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2015-09-21

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Karl August Seite 56



KARL AUGUST

In dem jungen Herzog trat Goethe zum erstenmal in seinem Leben einen Mensch gegenüber der ihm an wirklicher Lebensfülle, an echtem Sturm und Drang ebenbürtig war, nicht nur, wie die Lenz, Klinger, Wagner, an gespieltem oder künstlich erhitztem Temperament- oder Phantasiesüberschuß litt. Und dieser unbändige Fürst, ein tatendurstiger, auf Aktivität, nicht auf Selbstbetrachtung und Schriftstellerei gestellter Jüngling, hatte den Verfasser des Werther als Freund, Vertrauten, Ratgeber und Leiter gewählt — ein ganz anderes Verhältnis als Goethe bisher, trotz seiner literarischen Führerschaft und Überlegenheit, zu irgendeinem Menschen gehabt hatte, das für einen tiefsittlichen Menschen neue Verantwortung bedeutete.

Im Herzog fand Goethe ein Spiegelbild seiner eignen Leidenschaft, des eignen aus Lebensfülle gequälten Drängens, das auch nach der Wertherkrise noch nicht geheilt war, wenn es ihn auch nicht mehr bis an die Grenze des Untergangs führte. Sich von jener Unbändigkeit, dem maßlosen Auf-und-ab zu läutern, zu beruhigen, solider, sicherer, stetiger zu werden war Goethes sehnlichstes Streben (im Gegensatz zu den übrigen Stürmern und Drängern die sich gerade in diesem Tosen und Brausen gefielen) und die Sittigung des ihm wesensverwandten Herzogs, teils von diesem erwartet, teils eine Forderung seines eignen Herzens, förderte seine Selbstzucht. Doch nicht nur daß ihm der Herzog gewissermaßen ähnlichen Dienst leistete wie in Raimunds Stück der Alpenkönig dem Menschenfeind — nicht nur das Anschaun, auch das Mittun, das Begleiten, Leiten, Raten und Hemmen, welches durch das Zusammenleben mit einem solch mächtigen und in vieler Hinsicht gefährlichen Menschen erfordert war, mußte Goethe von den eignen Innerlichkeiten ablenken, ihn aufmerksamer, wachsamer, tätiger und überlegener machen: es galt für ihn mehr als bisher äußeren Situationen gewachsen zu sein und seiner Lebensfülle feste Aufgaben zu stellen: er, der produktive Mensch, an die Seite des aktiven berufen und durch eine Wahlverwandtschaft auch innerlich an ihn gebunden, nahm an einem dämonischen Schicksal teil dem gegenüber er nicht der unbedingt überlegene war und sich durch Konzentration und Anspannung zu behaupten hatte. Man versteht den Herzog falsch, wenn man in ihm den typischen kunstsinnigen und literaturfreundlichen Mäcen sieht, der durch die dichterischen Schönheiten des Werther angelockt den Verfasser als Zierde oder Mitte eines Musenhofs heranzuziehen das Bedürfnis gefühlt hätte. Was in Weimar an den „Musenhof“ erinnert, an einen gesellig gebildeten, geistig interessierten, geschmackvoll müßigen oder betriebsamen Kreis, geht von der Herzoginmutter aus, und wird mehr durch die Berufung Wielands bezeichnet als durch das Verhältnis Goethes zum Herzog. Der junge Herzog war vor allem Kraftmensch und suchte in Goethe den Kraftmenschen, den er im Werther mit dämonischem Instinkt herausgefühlt hatte. Sein Kunst? verstand, sein ästhetisches Gefühl, sein eigentlicher „Geschmack“ war nicht besonders ausgebildet — er ließ Gemälde nach dem Quadratzoll bezahlen, und die Geschichte mit dem Hund des Aubry, womit er Goethes Theaterleitung barsch beendete, beweist daß sein Kunstgeist nicht tief wurzelte. Aber wenn Goethe bei dieser schmerzlichen Gelegenheit nach einer vierzigjährigen Verbindung ausrief „Karl August hat mich nie verstanden“, so konnte dies von den geistigen Inhalten und Tendenzen Goethes gelten, nicht von dem Grund des Goethischen Wesens. Der Herzog hatte ein unmittelbares Gefühl für Echtheit und Kraft, und auf der Charakterähnlichkeit, nicht auf Interessengemeinschaft und geistigem Einverständnis beruhte der Bund zwischen diesem Sänger und diesem Fürsten.

Der Herzog war die einzige dämonische Tätergestalt die Goethe außer Napoleon begegnet ist: und nicht zufällig nennt er ihn in einer bekannten Stelle des Eckermann über das Dämonische mit dem Weltherrscher zusammen. „Der Großherzog war eine dämonische Natur, voll unbegrenzter Tatkraft und Unruhe, so daß sein eignes Reich ihm zu klein war und das größte ihm zu klein gewesen wäre.“ Diese Unruhe eben entsprang aus einer Lebensfülle die Goethe verwandt war und anzog, und aus dieser Unruhe wiederum entsprang jene Vielseitigkeit des Eingreifens, des Teilnehmens an allen menschlichen Richtungen mit dem Sinn für das Wesentliche und Echte, wie er auch Napoleon eignet trotz dem Mangel an feingeistiger Ausbildung. „Der Großherzog war ein geborener großer Mensch, womit alles gesagt und getan ist“ „Er war ein Mensch aus dem Ganzen und es kam bei ihm alles aus einer einzigen großen Quelle“ „Er hatte die Gabe Geister und Charaktere zu unterscheiden und jeden an seinen Platz zu stellen“ „Er war beseelt von dem edelsten Wohlwollen, von der reinsten Menschenliebe. . es war in ihm viel Göttliches“. In diesen Sätzen steht was Goethe mit dem Herzog verband, weit über alle Interessengemeinschaft in Kunst und Wissens schaft hinaus: zwei gewaltige Naturen die sich zu bilden, durch Bildung, d. h. Selbstgestaltung zu erretten strebten, und denen die Bewältigung schwerer Aufgaben, Stoffe und Widerstände erst instinktiv, nachher bewußt zum Bildungsmittel wurde. Der Herzog ward für Goethe also nicht nur ein Freund, sondern (was ihm bisher noch kein andrer Mensch gewesen war) ein Beruf, nicht nur durch die Aufgaben die er als Herr ihm stellte, mehr noch durch die Aufgabe die er als Mensch selbst war.

Goethe hat dies neue Erlebnis von Verantwortung in ein dichterisches Sinnbild gebannt. Das Gedicht Ilmenau, drei Jahre vor der italienischen Reise, zeichnet Goethes ersten Weimarer Zustand, die Selbstbesinnung, die Verantwortung inmitten des stürmischen Trubels, sein Verhältnis zu dem reichen Menschen der zugleich sein Herr, sein Busenfreund und sein Schützling war: es zeichnet zugleich eine wirkliche, dichterisch symbolische Situation und in ihr, aus ihr heraus, an ihr einen Charakter und die Beziehung, den Gefühlsgehalt der Beziehung zwischen dem Dichter und dem Herzog. Seinem Gehalt wie seiner Form nach ist dies Gedicht, nebst der wenige Jahre früher entstandenen Harzreise im Winter, das sinnfälligste Literaturdenkmal für die Momente der Sammlung und Selbstbesinnung seines noch immer stürmischen, wallenden, wandernden Herzens, das auf dem Weg zum Maß und zur Klarheit, auf dem Weg nach Italien war, aber noch lange nicht am Ziel. Und zwar ist der Übergang des voritalienischen zu dem italienischen Goethe in dem Gedicht Ilmenau nicht nur an dem Gegenstand, dem Stoff, dem Reflexionsgehalt, sondern auch an der Diktion und Komposition nachzuweisen, wenn man es mit den bezeichnendsten lyrischen Produkten etwa der Wertherzeit und den bezeichnendsten aus dem letzten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts vergleicht, da die Nachwirkung der italienischen Selbstzucht und errungenen Kunstgesinnung noch besonders stark war, z.B. den römischen Elegien. Allgemein-goethisch ist die Art der Empfängnis: den Gefühls- oder Gedankengehalt zu entwickeln aus einer sinnlich angeschauten und dargestellten Situation: hier die abendliche Einkehr am Fuß eines Waldhügels zur Ruhe nach durchhetztem Tag. Es ist Goethisch allen Gedanken-und Gefühlsgehalt aus einem konkreten, erlebten Motiv ausstrahlen zu lassen, von einem Punkt aus ins Weite zu gehen, nicht, wie etwa Klopstock oder Schiller, einen weiten, hohen, umspannen? den Gedanken abzugrenzen durch persönliche, konkrete Motive. In dem Moment worin Goethe die Situation zeichnet ist schon das Ganze seines Gedichts enthalten wie im Samen der Baum: sie ist der Samen, so auch hier. Mit der Situation gibt Goethe schon die Elemente die er dann nur entwickelt, beleuchtet, reflektiert (reflektieren heißt widerstrahlen und heißt nachdenken, durch den Gedanken ein Sinnliches spiegeln). Diese Elemente, gegeben in der Dichte einer einmaligen poetisch faßlichen Situation, sind sinnbildlich für den gesamten Lebenzustand jener Zeit: sorgenvolle Rast und Wache für andre zwischen Hatz und Arbeit mit andren inmitten eines fruchtbaren, idyllischen Landes . . und auch das ist allgemein Goethisch, ganze Lebensepochen in einem dichterischen Augenblick zu fassen. Seine Momentbilder sind symbolisch, nicht isoliert . . nicht impressionistisch gehascht und geblitzt, sondern zusammengeschossen, gereift und geboren.

Neu ist hier die Konzentration aller Sinnlichkeit auf das Auge. Sinnlich erleben heißt für Goethe mehr und mehr: schauen. Das Auge wird für Goethe das stellvertretende Organ des Gesamtleibes und des Lebens überhaupt: die Gesetze des Schauens werden für ihn die Gesetze des Darstellens und Gestaltens schlechthin: Messen und Wählen, nicht mehr Mischen und Wühlen werden für ihn die künstlerischen Funktionen. Einen Vers wie „All meine Sinnen sich erwühlen“ hätte der spätere Goethe nicht mehr erleben können. Das dumpfe wallende Fühlen, das Untertauchen im sinnlichen Moment bedingt die Sprachgestaltung der Goethischen Jugendlyrik mit ihrer Vermischung der sinnlichen Sphären, Ineinanderwirkung der grammatischen Funktionen. In „Ilmenau“ spüren wir schon den Willen zur augenhaften Sonderung, nicht mehr das Gefühl, sondern der Eindruck, der Umriß, die Gestalt sollen gegeben werden. Das Flimmern, Schweben, Wehen und Wallen um die besondern Formen der Landschaft, das ossianisch Neblige, Stürzende, Strömende macht einer mit Maleraugen gefaßten Schilderung von Einzelmotiven Platz . . keine Häufung, Türmung und Mischung von Bildern mehr, sondern eine sinnliche Beschreibung wird erstrebt. Diese Tendenz, die Italien erst zur Erfüllung gebracht, ist hier noch im Werden. Man vergleiche aber etwa die Verse aus „Elysium“ (1772) die eine ähnliche Situation geben: 

Wenn mir auf dem Felsen 
Die Sonne niedergeht,
Seh ich Freundegestalten
Mir winken durch wehende Zweige
Des dämmernden Hains . .

und „Ilmenau“

Bei kleinen Hütten, dicht mit Reis bedecket,
Seh ich sie froh ans Feuer hingestrecket.
Es dringt der Glanz hoch durch den Fichtensaal,
Am niedem Herde kocht ein rohes Mahl;
Sie scherzen laut, indessen, bald geleeret,
Die Flasche frisch im Kreise wiederkehret.

Während dort Gefühl der Situation wiedergegeben werden soll, ist hier Beobachtung der Situation, Details werden nicht nur im Flug gehascht und im Feuer der Empfindung verdampft, im Strom der Bewegung aufgelöst, sie werden bereits ausgemalt und gewinnen gegenüber dem Gefühl selbständigen Wert. Die Anschauungen werden nicht mehr ineinander geballt, sondern nebeneinander gestellt, das Auge ist mächtiger als das Gefühl, der Maler über den Musiker Herr geworden, oder er will es wenigstens. Denn immer noch — und das ist jung-goethisch — ist das Gefühl stark genug, um die Gegenstände aufzuweichen, noch ist nicht, wie etwa in den römischen Elegien, die Schilderung eines Gegenstandes, einer Situation Selbstzweck. Noch ist die Auswahl der gesehenen Einzelheiten ein Zeichen der voritalienischen Empfindungsweise: die Übergänge, der Wechsel von Licht und Schatten, das Dämmern, all diejenigen Sichtbarkeiten deren das Auge erst durch Nachhilfe des Gefühls, durch Nachtasten, sich bemächtigt, werden ausgewählt. Wie das spezifisch Malerische eine Seelenstufe zwischen Musik und Plastik darstellt, so steht dies Gedicht zwischen dem unbedingten Gefühlskult des frühesten und dem strengen Formen-und Linienkult des späteren Goethe in der Mitte.

Der Übergangsatmosphäre des Gedichts entspricht die Übergangsgesinnung, seiner Diktion entspricht der Inhalt. „Ilmenau“ handelt von Goethes Einkehr und Umschau, und die Situation von der es ausgeht, die ihm Kolorit und Stimmung gibt, die es über die Gefahr der bloßen Gedanklichkeit hinaushebt, ist dafür das Sinnbild. Weniger als die bisherigen Gedichte Goethes bleibt es am Gefühl haften, ist weniger Ausdruck einer Wallung, Leidenschaft, Begeisterung: es ist Ausdruck einer Gesinnung. Nicht zufällig bedient sich Goethe hier des dichterischen Kunstgriffs, sein Ich als ein geträumtes sich gegenüberzustellen, es sich zum „Gegenstand“ zu machen, mit einem Wort: sich zu sehen, und zwar sich zu sehen im Kreis seiner neuen Umwelt mit ihren Schicksalen und Verpflichtungen. Sich-sehen ist zugleich Bildungsmittel und Heilmittel: was uns zum Bild geworden ist daran leiden wir weniger. In diesem Sinn überschaut Goethe sein bisheriges Schicksal und seine künftige Pflicht, deren Mitte für ihn eben der Herzog selbst ist — „all sein Wohl und all sein Ungemach“

Ein edles Herz, vom Wege der Natur 
Durch enges Schicksal abgeleitet.
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Als „Ilmenau“ geschrieben wurde, durfte der darin festgehaltene gefährliche Zustand des Herzogs Goethe schon als schwerer Traum erscheinen und so bannt ihn das Gedicht, noch gegenwärtig, aber mit der Distanz ei' nes Traums:

Es lebt mir eine schönre Welt;
Das ängstliche Gesicht ist in die Luft zerronnen.
Ein neues Leben ists, es ist schon lang begonnen.

Dies neue Leben bedeutet für ihn selbst wie für den Herzog den Übergang aus einem gefährlichen und quälenden, maßlosen und hemmungslosen Titanentum zur Sozialisierung, zum Wirken für und mit andren, Einfügung in Bedingungen:

Du kennest lang die Pflichten deines Standes 
Und schränkest nach und nach die freie Seele ein . .
. .Wer andre wohl zu leiten strebt,
Muß fähig sein viel zu entbehren.

Die persönliche Leitung und Bändigung des Herzogs, die Goethe zur Selbstbändigung zwang, wurde ergänzt durch die mannigfaltigen Amts-und Verwaltungspflichten, die er als weimarischer Hofmann übernehmen mußte . . auch so wurde seiner Italienreise vorgearbeitet. Nicht nur daß er sich, eingefügt in einen gesellschaftlichen Organismus, wie beweglich und frei dieser immerhin sein mochte, des stürmischen Eigenwillens entschlagen sollte, mehr und mehr sozialisiert wurde, Rücksichten und Formen zu beobachten hatte, auf dem Wege weitergeführt auf den ihn die Liebe zur Gesellschaftsdame Lili schon allmählich gebracht hatte: wichtiger als die sozialisierenden Wirkungen waren die objektivierenden, die der weimarische Pflichtenkreis auf ihn ausübte. Wichtiger als die Einschränkung seiner Gefühle war die Erweiterung seines Blicks, die Vermehrung seines Beobachtungsstoffs und die Erlernung neuer Griffe und Kenntnisse. Was er als Genius innerlich vorweggenommen hatte in seinen ersten dramatischen Arbeiten, das »Weltwesen«, trat ihm hier mit Forderungen von außen entgegen und was er gewußt oder gesehen hatte das galt es jetzt üben: auch hier ward er auf Italien vorbereitet durch Ausbildung seiner Augen, auch hier lernte er Vorstellungen in Anschauungen, Ahnungen in Kenntnisse, Gefühl in Tätigkeit verwandeln. Als Regent eines kleinen Landes, als maitre de plaisir eines geistig anspruchsvollen Hofs lernte er den staatlichen und geselligen Zustand von innen her kennen, den er bisher nur als Zuschauer oder als titanischer Widersacher erfahren hatte. Seine Welt nahm in demselben Maße zu als er sein Ich einschränkte . . und so wenig die Rekrutenaushebung dem Dichter des Prometheus gemäß erscheinen mochte, so deutlich er selbst den Gegensatz zwischen seinen dichterischen Aspirationen und Inspirationen und dem Elend der Strumpfwirker in Apolda aussprach: die hundert kleinlichen Details seines äußeren Lebens in der ersten Weimarer Zeit, die mit dem stürmischen Flug seiner Wetzlarer und Straßburger Geniejahre nachteilig kontrastieren, die zumal seiner damaligen Produktivität hinderlich scheinen: sie alle sind nicht Verengerungen, sondern ersehnte Erweiterung seines Gesichtskreises, Vorarbeiten zu dem großen italienischen Bildungsprozeß geworden.



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