> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Humanität 64

2015-09-27

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Humanität 64


HUMANITÄT

Die Anerkennung des Gesetzlichen außer uns als maßgebend für ein Gesetzliches in uns wirkt geistig, sittlich, und ästhetisch. »Gesetz« — das besagt daß etwas befolgt werden muß: Naturgesetz, Denkgesetz, oder daß etwas befolgt werden soll: Staatsgesetz, Sittengesetz. Es gibt Gesetze die dem Reich der Naturnotwendigkeit und dem Reich des menschlichen Wollens gleichzeitig angehören und die, auf Schöpfungen bezüglich, am Müssen und am Sollen teilhaben: die Kunstgesetze. Mit der Anerkennung des Gesetzlichen war für Goethe gleichzeitig eine neue Geistigkeit, eine neue Sittlichkeit, und ein neuer Schönheitssinn gegeben. Goethes neue Sittlichkeit kann nur aus und in seiner neuen Schönheitsforderung begriffen werden. Es geht allenfalls an, Goethes Wissenschaft gesondert darzustellen, seinen Begriff der Wahrheit, dagegen gibt es keine von der Kunst Übung Goethes gesondert zu behandelnde Ethik . . sein Begriff des Guten ist mit dem Schönen untrennbar vereinigt, oder vielmehr in ihn eingeschlossen wie der Kern in die Frucht: er ist verwandt mit dem griechischen Ideal des Kalokagathon, welches als Haltung und Leistung den sichtbaren Ausdruck des göttlich Vollkommenen im menschlichen Maß bedeutet. Dies Ideal, identisch mit der Goethischen Humanität, kann seiner Natur nach, im Gegensatz zu allen rationalen Sittenlehren, nicht in einem Kodex niedergelegt, sondern muß entweder betätigt oder gestaltet werden.

Wir haben es aus den Goethischen Werken, welche die Gestaltung seiner Betätigung sind, abzulesen. Die Dichtungen um derentwillen Goethe wesentlich als der Dichter der Humanität in der Vorstellung der Völker weiter lebt, die man aus seinem Werk nicht wegdenken kann, ohne daß die Gesamttendenz seines Lebens eine andre erschiene, sind Iphigenie,Tasso, Hermann und Dorothea. Davon sind die beiden ersten in den Jahren vor Italien empfangen, in Italien gereift worden, das dritte ist die vollendete Frucht nicht der erstrebten, sondern der erlangten Humanität. Iphigenie und Tasso vergegenwärtigen das Ringen um die neue Humanität, die seelischen Siege und Niederlagen, den Gewinn und den Verzicht in dem Kampf. Hermann und Dorothea weiß von dem Ringen nichts mehr, es webt nur innerhalb der bereits festgestellten Herrschaft der Humanität . . die Konflikte entstehn nicht mehr aus dem noch vorhandenen Gegensatz zwischen Unmaß und sittlich schönem Wollen, welcher doch der Grund der beiden Schauspiele ist. Ich stelle indes diese drei Werke zusammen, weil das Kalokagathon — als Kampfziel oder als Siegpreis, vor oder nach dem Sieg gesehn —hier unter Goethes übrigen Werken am reinsten, ja als das eigentliche Thema erscheint. Denken wir diese drei Werke hinweg, und Goethe erscheint nicht mehr als das was er der verschwommenen und unvollständigen aber nicht falschen Schulvorstellung ist: als der Dichter der Humanität. Er erschiene dann, durch Götz und Werther, als der Dichter des kräftigen und des leidenschaftlichen Selbstgefühls . . durch das Ganze seiner Lyrik als der Sänger der ganzen beseelten innern und äußern Natur, durch den Faust als der Dichter des weltdurchdringenden und gestaltenden Strebens, durch Wilhelm Meister als Dichter der Bildung und der gebildeten Gesellschaft — all das sind (abgesehn von der notwendig unzulänglichen Unbestimmtheit solcher Gesamtvorstellungen und der sie bezeichnenden Schlagworte) Elemente oder Mischungen der Humanität, des Kalokagathon, aber nicht das Eigenste dieses Ideals. Goethes berühmte Dichtungen außer Iphigenie, Tasso, Hermann und Dorothea sind nicht entstanden aus dem Bedürfnis: den Segen, die Qual, oder die Macht sittlicher Selbstüberwindung darzustellen durch die Reden und Handlungen schön bewegter Menschen. In keiner andren großen Dichtung Goethes ist die treibende Kraft der Glaube an eine gesetzgebende Macht des Willens im Menschen, welche, mit den Gesetzen der Natur und des Lebens im Einklang, ihn gut und schön machen kann, entgegen den Leidenschaften seines Innern und den Gefahren der Außenwelt. Nur noch die unvollendet gebliebenen »Geheimnisse«, aus derselben Zeit wie die Iphigenie und derTasso, und zwei anekdotenartige Novellen in den Unterhaltungen deutscher Ausgewanderter, die Geschichte des Prokurators von der Selbstüberwindung der Sinnlichkeit, und der Selbsterziehung des leichtsinnigen Kaufmannssohns, etwa aus der Zeit von Hermann und Dorothea, stammen geradezu aus dem gleichen Problem!

Der Kampf dieses sittlichen Willens mit der angeborenen Leidenschaft und den Widerständen der Außenwelt, siegreich wie in Iphigenie oder sieglos wie im Tasso, konnte für Goethe nur in diesem Zeitraum Problem werden, und nur in dieser Zeit konnten die repräsentativen Werke dafür entstehen: denn dichterisches Problem kann nur das werden woran man leidet. Nicht der glückliche Besitz eines Guts, sondern das Streben danach, höchstens das grade Errungne, nicht das lang und sicher Besessne kann den Dichter zur Darstellung locken. Darum setzt die Darstellung des Humanitätsideals die Goethischen Zustände voraus in denen ihm jene sittliche gesetzliche Kraft als Fähigkeit und Forderung neu aufgegangen war und er doch noch genug litt am Überschwang, an der Empfindlichkeit seines Gefühls, an dem noch nicht überschaubaren Andrang der Welt. In der Wertherzeit wäre ein Konflikt zwischen Leidenschaft und Maß noch nicht denkbar, weil das Kalokagathon noch kein Goethisches Erlebnis war . . in der spätem Reifezeit deshalb nicht, weil das Kalokagathon kein neues Erlebnis, keine Erregung mehr war. Iphigenie und Tasso, die eigentlichen Dichtungen der Humanität, haben noch die lebendigen Nachwirkungen desTitanismus zur Voraussetzung. Auch als Gegenwirkung gegen diesen hat das Humanitätsideal Goethes, so positiv es ist, seinen Sinn. Goethes Selbstzucht ist Opfer, und mit diesem Wort sind wir in der Luft der Iphigenie und desTasso: „Glauben Sie mir“ heißt es in einem Brief Goethes an seine Mutter „daß ein großer Teil des guten Muts womit ich trage und wirke, aus dem Gedanken quillt daß alle diese Aufopferungen freiwillig sind.“ Das Gefühl des Opfers, als Reinigung des innern Menschen, füllt die Iphigenie . . das Gefühl des Opfers, als Verzicht, als Verlust, den Tasso.

Jedes tiefe Erlebnis ist ein Kreuzweg der zur Steigerung oder zur Vernichtung des Lebens führen kann, und Goethe hat an jedem Kreuzweg mehrere Möglichkeiten durchgefühlt, oft sie dargestellt. In seiner titanischen und sentimentalen Epoche hat er es ertragen, neben die Tragödie das humoristische oder selbst parodistische Satyrspiel zu stellen, den Gefühlen die ihn, unmittelbar erlebt, zu zersprengen drohten hat er zugleich, wie ein fremder Beobachter, zugeschaut. So steht der Satyros neben den Kraft-und Genie-entwürfen der Prometheuszeit, so folgt der Triumph der Empfindsamkeit dem Werther. So hat er das tragische Motiv des Weislingen zwischen zwei Frauen, das Erlebnis der Untreue, welches im Faust und im Clavigo zum tragischen Ende führt, in der Stella zu einer versöhnlichen Lösung abgebogen. Diese Art doppelter Behandlung eines Motivs, oder vielmehr die Ausästelung eines Erlebnisstamms zu mehreren Motiven, entsprach dem Titanismus Goethes besser als seinem Humanismus. In der Zeit seiner Selbsterziehung zur Humanität war ihm eine parodistische oder humoristische Verzerrung seiner gegenwärtigen Gefühle unmöglich. Denn was dem Titanen erlaubt war, unverantwortlich zu schaffen, jeden Augenblick zu nehmen und zu geben im verschwenderischen Gefühl eines gefährlichen Reichtums wofür man keine Rechenschaft schuldig ist — diese Unverantwortlichkeit, die der Schöpfer mit dem Humoristen gemein hat, diese Willkür und das Spiel mit jedem Stoff, auch mit dem eignen Leben, mußte sich Goethe versagen, sobald ihm an der Festigung und Läuterung seiner Kräfte gelegen war. Mit dem Ideal des Kalokagathon konnte er keinen Gefallen mehr an willkürlich humoristischer Verschwendung von Lebensmotiven finden. Es konnte ihm weder weise, noch schön, noch gut erscheinen, was ihm zur Zeit seines titanischen und sentimentalen Überschwangs geradezu ein Bedürfnis gewesen war: sich gewaltsam zu ernüchtern von den schöpferisch gesteigerten Momenten auf deren Höhe er sich nicht zu erhalten vermochte. Jetzt galt es diese angesammelte Energie seiner höchsten — sei es seligsten sei es gefährlichsten — Augenblicke nicht jähIings sich entladen zu lassen, sondern sie der ganzen Breite seines Lebens zuzuleiten, gleichsam die gestauten Kraftmassen zu kanalisieren, aus jedem Erlebnis haushältig soviel als möglich zu ziehen für und durch seine neuen humanen Werte. An Stelle der raschen und genialischen Entladung trat die langsame Ausreifung seiner seelischen Erfahrungen, und kein Motiv durfte mehr herausgeschleudert, oft heißt das verschleudert, oder durch leichtsinnige Behandlung entwertet werden. Darum folgt der an mächtigen Entwürfen und Fragmenten reichen Sturm-und-drang-periode die Zeit der lang ausgetragenen wieder und wiederumgebildeten, liebevoll gehegten oder pflichtschuldig verdrossen mitgeschleppten Werke. Nach der Zeit des Prometheus, Sokrates, Cäsar, Mahomet, der gleichsam im Fieber vollendeten Götz, Werther, Clavigo oder der theatralischen und humoristischen Improvisationen wie Satyros, Pater Brey, kommt die Zeit der Egmont, Iphigenie, Tasso, Wilhelm Meister, die ihn alle jahrzehntelang beschäftigt haben. Nur der Faust begleitet aus jener Frühzeit Goethe auch durch diese Bildungsprozesse hindurch und in die späteren hinein, weil der schöpferische Inhalt aus dem er empfangen wurde, nicht durch eine einmalige Krise zu erledigen war, er bestand nicht in einem einmaligen Konflikt Goethes mit der Außenwelt, sondern war mit Goethes Natur selbst gegeben und mußte in jeder möglichen Lage seines Lebens sich erneuern.

Aus demselben Grund warum die raschen Titanenentwürfe den langsamen humanen Durchbildungen weichen, treten die humoristischen und satirischen Improvisationen zurück. Die kleinen Sing-und Lustspiele, die Goethe für die Weimarischen Hofkreise oder Komponisten zuliebe gedichtet, haben ihren Ursprung mehr in der Weimarischen Geselligkeit als in Goethes Konflikten, sie sind nicht humoristisch, sondern fröhlich oder heiter, allenfalls parodistisch, und ihr Ernst behandelt die Motive absichtlich, auch wo Goethische Eigenleiden zugrunde liegen, konventionell opernhaft. Überhaupt sind diese Singspiele, Lila, die Fischerin, Scherz, List und Rache, Jery und Bätely, Erwin und Elmire, nicht ursprüngliche Dichtungen sondern Anwendung des dichterischen Talents zu außerdichterischen, gesellschaftlichen, musikalischen Zwecken, zum Teil gemacht, ja gefertigt, um über gewisse Techniken der Oper und des Musikalischen überhaupt praktisch ins reine zu kommen.



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