> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Landschaft Seite 54

2015-09-18

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Landschaft Seite 54



Nicht mehr Mensch und Natur sind in dieser Epoche Goethes die konzentrischen Kräftekreise, sondern Mensch und Schicksal. . und die Natur, die Landschaft (freilich jetzt unendlich tiefer gefaßt, kosmischer erlebt) wieder für eine Weile durch ein neues Erleben des Schicksals und der Seele zurückgedrängt, wird wieder bloß Raum und Atmosphäre, wie sie für Goethe vor der Straßburger Zeit gewesen. So tritt ja auch die Gesellschaft, in Straßburg und Wetzlar durch das Erlebnis „Natur“ überflutet, wieder in ihre Rechte ein gegenüber dem autonomen Naturgenie, freilich auch sie nicht mehr als alleiniges Gesetz und Maß des Menschen, sondern als eine freiwillig anerkannte, aber auch als relativ erkannte Grenze. In demselben Maß und Zeitpunkt also in dem Goethe zu einer neuen Erfahrung des Schicksals gelangte und zur neuen Anerkennung der Gesellschaft, d. h. der wesentlich menschlichen Mächte (im Gegensatz zur Natur, welche menschlich und außermenschlich zugleich ist) ward ihm auch die Landschaft aus einem neuen Weltteil und Zauberkreis, dessen Entdeckung und Eroberung ein Teil seines titanischen und sentimentalen Lebenswerks gewesen, zum vertrauten Wohnraum, zur alltäglichen Luft, zum Milieu. Nur als solchem, nicht mehr als einer Erschütterung und Entdeckung, begegnen wir ihr fortan.

Für die Entwicklung des Goethischen Landschaftsgefühls in den ersten Weimarer Jahren sind die bezeichnenden Äußerungen das Gedicht an den Mond, die Harzreise im Winter und Ilmenau. Es sind drei Stufen der Distanz zwischen Gefühl und Landschaft. In dem ersten ist die Gefühlswallung noch angeregt und eingesogen von dem landschaftlichen Schauer: der Mond und sein Nebelglanz in nächtlichen Hügelwäldem und Flußtälern ist untrennbar eines mit dem sehnsüchtig seligen Schwanken der nächtlich wachenden Seele. Die Landschaft selbst ist nicht ein gewohnter alltäglicher Anblick, sondern sie ist ein Zauber, die Magie der Nacht hat sie verwandelt und aus ihr einen Raum der Seele, ja eine Bewegung der Seele gemacht. Das ganze Gedicht gehört noch in die Reihe der romantischen Nachtgesänge, die mit dem Lied an den Mond im Leipziger Liederbuch eröffnet werden, in dem Straßburger »Willkommen und Abschied« vollzieht sich der Durchbruch aus der belebten Szeneriesdichtung, zur eigentlichen kosmischen Naturempfindung und in dem Weimarischen Gedicht an den Mond der Durchbruch zur kosmischen Naturbeseelung.

In der „Harzreise“ erscheinen Seele und Landschaft wieder als getrennte Mächte, und der Raum der Seele ist, so wie es früher die Natur war, jetzt das Schicksal, die Landschaft aber gibt die sinnliche Parallelbewegung zu derjenigen der Seele und des Schicksals, die eins sind. Nie wieder freilich konnte Goethe, nach der Entdeckung der Natur als eines Komplexes wirkender Kräfte, zurückfallen in die bloße Beschreibung — in die rationalistische Naturansicht: sein mythenschaffender Naturblick belebt sie überall wo er sie erwähnt, aber sie ist ihm nicht mehr wie in einer bestimmten Epoche das nächstliegende und fast alleinige Gefäß seiner Wallungen oder die erste Quelle selbst der erotischen Eingebung. Mehr als bisher sind ihm jetzt die Erfahrungen „Seele“ und „Schicksal“ Mitte der Inspiration, und wenn diese auf ihrem Weg der Landschaft begegnen, so zieht er sie herein, aber er verwandelt nicht mehr seinen Seelen-und Schicksalsgesang bloß in Landschaft.

Die „Harzreise“ ist eine Rhapsodie über die gottgegebnen Wege von Menschen, hervorgesungen aus der ahnungsvollen Reinheit und Dämmerung eines abenteuerlichen Reisemorgens, der in einen gegebnen Augenblick die halb traumartige halb wirkliche Vision ganzer Lebensschicksale zusammendrängt zugleich mit ihrer Deutung aus dem Wesen der Gottheit. Sie gehört in den Gedanken -und Stimmungskreis der Hymnen »Grenzen der Menschheit« und »Das Göttliche« die das Verhältnis des Menschenschicksals zur Gottheit überschauen, als Gegengesänge zu Prometheus und Ganymed, worin menschlichsgöttliche Kraft und Fülle, aber noch nicht das Schicksal selbst wirkt. (Denn das Schicksal das Prometheus anerkennt erscheint nicht als eingreifende Macht, sondern als gleichgültiger Raum.) Der Technik nach schließt sich die Harzreise an die Wanderrhapsodien Schwager Kronos und Wanderers Sturmlied. Sie steht zeitlich wie seelisch zwischen diesen Rhapsodien und jenen Hymnen und hält auch in dem Gleichgewicht zwischen Seele, Schicksal und Natur ziemlich die Mitte, ebenso im Gleichgewicht zwischen der körperlichen Sprachwerdung des fruchtbaren inspirierenden Augenblicks und der weisen Überschau und Deutung des Lebens von diesem Augenblick aus. Schwager Kronos und Wanderers Sturmlied sind fast völlig gebunden an den Moment, an die Situation, sie sind lediglich die Aussingung gesteigerter Wanderaugenblicke, in deren erregten Schwung die Anschauungen und Einfälle am Weg hereingezogen und verdampft werden. Grenzen der Menschheit und Das Göttliche dagegen sind nicht eingegeben aus einer unmittelbar körperlichen Situation des Dichters, zum mindesten ist der inspirierende Augenblick nicht mehr im Gedicht als Element des Inhalts und des Gefüges merkbar: das Gesicht wovon sie ausgehen und das sie darstellen ist nur die Veranschaulichung eines weltumfassenden Gedankens (freilich bei Goethe keiner abstrakten Reflexion sondern eines licht- und geistgewordenen Weltempfindens). Nach alter nur mit Vorsicht zu gebrauchender Terminologie wären jene Rhapsodien Stimmungsgedichte, die Hymnen Gedankengedichte. Bei jenen gehört das Sinnliche zur Stimmung und ist das zeugende und tragende Motiv, bei diesen ist es nur klärendes Gleichnis für ein Geistiges.

Die „Harzreise“ ist einzig aus beidem gemischt: die Rhapsodie, welche nur eine körperliche Situation oder Aktion in Sprachbild verwandelt, also hier die Eindrücke und Empfindungen der Reise, des Reisens rhythmisch wiedergibt, wird hier gekreuzt, erweitert, verschlungen von der hymnischen Überschau und Deutung. Die Dunkelheit des Gedichts entsteht weniger aus der Verhüllung der besonderen Einzelheiten dieser Fahrt als aus der scheinbar willkürlichen Verknüpfung der sinnlich-landschaftlichen Strophen mit den geistig-gedanklichen. Diese Verknüpfung — nicht Iogisch, sondern assoziativ und rhythmisch — die dem Gedicht über die Wanderrhapsodien hinaus Weite und Helle, über die Hymnen hinaus sinnliche Mannigfaltigkeit und Fülle gibt, ist ein Ausdruck von Goethes damaligem Lebensgefühl, das zwischen leidenschaftlich hingegebner Befangenheit im sinnlichen Moment und geistiger Überschau über sein Gesamtschicksal und das Wesen der Gottheit geteilt war.

Die beiden Worte die er damals gleichmäßig gern und lobend gebrauchte, nicht als Gegensätze, sondern fast als Bezeichnung derselben Zustände, sind Dumpfheit und Reinheit — das eine ist die gefüllte Sinnlichkeit für alle körperlich wahrnehmbare Außenwelt, das andre die dadurch nicht ausgeschaltete sondern gehobene und gesteigerte Geistigkeit womit er die Götterkräfte erfaßte die aller Wahrnehmbarkeit zugrunde lagen: Schicksal, Seele, Natur (Natur indes nicht als die Erscheinung der Sinnen weit, sondern als ihr Prinzip, als ihr Sinn, ihre „Idee“). Damals haben Goethes Naturgefühl und Naturwissen, sein Menschengefühl und seine Menschenkunde, seine Liebe und seine Weisheit, sein Schicksal und seine Seele sich gesondert und walten nebeneinander, manchmal gegeneinander, sie waren im Sturm und Drang noch triebhaft eins, später, nach der Italienischen Reise konzentrisch. In der Harzreise aber ist am deutlichsten der Zustand ihres Nebeneinanders festgehalten, sie ist empfangen aus den gedrungnen Einzelheiten der geheimnisvollen Winterfahrt und der morgendlich klaren Anbetung des Dämons der ihn wie auf diesem Abenteuer so durch das Dämmern seiner eignen Zukunft führt.

In „Ilmenau“ ist die Landschaft aus der Gefühlssphäre Goethes herausgehoben und ganz als Schauplatz seiner Pflichten und seines Schicksals behandelt. Während sie in der Harzreise noch als inspirierendes Element neben der Seelen- und Schicksalsschau waltet, ist sie hier ganz dem menschlichen Inhalt untergeordnet und beinah wie die Bühnenanweisung für ein seelisches Geschehen, als Szenerieangabe behandelt. Die Landschaft, insbesondere seine Weimarer Landschaft, ist ihm aus einem erregenden Erlebnis zu einem selbstverständlichen Raum geworden, und erst aus der in Italien vollendeten Erziehung seines Auges ergibt sich über die Straßburger Wetzlarer Frankfurter Schau der Natur hinaus bei Goethe eine völlig neue. So erscheint auch von dieser Seite her das heimelichere Leben mit der Landschaft in den ersten Weimarer Jahren als Vorbereitung auf Italien. Die erregenden Augenblicke des Landschaftsgefühls, anfangs in Weimar noch wirksam und sich in lyrischen Gebilden wie das Lied an den Mond entladend, schon distanzierter in der Harzreise, verlieren sich in einer steten ruhigen Erziehung des Auges, und so ordnet sich auch die „Natur“ den Bildungselementen ein welche Goethe für die italienische Krise reifen. Von dieser Krise aus wollen wir jetzt Goethes Leben betrachten, überleitend zur „zweiten Form“ seines einen Seins.

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