> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Landschaft Seite 53

2015-09-18

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Landschaft Seite 53



LANDSCHAFT

Der neue Menschen-und Pflichtenkreis in den Goethe mit dem Umzug nach Weimar eintrat, so sehr er einen selbständigen Sinn hat, wird für seine Geschichte mehr oder minder als Vorstufe der italienischen Wandlung erst zu seinem Recht und Bild gelangen. Dagegen die neue Landschaft hat unmittelbaren Ausdruck gefunden, und nicht nur als langsam wirkende menschenbildende Kraft ihre Hauptbedeutung in Goethes Leben gewonnen, sondern als augenblicklicher lyrischer Zustand, als gehobener Augenblick. Das Eigentümliche der weimarischen Landschaft ist die Vereinigung von Stadt und Natur, der fast unmerkliche Übergang des Gebauten in das Gewachsene, von Markt zu Schloß, von Schloß zu Park und von Park zu Au und Hügel und Fluß. Goethe hatte in Leipzig und in Frankfurt wie in Straßburg die landschaftliche Natur bisher nur als Umgebung, als Ausflug, als Gegensatz gegen das gedrängte Stadtwesen, als Ausbreitung gekannt, und seine Ausflüge in den mittel-oder süddeutschen Hügel-und Flußlandschaften, in Odenwald, Taunus und am Rhein empfand er selbst als Durchbruch, als Gegensatz gegen sein Wohnen, als Auf« und Ausatmen. Dieses Gefühl des befreiten Städters ist für den nordischen Bewohner am endgültigsten ausgedrückt in dem ersten Monolog des Faust: „Flieh ! auf! hinaus ins weite Land!“ und beim Osterspaziergang. Das enge Gewinkel schiefer Dächer, dumpfer Stuben mit trüben Scheiben gibt das entschiedene Gefühl des eingeschlossenen zusammengepferchten Hausens und aus dem Gegensatz zu diesem Gefühl ist bei der Überwindung des Rationalismus das neue Landschaftsgefühl geboren worden, dessen Meister in der Weltliteratur Goethe ist. Es ist nicht wie das Shakespearische Naturgefühl entstanden aus dem mythischen Anschaun der Elemente, aus einer gesteigerten, vergeistigten Bäuerlichkeit, sondern gerade aus dem Städtertum. Beide, Shakespeare wie Goethe, fanden als konventionelle literarische Form der Landschafterei hauptsächlich die von Vergils Eklogen und Theokrits Idyllen abgeleiteten Hirten- und Schäfermotive vor, und beide haben diese erstarrten Formen wieder durchseelt und ins Unermeßliche erweitert, Shakespeare aus einem bäuerlichen Elementarempfinden, Goethe aus der umfassenden Sehnsucht des Städters.

In Weimar fand nun Goethe für sein schon von Leipzig her wieder erwecktes Landschaftsgefühl eine neue Anregung, ja eine neue Begründung. Hier war das erstemal in seinem Leben der bisher als Reiz und Spannung empfundene durch Sehnsucht und Wanderschaft überbrückte Gegensatz zwischen Städter und Landschaft aufgehoben, und der Bewohner des Gartenhäuschens am Stern, der Reiter, Jäger, der in Amtsgeschäften und Lustbarkeiten beinah immer über Land und unterwegs war, der mehr Parks, Dörfer und Jagdgelände sah als Straßen und Plätze, führte ein Leben im Grünen wie er es bisher nicht gekannt hatte. Die Natur war ihm nicht mehr ein Ziel und eine Erholung, sondern eine Gewohnheit und Umgebung. „Nicht kalt staunenden Besuch erlaubst du nur, vergönnest mir in ihre tiefe Brust wie in den Busen eines Freunds zu schauen.“ Diese Verse, nicht nur auf die Naturerkenntnis sondern auch auf das Naturgefühl bezüglich, haben erst in Weimar ihre Begründung gefunden.

Wie Goethe dort im Grünen wohnte, ringsum sofort in die Landschaft hinausgewiesen, so lagen auch die Hauptstätten seiner amtlichen Tätigkeit halb oder ganz im Freien, schon das Weimarische Schloß selbst, die Jagdschlösser Tiefurt, Ettersburg, Belvedere, und just diese amtliche Tätigkeit hielt ihn mehr im Freien als sogar seine früheren Sturm-und-drangwanderungen. Inspektionsreisen, Chausseenbau, Jagden, und selbst die Theateraufführungen auf dem Rasen an den Ufern der Ilm oder im Ettersberger Park sind ein Anzeichen dafür daß Goethe aus einem Quartier-und Straßenbewohner ein Parkbewohner geworden war, daß die Landschaft sich ihm wandelte in ein selbstverständlicheres, zu seinem Alltag gehörendes Element: d. h. bei Goethe nicht ein banales, sondern gleichfalls stumm bildendes und gestaltend umgestaltetes Element. Auch in dieser parkartigen Einheit von Natur und Kultur, von pflanzlich Gewachsnem und menschlich Gehegtem ist die neue Umgebung Goethes eine idyllische Vorstufe zu der großen italienischen Erfahrung. Italien ist ganz wesentlich noch heute in Europa das Land wo der Gegensatz zwischen Natur und Kultur den Sinnen am wenigsten fühlbar ist: wo das Gebaute gewachsen und das Gewachsene gebaut scheint. Davon später.

Die neue Landschaft wirkt nun auch in Goethes Dichtung auf doppelte Weise, einmal unmittelbar, als lyrisches Motiv, und sodann allgemach mittelbar, eben durch Zurücktreten der Landschaft als selbständigen Schauplatzes, durch zunehmende Vergeistigung und Beseelung, als sei der Raum zum Gefühlselement verdampft, eingesogen. Denn gerade je selbstverständlicher das Leben in und mit der Landschaft für Goethe in Weimar wurde, desto weniger ward sie für ihn eine Erregung, eine dichterisch aufregende Erfahrung. Verse wie im Anfangsmonolog des Faust hätte der in Weimar eingewohnte nimmer schreiben können. Die tiefsten Gedichte der Weimarer Zeit sind mit wenigen Ausnahmen nicht aus dem neuen Naturgefühl herausgeatmet wie die Friederikenlieder, die Wetzlarer und Frankfurter Bet-und Wandersänge, sondern aus einem vertieften Menschengefühl: einer neuen Empfindung und Erfahrung dessen was der Mensch überhaupt sei, nicht bloß das naturhaltige, naturumfaßte Ich des Dichters, sondern das seelen-und schicksalhafte Wesen Mensch: dies ist das gemeinsam Neue in den Mignonliedern, wie in den Gesängen an oder für Charlotte von Stein, das Neue in den Konzeptionen Egmont, Tasso, Iphigenie, Elpenor gegenüber Werther, Faust, selbst Götz, Mahomet, Prometheus. Der Mensch selbst ist mehr von der Seele und dem Schicksal aus gefaßt — die neue Empfindung der „dämonischen“ Einheit von Seele und Schicksal waltet mit — während er früher vor allem als ein Naturwesen, strotzend und bedrängt von Kräften des Wachstums, von Säften und Quellen erlebt wurde, und sich das Landschaftsgefühl namentlich äußerte als ein sympathetisches Mitschwingen der schon menschgewordnen Natur mit dem noch elementaren Kräftekreis aus dem sich die menschlichen Gefühle nährten. Je mehr Goethe den Menschen als ein dämonisch-schicksalhaltiges Wesen auffaßte (und dies ist die Wirkung innerer Erlebnisse nach der Wertherzeit von denen die Rede war) desto mehr trat die Landschaft als sympathetischer Kräftekreis zurück: denn die Landschaft ist schicksallos. Die Landschaft ist in dieser Zeit entweder das Gleichnis oder der Raum der Seele und des Schicksals, nicht mehr ihre Form und Stimmung: Gleichnis wie in der Seefahrt und der Zueignung, Raum wie in „Ilmenau“ oder Mignons Lied.


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