> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Humanität Seite 65

2015-09-28

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Humanität Seite 65




Aus dem neuen Pflicht-und Verantwortungsgefühl Goethes in der ersten Weimarer Zeit ergibt sich auch eine andre Ökonomie und eine andre Ehrfurcht vor seinen eignen Erlebnissen. Seit er seine Erfahrungen nicht mehr nur für sich, sondern auch für die Menschen zu machen hat, seit sie ihn nicht nur bereichern oder schwellen’ sondern ihn und andre klären, bilden, reifen sollen, gewinnen sie für ihn eine größere Tragweite: indem er sie mit sich trägt und sie nach außen und innen wendet, anwendet, wird ihm jede Erfahrung ein Vielfaches, nicht nur ein schöpferischer Moment, sondern ein Prozeß, ein Bildungs-oder Krankheitsprozeß. Was seine Konflikte an Intensität des Augenblicks einbüßen gewinnen sie an Nachhaltigkeit. Wenn er die Erlebnisse seiner Titanenzeit gern in funkelnde Tropfen zersprühte, so sammelt er sie jetzt um seine Wurzeln und leitet sie fruchtbringend seinem stetigen Wachstum zu.

Jede Lebensstufe hat ihre bestimmte Problemgruppe, deren einzelne Glieder untereinander sich bei aller Verschiedenheit so ähnlich sehen wie die Flora eines bestimmten Bodens — wie die Gewächse der Bergflora oder der Sumpfflora einen unterscheidenden Charakter haben, so unterscheidet sich die Problemgruppe von Goethes titanischem Lebensboden von der seines humanen. Sucht man das äußerste Gemeinsame für die Gesinnung welcher Mahomet, Götz, Urfaust, Cäsar, Prometheus, Sokrates, Werther, und selbst Pater Brey und Satyros entstammen, so kann man (mit gebührender Vorsicht und Bescheidenheit in der Anwendung von vereinfachenden Schlagworten) durch einen Goethischen Ausdruck es bezeichnen als Selbstigkeit, nicht im Sinne von Selbstsucht, sondern von Selbstbesessenheit: die verschiedenen Formen unter denen das naturgegebne Ich sich durchsetzen kann, oder die äußeren Hemmnisse die es an dieser Durchsetzung hindern sind ihr Inhalt. Dieser Inhalt hat selbst Goethes Arbeitsmethode bestimmt, und das Momentane oder Fragmentarische seines titanischen Schaffens zur Folge gehabt. Das titanische Ich ist selbstgenügsam und erkennt kein Gesetz an als sein schöpferisches Gefühl und seine Augenblicke. Die Welt wirkt auf dieser Stufe noch nicht als Gesetz und Maß, nur als Gegenstand oder Widerstand der Betätigung.

Es ist das Kennzeichen des Übergangs zur Humanität, daß zwischen dem Ich und der Welt das Gleichgewicht hergestellt werden soll, die Welt gewinnt nicht nur eine negative Bedeutung, sondern wird freiwillig anzuerkennende Grenze und inneres Gesetz. Damit tritt an Stelle der Selbstigkeit, um auch hier ein möglichst alle Symptome umfassendes Schlagwort zu gebrauchen, die Bildung: eine neue Gruppe von Problemen ergibt sich die untereinander verwandt, aber vielseitiger sind als die Probleme der vorigen, der titanischen Lebensstufe. Sie haben Goethe darum auch länger, nachhaltiger beschäftigen müssen, immer den einen Faust ausgenommen, der (mit dem Leben Goethes selbst dauernd verwachsen) durch die Überwindung einzelner Lebensstufen nicht mit überwunden werden konnte. Denn die Selbstigkeit hat es im Grund mit einer einfachen Gegebenheit zu tun: das Ich, das sich gott-oder naturgetrieben fühlt, hat zu siegen oder unterzugehen . . es trägt seinen Imperativ und sein Schicksal in sich, und schafft von Moment zu Moment die Siege, Erschütterungen und Leiden um derentwillen es da ist: das ist die Stimmung des siegreichen Mahomet, wie des sieglosen Götz, des schöpferischen Prometheus wie des gebrochenen Werther. Aber die Bildung des Ich an der Welt und durch die Welt ist eine vielfachere Aufgabe als die Durchsetzung des Ich gegen die Welt, sie verlangt die Erforschung, Erkenntnis und Anerkennung der Welt als eines bildenden gesetzgebenden Ganzen.. sie verlangt, wenn das Ich eigenwillig und gewaltig ist, Opfer und Verzicht, und sie fordert endlich als drittes und schwerstes die Gestaltung des eigenen stoffartigen Lebens nach den für wahrerkannten Gesetzen sei es der Natur sei es der Gesellschaft: kurz „Bildung“ im engeren Sinn, wozu Mäßigung, Klärung, Entsagung, Wissen, Pflichtgegefühl, Verantwortung nur Vorstufen oder Mittel sind. Schon die bloße Erlangung der Mittel, schon die Wege zur Selbstgestaltung waren für einen tiefen und leidenschaftlichen Menschen wie Goethe eine Fülle von Problemen, und jeder Weg, oder jede Stufe (wir können solche innere Vorgänge immer nur näherungs-und gleichnisweise ausdrücken) hat ihn dichterisch beschäftigen müssen. Hier war nichts aus der Fülle des schöpferischen Augenblicks heraus zu improvisieren, vielmehr das lange und langsame Ringen und Durchdringen selbst war Quelle und Inhalt der Eingebung. Von immer andren Seiten, auf immer andren Stufen hat Goethe nach der Überwindung des Titanismus den Bildungsprozeß selbst und zwar sowohl als ein objektives Geschehen wie als subjektives Erleben dargestellt.

Die Welterfahrung, die Kenntnis des mannigfaltigen Erdenlaufs mit allen Irrtümern als Bildungsprozeß hat Goethe im Wilhelm Meister darstellen wollen. Hier ist die Welt der eigentliche Gegenstand, und der Held ist mehr das Objekt an dem die bildende Wirkung der Welt aufgezeigt wird. Im Wilhelm Meister ist der Bildungsprozeß von außen her dargestellt, als ein natürlich geistiges Geschehen, das sich am Menschen vollzieht. Ein andres Glied dieser Problemgruppe, das Fragment »die Geheimnisse«, behandelt die bewußte Erziehung des Menschen durch die großen in der Geschichte hervorgetretenen sittlichen und religiösen Kräfte oder Lehren, deren Erfahrung nacheinander auf ihn wirkt. Im Urmeister noch ist die Bildung durch Schicksal, in den Geheimnissen die Erziehung durch Plan und höhere Leitung der Gegenstand. Was in den Geheimnissen nicht vollendet ward, ist gewissermaßen später auf andreWeise zur Ausführung gelangt in den Wanderjahren. Nur handelt es sich bei Wilhelm Meister um ein konkretes Individuum, in den Geheimnissen um den Menschen an sich, losgelöst von allen Beschränkungen des zeitlichen Kostüms. Im Tasso und in der Iphigenie erscheint jener Bildungsprozeß nicht als Naturvorgang, sondern von innen gesehen als seelische Wirkung, nicht als langsames Geschehn, sondern konzentriert in Konflikte des durch Schicksal oder Charakter noch selbstigen Ichs mit dem bildenden Prinzip, das Entsagung oder Opfer fordert. Als solche Forderung tritt Iphigenie dem Orest, auch dem Thoas, die Prinzessin dem Tasso entgegen — womit freilich der Gehalt und der Konflikt dieser Stücke nicht erschöpft ist. Im Wilhelm Meister ist der Gewinn des Bildungsprozesses gebucht . . er ist dargestellt von dem welcher den Segen seiner Irrtümer wie seiner Bereicherungen übersieht, und der Leiden die seine Bildung ihn gekostet mit heiterer Ironie gedenken darf. In Iphigenie und Tasso sind aber gerade diese Leiden, die an Zerstörung grenzten, das Eigentliche der dichterischen Inspiration, und nicht von den Errungenschaften, sondern von den Kämpfen aus wird der Frozeß dargestellt. Im Wilhelm Meister ist die Welt als das Bildende, in den Dramen das Ich als das zu Bildende der Inhalt. Wir haben auf alle drei großen Dichtungen als die wichtigsten dichterischen Gestaltungen des Goethischen Bildungsprozesses und als die Sinnbilder für diese ganze humane Lebensstufe noch einzugehen .. und wenn wir das Urerlebnis das ihnen zugrunde liegt festgestellt, haben wir die Bildungselemente zu untersuchen in denen sie ihre dichterische Verkörperung fanden.

Kam es auf die Darstellung der bildenden Welt an, wie beim Wilhelm Meister, so drängte der Stoff sich von selbst auf. Wollte Goethe die großen Einflüsse des tätigen, des wandernden, des bürgerlichen, des adligen Lebens schildern, die verschiedenen Schichten in denen ein junger bildsamer Mensch seine Erfahrungen zu machen hatte, so konnte er nicht gut eine andre Stoffwelt dazu wählen als innerhalb deren er selber seine Ausbildung vollzogen hatte: die breite deutsche bürgerliche, nach oben durch den Adel, nach unten durch die Boheme des Schauspielertums ergänzte, zugleich beleuchtete Gesellschaft. Denn hier war ja das Besondre der Erfahrung wesentlich, gerade die Schauspieler, gerade der Adel, gerade die Gottinnigkeit der schönen Seele waren ja das worauf es ankam, und der Kaufmannsstand des jungen Wilhelm war kein Zufall. Der Bildungswert bestimmter Alters-, Gesinnungs-und Gesellschaftsstufen selbst sollte deutlich hervortreten, und Goethe war hier, um wahr und sinnlich, um beziehungsreich und unterrichtend zu sein, auf die eigne Erfahrung angewiesen — er konnte nicht beliebig allegorisieren oder typisieren, ohne seinen eignen Zweck zu gefährden, seinen Zweck: Welt zu geben, die Welt selbst, monde, societe als ein bildendes Milieu, als bildenden Faktor aufzurollen.

Wollte er dagegen das Bildende großer geistiger und sittlicher Weltkräfte in ihrer Wirkung auf den Menschen schlechthin als auf ein geistiges und sittliches Geschöpf zeigen, also losgelöst von den spezifischen Eigenschaften einerseits seines Bildungsmilieus, anderseits seines zeitlichen Individuums — kurz wollte er die Prinzipien der Menschenbildung, nicht die Erscheinungen eines ihm naheliegenden, nämlich seines Bildungsprozesses zeigen, so bedurfte er freilich der Zeichen: seine „Geheimnisse“ benutzen die maurerische Vorstellung eines dem Guten Wahren Schönen geweihten Geheimbundes. Sie sublimieren daraus, unter Abzug der zeitgenössisch maurerischen Praktiken, dasjenige was sich mythisch sinnlich darstellen und ohne Aktualität als ewige Lehre ansprechen ließ. Der Bildungsroman setzt zeitliches Kostüm, Gegenwart voraus, das allegorische Lehrgedicht eine möglichst unbedingte Ferne. Freilich konnte es sich auch nicht ganz der sinnlichen Motive entschlagen die an die historisch gefärbte Phantasie des Lesers appellieren mußten, Rosenkreuzer, Gralsrittertum u. dergl. Die typischen Omina und Zeichen der großen Welterlöser und Menschheitsführer werden auf den Helden der Geheimnisse, Humanus übertragen, die Verkündigung vor der Geburt, die Schlange des Herkuleskindes, der quellschlagende Stab des Moses. Im Wilhelm Meister sollte Welt dargestellt werden und das WeItlich-Zeitliche selbst war als Stoff unentbehrlich. Dagegen konnte Goethe bei der dichterischen Darstellung der innern Kämpfe und Leiden welche seinen Läuterungsprozeß ausmachten oder begleiteten sich nur solcher Symbole bedienen welche ihm als Menschen schlechthin eigneten, nicht als dem Menschen einer bestimmten Epoche, eines bestimmten Gesellschaftsgefüges, eines bestimmten Milieus. Hier handelte es sich um das Seelische, nicht um das charakteristisch Dingliche, und so sehr jeder Mensch auch innerlich Angehöriger einer bestimmten geschichtlich-dinglichen Welt sein mag und sein muß, so gehört er doch als nacktes denkendes und fühlendes Wesen der bloßen Natur an, und hat eine innere Wirklichkeit die unabhängig von allem Zeitlichen und Geschichtlichen erlebt werden kann. Diese Wechselwirkung von zeitlich (geschichtlich, gesellschaftlich) Bedingtem und naturhaft oder göttlich Unbedingtem im menschlichen Individuum führt ja zu den Gegensätzen zwischen Materalismus und Idealismus.

Goethe hat hier keinen Gegensatz gekannt, er hat den Menschen als bedingtes Objekt, als Geschöpf der Umstände erleben können, wie in Meisters Lehrjahren, und als Träger der göttlichen Kräfte: denn zwischen die Obs jekte und die Gottheit hatte er sich als Ich in die Mitte gestellt und spiegelte sich so gut in der Vielfältigkeit der zeitlichen Dinge als in der Einheit der ewigen Gott-Natur. Mit so deutlichem Blick er das Besondre einer mannigfachen Weltbreite darstellte, mit solcher Entschiedenheit hielt er an der Existenz und an der Darstellbarkeit eines Allgemein-menschlichen fest. Er hat mit Bezug auf seine Naturlehre das scheinbar Paradoxe einer solchen Anschauung klar formuliert. »Was ist das Allgemeine: der einzelne Fall. . Was ist das Besondre: Millionen Fälle.« Was von seiner Naturlehre gilt stimmt für seine dichterische Praxis, und wie die genaue Sammlung, Beobachtung und Vergegenwärtigung der Millionen Fälle ihm unerläßlich schien — man lese seine Morphologie und seine Farbenlehre — so hat er das Allgemeine, d. h. das Absolute oder Göttliche oder wie mans nennen mag, zur Anschauung zu bringen stets als Pflicht und Bedürfnis empfunden. Der Erfahrung hat er stets die Idee vereinigt: denn beide zusammen machten ihm erst menschliches Wissen aus.

Den Bildungsprozeß Goethes hatte der Wilhelm Meister gewissermaßen als Erfahrung, Iphigenie und Tasso hatten die entsprechende seelische Erschütterung als Idee darzustellen.



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