> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Geselligkeit und Freundschaft Seite 45

2015-09-07

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Geselligkeit und Freundschaft Seite 45


GESELLIGKEIT UND FREUNDSCHAFT

Wir mögen Goethes Leben in der Zeit nach der Wertherkrise betrachten von welcher Seite wir wollen: alles was ihm begegnete diente dazu einerseits ihn zu zersplittern, andrerseits ihm den Kreis der äußern Tatsachen, der Gesellschaft, des Weltwesens und Treibens wichtiger, mit selbständigerer Bedeutung und Wirksamkeit zu füllen als bisher die konzentrierte Selbstigkeit seiner übermächtigen Seele gestattet hatte. Nicht als ob ihm der Blick für die Außenwelt je gefehlt hätte: aber seit seiner Leipziger Zeit, seit dem Straßburger Durchbruch war ihm die Welt nur Material und Seelenzustand, im leidenschaftlichen Schöpferwirbel ergriffen und durchglüht von der Inbrunst eines allliebenden Herzens, das immer sich im Mittelpunkt als schaffendes und belebendes Prinzip dieser Welt empfand, als Welt den Kreis empfand den seine Wirksamkeit erfüllte. Die Welt war für den Dichter des Prometheus, Götz,Werther entweder das Material zur Ausprägung und Füllung des Ich oder die dumpfe und feindliche Begrenzung des Ich, je nachdem die Durchdringung dieses Außen, die Verinnerlichung, Durchseelung, Durchblutung des Fremden gelang oder mißlang. Nach der Wertherkrise ward das Weltwesen für Goethe aus einem Material oder Gegensatz mehr und mehr auch ein Raum der Betätigung und ein Mittel der bewußten und verantwortlichen Selbstausbildung. Sein Sehen der Welt war nicht mehr gleich Produktion sondern Beobachtung, und bei den Widerständen die er draußen fand interessierte ihn jetzt Recht und gegenseitige Verantwortung, während früher sein Zusammentreffen und Ringen mit dem Nichtich reine Machtfragen gewesen waren. Kurz, er erkannte und steckte jetzt zwischen sich und der Welt freiwillige Grenzen und versuchte wenigstens seine wogenden Gefühle in der Welt zu kanalisieren oder wie er sagte „zu Fähigkeiten zu entwickeln“ gleich als wären die Kräfte woraus die Riesenpläne und Werke bis zum Werther stiegen keine Fähigkeiten gewesen. Das Neue was Goethe dabei meinte und von sich forderte war eben die Sonderung, die bewußte Anwendung, selbst die Kommandierung seiner Kräfte die bisher meist naturhaft quellend das Rechte geleistet. Aus dem Prall und Flug seines allwühlenden und allgreifenden, hier und da auch rundenden Genies wollte er Talente herauslösen die jede einzelne Aufgabe einzeln bemeistern könnten und dem einzelnen Augenblick gewachsen wären, ohne ihn mit der ganzen Gewalt seines Reichtums zu überfluten oder zu zersprengen.

War so schon eine Verweltlichung, Veräußerung, Verzweigung nach der Wertherkrise von innen her in Goethe angelegt, so tat von außen her der Andrang der Freunde und des Publikums den die neue Weitberühmtheit im Gefolge hatte das ihrige dazu, um diesen Prozeß zu fördern. Zur selben Zeit als er sich innerlich genötigt sah mit seinen Schätzen hauszuhalten und den Blick auf den Acker zu richten dem er seine Saat anzuvertrauen habe, drängte die zeitgenössische Welt, die eben dieser Acker war, sich ihrerseits, schon ohne sein Zutun ihm in die Augen. Und während er nach außen gewiesen wurde, kam ihm das Äußere, angelockt durch die Wirkung seines Werther zugleich entgegen. Schließlich ein dritter Faktor, um Goethe in die Gesellschaftswelt, die er seit seinen Leipziger Tagen innerlich verlassen hatte, in das was sich selbst „Große Welt“ nennt, in die Welt als menschliche Organisation — im Gegensatz zur Welt als Komplex der Allkräfte — zurückzuführen: die Person und das Milieu seiner ersten nachwertherischen Geliebten Lili. Während sonst gerade die Liebe das sicherste Mittel war Goethes Kräfte auf einen Punkt zu konzentrieren und mit gesammelter Wucht in den schönen Augenblick zu füllen, ihm das All zu verdichten, hatte nun gerade in diesem kritischen Zeitpunkt auch seine neue Verliebtheit nur die Aufgabe und die Folge seinen Verweltlichungsprozeß zu fördern. Was Goethes Dämon gewollt, Goethes Ruhm erleichtert hatte, daran wirkte jetzt noch Goethes Liebe weiter: auch Lili führte Goethe statt tiefer in sein Herz hinein nur mehr dem Weltwesen entgegen, auch Lili war mehr berufen ihn zu zerstreuen als zu sammeln.

Der neue Zustand welchen Goethes Dämon, Goethes Ruhm und Goethes Liebe gegenseitig bedingten und förderten hatte von Goethe aus gesehen zwei Seiten: von innen her, als Erlebnis, war er eine Not, nach außen hin war er eine Pflicht, weil es galt aus dieser Not eine Tugend zu machen, wie es denn Goethes „Lebenskunst“ im Grund während seines ganzen Daseins gewesen ist, jede neue Not in eine neue Tugend zu verwandeln. So hat Goethe zweifellos gelitten unter dem Andrang der Welt der nach dem Werther ihn belästigte, seine Briefe sind voll von Stoßseufzern über die Belästigung: aber was ihm die Gäste an stetigem dumpfen Wachstum, an stiller Selbstgenügsamkeit raubten und störten das mußten sie ihm, weil sie nun einmal da waren und er nicht mit seinem Schicksal haderte, ersetzen durch weitausgreifende Welt- und Geschäftskenntnis, was sie ihm an vegetabiler Fruchtbarkeit verkümmerten mußten sie ihm durch erhöhte Aktivität und Wirksamkeit einbringen. So hat er schon früh seine Prinzenbesuche, seine Hofbekanntschaften, seine literarischen Verhältnisse etwa zu Gerstenberg, Klopstock, Bürger, eingeordnet in seine geistige Ökonomie als Erweiterung seines Wirkungskreises auch im Prometheischen Sinn („der Kreis den meine Wirksamkeit erfüllt“) einerseits, als Bereicherung seiner Menschentypensammlung, als Erweiterung seines Gesichtsfeldes andererseits, kraft der Gesinnung die er etwa so bekannte: „Ich habe all mein Tun immer nur symbolisch aufgefaßt: es war mir gleichgültig ob ich Teller machte oder Töpfe.“ Goethe wollte schaffen und wirken und das Dichten war ihm nicht letzter Selbstzweck sondern eine Form der Wirksamkeit: wurde sie ihm gehindert durch äußere Begegnisse, so mußte er sehen aus diesen Begegnissen soviel Kräfte als nötig seiner Wirksamkeit zuzuleiten, und litt sein Dichtergefühl unter der Zersplitterung, so nahm deswegen seine Wirksamkeit noch nicht ab und er suchte im Handeln einstweilen festzuhalten was noch nicht Bild werden konnte. Daß er zwischen dem überschwenglichen Pröduktionstrieb und der Selbstbeschränkung welche die aktive weltliche Wirksamkeit forderte nicht gleich sich zurechtfand, sich gehemmt fühlte, ohne bereichert zu werden, opfern mußte, ohne gleich den Segen des Opfers zu fühlen, das ist der Grundton seiner unruhigen Klagen aus der vorweimarer Zeit und noch lange in die Weimarer hinein — aber die Klagen selber beweisen was sein Problem und was sein Weg war. Und wie er den Streit zwischen seinem dichterischen Herzen und der geschäftigen Welt auf dem Umweg über Erweiterung seines Wirkungskreises und Gesichtsfeldes, Verdeutlichung und Begrenzung, schließlich doch wieder seiner Dichtung selbst zugute kommen lassen konnte, so hat er sogar aus den Zerstreuungen und Spannungen seiner Liebe zu Lili (deren dichterischer Ertrag, abgesehen von einigen wunderbaren Liedern, geringer war als der seiner früheren Leidenschaften) nicht nur Heilmittel sondern wiederum Bereicherung aus den Heilmitteln gezogen.

Zu diesen Heilmitteln aus denen er Tugenden und Bereicherungen zog gehören seine Reisen. Fast alle bedeutungsvollen Reisen die Goethe unternommen hat, die Rheinreise 1774, die Schweizerreise 1775 und schließlich die wichtigste von allen, die Reise nach Italien, tragen ursprünglich den Charakter einer Kur oder sogar, wie die beiden letzteren, den Charakter einer Flucht. Sie sind unternommen nicht so sehr aus einem bestimmten Zweck (wenn auch wohl durch eine bestimmte Veranlassung oder Einladung hervorgerufen) als aus einem unbestimmten Drang, der Goethe aus den ausgesognen oder beklemmenden Umgebungen hinaustrieb, sei es um neue Eindrücke, neue Weltbilder zu empfangen, sei es um den Druck oder die Spannung seines Herzens loszuwerden durch Bewegung und Wirksamkeit im neuen und breiteren Raum. Von jeder Reise kam er denn auch heim beladen nicht nur mit neuen Bildern von Landschaften und Sitten, sondern auch mit neuen menschlichen Beziehungen, mit neuen Menschentypen und mit der Erweiterung nicht nur seiner inneren Welt, sondern selbst seines äußeren Machtbereichs und Wirkungskreises.

Die Rheinreise 1774 brachte ihn in engern persönlichen Kontakt mit Lavater und den Gebrüdern Jacobi — d. h. sie erweiterte seinen seelischen Machtbereich, seinen Bekanntenkreis (Goethes Freundschaften und Bekanntschaften waren vor allem Erweiterung seiner eignen inneren Expansion) um eine neue Menschensorte: um die eigentlich empfindsam überströmenden, Liebe und Freundschaft ergießenden Seelen. Um jedes symbolische Werk, um jeden entscheidenden Ausdruck der Goethischen Entwicklungsphasen herum legt sich immer eine ganze Schicht von Freunden welche gerade dieser Phase zu entsprechen, gerade für, ja durch diesen jeweiligen Goethe erschaffen scheinen, hervorgerufen durch seine jeweilige Empfindungsweise, gleichsam als die etwas dünnere Atmosphäre welche seine Ausstrahlungen weiter tragen und wohl auch verzerren und übertreiben muß. So lagern sich um den Goetz herum die eigentlichen „Stürmer und Dränger“ die Wagner, Lenz, Klinger, die Protzen der Kraft, wohl auch der Grobheit und des trotzigen Auftrumpfens, der genialischen Laune, des derben Mutwillens oder der tobenden Zerrissenheit. Was die sahen und fühlten war vor allem der titanisch kraftgeniale Goethe . . der Götz war ihnen die Bestätigung ihrer eigenen ungefügen, maßlosen oder verstiegenen Wünsche und Schrullen. Das Bild dieses Goethe hat Lenz im Pandämonium Germanicum festhalten wollen, aus einer Art eifersüchtiger Liebe heraus, die just diesen KraffcGoethe möglichst für sich allein in Anspruch nahm. Die Wirkung eines so gesehnen Goethe finden wir in den Sturm- und Drangsdramen der Lenz, Wagner, Klinger, in den panischen Idyllen des Maler Müller, selbst noch in den Romanen Heinses, obwohl Heinse mehr ein eigener Strotzer als ein durch Goethe erst kreierter Nachahmer war. Es tut dabei nichts zur Sache ob chronologisch derartige Bekanntschaften und Freunde immer gerade um die Zeit der Abfassung und Veröffentlichung des Götz gefunden wurden: das Wesentliche ist nur daß jedes symbolische Werk Goethes seine Ausstrahlung, seine ihm eigene Atmosphäre auch in den menschlichen Bekanntenkreis hinein verlängert. Jeder objektiv gewordne, in einem großen Werk ausgedrückte, herausgestellte Lebenszustand Goethes hatte gleichsam eine eigene Fruchtbarkeit, Menschen zu prägen oder anzulocken. Jeder lagerte ein eigenes System menschlicher Typen um sich herum das nur gerade zu diesem Zustand Goethes zu gehören scheint.



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