> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Lili Seite 43

2015-09-06

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Lili Seite 43


LILI

Das erste deutliche Zeugnis für diese enthält die wunderbare Selbstschilderung an Gräfin Auguste Stolberg vom 13. Februar 1775: das erstemal seit der Leipziger Zeit, in der Goethe normiert war durch außergoethische Bindungen, finden wir hier denVersuch nicht nur sich selbst klar zu sehen (das hat Goethe immer getan) sondern sich selbst zu determinieren, ökonomisch zu ordnen, sich über seine Grenzen und Fächer Rechenschaft zu geben. Lehrreich ist es diesen Brief zu vergleichen mit dem Brief an Herder vom Juli 1772.

In jenem Brief an Herder ein dumpfes und energisches Drängen zu einein Zustand hin dem er sich noch fern fühlte, Bewußtsein des Ziels, Gefühl dessen was not tut . . in dem Brief an die Gräfin Stolberg vor allern Heerschau über die eignen Mittel und Mächte, klare, fast überklare Anschauung des gegenwärtigen Zustandes, Sonderung seiner Momente: „Wenn Sie sich einen Goethe vorstellen können, der im galonirten Rock, sonst von Kopf zu Fuse auch in leidlich konsistenter Galanterie, umleuchtet vom unbedeutenden Prachtglanze der Wandleuchter und Kronenleuchter, mitten unter allerley Leuten, von ein paar schönen Augen am Spieltische gehalten wird, der in abwechselnder Zerstreuung aus der Gesellschaft ins Conzert, und von da auf den Ball getrieben wird, und mit allem Interesse des Leichtsinns, einer niedlichen Blondine den Hof macht; so haben Sie den gegenwärtigen Fassnachts Goethe, der Ihnen neulich einige dumpfe tiefe Gefühle vorstolperte, der nicht an Sie schreiben mag, der Sie auch manchmal vergisst, weil er sich in Ihrer Gegenwart ganz unausstehlich fühlt. Aber nun giebts noch einen, den im grauen Biberfrack mit dem braunseidnen Halstuch und Stiefeln, der in der streichenden Februarluft schon den Frühling ahndet, dem nun bald seine liebe weite Welt wieder geöffnet wird, der immer in sich lebend, strebend und arbeitend, bald die unschuldigen Gefühle der Jugend in kleinen Gedichten, das kräftige Gewürze des Lebens in man» cherley Dramas, die Gestalten seiner Freunde und seiner Gegenden und seines geliebten Hausraths mit Kreide auf grauem Papier, nach seiner Maaße auszudrücken sucht, weder rechts noch links fragt: was von dem gehalten werde was er machte? weil er arbeitend immer gleich eine Stufe höher steigt, weil er nach keinem Ideale springen, sondern seine Gefühle sich zu Fähigkeiten, kämpfend und spielend, entwickeln lassen will. Das ist der, dem Sie nicht aus dem Sinn kommen.. dessen größte Glückseligkeit ist mit den besten Menschen seiner Zeit zu leben.“

Alles was wir über das Leben und die Dichtung Goethes in der Zeit nach dem Werther und vor dem Ruf nach Weimar zu sagen haben kann nur der Kommentar sein zu diesem erstaunlich hellen Brief: er enthält nicht nur die beinah körperliche Gesamtanschauung und objektive Gegenwart des Verfassers sondern auch schon die Elemente und Tendenzen seiner damaligen Lebensführung fast so deutlich und geordnet auseinandergelegt wie sie der Historiker nach hundert Jahren überblicken muß. Diese Elemente sind: die Liebe zu Lili Schönemann mit ihren gesellschaftlichen Begleitumständen, das schweifende Allgefühl und die verantwortungsvolle Selbstausbildung durch Dichtung und Kunst, der Wille aus dem dumpfen Gedräng zu klarer Anwendung zu kommen und schließlich der Freundschaftskult. Im Goethe „der in der streichenden Februarluft schon den Frühling ahndet“ ist noch derselbe den Herder in Straßburg erweckt hat, es ist die Welle Sturm und Drang die auch in dem gegenwärtigen Lauf von Goethes Strom noch erkennbar mit rollt. Von dem verantwortlichen Goethe wissen wir, als dem notwendigen Korrelat des dämonisch fatalistischen . von diesem letzten enthält allerdings der zitierte Brief nichts, aber in einem nur wenig spätem an dieselbe Adresse ist auch dies Element ausgesprochen: „Wie ich die Sonne sah sprang ich mit beiden Füßen aus dem Bette, lief in der Stube auf und ab, bat mein Herz so freundlich freundlich, und mir wards leicht und eine Zusicherung ward mir daß ich gerettet werden, daß noch was aus mir werden sollte.“ Und eine spätere Stelle desselben Briefs bezeugt das Ringen des Getriebenen mit Schicksal und Hoffnung „Wird mein Herz endlich einmal in ergreifendem wahren Genuß und Leiden, die Seligkeit die Menschen gegönnt ward, empfinden, und nicht immer auf den Wogen der Einbildungskraft und überspannten Sinnlichkeit, Himmel auf und Höllen ab getrieben werden?“

.„Geht das immer so fort, zwischen kleinen Geschäften durch immer Müßiggang getrieben, nach Dominos und Lappen wäre ... Adieu! ich bin ein Armer verirrter, verlorner... Und doch, wenn ich wieder so fühle daß mitten in all dem Nichts, sich doch wieder so viel Häute von meinem Herzen lösen, so die konvulsiven Spannungen meiner kleinen närrischen Composition nachlassen, mein Blick heitrer über Welt, mein Umgang mit den Menschen sichrer fester, weiter wird, und doch mein innerstes immer ewig allein der heiligen Liebe gewidmet bleibt, die nach und nach durch den Geist der Reinheit der sie selbst ist ausstößt und so endlich lauter werden wird wie gesponnen Gold.“

Hier ist das Gefühl der dämonischen Zuversicht und Begnadung ausgesprochen und zugleich die neue Art der Pein und Unruhe an der Goethe nach der Wertherkrise zu leiden hatte: sie entspringt nicht mehr wie sein Schmerz über die Unerreichbarkeit Lottes oder über den Verlust Friederikes dem faustischen Verhängnis der Unvereinbarkeit des ewigen Triebs mit dem schönen Augenblick, sondern der Spannung der vielen schönen Augenblicke in welche die Welt für ihn nach seiner Wertherkrise sich zersplittert hatte .. Zersplitterung, Getümmel, Unrast, der Wille alles andrängende Leben festzuhalten, und die Unmöglichkeit es auf einen Punkt zusammen zu pressen, sei dies selbst eine zersprengende Leidenschaft. Es ist als habe der gesammelte Strom seiner Lebensfülle, nach dem Widerstand den ihm „das Schicksal, der alte stumme Fels“ bei seiner Liebe zu Lotte entgegengestellt hatte, sich nun verästelt oder in Kaskaden zerstäubt und als mühe sich nun Goethe alles wieder zusammen in ein ebenes Bett zu lenken. Ich sehe für diese Wandlung wesentlich zwei Gründe, oder vielmehr zwei Formen. Die eine ist der durch den Werther für ihn unendlich erweiterte Kreis von menschlich bedeutenden Beziehungen: er war durch den Werther nicht nur was er seit dem Götz war, der Führer einer literarischen Sekte, sondern der größte unter der jüngern Dichtergeneration, der einzige deutsche Dichter von europäischer Wirksamkeit, der die deutsche Literatur das erstemal auf die Höhe einer klassischen gehoben hatte, ihrer Dichtung das erste weltliterarisch bedeutsame Werk geschenkt hatte. Die äußere Welt drang nun, Goethe mochte wollen oder nicht, mit Ansprüchen, Verpflichtungen und Verantwortungen ganz anders auf ihn ein, als da er noch sein privates Dasein ruhig schöpferisch dumpf vor sich hinführen konnte. Mit der Veröffentlichung des Werther hörte Goethe auf bloße Privatperson zu sein, und die Gesellschaft, das Publikum, das für ihn bisher selbst nach dem Götz nur Stoff der Beobachtung gewesen war, wurde jetzt, er mochte sich wehren und fluchen, auch ein Faktor seines innem Lebens mit dem er rechnen mußte und vor dem er irgendwie sich verantwortlich fühlte. Der äußere Erfolg des Werther mag viel dazu beigetragen haben Goethe über die Krise nicht hinwegzutrösten, aber hinwegzuschikanieren.

Wichtiger noch war der Freundschaftskult in den er hineingezogen wurde — „von allen Geistern die er jemals angelockt fühlt er sich rings umsessen, ja umlagert“. Den wichtigsten dieser Seelenfreunde hatte er schon vor dem Werther kennen lernen: Lavater. Aber jetzt erst gedieh das Verhältnis, durch die wertherische Erschütterung, zu einem engen und fruchtbaren Bund . . erst als durch den Werther die ganze aufgestapelte und stumme Empfindsamkeit eine Stimme, ja ein Evangelium, ein kanonisches Buch bekommen hatte, wurde Goethe in den Wirbel der Empfindsamen hineingezogen — und unversehens, kaum der großen Krise entronnen, gebunden durch Seelenfreundschaften, wie die mit den Stoibergen, mit den Brüdern Jacobi, durch eine Seelenliebe wie die zu Auguste Stolberg. Eine andere Ursache warum Goethe nach der Wertherkrise mehr an seiner Vielfältigkeit als an seiner gedrängten Fülle selber litt war die Persönlichkeit seiner neuen Geliebten Lili Schönemann. Sie war die erste „Dame“, das erste Mädchen aus der großen Gesellschaft welche seinem Herzen zu schaffen machte. All seine bisherigen Geliebten waren wenn nicht einfachere so doch isoliertere Geschöpfe als Lili, und die Konflikte die ihn an Friederike und Lotte banden oder von ihnen trennten entsprangen ihrem Wechselverhältnis selber oder dem schlichtesten Hindernis, dem Versagtsein der Geliebten. Zwischen ihn und Lili aber schob sich, ohne Verschulden und ohne Verhängnis, Lilis gesellschaftliches Milieu, das wohl auch ihren Charakter mitbedingte und sie hinderte dem unbedingt fordernden und zu unbedingter Hingabe bereiten Bräutigam eine ebenso unbedingte, naturhaft überströmende Liebe entgegenzubringen. Sie konnte nicht aus den gesellschaftlichen Verpflichtungen und Gewohnheiten heraustreten, und bei aller herzlichen Zuneigung und freundschaftlichen Gutheit ihres Charakters — aus Goethes Schilderung und selbst aus ihrem Porträt ergibt sich daß sie durchaus nicht eine kalte Kokette war — konnte sie nicht um des Einen willen die Vielen vernachlässigen oder ignorieren zu denen sie gehörte und die an sie Ansprüche stellten. Das hätte jeder andre Bräutigam mit minderer Pein ertragen als der Mann dem Natur und Fülle der Empfindung über alle Gesellschaftlichkeit hinaus sich zu erobern und andren zu bringen gegeben war. Jeder Gesellschaftsmensch hätte die gesellschaftlichen Rücksichten, Spielereien und Beschränkungen auf seiten der Geliebten leichter hingenommen als der stürmische Dichter der eben erst die großen Allsuchenden Hymnen des Werther gesungen hatte.

Was Goethe unter diesem Widerstreit litt hat er in dem Gedicht an Belinden ausgesprochen, deutlicher noch in den Briefen an Auguste Stolberg. Aber das notwendig gesellschaftliche Verhalten Lilis konnte nicht ohne Rückwirkung bleiben auf sein eigenes. Er liebte das Mädchen zu sehr um sich nicht ihrem Umkreis zu bequemen und so wurde er an dem Faden der Liebe unmerklich wieder in das Gesellschafts-und Weltwesen hineingezogen dem er seit Straßburg mit seinem morgendlichen Erwachen in die kosmische Natur entsprungen war. Wie sehr er das Ungemäße und sogar leicht Komische empfand das für ihn darin lag inmitten von Gesellschaft und Geselligkeit mit seiner ursprünglichen naturhaften Seelenfülle den Galan spielen, den Hof machen zu müssen, spricht sich aus in dem Tierstück Lilis Park. Dies Gedicht ist das Gegenstück gegen das an Belinden: dort sieht er die Gesellschaft von seiner Natur, seiner Leidenschaft, seinem Gefühl aus: hier betrachtet er sich und sein Gefühl von der Gesellschaft aus, d. h. von dem aus was an Lili gesellschaftliche Haltung und Notwendigkeit ist. Daß er das Gesellschaftliche so virtuos beherrschte wie jeden andren Zustand in den er sich einließ, daß er nicht als linkischer Dichter vor seiner Geliebten und deren Gefolge dastand, änderte nichts an der Qual mitten in der frisch erschlossnen Welt, vor die grenzenlose Zukunft gestellt sich wieder Fesseln angelegt zu haben durch die Liebe und zwar fadendünne zerreißbare Fesseln.

Freiwillig war der Verfasser des Prometheus, des Götz und des Werther um eines schönen Mädchens willen wieder zurückgegangen in jenen Käfig von Gesellschaft und leichtem Spiel den er in Straßburg verlassen hatte und dem er, wie sehr er sich äußerlich darein zu schicken wußte, innerlich längst entwachsen war. Abermals war Goethe, und zwar von der entgegen» gesetzten Seite her, in den Konflikt geraten den er in Straßburg durchzufechten hatte: den Konflikt zwischen innerer Naturfülle und gesellschaftlicher Bindung. Der Konflikt wäre nur erschwert, wenn der Bericht wahr ist von Lilis liebevoller Bereitschaft ihm selbst ihre gesellschaftliche Ehre zu opfern. Er liebte sie zu sehr um dies verderbliche Opfer annehmen, um sie aus ihrer Welt reißen zu wollen, und doch konnte er nicht ganz in die ihre eintreten. Unter Herders Führung hatte er einst den Konflikt sieg* reich zugunsten der Naturfülle entschieden, Werke wie Götz, Prometheus, Faust, Mahomet, Werther, seine ganze Lyrik waren Siege in seinem Freiheitskrieg. Sollte er jetzt, eben durch seinen freigewordnen Eros, wieder kapitulieren vor der überwundenen Gesellschaft, da sie ihm in Gestalt einer Schönen entgegentrat?

Die größeren damaligen Dichtungen, ja selbst die kleineren lyrischen Gebilde Goethes welche sein Verhältnis zu Lili symbolisieren oder den Konflikt selbst, das Schwanken zwischen zwei Zuständen, Erwin und Elmire, Stella, Claudine von Villa Bella, sind den Leipziger Dichtungen, dem vorstraßburgischen Rokokogeschmack verwandter als alles was er gedichtet hatte seit dem Götz.



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