> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Vorstufen und Übergang zu Italien Seite 55

2015-09-19

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Vorstufen und Übergang zu Italien Seite 55



ZWEITER TEIL

VORSTUFEN UND ÜBERGANG ZU ITALIEN

Man hat die italienische Reise als die entscheidende Epoche in Goethes Dasein betrachtet, Goethe selbst hat es getan, und es ist richtig: nicht in dem Sinn als ob sie Goethes Leben in zwei Hälften spaltete — aber sie ist der faßliche Übergang in diesem Leben: an ihr können wir deutlicher als sonstwo (vielleicht seine Straßburger Begegnung mit Herder ausgenommen) die Verwandlung seiner Gestalt wahrnehmen, begründen, darstellen. Was heißt überhaupt Lebensepoche? Unmerkbar verwandelt sich der Mensch von Sekunde zu Sekunde, immer derselbe und immer ein andrer: derselbe als verwandelnde Kraft, ein andrer als verwandelte Gestalt. Nur wir Betrachtenden sehen nicht den Akt der Verwandlung sondern das Ergebnis der Verwandlung, in einzelnen Bildern die wir hinterher verknüpfen zu einer „Entwicklung“. Erst dann, wenn wir zwei auffallend verschiedene Aspekte innerhalb einer Frist wahrnehmen die zu kurz ist als daß wir eine allmähliche Entwicklung in sie hineindeuten können, pflegen wir sie eine Epoche zu nennen: dann pflegen wir den Zeitraum innerhalb dessen wir uns an das erste Bild gewöhnt haben zu trennen von dem in welchem uns das andre Bild zuerst auffällt.

Die Verwandlung die sich in einer so kurzen Frist vollzieht, daß sie Epoche bildet, nennt man nicht Entwicklung sondern Krise. Eine solche Krise, die bedeutendste die Goethe erfahren hat, ist die italienische Reise. Sie hat innerhalb eines Jahres das Bild Goethes so verwandelt, daß es uns schwer fällt in unsrer Vorstellung den Goethe vor der italienischen Reise und den Goethe nach der italienischen Reise, den Dichter des Werther und den Dichter der Iphigenie, das Modell der Porträtisten Lips und May mit dem Modell der Stieler, Kolbe, Jagemann, Rauch, den Taunuswandrer und den Geheimrat, den Apollo und den Jupiter zu einer geistigen Einheit zu verknüpfen. Es gibt keine zweite geschichtliche Persönlichkeit die in der Phantasie der Völker unter dem Bild zweier völlig verschiedener Altersstufen, beinah als eine doppelte Erscheinung weiterlebt, wie Goethe. Auch diejenigen welche alle Altersstufen durchlaufen haben führen ihr symbolisches Dasein in der Geschichte oder im Mythus nur unter einer Gestalt weiter, entweder in derjenigen in welcher sie ihre größten Leistungen vollbracht haben, oder in der worin sie zuletzt dem Blick ihrer Zeitgenossen erschienen sind. Karl der Große, Friedrich, Michelangelo, Bismarck leben wesentlich als bejahrte Männer oder Greise fort, Alkibiades, Hölderlin, Brentano als Jünglinge, obwohl jene jung waren und diese über das Jünglingsalter weit hinaus gelebt haben (zu schweigen von solchen die man nur als Frühverstorbene schaut, Alexander, Rafael, Mozart, oder nur als reife Männer, Caesar, Shakespeare, Beethoven). Aber bei Goethe denkt man entweder an den jungen oder an den alten oder an zwei verschiedene, und es bedarf einer nachträglichen inneren Korrektur durch Bildung und Wissen, um diese unwillkürlichen naiven Vorstellungen zu berichtigen und zu vereinigen.

Dabei sehen wir noch ab von der Erweiterung der Kluft zwischen beiden Goethesgesichtern durch die Parteinahme für den jungen oder den alten, den naturalistischen oder klassizistischen Goethe, wobei er gewöhnlich nur als Aushängeschild oder Popanz für gewisse ästhetische oder kulturelle Tendenzen oder Theorien dient. Dies wäre ja nicht möglich, wenn nicht schon jene zwei Bilder tatsächlich bestünden. Sie bestehen zunächst weil wir bei keiner andren historischen Gestalt soviel biographische Details haben, welche den Blick von der inneren Einheit auf die äußere Verschiedenheit, vom Werden auf das Gewordene, von der gestaltenden Kraft auf die gestalteten Zustände ablenken. Und dann war freilich kein Mensch vor Goethe so sehr bestrebt, jeden Moment seines Lebens selbst gestaltet zu verewigen, sich im Bilde festzuhalten, sich über seine Zustände klar zu werden, sich als Gegenstand zu begreifen. Er hat nicht einem bestimmten, außer ihm liegenden, ihm von Gott oder der Zeit gestellten konkreten Ziel nachgestrebt, durch welches alle Fülle und Kraft seines Wesens entwickelt und angespannt wurde (sei das Ziel ein Reich von dieser Welt oder die Verwirklichung eines göttlichen Willens) vielmehr war die Entwicklung und Anspannung seiner angeborenen Fülle und Kraft selbst sein bewußtes Ziel, und alle irdischen Zwecke waren nur Anlässe und Vorwände zu dieser Entwicklung und Anspannung. Wenn für andre große Menschen ihr Zustand, ihr ganzes Ich nur Sinn hatte als Träger großer Taten und Werke, so waren für Goethe Taten und Werke Symbole seines Ich, das er als eine Offenbarung des göttlichen Lebens empfand. Mit dieser Gesinnung kam er zu einem objektiven Kult dessen was in ihm lebte, nicht nur was von ihm erlebt sondern auch gelebt wurde, ein Kult welcher gewissermaßen alle seine Zustände und Stufen als Kultbilder, in dem ihm gegebnen Material der Sprache, herausstellte — und so ist er mehr als irgendein früherer Dichter selbst der Gegenstand seiner Sprachdenkmale. Er hat mehr und mannigfaltigere Bilder von sich hinterlassen als je ein andrer Mensch und darunter die Gruppen des jungen und des alten Goethe.

Für uns, die wir die Einheit dieser Vielheit zeigen sollen, ist die italienische Reise nicht der Schnitt in Goethes Existenz, sondern die Verbindung, ja die Vereinigung jener zwei verschiedenen Aspekte: das Ereignis worin die Elemente des jungen Goethe und die Elemente des alten Goethe im Gleichgewicht wirksam sind und sich dann beinah merklich umlagern . . so daß latent oder unscheinbar gebliebene Kräfte, durch die italienischen Erfahrungen geweckt, jetzt in Aktion treten, und wiederum Kräfte die den Jüngling bisher beherrscht und getrieben hatten, gestillt oder ausgeschaltet werden. In der Umbildung Goethes durch Italien haben wir nicht die Entstehung eines neuen, dem vorigen entgegengesetzten Wesens zu sehen, sondern eine neue Anwendung und Haltung des frühem. Es ist zu betrachten welche Grundelemente dessen was das Gesamtwesen Goethes ausmacht, unverändert über die italienische Krise hinübergerettet worden sind, welche Eigentümlichkeiten Goethes konstant geblieben sind, sodann welche Elemente des jungen Goethe verschwinden oder zurücktreten, endlich welche Elemente erst geweckt und wirksam werden. Man kann das freilich nur unter der Voraussetzung daß man in den literarischen Niederschlägen des Goethischen Lebens nicht vereinzelte Bruchstücke sieht, sondern die Ausdrucksmittel, die im Material der Sprache festgehaltene Bewegung eines einheitlichen Menschen. Goethes Werke sind nicht wie die Shakespeares abgeschlossene Welten mit eignem Raum und eigner Zeit, sondern sie deuten mehr oder minder fühlbar auf ein durchwaltendes Gesamtleben dessen Verklärung oder Erlösung oder Beichte sie sind, so daß einige der entscheidenden Werke Goethes, die Abdrücke seiner ganzen Existenz, ihn auch über die italienische Krise hinweg begleitet haben: Wilhelm Meister, Faust, Egmont, Iphigenie, Tasso.

Wie die Literaturgeschichte bei Goethe die besondre Aufgabe hat (sie hat diese Aufgabe durchaus nicht bei jedem Dichter, sondern gerade bei ihm) in der Mannigfaltigkeit seiner Lebensbilder deren Kontinuität zu vergegenwärtigen, so hat sie bei ihm auch eben durch die Entstehungsart seiner Werke die besondren Mittel diese Aufgabe zu lösen. Sie verraten uns nicht nur daß zwischen den beiden Goethes eine vollkommene Einheit ohne Bruch besteht — was wir ja selber wissen, denn ein Doppelmensch ist nicht möglich — sondern sie stellen diese Einheit, diesen Übergang in sich selber dar. Ihre literarhistorische Deutung ist zugleich die Darstellung von Goethes seelischem Schicksal. Eh wir aber zur Analyse der Goethischen Werke übergehen, zur Deutung seiner italienischen Krise aus den Sprachdenkmalen worin sie sich verewigt hat, überblicken wir den Lebenszustand Goethes der die Reise nach Italien vorbereitete, der sie für ihn notwendig und der sie fruchtbar machte.

Die Werke die das Bild des Goethe vor der italienischen Reise bestimmen, die für uns vor allem der Ausdruck des jungen Goethe sind, Götz, Werther, Urfaust, und seine hymnische Lyrik, zumal Mahomet und Prometheus, entsprechen und entspringen einem unbändigen Drang nach Ausbreitung, Befreiung, selbst Sprengung der ihm angebornen Lebensfülle, die mit den Beschränkungen der Welt, sei dies die Gesellschaft oder die menschliche Anlage, in Widerspruch geriet. Seine angeborene Natur war, wie jede Natur, und wie insbesondere jede geniale Natur, unsozial, und gegenüber den Gesetzlichkeiten die er vorfand galt es für ihn sein wesenhaftes, überströmendes Ich zu behaupten, durch Widerstand, Sieg oder Herrschaft, zu erproben welches die mächtigere Wirklichkeit sei, die innere ihm mitgegebene oder die äußere geltende, ihm zu enge. Das Mittel seiner Kriegführung war die Sprache, und schon seine Sprache allein bedeutet eine Zersprengung und Erweiterung der seelischen Welt in welcher er sich befangen fühlte. Wie er diesen Sieg des Genies, des seelischen Titanentums über eine ihm ungemäße äußere Umwelt schrittweise, oder mit plötzlichen Durchbrüchen, mit Rückschlägen, Waffenstillständen und selbst Kompromissen errungen das ist im großen Ganzen die Geschichte des jungen Goethe und die Titel seiner großen voritalienischen Werke bezeichnen die siegreichen Schlachttage dieses Kriegs.

Freilich, dieser Krieg von Goethes Selbst gegen seine Umwelt war nicht eine bewußte Aktion, sondern eine unbewußte Funktion seines Wesens: nicht weil er die Welt schlecht gefunden hätte, und sie durch Aufnötigung seines Ideals hätte bessern wollen, geriet er in Konflikt mit ihr, sondern einfach, indem er war wie er war: und wie er bei diesem Konflikt siegreich blieb, nötigte er von seiner inneren Wirklichkeit der Umwelt genug auf, um sie in seinem Sinn zu verwandeln, machte er, wie es bei jeder erfolgreichen Umwälzung auch im Politischen geht, zu einem neuen Gesetz was vorher Empörung war. Sein Götz, sein Werther, seine prometheische Lyrik sind die Legitimierung des Geniekults, die Verwirklichung und Erfüllung dessen was der Hamann-Herderische Kreis als theoretische Forderung aufgestellt hatte: die endgültige Wiedereinsetzung des Gefühlsmäßigen, Naturhaften, Schöpferischen gegenüber der bloßen Vernunftherrschaft, welche seit den Zeiten des Dreißigjährigen Kriegs den deutschen Geist eingeengt hatte.

Aber abgesehen von der universalen geistesgeschichtlichen Bedeutung dieser Werke, hatten sie ihre Folgen im Haushalt von Goethes besondrem Leben. Waren sie als geschichtliche Leistungen Befreiungen, Sprengungen, Erweiterungen und Eroberungen im Gebiet des deutschen Geistes, so sind sie, von ihrem Schöpfer, nicht von ihrer Wirkung aus gesehen, zunächst Erlösungen, Erleichterungen, Beichten. In demselben Maß als Goethe dieser Fülle die ihn bedrängte — Schöpferfülle, Machtfülle, Liebesfülle — sich entlud, sie in den beklemmenden Raum ausbreitete und damit diesen Raum in Goethische Luft verwandelte, im selben Maß in dem er die Widerwelt sich anglich, goethisierte, änderte sich auch seine Aufgabe gegenüber dieser Welt.

Nicht seine Natur, sondern seine Aufgabe wandelte sich zunächst, und wie ein Empörer der zur Herrschaft gelangt ist noch ganz derselbe Charakter, dasselbe Naturell sein kann, aber mit demselben Charakter ganz andre Aufgaben zu lösen, also auch ganz andre Mittel zu schaffen hat, so sieht sich auch Goethe nach der Wertherkrise, die seinen Sieg und Durchbruch am energischsten kennzeichnet, nicht mehr im Stand, der Welt mit der Haltung des Titanen und Empörers gegenüber zu treten. Schon nach dem Werther bereitet sich die neue Haltung vor die durch die italienische Reise und deren Nachwirkungen vollkommen deutlich wird, schon mit der Berufung nach Weimar sieht er sich bewußt vor die neuen Aufgaben gestellt zu deren gemäßerer Bewältigung ihm eben die italienische Reise die neuen Mittel liefern sollte.

Durch drei Schicksale scheint mir besonders die veränderte Haltung Goethes welche mit der italienischen Reise dann zur entscheidenden Wendung führt zugleich gefordert und ermöglicht, also von innen wie von außen her vorbereitet: durch seine Liebe zu Lili.. durch seine Berufung nach Weimar und den dort Vorgefundenen neuen Pflichtenkreis, insbesondere sein Verhältnis zu Karl August . . durch sein Verhältnis zu Charlotte von Stein. Schon Lili war, mehr als Friederike oder Lotte, Trägerin einer gesellschaftlichen Atmosphäre, als welche sie ihn zugleich bezauberte und quälte: das heißt, sie auferlegte ihm, sofern er sie liebte, bewußt oder unbewußt, ob er wollte oder nicht, Bedingungen, Maße, Gesetze, Hemmungen die nicht in seiner Natur, in seinem Genie als solchem gegeben waren. Sie zog ihn aus seinem genialischen und titanischen Naturzustand in eine Umgebung von Gesellschaft hinein, dem er sich aus Liebe zu ihr, aber widerwillig und mit innerem Protest eine Zeitlang fügte. Seine Erziehung zur Gesellschaftlichkeit, seine Entwöhnung vom genialischen Solipsismus wurde in Weimar fortgesetzt.



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