> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Werther Seite 39

2015-09-03

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Werther Seite 39


Indem Rousseau als der Prophet der Gefühlsemanzipation zugleich eine neue Gattung bot welche ebenbürtig neben die aus der Antike übernommenen Gattungen des Rationalismus trat, indem er ein Gefäß schuf worin das losgelassene Gefühl sich als Begebenheit ausbreiten konnte, gab er zugleich dem deutschen Dichter der neuen selbständig entfesselten Seelenfülle das technische Vorbild, und erleichterte ihm damit die Aussprache seiner Krise in ähnlicher Weise wie ihm Herders Theorie seiner Zeit in Straßburg den Durchbruch zu seiner eignen Lebensfülle erleichtert hatte. Auch ohne Rousseau hätte wohl die besondre Art von Goethes Werthererlebnis auf den lyrischen Briefroman als die gemäße Form der Aussprache hingedrängt, wie Goethe wohl auch ohne Herder zu sich selbst durchgebrochen wäre, aber nur mit größerer Reibung des Suchens und Tastens, mit Einbuße an frischer Stoßkraft welche nun gleich in das Werk selbst geleitet werden konnte. Das Erfinden neuer Gattungen war nicht Goethes Sache, und das Vergreifen in der Technik konnte auch die Vollendung der dringlichsten Entwürfe hindern, wie Mahomet und sogar Prometheus, als Dramen, Fragmente geblieben sind, und Goethe schließlich aus ihrer dramatischen Not eine lyrische Tugend machen mußte, nur weil er, durch Shakespeare verführt, von vornherein in dramatische Form pressen wollte was eine zu große Masse lyrischer Elemente enthielt um sich ganz in nackte Tathandlung umsetzen zu lassen. Man darf, zumal in einem „Bildungs-Zeitalter mit vielen bereitliegenden, freigegebnen Vorbildern und Gattungen und entsprechender Verführung zum Experimentieren, nicht von vorherein annehmen daß der drängende Gehalt sich schon von selbst der richtigen Mittel bedienen werde um zum lebensfähigen Körper zu werden. Ohne die Nouvelle Heloi'se gäbe es vermutlich irgendeine (wahrscheinlich fragmentarische) Ausprägung des Goethischen Werthererlebnisses, nur gerade so wie sie vorliegt, als der Briefroman Werthers Leiden, gäb es sie nicht: denn keine andre Gattung entsprach so sehr dem seelischen Gehalt jenes Erlebnisses als Mittel zur Gestaltung wie gerade der Briefroman.

Was sind nun die besondren Eignungen der Briefform? Zunächst: der Brief ist viel weniger bedingt als eine feste Kunstform.. er ist nicht seinem Ursprung nach auf bloßen Bericht eingeschränkt wie die Erzählung, oder auf bloße Aussprache augenblicklichen Zustandes wie das Lied oder die Hymne. Seinem Ursprung nach kann er beides sein, Mitteilung daß etwas vorgefallen ist und Aussprache wie einem zumute ist: der Brief partizipiert also schon als Gattung an den epischen wie den lyrischen Eigenschaften die zur Darstellung eines Wertherischen Erlebnisses erfordert wurden. Er ist demnach auch nicht, wie die Erzählung oder das lyrische Gedicht, an eine bestimmte Zeitform gebunden, an Vergangenheit oder Gegenwart. Die Erzählung gehört immer der Vergangenheit an, und wenn bei Erzählungen zur Verlebhaftigung das Präsens angewandt wird, so ist das ein rhetorisches Mittel, ändert aber nichts daran daß von etwas erzählt wird (wenn auch noch so lebhaft) das war: dagegen im lyrischen Gedicht wird immer der gegenwärtige Zustand ausgesprochen und die präteritalen Formen die es enthalten kann geben nur Kunde von Ursachen oder Gegensätzen des gegenwärtigen Zustandes — und diese können allerdings auch in der Vergangenheit liegen. Nicht die grammatischen Formen sind das entscheidende für die Zeitform in der ein Werk spielt, sondern der Blickpunkt des Verfassers bei seiner Konzeption. Eine Erzählung wird immer konzipiert aus dem Gesamtüberblick über ein wirkliches oder fingiertes Vergangnes, ein lyrisches Gedicht ist der Ausdruck eines in sich selbst, also in seiner Gegenwart befangenen Ich. Der Brief kann aber gleicherweise von fremden, vergangnen und von gegenwärtigen Ichdingen reden — er ist von keinem temporalen Blickpunkt abhängig. Überhaupt empfängt der Brief als Gattung sein Gesetz nicht von der zeitlichen Distanz (oder Distanzlosigkeit) wie die Erzählung und das lyrische Gedicht, sondern von der räumlichen, die Mittel des Briefs sind bedingt nicht allein durch eine erste oder dritte Person deren Vergangenheit berichtet oder eine erste deren Zustand ausgesprochen wird — sondern durch eine zweite, gerade durch eine zweite an welche hingesprochen wird, und zwar über eine Distanz hin. Die Relation zwischen dem erzählenden oder sich ausprechenden Ich und dem empfangenden Du gehört von vornherein zu den Formbedingungen des Briefs. Dies ist es was ein Briefwechsel mit dem dramatischen Genus teilt. Das Du ist bereits in die Form hereingezogen, die Aussprache wird erst möglich durch die Spannung zwischen einem Ich und einem Du, einem redenden und einem hörenden — eine Spannung welche weder der erzählenden, noch der lyrischen Gattung eignet: denn das Publikum das der Erzähler voraussetzt muß nicht, wie das angeredete Du, in die Erzählung selbst hereingezogen werden, gehört nicht zum bestimmenden Faktor der Erzählung: ein Publikum bestimmt nur daß der Autor erzählt, der Adressat aber auch wie der Schreiber sich ausdrückt.

In den Gedichten wiederum die an jemand gerichtet sind, also ins« besondere bei Oden, ist das Unterscheidende daß beim Du nicht von vornherein der Wille zum Anhören der Aussprache vorausgesetzt ist, das Du wird nur als passiv gedacht, während ein Brief durch das bloße Anhören von seiten des Du veranlaßt, bedingt und beeinflußt wird. Um die Gesetze der Gattungen festzustellen, muß man sich immer an ihren Ursprung halten. Ein Gedicht entsteht, weil ein Gefühl entladen werden soll, einerlei wohin, einerlei ob es an einem Du, einem Gegenüber seine Grenze findet oder ins leere All hineinklingt. Ein Brief wird geschrieben, weil ein Gegen« über, weil ein Du hören will: also das Du ist gewissermaßen Miturheber.. die Wirkung vom Du her bestimmt Ton und Distanz, Stärke und Struktur eines Briefs ganz anders, übt eine ganz andre Aktivität aus als das Du einer Ode. Eine Ode wird nur zu jemanden hin gedichtet, ein Brief zu jemanden hin und von jemanden her verfaßt — kurzum, nicht nur aus einem Zustand oder einem Vorfall heraus, sondern aus dem Zustand oder Vorfall plus einer Relation.

Was ergibt sich dann aus diesen besondren Bedingungen für den Goethischen Roman? Ohne weiteres leuchtet zunächst ein welchen Gewinn Goethe für seinen Roman aus der Dehnbarkeit der Briefform ziehen konnte. Er brauchte die Opsis des Lesers nicht fortwährend umzustellen, wenn er von den leidenschaftlichen Zuständen, wenn er von den allgemeinen Reflexionen und wenn er von den Begebenheiten des jungen Werther sprach für all diese drei Außerungsarten war der Brief ein gleich angemessenes Vehikel. Es widersprach nicht dem Wesen des Briefes, jetzt lyrisch von einem gegenwärtigen Gefühl, jetzt erzählend von einem vergangenen Vorfall Kunde zu geben . . jeder andren Gattung hätte das widersprochen, jeder andre Rahmen als der Briefroman (vielleicht der viel lockerere eines Tagebuchs ausgenommen) hätte ein fortwährendes Umspringen nicht nur des Tempus und des Tempo, sondern vor allem eine fortwährend andre Einstellung des Erzählers und damit des Lesers, einen Standpunktwechsel bedingt, durch welchen die straffe Einheit, der mitreißende Strom der Begebenheiten und Gefühle unmöglich geworden wäre. Ja, in jeder andren Form als der von Goethe gewählten wäre sogar die Kontinuität der Person notwendig durchbrochen worden, indem das Ich und das Er hätten wechseln müssen. So hat Goethe nur am Schluß, zur Einführung des Todes, aus der Selbstdarstellung des Helden übergehen müssen zum reinen Bericht über ihn, und dieser einmalige Umbruch ist von größter Wirkung. Aber auch dieser Umbruch hätte seine Wirkung verloren, wenn er schon mehrmals innerhalb der Geschichte vorweggenommen worden wäre, und nur die Briefform ermöglichte den Zusammenhalt sowohl der lyrischen wie der epischen Partien, gestattete ohne Zwang die Abwechslung der Tempora und Tempi, die ausladenden Gefühlsausbrüche und den nackten Bericht, die Hymnen über die Herrlichkeit Gottes und die Schilderung von Lottes Häuslichkeit, ja erst durch die einheitliche Person des Briefschreibers ist dem Dichter ein für allemal eine innere Einheit, ein Zusammenhang gegeben der im einzelnen ihm eine viel größere Freiheit des Ausdehnens und Zusammenziehens gestattet, ein Verweilen beim Detail oder eine Abschweifung, als jede andere Form es getan hätte: denn es ist ja nun überall, in jedem Brief, sei es ein Berichtzettel oder eine Hymne, die gleiche persönliche Luft und Gegenwart in der Mitte, während eine Erzählung selbst mit einheitlichem Helden und durchgeführter Handlung immer in Gefahr ist bei jeder Abschweifung Held und Handlung vergessen zu machen. Wenn der Darsteller zugleich der Held ist, so sind alle Dinge die in seinen Bereich treten oder in deren Bereich er sich verliert ja schon mit ihm durchdrungen. .

Das ist der Gewinn der Briefform. Diesen Gewinn teilt allerdings die Icherzählung. Aber die Briefform gibt dem Dichter außer der Einheit und der Freiheit noch einen andren Vorteil den die Icherzählung nicht mit ihr teilt und der ihm bei der Darstellung der Wertherkrise unschätzbar sein mußte: das ist Möglichkeit die leidenschaftlichsten Gefühlsausbrüche vollkommen unmittelbar und zugleich als gesehen, als objektiv wirken zu lassen: dadurch erst wird der reine Lyrismus episiert, ohne an Gegenwärtigkeit zu verlieren, dadurch wird alles Lyrischhymnische, was nun einmal die Substanz des Werkes ausmacht, den erzählenden Partien naht- und bruchlos angeglichen, in dieselbe Ebene und Luft gebracht. Und diese glückliche Doppelseitigkeit verdankt die Briefform eben jenem Du, jenem Plus von Relation welches in ihr eingeschlossen ist. Der Ichroman könnte bloße Erzählung und bloße Lyrik aneinanderreihen, aber niemals bekäme seine Lyrik die Distanz mitgeteilt die die Briefform durch das latente Du immer mit sich führt. Der Ichroman setzt kein einmaliges Gegenüber voraus welches die ausgesprochenen Zustände sieht und beurteilt.

Wer ist nun jenes Du im Werther, wer ist der fingierte Freund an den die Briefe Werthers gerichtet sind? Wer sieht Werthers Leiden gleichsam von außen, aber mit der persönlichen Teilnahme die beim bloßen Publikum erst erzielt, doch nicht vorausgesetzt werden darf? Denn das ist ja die Aufgabe dieses Kunstwerks, das erhebt es über die stoffhafte Aussprache der Gefühle, die die bloßen Briefe als Naturform schon geben könnten, das macht den Wertherbrief gegenüber dem Goethebrief erst zur Kunstform: daß Werthers Ausbrüche, so unmittelbar aus dem Innern quellend, zugleich erscheinen als von außen gesehne Formen eines Lebens .. der Augenblick in dem Werther befangen ist von innen her, den er aus seinem Werden heraus entlädt, erscheint jenem fiktiven Du zugleich als abgeschlossenes, losgelöstes, erlöstes, kurz kunstgewordnes Sein. Und wir als Leser, durch die Briefform hineingezogen in die Suggestion des leidenden im Moment verhafteten, als Ich sich entladenden Werther und zugleich in die kraft der Briefform korrelativ mitgegebne gelöste Betrachtung des fiktiven Du, sehen Werthers Leiden von innen und von außen zugleich, als ein Werdendes und als Gewordenes, als mitreißende Bewegung und beruhigende Gestaltung, als Wirklichkeit und als Schein! Dies ist aber geradezu der seelische Zustand der nötig war, um den Werther überhaupt schreiben zu können, um aus der Naturform des Goethischen Verhältnisses zu Lotte Buff die Kunstform von Werthers Leiden zu schaffen. Jenes fiktive Du an welches Werther, das Sinnbild des leidenden im Erlebnis verhafteten Goethe, schreibt ist (wen auch Goethe darunter verstanden haben mag) niemand anders wie Goethe selbst als ein befreiter, gelöster Betrachter seiner gefährlichsten Krise, Goethe der sich selbst sehen konnte, gleichsam von einem andren Stern, der sein eigenes Erlebnis abrunden, abgrenzen, richten konnte, ohne deswegen weniger derselbe Goethe zu sein, der dies ganz war und ganz von innen her wußte was es bedeutet wie Werther zu leiden. Ein Gott gab ihm zu sagen was er leide, das heißt er gab ihm die Mittel zugleich sehen zu machen, zu vergegenwärtigen was er leide.

Ich wollte an diesem Beispiel bis ins einzelne zeigen warum für den vorliegenden Fall, für die vorliegende Art seines Leidens keine Art des Sagens so gemäß war wie die Briefform, warum hier mit einer ihm geläufigen Form der Aussprache (ich nenne das Naturform, eine mit dem empirischen Leben selbst schon gegebne Ausdrucksart) zugleich eine neue Kunstform, d. h. Erlösung durch Gestaltung, sich für ihn entwickelte.

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