> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Egmont Seite 42

2015-09-05

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Egmont Seite 42


Im Götz ist das Politische eine Form unter der individualistischskosmische Konflikte Goethes sich darstellen, im Egmont handelt es sich wesentlich um das Verhältnis zwischen Humanität und Staat, also um politische Fragen die Goethe nicht als pures Ich, sondern als Beamter, im Konflikt zwischen freiem Menschentum und Beamtenpflicht sich zuerst stellen mußte, während er die Götzischen Fragen sich gestellt hat aus dem Konflikt zwischen Schöpfertum des Titanen und Gesetz der Welt.

Ein andres Grundproblem Goethes (das für ihn schon vor der Weimarer Berufstätigkeit aktuell wurde) ist im Egmont vergegenwärtigt durch Klärchen: Goethes Liebesverhältnisse zu Mädchen unter seinem Stande, unter seiner gesellschaftlichen Schicht.. denn unter seinem geistigen Niveau waren — Charlotte von Stein und Marianne von Willemer ausgenommen — wohl fast alle Frauen die er geliebt hat. Klärchen ist das schönste Sinnbild das Goethe für diese Form seiner Liebe gefunden. Unter zwei grundverschiedenen Zügen konzipierte Goethe die Liebe und damit das weibliche Geschlecht überhaupt: als Leidenschaft und als Genuß — von ihm aus, als „unglückliche“ und als „glückliche“, als unbefriedigte und als befriedigte Liebe, von den Frauen aus: als Geist und als Natur. Auch diese Verschiedenheit hängt zusammen mit jenem Grundgegensatz zwischen Titanismus und Erotismus, mit Goethes Verhältnis zum schönen Augenblick.

Wir sind bisher unter Goethes Darstellungen der Liebe immer nur dem Konflikt begegnet der aus dem Zusammentreffen zwischen Titanismus und Erotismus als gleich gewichtigen Mächten entsteht: und aus diesem Zusammentreffen kann die Liebe vor oder nach dem Genuß, mit oder ohne Genuß immer nur als Leidenschaft erscheinen. Solang in Goethe das Titanentum, der Trieb das All zu durchdringen, der Wille zur Ewigkeit, in weiblichen Wesen seine Erfüllung oder Beruhigung suchte, konnte seine Liebe nur Leidenschaft sein. Faust leidet daß er opfern, Werther daß er verzichten muß: in beiden Fällen erscheint der schöne Augenblick als Inbegriff der Lebenswerte, als wenigstens momentanes Ziel des grenzenlosen Strebens — auch Gretchen ist (darin liegt ja die Tragödie) nicht nur Spiel sondern Ziel seines Strebens und muß untergehn, weil ein solches Streben kein Ziel haben darf, und weil für sein unergründliches Bedürfen jedes Genügen gleich frevelhaft oder gleich wahnschaffen ist. Darum käme im Faust wenig darauf an ob die Geliebte ein Bürgermädchen ist, oder etwa eine Königin. Sicherlich kommt Gretchens Tragödie nicht daher daß es unter Fausts Stande ist, das war ja eben das Mißverständnis der Kindsmörderinnen und Gefallenendramatik, der sozialen Mitleidspoesie, die aus Nachahmung der isoliert genommenen Gretchentragödie hervorgegangen ist. Vom faustischen Streben aus gibt es überhaupt keine Standesunterschiede.

In Goethes Leben selber aber beginnt und entspringt der eigentlich leidenschaftliche Konflikt, Liebe als Leidenschaft, immer erst dann, wenn die Illusion des faustischen Titanen, das All im schönen Augenblick zu erobem, die Möglichkeit sein unersättliches Streben im schönen Augenblick unterzutauchen, oder bürgerlich gesprochen: der Besitz des geliebten Wesens, abhängig ist von einer dauernden Bindung seines Strebens, also von der Ehe. Das war nun meist dann oder nur dann der Fall, wenn die Begehrte etwa gleichen Standes mit Goethe war. Die unglückliche Liebe entstand für Goethe dann, wenn er meinte ohne das einzige Wesen nicht selig werden zu können, sei es Friederike, Lotte, Lili — wenn seine Liebe den dauernden Besitz verlangte, und wenn die Ersehnte entweder, wie im Fall Lotte, nicht zu kriegen war, weil sie einem andren gehörte, oder wenn, wie im Fall Friederike, sein titanischer Instinkt sich gegen die verhängnisvolle Bindung sträubte. Im Faust selbst ist Gretchen ja nicht die willige Schöne sondern das Opfer einer faustischen Täuschung und ihrer Selbsttäuschung.

Die unbefriedigte Liebe ist nun deswegen fast immer zugleich die geistige Liebe (womit ich keinen Gegensatz gegen sinnliche Liebe, sondern ein Plus zur sinnlichen Liebe meine) weil das Unerreichbare idealisiert wird, weil ein Verwehrtes oder Verlorenes an Wert wächst, weil der Geist frei und tätig, fruchtbar und wuchernd wird wo er nicht untergetaucht, nicht gesättigt, nicht gelöscht werden kann. Nur wo der Mensch ganz ins Stofflich» Naturhafte zurücktaucht, wo er ganz Leib ist kommt das Bewußtsein zur Ruhe. Der Genuß, die Befriedigung seiner Liebe, das sinnliche Ergreifen des schönen Augenblicks ohne die quälende Forderung sich dauernd zu binden, ohne Opfer und ohne Verzicht, war für Goethe manchmal möglich bei Mädchen der untern Stände die sich ihm ergaben, ohne ihn festhalten zu wollen, und in deren Liebe er ohne Gewissensbisse seine unersättliche Unrast ausruhen konnte, für Augenblicke nur, aber für vollkommen gestillte Augenblicke. Also nicht auf jene an sich platte Sonderung zwischen bessern und unteren Ständen kommt es hierbei an: vor dem dichterisch kosmischen Blick Goethes mochten wohl die Grenzen zwischen Magd und Fürstin verschwimmen, wenn er sie auch als Kind der Gesellschaft zu respektieren wußte. Das für den Dichter Goethe Wichtige ist nicht die Sonderung an sich, sondern die Folge die sich für ihn aus der nun einmal weitgültigen Sonderung ergab: nämlich daß die Frauen seines Standes für seine Liebe meistens nicht völlig erreichbar waren, Frauen der unteren Stände eher, durchschnittlich — es gab in seinem Leben Ausnahmen nach beiden Seiten hin. Auf der Frage der Erreichbarkeit, nicht des Standes liegt also der entscheidende Nachdruck. In Goethes leidenschaftlichem, geistigem, titanischem oder durch Konflikt zwischen Titanismus und Erotismus gequältem Leben spielen nun die dumpfen oder willigen, leichten oder großartig hingebenden holden Geschöpfe bei denen er ganz Natur, ganz Liebender ohne titanische Spannung sein konnte, bei denen er sich ganz im schönen Augenblick ausruhen durfte, keine geringe Rolle. Wie er den Titanismus nicht ohne den Humor ertragen hätte so hätte er die Spannungen seines Erotismus nicht ertragen ohne eine Möglichkeit sinnlich schöner, naturhaft beruhigter Augenblicke. Wir kennen wohl nur die wenigsten dieser Augenblicke in seinem Leben — es liegt in der Natur der Sache, ja in der Natur der Sache daß seine Befriedigungen ihn weniger beschäftigten als sein Sehnen, und also stumm sind, und Gott gab ihm zu sagen was er leide, als Erlösung. Seine Freuden, seine Genüsse bedurften zu ihrer Erlösung an sich keiner Stimme, sie waren sich selbst genug . . und daß wir davon überhaupt wissen kommt weniger aus Goethes Beichtbedürfnis als aus seiner Dankbarkeit . . Goethe war eine der dankbarsten Seelen die je gelebt haben.

Das wichtigste von allen willigen Wesen in Goethes Leben ist Christiane. Seine späte Ehe mit ihr hat nichts mit seinen jugendlichen Ehevelleitäten und Brautständen zu tun. In seiner Dichtung aber hat er den gestillten Augenblicken seiner glücklichen Liebe, seiner naturhaften Erotik ohne Titanismus zwei Hauptdenkmäler gesetzt, die beiden Grundtypen jener holden Geschöpfe, denen er die Entspannung seiner schweren sei es titanischen sei es dämonisch verantwortlichen Seele schuldet, dankbar verewigt: die Liebliche, die sich hingibt um ihres eigenen Genusses willen und die im geliebten Mann ihre Unterhaltung sucht, Philine — und die Großmütige, die sich hingibt aus Verehrung und sich selber opfert für die Größe oder das Glück des Geliebten: Klärchen. Gretchen gehört nicht hierher, sie gibt sich hin aus Leidenschaft, aber nicht um sich zu opfern, sondern in der Hoffnung damit den Geliebten erst ganz für sich, für ihr Glück zu erobern. Gretchen überschreitet nur durch ihr Schicksal, nicht durch ihren Charakter die Grenzen des Bürgerlichen. Klärchen aber ist von vornherein eine heldenverehrende und heldenhafte Seele, wie Philine von vornherein eine freie, eine durch ihre Gesinnung und Unbedenklichkeit außerhalb der bürgerlichen Ordnung stehende Seele ist, man mag sie nun über oder unter die Gesellschaft stellen.

Das Besondere und Neue an der dichterischen Konzeption des Verhältnisses von Egmont zu Klärchen für Goethes Leben ist: daß hier das erste» mal Goethe seit seinem Durchbruch aus dem Leipziger Rokoko die Liebe eines Helden, also einer zentralen Gestalt die seine Züge zu tragen hatte, gezeichnet hat — außerhalb des Konflikts zwischen Titanismus und Erotismus — als in sich abgeschlossenes, neben dem gefährlich großen Dasein herlaufendes Glück: als glückliche Liebe. Und er hat, um diese Liebe des dämonischen, des Goethischen Menschen so darzustellen, als Sinnbild das Verhältnis wählen müssen unter dem er selbst die Liebe zuerst so genossen hat: in der freiwilligen Hingabe eines Geschöpfs unter seinem Stand. Es ist kein Zufall daß eine solche Darstellung in Goethes Dichtung, genau wie seine Beschäftigung mit politischen Problemen, erst auftaucht, als nach der Wertherkrise sein Titanismus seinem Fatalismus Platz gemacht hatte. Denn so lang erTitan war, unersättlich immer weiterstrebend, konnte ihm die Liebe als Glück, als Erreichbares, als Ausruhn gar kein Gehalt werden, so wenig wie die Beschäftigung mit dem Weltwesen und die Verantwortlichkeit vor andren und für andre. Die Liebe als Ausruhn, ja als beseligendes Spiel, wie sie im Egmont dargestellt ist, hat genau dieselben Voraussetzungen wie das Leben der bewußten Arbeit, die mit der Weimarer Zeit für ihn begann. Beide gehören zusammen, beide sind korrelative Folgen eines neuen Gesamtzustandes, welcher nach der Wertherkrise einsetzt und dann mit der Berufung nach Weimar, dann mit der Umbildung in Italien immer deutlicher wird: aus dem neuen Schicksalsgefühl Goethes ging eine neue Verantwortlichkeit, aus der neuen Verantwortlichkeit ein neues Haushalten mit der eignen Fülle hervor — und eine Erscheinungsform dieses neuen Haushaltens ist die dem Sturm-und Drang-Goethe, dem prometheischen Schöpfer noch fremde Fähigkeit, innerhalb seines eigenen Gehalts zu sondern und zu ordnen, abzugrenzen, einzuteilen was er für die Pflicht, was er für den Genuß aufwenden dürfe. Erst jetzt beginnt bei ihm eine bewußte geistige Ökonomie: der vorwertherische Goethe, der eine besondre Pflicht und Verantwortung außer dem allgemeinen Schöpferbedürfnis nicht kannte, wollte ja (das gehört zum Wesen des Sturm und Drangs) mit jedem Akt das Ganze des Alls umfassen, mit der Liebe wie mit der Tätigkeit, mit der Hingabe wie mit der Besitzergreifung war es ihm nur um Allheit im Einen zu tun (daher schon in seiner Sprache die immer wiederkehrende Verknüpfung von Worten mit „all“: allliebend, Allumfasser, Allerhalter, alldurchdringend usw.) Jetzt bemüht er sich gerade um Sonderung, um Deutlichkeit und Reinheit jeder Tätigkeit: jetzt will er den Moment nicht mehr in erster Linie als Zentrum und Sinnbild des Universums besitzen sondern als solchen in seiner eigenen Fülle genießen. Daß es ihm noch nicht, vor Italien noch nicht ganz gelingt das ist die Ursache seiner Weimarischen Spannungen. Aber daß er wie es am Egmont gezeichnet ist überhaupt ein Doppelleben führen konnte zwischen Pflicht und Genuß, Staat und Liebe, Oranien und Klärchen, ist bereits eine Folge des neuen ökonomischen Zustandes und — wenn man will — eine Entspannung des eigentlichen Faustkonflikts zwischen Allheit und schönem Augenblick.

Um den Egmont so zwischen Oranien und Klärchen zu stellen mußte selbst die Liebe für Goethe bereits ein Beherrschbares, Überschaubares geworden sein, ihm Raum lassen für Pflicht und Tat . . sie mußte kommen und zurücktreten können, wie Goethes Leben sie brauchte. Das hat nun gar nichts mit der Person der Geliebten zu tun, Klärchen ist vor allem die Trägerin einer Liebe die nicht zerstört sondern beglückt — einer Liebe wie sie der vorwertherische Goethe noch nicht gekannt, oder jedenfalls nicht der Darstellung wert befunden hat, da sie in seinem Leben kein Problem war. Nun aber gewinnt eine solche Hingabe wie die Klärchens, eine Hingabe bis in den Untergang, in einen Untergang an dem er selbst nicht schuld ist, in seinem Leben Gewicht: nun bedurfte er solcher Liebe und nun verherrlichte er sie, steigerte, idealisierte er sie bis zu dem heroischen Bilde Klärchens. Die Buhle als Freiheitsgöttin: das ist der Dank an eine eigne Sorte Glück die Goethes bisheriges Leben nicht gekannt hatte, entweder weil er nicht fähig war so isoliert und dranglos zu lieben, sondern faustisch seine Sinnlichkeit immer mit dem All vermischte und belud, oder weil er keine solche Hingabe hatte finden können. Ich weiß nicht ob er zu Klärchen ein menschliches Urbild gehabt hat — unter den Geliebten Goethes die wir kennen entspricht diesem heroisch-holden Geschöpf nicht eine. Vielleicht hat sie Züge angenommen von jener Lotte Nagel die 1775 in Goethes Briefwechsel mit Gräfin Stolberg erwähnt, auch durch ein Gedicht geehrt worden ist — vielleicht hat irgendeine andre unbekannte Schöne der untern Schichten ihm durch eine Vereinigung von Zärtlichkeit und Seelenstärke, williger Weiblichkeit und menschlicher Kraft, wie man sie bei den einfacheren Naturen oft reiner findet als bei den gebildeten und verbildeten, zu einer solchen Verklärung die Maße gegeben: aber das ist im Grund einerlei . . Klärchen ist nicht die Verherrlichung einer Person sondern einer Beziehung und eines Zustandes. Sie ist der Extrakt und die Verkörperung aller derjenigen Glücksmomente die Goethe, nach den leidenschaftliehen Stürmen und Drängen, durch einfach weibliche, anspruchslos stark und rein hingegebene Geschöpfe fand — und daß er solche fand und sie als Glück empfand ist eine Folge seiner neuen nachwertherischen Lebensstimmung.

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