> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Iphigenie Seite 66

2015-09-29

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Iphigenie Seite 66




IPHIGENIE

Wollte Goethe nicht einfach die lyrische Erschütterung wiedergeben, sondern in Gestalten darstellen, so bedurfte er eines symbolischen Stoffes der restlos der sinnlichen Anschauung genügte, und doch frei war von der verwirrenden Mannigfaltigkeit der Erfahrung, der menschlich konkret war ohne zeitlich charakteristisch zu sein, der das Seelische war — zum mindesten für die Anschauung des Goethischen Zeitalters — die klassische, besonders die griechische, und sodann die wesentlich durch das Medium der Kunst vereinfacht gesehene, gereinigte Welt der Renaissance. Zumal in der griechischen Welt war das Ideal eines Rein-Menschlichen Erfahrung geworden, wenigstens war das Historischsbedingte, das Stoffartige schon durch die kunstmäßig oder mythisch gesteigerte ÜberIieferung aufgesogen. Der Kreis der menschlichen Inhalte war durch Ferne, durch Stil und Großheit zurückgeführt auf das was daran wesentlich war, gereinigt von dem was daran bloß zeithaft war. Die Renaissance stand hierin freilich hinter der Antike zurück, sie hatte im Gegensatz zu jener Nacktheit bereits Kostüm, aber sie war, als Kunst-und Hofwelt betrachtet, einfacher und erhabener als die bürgerliche Welt der Goethe angehörte, und wenn im Altertum der Mensch in .höchster Reinheit hervortrat, so war die Renaissance der klassische Boden auf dem das Individuum sich zum erstenmal selbständig und deutlich entwickelte, nicht der allgemeine Mensch, sondern der besondere Mensch. Gab die Antike, wie sie damals gesehen wurde, die unübertreffliche Symbolwelt ab für alle Konflikte die aus dem Menschsein an sich hervorgehen, so war die Renaissance die stilvollste und motivreichste Symbolwelt für alle Konflikte die aus der selbst bewußten Individualität entstehn, insbesondre wenn sie mit einer ebenfalls individuellen Umgebung zusammentrifft. Wohlverstanden: diese Konflikte des Menschen und des individuellen Charakters können in jeder Welt und unter jedem Kostüm gleich stark und tief stattfinden, aber nicht unter jedem Kostüm lassen sie sich so rein oder gehoben deutlich darstellen wie an der Antike und der Renaissance, nicht weil in diesen Welten das interessantere Kostüm waltet, wie die Historienmaler und Poeten neuerer nackt verleiblichte ohne es durch Kostüm zu verhüllen. Eine solche Welt Zeit zumal seit Burckhardts und Nietzsches Entdeckungen meinen, sondern weil diese Welten kostümloser sind, weil das Kostüm das Menschliche und Seelische nicht so sehr überwiegt. In dem Moment da der „historische Sinn“ sich breit macht, da man Griechen, Römer und Renaissancewesen um des Kostüms und des Griechischen, Römischen, Renaissancemäßigen willen dramatisiert und episiert, nicht um des gehoben-menschlichen willen, verlieren jene Welten ihren Symbolwert, und entstehen die lächerlichen Jambengerüste der Epigonenzeit oder die zwittrigen Farbenreize der heutigen Zirkusbühne. Nur solange und nur wo der Glaube herrschte daß in gewissen Zeiten das Wesentliche des Menschen einen reineren und größeren Ausdruck gefunden habe, nur wo man glaubte erstens an ein allgemeines losgelöst von zeitlichen Beschränkungen darzustellendes Menschliches und zweitens an eine klassische Welt in welcher diese zeitlichen Beschränkungen schon von selbst aufgehoben seien — nur dort konnte man mit dichterischer Unbefangenheit, und folglich mit Wahrheit, seine Symbole vergangenen Regionen entnehmen. Das Vergangene war dann nicht vergangen, sondern ewig. Historische Dichtungen, Maskeraden, Werke welche uns irgendeine geschichtliche Begebenheit oder Epoche mit dichterischen Mitteln näherbringen sollen zur Belehrung, das historische Drama oder der historische Roman, sind ein Unding, oder bestenfalls ein Zwitterding. Mit dem Erwachen der eigentlichen historischen Wissenschaft, des fachmännisch „historischen Sinns“, wie ihn erst das 19. Jahrhundert gezüchtet, ist die Geschichte als dichterische Symbolwelt entwertet. Wo ein Mommsen und Ranke, ist kein Schiller möglich. Entweder man empfindet, wie der mittelalterliche Mensch oder noch Shakespeare, alles Vergangne nur als Gleichnis, als Gleichart der Gegenwart, oder man erlebt eine bestimmte Welt als überzeitlich, wie die Zeitgenossen Winckelmanns und Goethes das Hellenentum, in beschränkterem Maße die italienische Renaissance: sonst ist die Geschichte dichterisch tot.

Der griechische Mythenkreis war neben dem biblischen ein selbstverständliches Element in dem der Geist des jungen Goethe heranwuchs. Es war ein Horizont den die Renaissance geschaffen und auch das Rokoko nicht wesentlich erweitert hatte. Erst durch Herders Geschichtspantheismus waren dem jungen Deutschen die Vorzeit des eignen Vaterlands und die Stimmen der Völker vernehmlicher geworden, die ganze Geschichte ein Feld göttlicher Offenbarungen und das griechische Volk eines unter den andren. Die Forderung die Goethe vor Weimar an die Welt stellte war Kraft und Charakter, nicht Schönheit und Gesetz, und als Äußerungen von Kraft und Charakter hat er, neben dem römischen, dem arabischen, dem deutschen Helden, auch griechische Helden verherrlicht oder verherrlichen wollen, Prometheus und Sokrates. Vorbilder waren ihm Homer, nicht als Sänger griechisch klaren Himmels, sondern als Sänger heroisch-gewaltiger Menschen und Taten, und Pindar, nicht der weise Mythenverknüpfer, sondern der überschwengliche Dithyrambiker. Was ihn am Griechischen in seiner Titanenzeit anzog war die Lebensfülle und Kraftspannung, das Prometheische, das Ganymedische — oder um es mit dem von Nietzsche geprägten Sammelbegriff, der zugleich an den Gegensatz erinnert, zu bezeichnen: das Dionysische.

Noch über die Wertherkrise hinaus waltet diese Auffassung des Griechischen vor, welche ja nur eine Versinnbildung seiner eigenen Zustände und Bedürfnisse war. Das Melodram Proserpina, das in den Triumph der Empfindsamkeit eingelegt ist, setzt die Reihe der orgiastischen Griechengedichte fort und behandelt das Schicksal der Unterweltfürstin vor allem als Gefühlsspannung. Freilich deutet hier schon drohend und dunkel ein Zeichen auf die Goethische Wendung gegen das Objektive, auf seine Anerkennung einer überseelischen Macht: das Schicksal von dem Goethes Prometheus redet, als über ihm und den Göttern stehend, das wir aber dort nicht zu spüren bekommen, waltet in der Proserpina als ein unausweichliches, als ein objektives Verhängnis. Hier treten schon als die entscheidende, widerwillig anerkannte Macht die Parzen auf, um den Ratschluß des Schicksals auszusprechen mit dem Kehrwort: du bist unser. Die Gegenwart einer düstern Welt von Verhängnissen wird hier durch die Parzen bezeugt, die Parzen sind eine der Grund Vorstellungen von Goethes griechischer Welt, das notwendige Korrelat zu seinen Helden. Sie stehen dem Daimon seiner Gestalten als Anangke gegenüber in einem steten Kampf, an dessen Verinnerung und zuletzt Aufhebung Goethes hellenische Entwicklung vom Prometheus bis zur Iphigenie sich wahmehmen läßt. Er gehört zu dem inneren Ausgleich zwischen dem selbstherrlichen Ich und dem Zwang der Dinge. Prometheus, Proserpina, Iphigenie sind drei Stufen von Goethes Schicksalsidee.

Im Prometheus erscheint das allmächtige Schicksal, dem Götter und Menschen unterworfen sind, als indifferente, nicht handelnde, sondern nur waltende, nicht am eignen Leibe gefühlte Macht, die der Heros anerkennt wie Luft und Erde, bedingt durch sie, aber nicht geknechtet. In der Proserpina stößt das überschwenglich sich ergießende Gefühl, das mit Liebe und Schmerz den Freuden der blühenden Erde droben im Licht nachhängt, das mit Mitleid sich in das Los der Schatten hineinsinnt, mit Grauen das lichtlose Dasein in den Armen des Pluto erwartet, an den Zwang der Dinge, an den Befehl der Parzen, an den Ratschluß des Verhängnisses und geht innerlich unter daran. Dieses Gedicht drückt so sehr mythische Werther-Stimmung aus wie der Prometheus mythisch gesteigerte Götzgesinnung. Proserpina ist widerwillig, ist mit allem Abscheu „Sklavin des Schicksals“ und sie geht in die unerbittliche Nacht mit Verwünschung wie Werther, das Schicksal nicht als legitim anerkennend, nicht als ebenbürtig mit ihm ringend, wie Prometheus, sondern mit Abscheu von ihm besiegt. Ihr Willkomm an den Schattenkönig »Rufe die Qualen aus stygischen Nächten empor« ist verwandt der Stimmung womit Werther in den Tod geht: das Schicksal, die Notwendigkeit erscheint ganz als etwas Außeres, als rohe Gewalt die uns zertreten und knechten, aber nicht innerlich überwinden und aneignen kann. Der autonomen Macht und kampflustigen Selbstherrlichkeit des Götz und Prometheus ist die grenzenlose Innerlichkeit desWerther und der Proserpina gefolgt. Beide Zustände stehen der objektiven Welt, wie sie als Schicksal verkörpert ist, feindlich oder ohne Verständnis gegenüber — sie bekämpfen sie oder leiden an ihr — wie es der titanische und der wertherische Goethe getan. Die Natur (die andre Form unter der man die objektive Welt erleben kann) erscheint im Götz und Prometheus als Schauplatz oder Wirkungsfeld, im Werther und in der Proserpina als Gefühl oder als Stimmung: d.h. die Seelenzustände werden in sie hineingedeutet, sie wird anthropomorphisiert.



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