> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Physiognomik Seite 49

2015-09-11

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Physiognomik Seite 49


PHYSIOGNOMIK

Wie hing nun mit dieser zudringlichen Menschenliebe Lavaters, die im Christuskult ihren Ausgangspunkt und ihr Werbemittel hatte, sein großes Unternehmen zusammen, wodurch er seinen literarischen Ruhm errang und mit Goethe über die bloßen Gefühlsgemeinschaften hinaus in eine produktive Verbindung geriet: die Physiognomischen Fragmente? Der Titel des Werks selbst deutet den Zusammenhang an: „zur Beförderung der Menschenkenntnis und Menschenliebe“ stellte Lavater seine Versuche zusammen, und dies war nicht nur Anpreisung die dem humanitären Publikum einen Vorteil versprechen sollte, sondern wirklich der Drang aus dem Lavater Gesichtforscher geworden ist.

Gesichtssucher war er zunächst: der Grund seines Triebs zur Physiognomik und seine eigene Begabung dafür war Sympathie, zu deutsch Mitgefühl: das liebevolle Mitschwingen mit den menschlichen Regungen und der Wunsch durch irgendein sichtbares, greifbares, deutbares Zeichen den Weg in die menschlichen Seelen zu finden die er gewinnen und beglücken wollte. Die Physiognomik war dem Bekehrerinstinkt Lavaters ein halbbewußtes, halbunbewußtes Propagandamittel: sie hatte (wir müssen das streng betonen, um den völlig verschiedenen Grund von Goethes physiognomischen Bemühungen zu erkennen) einen ausgesprochen subjektivistisch-psychologischen Charakter und nahm den Menschen vor allem als ein Geschöpf welches denkt, empfindet und fühlt . . nicht als ein Produkt der Natur, als ein wachsendes, wirkendes, bedingtes und gewirktes Geschöpf das durch sein Körperliches geistige Kräfte und Triebe ausdrückt und versinnlicht. Lavater nahm den Menschen und seine Züge isoliert und versuchte darin eine seelische Bedeutung und Bewegung zu erkennen, ohne nach den Gesetzen und Kräften zu fragen aus denen Form entsteht und wodurch sie bewirkt und modifiziert wird. Um die Seele war es ihm dabei zu tun, und zwar um die möglichst individualisierte Seele, um die Seele als den Träger ihrer Heilsmöglichkeiten. Was ihm abging war ein eigentlich physiognomisches System — er hat diesen Mangel von vornherein durch den Titel „Fragmente“ zugegeben und gerechtfertigt — und er verließ sich auf die durch Sympathie und seelischen Impressionismus getragene Divination des geistlichen Herzenskündigers, riet und phantasierte von Gesicht zu Gesicht, bald seherisch flatternd, bald sucherisch bohrend, bald den Gesamteindruck eines Gesichts nachlallend, bald abgelöste Züge zärtlich nachtastend, immer aber bestrebt in dem Körperlichen die Spur Gottes, den Weg des Trägers jeder Physiognomie von Gott oder zu Gott mit der Aufmerksamkeit eines Proselytenmachers zu erkennen — auch wo er nicht unmittelbar davon sprach. Da er nun eben vermöge seines sympathetischen Temperaments wirklich ein guter Seelenkündiger war und aus den Gesichtszügen die momentane Deutung einfühlend herausholen konnte, so ist seine Physiognomik reich an treffenden Einzelbeobachtungen. Nur leidet sie daran daß bei den bekannten oder historischen Köpfen Lavater sein Wissen von den Charakteren der Träger in die Gesichter, ob es paßte oder nicht, hineindeutete — das hat was Scharlatanisches — und sodann, daß er bei dem Mangel an festen Deutungs-und Forschungswegen nur auf glückliche Blicke von Fall zu Fall, auf divinatorische Willkür angewiesen war. Dadurch haftet dem Werk, welches doch mehr oder minder auf wissenschaftliche Grundlegung Anspruch machte, eine poetisierende Dilettantenhaftigkeit und Zufälligkeit an.

Gerade diese poetisierende unverbindliche Läßlichkeit sprach allerdings den Zeitgeschmack an und der Gesichterseher und Seelendeuter durfte eines größeren Erfolgs gewiß sein als ein systematischer Erforscher der Kräfte wo» durch Gesichter gebaut werden und der Gesetze wonach innere Spannungen und Ladungen sich im Material von Fleisch und Knochen auswirken. Was das damalige Publikum wollte, das Publikum des Werther und der Rousseauschen Ideen, war schrankenlose, zärtliche Empfindung für Individualität, nachgiebiges Gefühl für alle Äußerungen und Wege der menschlichen Seele, je momentan hingegebner, augenblickstrunkner, weicher, inniger, desto besser — und Lavater bahnte der allgemeinen Seelenspürerei und Empfindsamkeit einen neuen Weg: den Weg vom individuellen Gesichtsausdruck zum individuellen Innern des Menschen. Zweifellos hatte Goethe auch von dieser Seite her Zugang zu Lavaters Unternehmen, es war dem Verfasser des Werther ein Mittel sein Menschengefühl zu steigern, dem verantwortlichen, nach festem und deutlichem Blick auf die Weltdinge ringenden nachwertherischen Goethe ein Arsenal der Menschenkenntnis. Aber sobald er sich einmal praktisch, dem Drängen des Freundes nachgebend, und mit der ganzen Stoßkraft seiner Teilnahme in die Mitarbeit an den Physiognomischen Fragmenten eingelassen hatte, ging ihm, allerdings nur ihm noch ein höherer Sinn und Wert dieses Unternehmens auf. Mit dem ihm eigenen Sinn für Allheit konnte er nicht dabei stehen bleiben, von Fall zu Fall die Gesichter zu deuten: aus einem isolierten Körperlichen ein isoliertes Geistiges herauszulesen. Zweierlei hebt sofort selbst seine flüchtigsten physiognomischen Versuche über Lavaters Leistung hinaus und bringt sie in unmittelbaren Zusammenhang einerseits mit seiner jugendlichen Dichtung, andrerseits mit seinen späteren wissenschaftlichen Werken: seine Schau des Menschen als eines Naturwesens und sein Erlebnis der Gestalt und der sinnlichen Organisation als des Sinnbilds für Aktion, Kräfte, Wirkungen.

Lavater nahm den Menschen als außerhalb der Natur stehendes isoliertes Seelenwesen und das Körperliche als die Schrift für geistige Eigenschaften oder Gefühle, er nahm also Mensch und Körper moralisch und statisch, während Goethe beide physisch und dynamisch nahm. Damit ist auch der Unterschied zwischen ihrer beiderseitigen physiognomischen Methode und Absicht gekennzeichnt. Für Goethe ist der Mensch nur ein besonders deutliches, konkretes und kompaktes Sinnbild der göttlichen Kräfte die das Allwirken und verwandeln: der Mensch ist ihm das Maß des Alls und die Erforschung des körperlichen Menschen nur eine Anwendung desselben Allgefühls welches den Ganymed, den Schöpfer Prometheus und den Allempfinder Mahomet gedichtet hat. In diesem Sinn sind seine physiognomi» sehen Anfänge die Grundlegung zu seiner späteren Morphologie, welche nur die begriffliche Fassung jenes Weltgefühls ist aus dem die Sturm-und-drangdichtung quoll. Der Zusammenhang zwischen Goethes Dichtung (die aus seinem heidnisch»naturhaften, nicht christlich»moralischen Menschengefühl stammt) und seiner Morphologie (welche seine Deutung der Natur als der alle Stufen der Organisation einheitlich durch wirkenden und bedingenden Baumeisterin der Schöpfungsformen enthält) wird deutlich bei der Betrachtung von Schillers Schädel: sie ist mit Goethes frühesten physiognomischen Versuchen verwandt und führt sie ins Dichterische hinein.

Wie mich geheimnisvoll die Form entzückte!
Die gottgedachte Spur, die sich erhalten !
Ein Blick, der mich an jenes Meer entrückte,
Das flutend strömt geisteigerte Gestalten.

Bei der Betrachtung einer Schädelform (also bei einem physiognomischen Bemühn, verwandt denen seiner Jugend) spricht Goethe sein Bekenntnis zur Gottnatur als einer all wirkenden Kraft aus:

Wie sie das Feste läßt zu Geist verrinnen,
Wie sie das Geisterzeugte fest bewahre.

Die Physiognomik ist für Goethe gewissermaßen das Verbindungsglied zwischen seinem Menschengefühl, aus dem seine Dichtung entspringt, und seinem Naturgefühl, aus dem seine Wissenschaft entspringt, und schon deshalb nimmt sie innerhalb seiner Gesamtproduktion als Tendenz eine bedeutendere Stelle ein als ihr an sich nach ihren Einzelergebnissen und Leistungen zukäme. Aber zwischen Goethes moralischer Welt, d. h. der Welt seines Menschentums, seinem Reich der Freiheit, wenn man bei ihm von einem solchen reden darf, und seiner natürlichen Welt, seinem Reich der Notwendigkeit, klafft nicht eine unüberbrückbare Kluft, vielmehr gehen beide ineinander stetig über und der Mensch ist als Angehöriger beider Welten zugleich ihre Synthese. Für Lavater existiert der Mensch nur als moralisches Wesen, für Goethe ist sein moralisches Dasein eine Auswirkung von Naturkräften, und die Physiognomik ist für Goethe diejenige Wissenschaft welche dieser naturhaften Auswirkung moralischer Formen, wie sie sich in der Gesichtsbildung und im Gesichtsausdruck bekunden, auf die •Spur zu kommen sucht. Diesen Platz nimmt die Physiognomik in seinem Leben ein: sie ist sein erster, noch sehr fragmentarischer und willkürlicher Versuch auf halbwegs wissenschaftlichem, allerdings mehr naturphilosophischen als naturforschendem Weg, den Machtbereich der Naturkräfte in der geistigen Welt abzustecken. Was diesen Versuch unzulänglich, oder wenigstens vorläufig macht — freilich hat Goethe bis heute noch keinen Vollender gefunden, und die Physiognomik ist ein Problem das noch sei» ner Lösung harrt —ist die einfache Übernahme der geläufigen moralischen Deutungen und Werturteile in Lavaterischer Manier als fertiger Klischees, während hier gerade Goethe schon reinen Tisch hätte machen können, indem er sich entweder wie bei der Tierschädeldeutung beschränkt hätte auf die Gegenwart physischer Funktionen in der Form oder den Zusammenhang zwischen Form und Ausdruck, oder gleich (allerdings eine vor Nietzsche kaum zu stellende Aufgabe) der Entstehung sinnlich sittlicher Wirkungen aus physischen Funktionen und Formen nachgegangen wäre, ähnlich wie später in der Farbenlehre jenes wundervolle Kapitel die sinnlich sittlichen Wirkungen der Farben behandelt.

Man käme gar nicht auf den Gedanken dies von Goethes physiognomischen Versuchen zu fordern, etwas das gar nicht im Gesamtplan angelegt und versprochen war, wenn nicht Goethe selbst in einigen Ansätzen uns verheißungsvoll gezeigt hätte zu welchen Resultaten er mit seinem Blick und Griff auf diesem Weg hätte gelangen können. Wie unendlich viel tiefer er die Aufgabe der Physiognomik gefaßt hatte als Lavater, wie prinzipiell anders er an sie herantrat — und zwar eben in dem Sinn einer Entstehungs- und Wirkungsgeschichte der menschlichen Formen und des Ausdrucks, ja einer Biologie der Gesichter, das zeigen uns zumal seine allgemeinen Betrachtungen „von der Physiognomik überhaupt“. Während Lavater Deskription gibt, greift Goethe gleich auf die Genese zurück, wenigstens in der Forderung, und geht von innen her dem Gewordnen der Form in ihr Werden nach — er geht auch, eben aus seinem Gesamtgefühl der Natur, hinter den Menschen zurück, er zieht die Tierschädelformen in den Kreis seiner Betrachtung, mit jener osteologischen Ahnung, daß die Natur einen Urtick habe, durch die mannigfaltigsten Stufen hinauf ihre Gebilde zu organisieren und daß bei den primitiveren Stufen man diesem Tick, diesem Gesetz, dieser Technik näher sei.

Freilich kam diese Ahnung, die in den allgemeinen Zugaben schon groß angedeutet ist, bei der Anwendung fast nie rein heraus, aus verschiedenen Gründen.

Zunächst konnte sich Goethe doch nicht ganz freimachen von dem Lavaterischen Zweck und Plan des Werks, welcher nun einmal kein wissenschaftlicher und naturphilosophischer, sondern ein moralischer und humanitärer war: es sollten durch Erläuterung der beigegebenen Kupfer, durch den Parallelismus von Wort und Linie dem Publikum gewisse Handhaben geboten werden, um vom Gesicht eines Menschen auf den Charakter zu schließen, aus seinem Physischen sein Moralisches zu erkennen. Goethe konnte also nie ganz absehen von den Illustrationen zu denen der begleitende Text vor allem Kommentar sein mußte, und die Erörterung dieser höchst unzulänglichen Bilder verbot von vornherein einen wissenschaftlich folgerichtigen Vortrag, sie beschränkte Goethe auf einen aphoristischen, andeutenden Stil. Die Bilder waren ja nach Lavaters Zweck nicht illustrative Beigabe sondern die Hauptsache, und der Text war nur Erläuterung. Auf eine gediegene Ausführung seiner naturphilosophischen Einfälle, zu der Goethe gewiß bei andrer Anlage des Werks gelangt wäre, mußte er also verzichten. So versuchte er nur, straffer und knapper als Lavater selbst es konnte, zu zeigen wie bestimmte moralische, seelische Erregungen und Schicksale an der physischen Form wirken (während Lavater selbst meistens bloß den physischen Formen die er im Kupfer vorfand eine moralische Deutung unterschob, oder die Schicksale und Charakterzüge der abgebildeten Personen die er persönlich oder aus der Geschichte kannte im Bilde nachzuweisen und zu unterstreichen bestrebt war). Andrerseits fehlte es Goethe damals noch an einer breiteren empirischen Grundlage, um seine dichterisch naturseherischen Ahnungen zu befestigen und im Zusammenhang zu begründen: er war auf bloße Blitze und Durchblicke angewiesen und die fragmentarische Anlage wurde ihm ganz lieb, weil sie ihm, der damals noch keine eigentlich wissenschaftlichen Aspirationen hatte, Gelegenheit bot seine vorläufigen Gedanken über den Einklang physischer und moralischer Organisation, über die bildnerisch wirkende Einheit der ganzen Natur, Anwendungen seines religiösen Weltgefühls, unverbindlich auszusprechen.

Ein dritter Grund warum nicht damals schon aus Goethes Menschengefühl und dichterischer Beseelung der Gestalt seine systematische Morphologie herauswuchs war die Dazwischenkunft seines zeichnerischen Interesses: bei der Betrachtung der Formen wurde er vielfach von einer genetischen Darstellung der Entstehung der Formen abgehalten durch die Vertiefung in die Dynamik der Formen. Als Zeichner interessierten ihn etwa solche Fragen: welche Funktion vertritt die und die Linie, die Lagerung der Nase? welche plastischen oder malerischen Werte enthält die Stirn? welche Gliederung haben die einzelnen Gesichtszüge? Es kreuzen und hindern sich oft gegenseitig in Goethes physiognomischen Versuchen drei ganz verschiedene Interessen: erstens ein dichterisch menschliches, zweitens ein naturphilosophisch morphologisches, drittens ein zeichnerisch dynamisches. Unter drei ganz verschiedenen Gesichtspunkten betrachtete er gleichzeitig die menschliche Physiognomie, ja den Menschen überhaupt: als geistig leiblichen Charakter, als ein Gewächs und Gebild der allschaffenden und wirkenden Natur, als einen Komplex bildnerischer Formen und Ausdrucksmittel. Lavater kannte von diesen drei Bezirken der Physiognomik nur den ersten — und wenn auch Goethe durch die Vielfachheit seines physiognomischen Interesses reicher wurde, so hinderten doch diese drei gleichzeitigen Blickpunkte eine zusammenhängende Ansicht und folgerichtige Anwendung eher als daß sie sie förderten.



Keine Kommentare: