> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Lili Seite 44

2015-09-06

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Lili Seite 44


Erwin und Elmire sowie Claudine von Villa Bella sind keine Sturm-und-drang-dichtungen, sondern wesentlich Sing-und Sinnspiele, wie die Laune des Verliebten und die Mitschuldigen: sie unterscheiden sich aber von den Leipziger Dichtungen, abgesehen von der größeren sprachlichen und technischen Gelöstheit und Schmiegsamkeit die nun selbstverständlich nicht mehr zu verleugnen war, dadurch daß sie von einem Menschen herrühren und diese Herkunft fühlen lassen der die Freiheit, die Naturfülle und die tragische Leidenschaft schon kennt und nur aus Rücksicht auf die gesellschaftlichen Forderungen, auf den gesellschaftlichen Raum der Geliebten, nur um nicht zu lärmen, um nicht zu sprengen, um nicht durch Einbruch und Ausbruch von ungefügen Kräften zu kompromittieren, auf das letzte Wort verzichtet, der Freiheit, der Natur und der Tragik Zügel anlegt oder die Spitze abbricht und alles als Maskenspiel, als Arabeske, als Oper gibt statt als unmittelbar sprachgewordne Wirklichkeit. Nicht zufällig taucht auf einmal über einem Gedicht an Lili der alte Schäfermaskeradenname Belinde auf. Die Leipziger Dichtung ist verfaßt von einem der die Freiheit noch nicht anerkannte, dessen Konflikte sich inner* halb der Gesellschaft abspielen oder daraus entstehen daß der Freiheitstrieb in Konflikt gerät mit der Gesellschaft als dem Gültigen, dem Recht* mäßigen, der wahren Form der Welt und dem Gesetz des Menschlichen. Jetzt aber ist für Goethe längst die Natur, die Freiheit, das Kosmische legitim und das Gesellschaftliche ist für ihn aber Frevel, der Abfall, und sein Konflikt besteht darin daß er um der Liebe willen sich binden möchte und durch seine innere Naturfülle darin behindert wird, während der Leipziger Student gern sich befreit hätte, doch durch das gesellschaftliche Gesetz in die Schranken zurückgewiesen wurde. Erwin und Elmire, Claudine von Villa Bella und Stella sind alle drei verschiedene Auswirkungen des Konflikts in den Goethe durch seine Liebe zu einer „Dame“ geriet, des Konflikts zwischen Spiel und Leidenschaft, Geselligkeit und Seelenfülle, Gesellschaft und Natur. Nur von dieser Seite aus will ich diese flacheren dünneren Werke betrachten.

Daß Goethe seinen Konflikt mit Lili in solcher halbspielerischen Art behandelte beweist nicht wie wenig er sie liebte sondern wie sehr er sie liebte: nämlich daß das gesellschaftliche Mädchen Maclit genug über ihn ausübte um den Dichter in ihm zurückzudrängen bis zum Maitre de plaisir, vor ihr erschien er nicht als der gewaltige Schöpfer sondern als der zärtliche und zierliche Spieler und Zauberer, der selbst den wühlenden Schmerzen seines Innern für Momente — denn lang konnte diese Selbsteinspannung nicht währen und sie suchte sich Entladung nach andrer Seite — Einhaltgebot und sich ihr nur so zeigte, wie sie ihn brauchen konnte, als geselligen, geist-und lebenvollen, wohl auch genialen, aber nicht als tragischen, dämonischen, titanischen Liebhaber.

Erwin und Elmire ist ein Gegenstück zur Laune des Verliebten: die gegenseitige Quälerei zweier Liebenden die sich mit überspannten Forderungen mißverstehen müssen, weil sie verschiedene Ansprüche an das Leben stellen. Das Stück ist wesentlich eine Rechtfertigung von Lilis Charakter, ein Versuch von ihr her, aus ihr heraus die Gründe zu sehn durch welche sie ihn leiden machen mußte — Gründe welche eben in ihrer gesellschaftlichen Stellung lagen. Zugleich versucht Goethe die Leiden des geliebten Mädchen selbst darzustellen die ihr erwachsen aus seinen Ansprüchen, Vorwürfen und Klagen: er will zeigen daß er sieht wie sie ihn sieht. „Weh dir Elende, die du ihn zur Verzweiflung brachtest! Wie rein, wie zärtlich war seine Liebe! War er nicht der edelste von allen, die mich umgaben, und liebt ich ihn nicht vor allen? Und doch könnt ich ihn kränken, konnte ihm mit Kaltsinn, mit anscheinender Verachtung begegnen, bis sein Herz brach“ Dieser Monolog Elmirens enthält die Rechtfertigung der Lili vor Goethes eignem Herzen, seinen Glaube an ihre Liebe. In den Gesprächen der Elmire mit ihrer Mutter wird gewissermaßen das gesellschaftliche Milieu gerechtfertigt unter dem Goethe zu leiden hatte, die gesellschaftliche Gesinnung vermöge deren Lili nicht anders konnte als Goethe durch scheinbare Kälte und Flachheit quälen. Olympia, die Mutter, ist hier das Mundstück Goethes, das Mundstück des leidenden Goethe, wenn sie die gesellschaftlichen Anforderungen verspottet, aber die geliebte Elmire hält ihr mit ihren Einwendungen das Gleichgewicht:

„Elmire: Unsre Kenntnisse, unsre Talente !

Olympia: Das ist eben das verfluchte Zeug, das euch entweder nichts hilft, oder euch wohl gar unglücklich macht. Wir wußten von all der Firlsfanzerei nichts; Wir tappelten unser Liedchen, unsern Menuet auf dem Klavier, und sangen und tanzten dazu, jetzt vergeht den armen Kindern das Singen und Tanzen bei ihren Instrumenten, sie werden auf die Geschwindigkeit dressiert, und müssen ein Geklimpere treiben, das sie ängstigt und nicht unterhält; und wozu? Um sich zu produzieren! um bewundert zu werden! Vor wem? wo? vor Leuten, die’s nicht verstehen, oder plaudern oder nur herzlich passen, bis ihr fertig seid, um sich auch zu produzieren.“ 

Unter dieser Rede über die gesellschaftliche Erziehung versteckt sich Goethes Pein über die Umstände die ihm sein Verhältnis zu Lili verstörten .. Sein Arger über die Gesellschaft und das Gefühl für Lilis eigentlich natürliches, gütiges und liebevolles Wesen, das selbst zu leiden habe durch die unvermeidlichen Schmerzen die sie ihm bereite, sind der Ursprung des kleinen Schauspiels. Die Handlung ist dazu erfunden, um für Elmires Reuestimmungen, für Erwins Schmerzen und Freuden einen einfachen Rahmen abzugeben, ins Spielerische, Gefällige, Glückliche abgerundet, für Musik gedacht welche alle Dissonanzen sanft überdecke und ausgleiche. Das Werkchen ist geschrieben, als Goethe noch hoffen konnte mit Lili und ihrer Welt ins reine zu kommen, seine Leidenschaft wieder in den Grenzen einer zärtlichen Galanterie auszuleben und sich ihr zu ruhigem Besitz an» zugleichen. Es entstammt nicht einer überströmenden Seelenfülle .. es soll nur der Geliebten in einer Form die sie verstehen und vertragen konnte, durch die Blume zärtlich ausdrücken was er leide, wodurch er leide und was er hoffe:

Den kleinen Strauß, den ich dir binde,
Pflückt ich aus diesem Herzen hier.
Nimm ihn gefällig auf, Belinde!
Der kleine Strauß, er ist von mir.

Und noch durchsichtiger macht er seine Maskerade durch den bedeutsamen Wink unter dem Personenverzeichnis „der Schauplatz ist nicht in Spanien“ d. h. „das Stück spielt zwischen uns“. Auch durch diesen Hinblick auf ein Publikum, und zwar auf ein gesellschaftlich normiertes Publikum wie es Lili war, ähnelt das Singspiel wieder der galanten Poesie.. der Jünger Shakespeares und Rousseaus nähert sich hier von einem sanften Gängelband geführt wieder der Welt Watte aus und Voltaires. Freilich, diese gesellige Welt gewinnt einen neuen Reiz dadurch daß sie nicht mehr die alleinige ist, sondern daß der Gegensatz von Natur, Tragik, Leidenschaft immer neben oder hinter ihr steht, bereit sie zu zerstören.

Dieser Gegensatz zwischen dem Natur-Goethe und dem durch die Liebe zu Lili wider Willen vergesellschaftlichten Goethe ist auch der Ursprung der Claudine von Villa Bella. Hier ist die Distanzierung zwischen Erlebnis und Symbol größer, die Maskierung dichter — es sind weniger, wie in Erwin und Elmire, die Personen und ihr gegenseitiges Verhältnis als die Grundgegensätze: gesellschaftlich geordnetes, glückliches glänzendes Dasein und unstete, umgetriebene, naturhaft ungebundene Freiheit, symbolisiert durch die Lage in welcher sich die Herrin von Villa Bella mit ihrer Umgebung und die in welcher sich der Vagabund Crugantino befindet. Nicht die Personen sondern die Zustände die Goethe verräumlicht hat, sind hier Goethes Interesse und nicht in den Personen, geschweige in der Handlung liegt das Bekenntnishafte sondern in der Gegenüberstellung eines glücklich geordneten und eines unstet freien Daseins. „Es muß ein wunderlicher Mensch sein, der allen Stand Güter Freunde verläßt und in tollen Streikchen, schwärmender Abwechslung seine schönsten Tage verdirbt.“

„Pedro: Der Unglückliche!.. Nicht zu fühlen, daß das unstete flüchtige Leben ein Fluch ist, der auf dem Verbrecher ruht, verbannt er sich selbst aus der menschlichen Gesellschaft.“ Deutlicher noch in der Selbstverteidigung des gefangenen Crugantino, in dem der alte Sturm und Drang seine Rechte geltend macht gegenüber der Gesellschaft an der er sich versündigt: "Wißt ihr die Bedürfnisse eines jungen Herzens, wie meins ist? Ein junger andrer Kopf? Wo habt ihr einen Schauplatz des Lebens für mich? Eure Gesellschaft ist mir unerträglich! Will ich arbeiten, muß ich tätig sein. Will ich mich lustig machen, muß ich Knechtsein. Muß nicht schöne sein der halbwegs was wert ist, lieber in die weite Welt gehn? .. Dafür will ich zugeben, daß wer sich einmal ins Vagiren einläßt, dann kein Ziel mehr hat und keine Grenzen; denn unser Herz — ach! das ist unendlich, solange ihm Kräfte zureichen.“ Nur dieser Zustandsgegensatz ist Beichte .. Alles andre ist Abenteuer, Handlung, Oper, Drum und Dran das Goethe damals eben als maitre de plaisir erfinden und ausführen konnte ohne innere Beteiligung.

Der literarische Einfluß von Goethes Liebe zu einer Rokokodame wie Lili besteht darin daß er überhaupt mitten in der Überschwenglichkeit seines damaligen Gefühls fähig war solche rein dekorative Unterhaltungsstücke aufzubauen über einem Grundstein eigenen Erlebnisses. Denn nicht aus dem Erlebnis ist die Handlung herausgewachsen, sondern sie ist für sich herausgearbeitet und mit dem Erlebnis, grad jenem Gegensatz zwischen Gesellschaft und Freiheitsdrang, verknüpft worden. Die Handlung aber ist mehr eine Forderung der Gesellschaft als ein Bedürfnis Goethes. Daß Goethes dichterische Bedürfnisse und die Forderungen der Gesellschaft sich wieder so weit entgegenkamen, um gemeinsam an einer dramatischen Arbeit mitzuwirken, das ist die Folge von Goethes leidenschaftlicher Liebe zu dem schönen Mädchen, welches der Gesellschaft angehörte, und für Goethe als der noch lockende Genius einer ihm schon entfremdeten Welt gelten konnte. Die äußere Anregung zu der Abfassung der beiden gesellschaftlich spielerischen Operntexte empfing Goethe vom befreundeten Komponisten, nicht von Lili selbst: aber man muß die Veranlassung von dem inneren Grund, der seelischen Anlage streng unterscheiden: alle befreundeten Komponisten der Welt hätten Goethe nicht vermocht seine tragischen Konflikte in Operettenform auszusprechen, ohne die innere Bereitschaft dazu die durch seine Liebe zu Lili gegeben war. Auch dadurch ist ja Goethe ein dämonischer Mensch daß seine Anlässe immer zu rechter Zeit für seine Erlebnisse kamen: daß er zum Spiel von außen aufgefordert wurde, als er von innen zum Spiel bereit war.

Weit mehr unmittelbares Bekenntnis als Erwin und Elmire oder Claudine von Villa Bella ist Goethes Stella, auch nicht in dem Sinn als sei die Handlung ein Abbild Goethischer Begebenheiten: auch hier liegt der Ausgangspunkt des Symbolisierungsprozesses nicht in Goethischen Begebenheiten, wie etwa im Werther, in gewissem Sinn sogar im Faust, wo Goethische Taten und Leiden in eine dichterische Handlung umgelagert wurden, sondern in Goethischen Seelenzuständen und Stimmungen. Bei Stella ließ es sich nun nicht wie bei Erwin und Elmire geradezu um das Verhältnis zwischen Goethe und Lili, nicht wie bei der Claudine und den Götz und zwischen dem Sturm und Drang und der Gesellschaftswelt der durch die Liebe zu Lili wieder wach geworden war, sondern um eine Spannung, das Schwanken und die innere Zerrissenheit an der in der Zeit seiner Liebe zu Lili litt. Nicht eigentlich auf das Problem des Grafen Gleichen selbst kam es an, nicht gerade auf das Schwanken zwischen zwei Frauen: sondern auf das Schwanken selbst, auf den Zustand von Zerrissenheit in dem solch ein Schwankender sich befindet — mochte es nun das Schwanken zwischen zwei Pflichten oder zwischen zwei Zuständen oder zwischen zwei Menschen sein: genug, aus dem Schwanken selbst, dem Himmel auf und Höllen ab, dem Hin und Her von Lili, der Ungewißheit ob er an ihr hängen oder sich losreißen solle, aus dem Komplex jener Stimmungen zwischen Sehnsucht und Bedrückung, Zärtlichkeit und Freiheitsdrang ist die Stella empfangen: nur bot sich ihm zur Vergegenwärtigung eines solchen Zustandes nicht leicht ein sinnfälligeres Symbol als die Schwebe eines Liebenden zwischen zwei geliebten Frauen. Denn das Schwanken zwischen zwei Pflichten oder Zuständen gibt keine sinnfällige Handlung ab, und diese Handlung hindert andrerseits nicht all die Zerrissenheit darzustellen die einen Menschen quält, wenn er in einen solchen Konflikt gestellt ist.

Es ließe sich fragen ob die Handlung der Stella nicht geradezu, wie der Werther oder selbst Clavigo, bekenntnishaft die Geschichte eines Goethischen Einzelerlebnisses dieser Art, einer Goethischen Doppelhebe gibt. Man könnte etwa, wenn man seine stürmischen Liebesbriefe an Gräfin Auguste Stolberg liest, die während seiner Brautschaft mit Lili geschrieben sind, auf den Gedanken kommen, man habe hier das unmittelbare Vorbild zum Konflikt Fernandos zwischen Stella und Cecilie. Wie auch immer, gewiß ist Stella kein Problemstück (im Sinne etwa der Ibsenschen Ehedramen) als habe Goethe sich ex abstracto für eine Frage der Ehereform interessiert und dies Interesse durch eine These bekundet. Es widerspricht der Goethischen Möglichkeit überhaupt vom Problem aus zum Erlebnis hinzudichten.. und die ganze Frage der Doppelehe ist nicht Gegenstand, sondern Sinnbild für eine seelische Erfahrung.

Dagegen ist unverkennbar daß das Friederikeerlebnis noch lebendig in Goethe nachwirkte und mit einfloß in dies Drama. Die Nachwirkung seines Schuldgefühls mag sehr viel dazu beigetragen haben daß ihm der Stellastoff, das Problem der doppelten Untreue entgegenkam, weil es schon von andrer Seite her entsprödet war. Aber der eigentliche Keim der Stella liegt nicht in dem Schuldmotiv, nicht im Weislingen-Clavigo-artigen Flatterhafttigkeits-oder Untreuemotiv, nicht im faustischen Freiheitsdrang den kein schöner Augenblick binden darf, geschweige in einem problematischen Skrupel über das Recht der Doppelehe, sondern (allerdings sehr verborgen, weil sehr verwandelt) in seinem allgemeinen bis zur Zerrüttung zerrissenen Zustand zur Zeit seiner Liebe zu Lili — in demselben Zustand den das Brieftagebuch an Gräfin Stolberg vom 14. bis 19. September 1775 bekennt, in der Spannung die ihn von Lili weg in die Schweiz, von der Schweiz wieder zu ihr zurück und schließlich von ihr endgültig fort nach Weimar führte. Flucht und Wiederkehr, Gebunden-und Getrenntsein: das sind die Goethe und Fernando gemeinsamen Erlebnisse, weit mehr als Untreue, Schuld und Doppelliebe, mehr vollends als die theatralisch versöhnliche Abfindung mit dem unlösbaren Konflikt. Vieles an dem Werk, insbesondere der Schluß, ist Theaterstück, ähnlich wie ja schon Clavigo. Vieles an den Dramen der Lilizeit ist ja Theaterstoff mit Theaterromantik, angenähert den Bedürfnissen eines Publikums — und wie die beiden Singspiele Erwin und Elmire und Claudine mit der Rücksicht auf den Komponisten, so ist Stella mit Rücksicht auf die Bühne, also durch außerhalb des Grunderlebnisses liegende Rücksichten ausgearbeitet, auch darin Zeugnis einer neuen Gesellschaftlichkeit.

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