei deutlich den Unterschied nicht nur der Antworten sehen sondern selbst der Art wie beide zu ihren Fragestellungen gelangten: Schiller durch das Ringen mit der allgemeinen Idee, Goethe aus einer praktischen Erfahrung seines Weltlebens. Für Goethe waren Freiheit und Obrigkeit Formen und Funktionen der menschlichen Natur, und ihr Konflikt entsprang notwendigen menschlichen Bedingtheiten: sogar Alba hat nicht ohne weiteres unrecht. Zu zeigen wie aus menschlichen Bedürfnissen und Anlagen, Leidenschaften und Zwecken die Revolutionen und Tyranneien entstehen, die Erfahrungen weltgültig dichterisch darzustellen die Goethe in seinem Geschäftsleben im kleinen aufgegangen waren, die möglichen Standpunkte der verschiedenen Temperamente in den Fragen des politischen Menschenwesens sinnbildlich festzuhalten: das ist der Sinn der Staatsreden im Egmont. Der Gegensatz Egmont-Oranien (gesteigert und zum Konflikt auseinander gebrochen finden wir dieselbe Gegenüberstellung in Tasso und Antonio) enthält die verschiedenen Antworten welche auf die Fragen und Forderungen des Staates die freimütige und naturhaft unbekümmerte Läßlichkeit erteilt, der angeborne Liberalismus eines glücklichen und reichen Temperaments, eines Goethischen Götterlieblingtemperaments, und das ernste Verantwortlichkeits-und Pflichtgefühl eines gereiften Mannes, der nicht von seinem Subjekt ausgeht sondern von der Lage der Objekte. Oranien und Egmont sind beides Elemente der Goethischen Natur: Oranien ist der Goethe mit der strengen Selbstzucht und Forderung an sich selbst der sich im Weimarer Hof-und Regierungstreiben zur sachlichen Ansicht und Beherrschung der Welt erziehen wollte. Egmont ist noch immer der schweifende, durch Natur und Schicksal auch ohne strenge Selbstkontrolle, ohne harte Selbstbindung und Beschränkung gutgeartete, glückhafte, abenteuerliche Dichter, der sich über die Schnur zu hauen getraute, weil er sich in jedem Sturm als Cäsar mit seinem Glück fühlte. Beide Goethes traten erst in Weimar in merkbare Abrechnung miteinander, seit Goethe an einer Regierung teilzunehmen hatte, Vorgesetzter, Untergebner, Kollege, vor andren Menschen verantwortlicher, sozialer, ja Berufsmensch geworden war, nicht nur Genie, Dämon, Künstler.



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