> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Weimar Seite 51

2015-09-14

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Weimar Seite 51



WEIMAR

Lavater und Lili sind die letzten bedeutenden Namen aus Goethes Sturm-und-drangzeit und beide bezeichnen bereits seinen Weg zu einem andren Leben. Lili gewöhnt unmerklich den Stürmer und Dränger wieder an Gesellschaft, und um die Trennung von ihr „die so lang all sein Lust und all sein Sang“ war, zu überwinden, geht er auf Reisen und nimmt schließlich die Einladung des jungen Herzogs von Sachsen-Weimar an — in Heidelberg wird er eingeholt und abgeholt aus einer zerstreuenden und zerreißenden Leidenschaft in einen geschlossenen und sammelnden Wirkungskreis. Und Lavater entfesselte noch einmal all die stammelnde, liebe-jauchzende, Gefühlseligkeit des Wertherdichters, veranlaßte ihn aber zugleich ohne seine Absicht zu den ersten Ansätzen wissenschaftlicher Tätigkeit und gesetzlicher Natur-und Weltbetrachtung.

Beide Namen begleiteten ihn als ein zu überwindendes Schicksal, wie Lili, oder als eine zu nützende oder abzulösende Tendenz, wie Lavater, in die erste Weimarer Zeit. Aber in Weimar selbst wird sein Schicksal jetzt bestimmt und ausgesprochen durch zwei neue Namen, zwei neue Menschen werden jetzt symbolisch für den inneren und äußeren Gehalt seines nächsten Jahrzehnts und entscheidend für sein ganzes Leben, als die wichtigsten Weichensteller seines Zugs seit der Begegnung mit Herder: der Herzog Karl August und Charlotte von Stein — und zwar der Herzog als der wichtigste Faktor seines neuen Schicksals, Charlotte von Stein als die wichtigste Umbildnerin seines Wesens. Beides wirkt bei Goethe als einem dämonischen Menschen gleichzeitig und ineinander, und wiederum ist es kein chronologisches Zufallsbegegnis in seinem Leben, sondern in der Grundstruktur seines Daseins bedingt daß zur selben Zeit da er eine neue Aufgabe fand ihm auch die neue Liebe den inneren Gehalt, die innere Haltung ermöglichte, dieser Pflicht zu genügen. Indem der Raum sich verwandelte den seine Wirksamkeit erfüllen sollte (der neue Raum wurde ihm durch den Herzog Karl August geschaffen) modifizierte sich, scheinbar zufällig, auch von innen her seine seelische Wirksamkeit selber durch die Liebe zu Charlotte von Stein. In ähnlicher Weise wie Schicksal und Charakter Goethes gleichzeitig durch Karl August und Charlotte von Stein sich sekundieren gehören Herder und Friederike, Lavater und Lili zusammen, d.h. in all diesen Fällen begegnen sich ein starker Bildungseindruck der bewältigt werden soll, sei es nun eine neue Lehre, Forderung oder Pflichtenreihe, und eine entsprechende innere Bereitschaft, Lockerung oder Festigung durch Leidenschaft. So begegneten sich Herders Lehre und die Liebe zu dem Landmädchen von Sesenheim, so förderten sich in den nachwertherischen Übergangsjahren, allerdings minder deutlich und plastisch, eben weil es sich hierbei nicht um eine entscheidende Wendung sondern nur um einen dumpfen Übergang handelte, die Lavaterische Tendenz zur Menschenkunde, überhaupt der damalige vielfältige Freundschafts-und Bekanntschaftskult, und die durch die Liebe zu Lili bewirkte Vergeselligung und Veräußerung des Stürmer und Drängers. Man kann nun die Kausalitäten verteilen, wie man will — man kann sagen, Goethe verliebte sich in Friederike, weil er für Herders „Natur“ reif war — man kann auch sagen, er war für Herders Lehren empfänglich, weil er durch die Liebe zu dem Landmädchen bereitet war . . all das sind ja nur nachträgliche Denkformen, Hilfsmittel des Biographen —in Goethes Leben ist das Wichtige die dämonische Einheit oder wechselseitige Durchdringung der äußeren und inneren Faktoren aus denen seine rege Gestalt sich geformt hat. Doch bevor wir die bestimmenden Faktoren seines neuen Lebens schildern, fassen wir noch den Moment des Übergangs selber, die Stimmung in der Goethe den Übergang vollzog, nicht in nachträglicher Reflexion gespiegelt, sondern in einem unmittelbaren Ausbruch, in dem Akt selbst gleichsam abgedrückt. Diese schicksalhaften Augenblicke von Goethes Übergang, mit all ihren Schwingungen verfangen, in Sprache unmittelbar wiedergegeben, besitzen wir in dem kurzen Reisetagebuch vom 30. Oktober 1775. Sonst besitzen wir Goethes große Schicksalswenden nur im Abdruck seiner dichterischen Werke symbolisiert oder in nachträglichen Schilderungen und Würdigungen, selbst seine Begegnung mit Herder kennen wir nur als Wirkung, nicht als Gegenwart. Dieses Reisetagebuch aber ist darin einzig unter den Zeugnissen seines Lebens, daß es uns seine entscheidende Krisis im Moment ihres Vollzugs als Stimmung vergegenwärtigt, wie seine Briefe uns sonst seine augenblicklichen Stimmungen wiedergeben, doch begreiflicherweise sind darunter keine Entscheidungen über sein Leben — denn in diesen selbst war er schweigsam. Hier lauschen wir einmal dem Monolog des welthistorischen Menschen in einer für die Geistesgeschichte Deutschlands verhängnisvollen Entscheidung. Das Merkwürdige dabei ist die vollkommene Helligkeit Goethes bei dem unruhigsten Wühlen, beim heftigsten Gedräng der Empfindungen und Eindrücke: vollkommnes Bewußtsein der Tragweite des Augenblicks bei dumpfern Gefühl des irrationalen Schicksals und der Kräfte. Kein Dokument kann besser den Übergang vom Werther-Goethe zum Weimarer Goethe bekünden als dies Tagebuch, einen Übergang den wir bisher nur in Vergleichung seiner verschiedenen Phasen, nicht im Akt selbst zu fassen hatten.

In seinem Gehalt gehört dies Tagebuch noch durchaus dem unruhvoll gequälten, von seinen eigenen Kräften gehetzten Jüngling an, in seiner Richtung läßt es bereits den Ordner und Bändiger seiner selbst erkennen, und über der Unrast die ihn hetzt und dem Wunschbild dem er ins Ungewisse hinein zustrebt, im dunklen Drange des rechten Wegs bewußt, hangt das umfassende Gefühl des eignen Dämons der es gut mit ihm meint, und der eignen Kraft die sich zurechtfinden wird.

Die ersten zehn Jahre Goethes in Weimar erscheinen uns, die wir das Ganze von Goethes Dasein überblicken und kennen, durchaus als Übergang und Vorbereitung zu einer andern Lebensstufe, ja eine Vorbereitung zu der Krise in der seine Wandlung in Erscheinung und Entscheidung trat: zur italienischen Reise. Mehr als irgendeine andre Epoche seines Daseins scheint sie für uns — und schon Goethe selbst hat sie so gesehn — ihren Wert und Sinn aus Leistungen und Lebensformen zu gewinnen die nicht in ihr selbst liegen: sie scheint der Prozeß zu Resultaten die sie nicht selbst zeitigen konnte, während die Leipziger Zeit sich vollständig selbst vergegenwärtigt im Leipziger Liederbuch und in den Mitschuldigen, die Straßburger und Wetzlarer Epoche in der neuen Lyrik und den titanischen Fragmenten oder Plänen, im Götz und Werther, die Zeit der italienischen Reife durch Iphigenie, Tasso, und die römischen Elegien, die Zeit des Bundes mit Schiller durch Hermann und Dorothea, die Balladen, Wilhelm Meisters Lehrjahre, das reife Alter in verschiedenen Stufen durch die Wahlverwandtschaften, den Westöstlichen Divan, und die Wanderjahre. Der Faust, das Ergebnis und Sinnbild eines ganzen Lebens, ruft uns in seinen Anfängen den Sturm und Drang, in seinen letzten Teilen unwillkürlich den alten Goethe empor, aber gerade die erste Weimarer Zeit scheint uns darin zu fehlen. Vor der Phantasie leben diese Jahre, obwohl der Urmeister, der Urtasso, die Uriphigenie, die Geheimnisse und einige der schönsten Gedichte Goethes, die Anfänge seiner Naturwissenschaft und Universalität in sie fallen, fast als eine unfruchtbare Epoche fort. Das liegt wesentlich daran daß Goethe nur das Wenigste was er in diesen Jahren geplant oder ausgeführt hat in seiner damaligen Form gelten ließ. Wilhelm Meister, Egmont, Iphigenie, Tasso sind erst in Italien und nach Italien, durch Italien von Goethe selbst zu Symbolen seiner Existenz umgewandelt worden. Niemals hat Goethe sich so vorläufig gefühlt, wie in diesen Jahren, so zwischen den Zeiten und an der Wende, nie hat er so sehr alles was er tat und sollte, was ihm begegnete, als einen Erziehungsprozeß, als Lehrjahre empfunden, als Vorbereitung zu etwas das er werden und bleiben sollte. Nicht das triebhafte Werden selbst, und nicht die Erfüllung, sondern das Lernen und das Sichsfüllen und-formen war damals sein Lebenswillen und sein Wunschbild von sich selbst. Und so wurden ihm damals Gefühl und Erfahrung, Beruf und Liebe, Karl August und Charlotte von Stein zu Mächten der Erziehung, der Selbsterziehung. Mächte der Entwicklung waren alle seine Erlebnisse für ihn, einerlei ob er mit dämonisch getriebener Leidenschaft seine Jugend auswirkte oder als weltüberschauender Greis sein Wissen und Fühlen verewigte zu Lehre und Bild. Aber als Jüngling, besessen vom Augenblick, wußte er nicht wohin er trieb, als Greis hatte er nur zu ordnen innerhalb seines Reichs, nicht mehr seinen Raum und seine Form erst zu suchen — nur in den ersten Weimarer Jahren war dämonischer Trieb und ordnendes Wissen gleich mächtig in ihm und die Vereinigung beider formenden Gewalten seine eigentliche bewußte Aufgabe. Nur weil er damals weder ganz unausweichlich gefüllt war vom leidenschaftlichen Augenblick noch ganz klar geführt vom Gesamtplan und -sinn seines Lebens, weil er nicht mehr unbedingt mußte und noch nicht ganz sicher konnte, weil er seine Befehle weder ausschließlich vom unerbittlichen dunklen Dämon noch von der unbeirrbar hellen Vernunft empfing sondern von beiden, und beide noch bald vermischend bald vereinend, deutet sein damaliges Leben bald zurück in die Jahre da der Dämon, bald voraus in die Jahre da die Vernunft ihn leiten sollte (beides mehr zwei Formen seines einen Wesens als verschiedene Substanzen). Diese Zeit ist wie das Zünglein an der Wage, und die Gewichte zeigen sich nicht am Zünglein sondern an den Schalen der Waage. Wir betrachten daher die Faktoren Früh-Weimars von der Entscheidung aus, d. h. von der italienischen Reise aus . . dadurch werden sie uns, dämmernd wie sie sind, erst deutlich — wie die Dämmerung uns nicht durch sich selbst so deutlich in ihrem Wesen wird als durch die Nacht oder den Tag worauf sie hindeutet.




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