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2015-09-12

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Physiognomik Seite 50



Das Bedeutendste was Goethe zu Lavaters Werk beigesteuert hat sind darum seine allgemeinen Zugaben, und nicht seine Anwendungen. Wo er nicht an die elenden Kupfer gebunden war, sondern sich gehen lassen konnte, schöpfte er immer aus dem Vollen seines Welterlebens, und all seine allgemeinen Maximen kommen aus einer sicheren Mitte heraus. Hier hat er sich auch im Stil völlig befreit von der Lavaterischen Ekstatik und Hypertrophie. Dagegen wo er, wie bei den Anwendungen, durch einen außer ihm liegenden Zweck gebunden war, wo ihm die Kupfer oft die Stimmung verdarben, wo er durch unzulängliches Material gehemmt, ja verstört war, fühlte er sich nicht so klar und sicher und lavaterisierte auch im Stil. Doch auch hierbei konnte er, durch ein ausnahmsweis gutes Kupfer, oder durch einen ihm irgendwie nahen und aktuellen Gegenstand angeregt, zu bedeutenden und abgerundeten Leistungen kommen, wie bei seinem Porträt des Brutus. An bedeutenden Einzelbeobachtungen und ihrer glücklichen Formulierung ist er, der unendlich mehr Auge und nicht weniger Nerv und Seele hatte als Lavater, und dabei den Sprachgriff des großen Dichters, Lavater weit überlegen. Etwa: „Die Gestalt dieses wahnwitzigen Menschen ist wie ein Baumblatt, das der Mehltau auch nur auf einem einzigen Punkte traf; von dem Orte aus verzieht sich die Form; nach dem Orte hin verziehen sich die Linien, und so zucken hier nach dem verschobnen Gehirne all die übrigen Züge. Gehinderte Würkung also ist sichtlich an diesem Profile.“ Ein Beispiel wie Goethe in den festen Linien nicht bloß moralische Expression, Gefühl oder Stimmung liest, sondern eine wirkende und bewirkende Formkraft, eine bauende und zerstörende Tätigkeit nachspürt und nachzeichnet. Wichtiger als das ruhende, festgeronnene Sein ist ihm hier schon überall die Wirkung, aktive und passive Wirksamkeit. „Würkung, würken“ ist sein Lieblingswort und kehrt fast auf jeder Seite die er zur Physiognomik beisteuert wieder.

Goethes Physiognomik verrät den Zusammenhang zwischen seiner dichterischen und seiner naturphilosophischen Anlage, den einen Punkt aus dem beide sich entwickeln. Seine physiognomischen Bemühungen sind wichtig als Übergang zwischen dem Weltfühlen und dem Weltbegreifen Goethes. So sehr sie in Stil und Tempo noch am Sturm und Drang teilhaben, so sehr weist ihre Tendenz, ja ihr Ursprung schon in jene neue Periode Goethes, die durch die italienische Reise ihre Vollendung findet: auf die Grundlegung des praktischen, des wissenschaftlichen und des klassischen Goethe. Ein überströmendes und alleintauchendes Menschen- und Schöpfungsgefühl, ein sympathetischer Taumel wie der Lavaterische hat ihn zur physiognomischen Betätigung veranlaßt, welche die ersten Ahnungen seiner morphologischen Wissenschaft enthält. Immer kommt bei ihm die Begrenzung, Maßgebung, Ordnung aus dem Wühlen, Fühlen und Drängen selbst, die Arznei aus dem Leiden. Was vom Sturm-und-drang-Goethe aus gesehen Leiden, ist vom klassischen Goethe aus gesehen Arznei. Die physiognomischen Fragmente sind ebenfalls eine Stufe in Goethes Krankheits- oder Gesundungsprozeß, und diese Doppelseitigkeit ihres Ursprungs hat er lyrisch bekannt in dem Lied des physiognomischen Zeichners (1774). Es besingt die Geburt der Physiognomik aus dem Geist des Sturms und Drangs, der das All in seinen Gestaltungen trinken möchte, der darunter leidet nicht das Ganze fassen und besitzen zu können.

Das Gleichnis von dem Springbrunn mit den tausend Röhren enthält die Sehnsucht die Goethe durch physiognomische Betrachtung zu befriedigen hoffte: die überwältigende Flut der Schöpfung kanalisiert in ihren bestimmten, gesonderten, zahllosen Formen zu beherrschen und zu lenken, oder mit andren Worten, die ebenfalls dies Gedicht enthält: die Kräfte der Schöpfung „erheitert“ zu ergreifen, d. h. geklärt, deutlich, deutbar im eignen Geiste. Wie er aber diese Aufgabe anfaßte das zeigt am klarsten das Fragment »Von der Physiognomik überhaupt« das die Reihe von Goethes naturphilosophischen Schriften ähnlich großartig eröffnet wie die Abhandlung über Erwin von Steinbach seine kunstkritische Tätigkeit. In beiden Fällen eine Ouvertüre welche noch als gedrängtes Gefühlsthema enthält was später in Begriffen und Beweisen variiert und fugiert wird. — „Man wird sich öfters nicht enthalten können, die Worte Physiognomie, Physiognomik in einem ganz weiten Sinn zu gebrauchen. Diese Wissenschaft schließt vom Äußeren aufs Innere. Aber was ist das Äußere am Menschen? Wahrlich nicht seine nackte Gestalt, unbedachte Gebärden, die seine inneren Kräfte und deren Spiel bezeichnen! Stand, Gewohnheit, Besitztümer, Kleider, alles modifiziert, alles verhüllt ihn. Durch alle diese Hüllen bis auf sein Innerstes zu dringen, selbst in diesen fremden Bestimmungen feste Punkte zu finden, von denen sich auf sein Wesen sicher schließen läßt, scheint äußerst schwer, ja unmöglich zu sein. Nur getrost! Was den Menschen umgibt, wirkt nicht allein auf ihn, er wirkt auch wieder zurück auf selbiges, und indem er sich modifizieren läßt, modifiziert er wieder rings um sich her. So lassen Kleider und Hausrat eines Mannes sicher auf dessen Charakter schließen. Die Natur bildet den Menschen, er bildet sich um, und diese Umbildung ist doch wieder natürlich; er, der sich in die große weite Welt gesetzt sieht, umzäunt, ummauert sich eine kleine drein, und staffiert sie aus nach seinem Bilde. Stand und Umstände mögen immer das, was den Menschen umgeben muß, bestimmen, aber die Art, womit er sich bestimmen läßt, ist höchst bedeutend. Er kann sich gleichgültig einrichten wie andre seinesgleichen, weil es sich nun einmal so schickt; diese Gleichgültigkeit kann bis zur Nachlässigkeit gehen. Ebenso kann man Pünktlichkeit und Eifer darinnen bemerken, auch ob er vorgreift, und sich der nächsten Stufe über ihm gleichzustellen sucht, oder ob er, welches freilich höchst selten ist, eine Stufe zurück zu weichen scheint. Ich hoffe, es wird niemand sein, der mir verdenken wird, daß ich das Gebiet des Physiognomisten also erweitere. Teils geht ihn jedes Verhältnis des Menschen an, teils ist auch sein Unternehmen so schwer, daß man ihm nicht verargen muß, wenn er alles ergreift, was ihn schneller und leichter zu seinem großen Zwecke führen kann.“

Ein andrer Abschnitt handelt weniger von der Aufgabe als von dem Wert und der Wirkung der Physiognomik: „Die gütige Vorsehung hat jedem einen gewissen Trieb gegeben, so oder anders zu handeln, der denn auch einem jeden durch die Welt hilft. Eben dieser innere Trieb kombiniert auch mehr oder minder die Erfahrungen, die der Mensch macht, ohne daß er sich dessen gewissermaßen selbst bewußt ist. Jeder hat seinen eigenen Kreis von Wirksamkeit, jeder seine eigene Freude und Leid, da er denn durch eine gewisse Anzahl von Erfahrungen bemerkt, was ihm analog ist, und so wird er nach und nach im Lieben und Hassen auf das festeste bestätigt. Und so ist sein Bedürfnis erfüllt, er empfindet auf das deutlichste, was die Dinge für ein Verhältnis zu ihm haben, und daher kann es ihm einerlei sein, was für ein Verhältnis sie untereinander haben mögen. Er fühlt, daß dies und jenes so oder so auf ihn wirkt, und er fragt nicht, warum es so auf ihn wirkt, vielmehr läßt er sich dadurch auf ein oder die andre Weise bestimmen. Und so begierig der Mensch zu sein scheint, die wahre Beschaffenheit eines Dings, und die Ursachen seiner Wirkungen zu erkennen, so selten wird’s bei ihm unüberwindliches Bedürfnis.“

In diesen Sätzen ist schon, 1775, etwas von dem tiefen und ruhigen Weitblick der die olympische Weisheit des alten Goethe kennzeichnet. Ausgehend von einer konkreten und besondern Aufgabe, einem zufälligen Anlaß sucht er bis zu den Gründen dieses Einzelfalls und zu ihrer Verknüpfung mit dem von ihm gefühlten All vorzudringen: dies ist seine Methode sich zu immer größerer Deutlichkeit über die Gesetze des Alls hinaufzuformen. Zweierlei war von vornherein sein: scharfe und helle Sinne, die den einzelnen Gegenstand, die Gelegenheit, bei der Wurzel packten, und ein ursprünglich dumpfes Gefühl für das Allleben und Weben, das sympathetische Mitschwingen mit den Kräften und Bewegungen der Welt. Der Einzelfall den er klar erfaßte wurde ihm zur Laterne, in das Dunkel seiner Gefühle des Alls hineinzuleuchten. Wenn er sich später zu dem Geschlecht derer gehörig bekannte die vom Dunkel ins Helle streben, so ist damit die Richtung seines Willens, nicht seine Technik des Hellerwerdens bezeichnet: von der Helligkeit der Sinne drang er vor durch die Dunkelheit und Dumpfheit seines Allfühlens zu einer Klarheit des Alldenkens. Von dieser Seite aus ist die Physiognomik für Goethe von größerer Bedeutung als man ihr gemeinhin in Goethes Leben zugesteht. Weil sie wenig produktive Spuren in seinem Werk hinterlassen hat, hält man sie für eine vorübergehende Laune.. sie ist aber wenn nicht eine der wirksamsten so doch sicher eine der sinnbildlichsten Tendenzen Goethes, woran man gewisse Übergänge vom Sturm-und-drang-Goethe zum klassischen, vom Gefühls «Goethe zum Gedanken «Goethe besonders deutlich nachweisen kann. Denn was ist konkreter, haftender, sinnlich deutlicher, greifbarer, und dabei wichtiger für den Dichter, als der einzelne Mensch, als die Züge, die physiognomischen Eigentümlichkeiten der konkreten Menschen? Und was ist zugleich gewisser bedingt, fühlbarer beherrscht von den großen Kräften und Gesetzen des Lebens? Vor allem, was ist ein bedeutsamerer Exponent für die Bedingtheit und das Bedingende, ein feineres Instrument für die Erkenntnis des Allgemeinen im Besonderen als der einzelne Mensch, in dem das Besonderste und das Allgemeinste am unmittelbarsten ihren Krieg führen, am sichtbarsten ihre gegenseitigen Wirkungen offenbaren, weil sich alles sofort im Material des Begreifens selbst, nämlich im Geist abdrückt.

Nicht zufälllig also sind die ersten eigentlich gedanklichen Auseinandersetzungen, in denen Goethe den Grund legt zu seiner späteren Methode, aus konkreten Fällen der Wirklichkeit ihre Urphänomene zu erfassen, bei Gelegenheit der Physiognomik niedergeschrieben. Das erstemal begegnen wir hier seiner spezifischen Weltweisheit. Sie ist verschieden von den klugen Beobachtungen und Anmerkungen des vorstraßburger Rokokojünglings, verschieden auch von den Seherblicken des Dichters im Werther, Götz, Faust, obwohl sie nur von einem herrühren kann dessen Weltgefühl mit dem des Verfassers dieser Werke identisch ist. Das Neue daran gegen» über der Rokokoaltklugheit ist, daß die Beobachtungen nicht mehr an einer vorgegebenen Norm gemessen werden sondern an ihrer eignen inneren Gesetzlichkeit. Von der Seherweisheit aber unterscheiden sich diese Aphorismen dadurch daß sie emanzipiert sind vom Gefühl, nicht lyrisch oder dramatisch ein Erlebnis ins Gedankliche projizieren, sondern didaktisch dem Erlebnis gegenübertreten und es deuten wollen: sie sind Anwendung, Lehre, Regel, nicht Ausdruck, Form, Ergießung. Noch Goethes Rezensionen und Schriften von deutscher Art und Kunst sind mehr Lyrik als Betrachtung, und in seinen theologischen Flugblättern über die biblischen Fragen ist er mehr Prediger als Forscher, mehr Redner, d. h. auf Wirkung aus, als Betrachter, d. h. auf Erkenntnis und Anschauung aus. In jenen beiden Stellen aus den allgemeinen Zugaben zur Physiognomik haben wir fast die ersten Proben für Goethes wissenschaftlichen Stil und Wissenschaftliche Methode, nicht zufällig aus der Zeit da er in der gedanklichen Beherrschung und Verknüpfung des konkreten Erlebnisses ein Heilmittel sah für das uferlose „Himmelsauf und Höllenab“ seines Fühlens. Daß seine Wissenschaft nicht Rationalismus, das heißt Denken ohne Erlebnis wurde, davor war er durch die Fülle seiner Natur bewahrt: nie konnte ihm der Begriff Selbstzweck, immer nur Mittel werden, immer konnte ihm das Denken nur die Mittelfunktion zwischen dem sinnlich klaren Schauen und dem seelisch dumpfen Fühlen oder Erleben sein. Wie er diese seine neue Methode des Gedanklichen, die Grundsätze die sich aus seiner allgemeinen physiognomischen Gesinnung ergeben, im einzelnen Fall an wandte, das verdeutlicht sein physiognomisches Charakterbild des Brutus: der bedeutendste seiner Versuche aus der sinnlichen Anschauung eines konkreten Gesichts die inneren und äußeren Bedingungen abzulesen die es geformt haben und die es ausdrückt.

In diesem Fragment, das neben Goethes allgemeinen Sätzen über Physiognomik der bedeutendste Beitrag des ganzen Werks ist und eine besonders bezeichnende Anwendung seiner Theorie, zugleich für den Zusammenhang zwischen Goethes Sehen und Goethes Sprache, für seine Aktivierung aller Gesichtseindrücke, für das intensive Tast-und Bewegungsgefühl seines Auges lehrreich ist, sind zugleich Ansätze zu einer deutschen Erweiterung und Vertiefung der Gattung welche bei den Griechen Theophrast und bei den Franzosen La Bruyere klassisch vertreten: die Gattung der „Charaktere“: Schilderung menschlicher Typen, abgenommen von Individuen und auf ihre wesentlichen Züge hin stilisiert. Durch äußeres Gehaben, also Physiognomik im weiteren Sinne, werden innere Eigenschaften charakterisiert und darge» stellt. Bei Theophrast, dem Schüler des Aristoteles, und bei La Bruyere, entspringt diese Gattung aus der Beobachtung der Menschen als gesellschaftlicher Wesen, um die Schilderung der Sitten des Einzelnen im Verhältnis zur Polis oder zur Gesellschaft ist es ihnen zu tun, und diese beiden Versuche einer literarisch fixierten angewandten Menschenkunde grenzen auf der einen Seite an die Moral, auf der ändern an die Politik. Die Physiognomik hätte unter Goethes Händen, wie der Brutus zeigt, die Vertiefung dieser Gattung werden können: ein Museum von Typen und Individuen, gesammelt aus der Fülle der Geschichte und der Gegenwart, von Auswirkungen der Natur, zurückgeführt auf die formenden Urkräfte und die Modifikationen durch die Umgebungen und Gegenwirkungen der Natur und der Gesellschaft. Goethe erst verband zur Vertiefung dieser Aufgabe den übergesellschaftlichen Blick mit dem sympathetischen Dichtergefühl, und die Beobachtungsgabe des Weltmenschen mit dem Spürsinn des Naturforschers und des Zeichners. Ein Museum der wichtigsten menschlichen Grundformen hätte so entstehen können, eine empirisch umfassende Sammlung zur Geschichte der Naturformen und Kulturformen des Menschen, wie Theophrast und La Bruyere es versucht haben, der eine durch eine Sammlung von festen Eigenschaften, der andre durch eine Sammlung von Gesten. Bei Goethe wär es eine Sammlung von Kräften, Wirkungen und beseelten Formen geworden. Doch ohne dieser Möglichkeit nachzutrauern, werten wir Goethes physiognomische Versuche als Vorahnung seines Weltlebens mit all den Menschenbeobachtungen, dem Blick für das mannigfache Getrieb geselliger, höfischer, bäurischer Sitten den die Leitung eines kleinen Landes schärfen mußte, und andrerseits der naturbeobachtenden morphologisch wissenschaftlichen Tendenzen die ihm über die Stockung seiner eigentlich dichterischen Produktion gleichfalls hinweg helfen mußten. Vom Menschengefühl zur Menschenbeobachtung, vom Naturgefühl zur Naturkunde schlug die Physiognomik ihm eine Brücke und so fällt sie sinnvoll in die Zeit seines Übergangs nach Weimar.

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