> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Werther Seite 38

2015-09-02

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Werther Seite 38


Warum das Wertheerlebnis nicht als reine isolierte Lyrik sich verlautbaren konnte, sondern bereits einer symbolischen Vermittlung bedurfte ist erörtert worden. Es war eine Krise, und zwar eine überstandene Krise, nicht eine in sich ungebrochene Erfahrung, nicht ein Gefühl: der Inhalt des Erlebnisses war ein Konflikt, und ein Konflikt als solcher kann nicht reine Lyrik werden, wenn auch die Empfindungen deren Widerstreit zum Konflikt führt, die Momente deren Wechsel zum Konflikt wird, jeder für sich, Lyrik werden können: so hat Goethe den Besitz der Geliebten und den Verlust der Geliebten als Zustände (oft sehr vielspältige und gebrochene Zustände) der Seligkeit und der Trauer lyrisch ausgesungen, aber nicht den Vorgang des Besitzens und Verlierens, nicht den Übergang, die Krise wodurch aus dem Besitzverlust wird, werden muß. Zum mindesten ist die Goethische Lyrik der unmittelbaren Gefühlsbewegung (das was wir seit dem Straßburger Durchbruch als Lyrik des Werdens von den distanzierenden Lyrismendes Seins unterschieden konnten) nicht die Form für Darstellung einer Krise. Es gibt in der Weltliteratur allerdings mehrere lyrische Zyklen deren Gehalt und sogar Gegenstand nicht nur Gefühlsmomente sondern auch Konflikte und Krisen sind: aber in diesen wird immer eine dichte Reihe gesonderter Momente zu einem Ganzen zusammengedrängt und zudem manchmal eine symbolische Distanzierung vorgenommen durch die konkrete Hereinziehung des konfliktschaffenden „Du“ ins, Gedicht selbst, durch die sei es episierende sei es dramatisierende Vergegenwärtigung des Du, welches in der Goethischen Lyrik nur als richtunggebend, als Adressat, außerhalb des Gedichts wirkt, in das Gedicht hereinspielt, aber nicht im Gedicht mitspielt. Ich denke hier vor allem an den Amor in Dantes Vita nuova, an den Jüngling und die Dame in Shakespeares Sonetten, an den Engel in Stefan Georges Vorspiel zum Teppich des Lebens. Als Gedichtzyklus hätte sich also die Darstellung der Wertherkrise denken lassen, aber dem jungen Goethe des Sturms und Drangs lag wohl keine Form ferner als die zyklische Abrundung eines Auf und Ab von stürmischen Gefühlen, und wir begegnen jener Form nie in Epochen und Menschen sprengenden entfesselten Gefühlsüberschwangs, sondern brennender und dabei vor allem verhaltener Leidenschaft. Es kam dazu daß Goethes besondre Aufgabe damals ein Durchbruch seiner Lebenskräfte durch Hemmungen aller Art war, während die Zeitaufgabe jener Zykliker eine Bändigung der drängenden Kräfte war. Wie hätte Goethe also, kaum aus dem Käfig des Rationalismus entsprungen, sich im Zyklus freiwillig binden sollen! Er hat es später getan, als seine Aufgabe die Einholung und Rettung seiner Kräfte, die Schaffung eines neuen Formideals wurde. Wie eignete sich nun die dramatische Form zur Objektivierung seiner spezifischen Wertherkrise?

Goethe hatte ja seinen Titanismus wiederholt gerade unter dieser Form objektiviert: seinen Kampf gegen die Welt. Er hatte im Faust selbst innerliche Konflikte als Drama herausgestellt. Es war die Form die unter Shakepeares Zauber sich ihm damals immer zuerst aufdrängte. Warum hat ihm der Wertherkonflikt nicht eine dramatische Behandlung nahgelegt? Er hatte wohl das Gefühl daß es sich hier nicht in erster Linie um Tat, um Handlung, also um dramatischen Nerv handelte, ja nicht einmal um Begebenheit. Die Leiden Werthers waren der Inhalt, nicht der Tod Werthersl Die Seele des Werthererlebnisses, die Seele von Goethes Erotismus überhaupt war Gefühl, Übermaß der Empfindung, und der Konflikt selbst bestand in einem inneren Widerstreit zwischen dem Übermaß des Gefühls und seiner Begrenzung wo es heraustreten und ein Fremdes ergreifen will: am lns sich eingesperrtsein, Auf sich zurückgewiesensein, In sich Zurückgedrängtsein geht Werther zugrunde. Man vergleiche damit Goethes dramatische Anlagen die den Titanismus verkörpern: Prometheus, Cäsar, Götz treten aus sich heraus, kraft der Expansion ihres Willens in Konflikt mit den Außenmächten, sie greifen an oder sie verteidigen sich, die Form und das Mark ihres Daseins ist die tätige, handelnde Auseinandersetzung mit einem Nichtich, ihr Schicksal ist der Kampf mit der Welt, siegreich oder untergehend. Ihre Spannung führt sie bei jedem Schritt aus sich heraus, nicht in sich hinein wie Werther, der ja bei der ersten, negativen schicksalhaften Berührung mit dem Nichtich zugrunde geht. Also schon der Schauplatz des Wertherischen Konflikts ist sein Inneres, der Schauplatz der titanischen Konflikte ist die Welt. Auch der Faust ist, wenn schon mit Werther verwandt durch das Übermaß empfindender Innerlichkeit, doch mit Prometheus, Götz, Cäsar als titanisch starker Einzelner, durch expansiven Willen verwandt genug um nicht an seiner Empfindung zu ersticken sondern sie in die reale Welt hinauszuschicken.

Aus denselben Gründen warum das Werthererlebnis der Symbolisierung in dramatischer Form widerstrebte entzog es sich auch einer rein epischen Behandlung, der einfachen romanhaften Erzählung: denn auch die Erzählung setzt in erster Linie ein Übergewicht von Geschehen voraus, zum mindesten kann sich das innere Schicksal nur durch Begebenheiten und Begegnisse kundtun. Ist beim Drama der Charakter des Helden der Mittelpunkt von dem die sinnliche Aktion ausgehen soll, ist für einen dramatischen Helden eine Aktivität vorausgesetzt, so kann der Romanheld allerdings passiv sein, ohne den Sinn der Erzählung zu gefährden. Denn gehn wir auf den seelischen und geschichtlichen Ursprung beider Gattungen zurück, mit dem zugleich ihre beiderseitigen inneren Gesetze gegeben sind: so ist das Drama entsprungen aus der unmittelbar anzuschauenden, aufzuführenden Darstellung einer Handlung, die einen handelnden Menschen notwendig voraussetzt Handeln heißt sich in tätigen Bezug setzen zu etwas außer uns. Eine Erzählung aber setzt nicht von vornherein die sinnliche gegenwärtige Anschauung eines agierenden Menschen voraus, sie ist ihrem Ursprung nach der Bericht von etwas das geschehen ist: das Geschehen also ist die Hauptsache. Das Geschehen kann aber ebenso gut etwas sein das begegnet ist, das einem widerfahren ist, als das was einer getan hat während ein Drama schon gar nicht entsteht, wenn nicht ein handelnder Mensch da ist, kann eine Erzählung, d. h. ein Bericht sehr gut entstehen, wenn irgend etwas vorgefallen ist, und damit etwas vorfällt, ist nicht notwendig ein aktiver Mensch vorausgesetzt, Vorfälle können auch einem passiven Menschen begegnen. Von dieser Seite her empfahl sich also das Wertherische Erlebnis, der Held selbst mit seiner passiven Empfänglichkeit immer noch eher einer erzählenden als einer dramatischen Behandlung. Aber freilich der Gegenstand der Goethischen Wertherkrise war zu arm sogar an einfachem Geschehen, um sich zu einem reinen Roman auswachsen zu können: es war der innre Kampf von Gefühlen der schließlich zu einer äußeren Entladung drängte, welche als Vorfall wirken konnte. Sind Gefühle etwas Erzählbares, etwas das zum Gegenstand eines Berichtes werden kann? Nein . . nur das was aus Gefühlen resultiert, was aus dem Zustand — denn das sind Gefühle — zur Handlung oder wenigstens zur Begebenheit führt. Zustände können nur ausgedrückt, Handlungen vorgeführt oder berichtet, Begebenheiten nur berichtet werden. Jenes erste ist der Ursprung der lyrischen Form, das zweite der Ursprung der dramatischen, das dritte der Ursprung der epischen Formen. Dazwischen liegen Übergangs- und Mischformen, wenn z. B. ein handelnder Mensch seine Zustände ausspricht, wie etwa Faust, oder ein Zustand zu berichtbaren Begebenheiten führt, wie Werther. Im ersten Fall kann man von einem lyrischen Drama sprechen, im zweiten vom lyrischen Roman. Und es ist kein Zufall daß das lyrische Drama Goethes zum Helden seinen Titanen, also seinen aktiven Menschen mit dem Übermaß der Innerlichkeit hat, sein lyrischer Roman seinen passiven Menschen mit dem Übermaß der Innerlichkeit—beide Werke entstammen einem lyrischen Bedürfnis, und nur durch die notwendige Symbolisierung dieser Zustände welche zu Konflikten und Krisen führten (also einer rein lyrischen Aussprache dadurch entzogen wurden) erst durch diese Kreuzung mit Handlung und Begebenheit wurde der Faust zum Drama, der Werther zur Erzählung bedingt. Im Prometheus oder Götz war das erste Bedürfnis nicht die Gefühlsentladung sondern die Expansion aktiver Spannkräfte — nicht Aussprache der Seelenzustände sondern Verkörperung von Willen.

Wir haben das Werthererlebnis, als Gehalt, konfrontiert mit den verschiedenen möglichen Formen in denen es sich hätte verkörpern können. Wir sahen daß es als reine Lyrik nicht verkörpert werden konnte, weil es nicht reiner Moment und Zustand sondern Krise war. Zur dramatischen Ausprägung taugte es nicht wegen der Passivität seines Helden und der reinen Innerlichkeit seiner Schicksale, wegen des Mangels an Handlung. Und zur reinen Epik war es ungeeignet durch seinen Mangel an Begebenheit, durch sein Übergewicht an innerer Zuständlichkeit. So sehen wir den Werthergehalt gewissermaßen eingekreist auf eine Mischform, die lyrische Erzählung: denn es handelte sich darum Zustände auszusprechen deren Lösung und Entspannung stattfand durch eine Krise, also eine Begebenheit welche sich berichten ließ. Das Kunstmittel jedoch, mit dem sich die Amalgamierung beider Techniken, der lyrischen und der erzählenden, die Befriedigung des primären Bedürfnisses, nämlich Zustände auszusprechen, und des sekundären, eine Begebenheit zu berichten, am besten bewirken ließ, war die Briefform.

Sie hatte als die gegebne Gattung für den empfindsamen Roman, für die Aussprache von Gefühlen und Zuständen zweier Liebender, für die Entwicklung oder Analyse von Begebenheiten die wesentlich aus einer innern Disharmonie hervorgingen, europäischen Eindruck und Geltung gewonnen durch Rousseaus Nouvelle Heloi'se. Durch ihn vor allem (obwohl er nicht der Erfinder ist) wurde der Briefroman als selbständige Gattung legitimiert und hielt etwa gleichzeitig mit dem humoristischen Glossenroman, Sternes TristramShandy, der einer ähnlichen Seelenlage entgegenkam, seinen Siegeszug durch die europäische Literatur. Beide Werke danken ihren Ursprung wie ihren Erfolg dem Freiwerden, der Lockerung des Gemüts, der empfindsamen Innerlichkeit, welche jahrhundertlang durch die Rationalisierung befangen war oder durch religiöse Bindungen anderweit festgelegt, verhaftet war. Denn weder die Aufklärung noch die Kirchen konnten mit demselbständigen Gemüt etwas anfangen, und beide sorgten für seine Unterdrückung: die Aufklärung um der Vernunftzwecke, um der klaren Erforschung und Benutzung der Welt willen, die Kirchen, um keinem Individualismus und Subjektivismus (beide entbanden und förderten das Gemüt) Macht einzuräumen gegenüber ihren Gesetzen oder Mysterien. Erst als sich aus den Aufklärungsideen die neuen Freiheits-und Humanitätsideen und Tendenzen herausgelöst hatten, als das bloße Fühlen und Empfinden dem Denken und dem Glauben gegenüber einen selbständigen Menschen wert gewonnen hatte, vor allem durch die Prophetie Rousseaus, rang auch das freigewordne Gemüt, die entfesselte Empfindsamkeit nach selbständigen Ausdrucksformen, literarischen Fixierungen und Gattungen — und es ist kein Zufall daß der Prophet der Rückkehr zum ursprünglichen fühlenden Menschen, der Verklärer der Natur, der Verteidiger des Subjekts gegen die Gesellschaft, zugleich der Verfasser des ersten europäischen Empfindsamkeitsromans ist. Warum die aus der Empfindsamkeit gequollene Erzählung fast notwendig zur Briefform führt habe ich bei der Erörterung des Werther zu zeigen.



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