> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Resümierende Lyrik Seite 62

2015-09-25

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Resümierende Lyrik Seite 62



RESÜMIERENDE LYRIK

Eh wir die symbolische Darstellung betrachten, welche Goethes Wandlung im Bildungsstoff gefunden hat, begegnen uns noch die zwei Gedichte Seefahrt und die Zueignung seiner Gedichte als Zeichen dieses Übergangs. Beide drücken nicht die Wandlung selbst als Zustand, Ereignis, oder Gefühl aus, sondern ihre Folge: die neue Gesinnung und Haltung Goethes. Sie sprechen inhaltlich weniger von Goethes Naturell und Gefühl als von seinem Willen und Schicksal und stehen zwischen lyrischem Ausdruck und symbolischer Darstellung in der Mitte.

Sie kommen nicht aus einem besondren Augenblick, dessen Stimmungsgehalt sie lyrisch ausklingen ließen — sie fassen unter dem Bild von konkreten Situationen die Erfahrung und das Urteil über einen ganzen Lebensabschnitt zusammen. Ihr Motiv kommt nicht aus einem einmaligen Erlebnis Goethes, wie es seinen kleinen Liedern zugrunde liegt, etwa »Willkommen und Abschied« »Auf dem See« »An den Mond« oder selbst Hymnen wie der Ganymed — der Vergötterung eines Frühlingsmorgens . . „Gelegenheitsgedichte“ in diesem Sinne sind Seefahrt und Zueignung nicht. Überhaupt die bedeutenderen Gedichte an Frau von Stein, ja die meisten Gedichte aus der Weimarischen Zeit vor der italienischen Reise sind entstanden aus dem elegischen oder seligen oder dankbaren Überblick über das Ganze seiner Liebe oder seines Schicksals —es sind lyrische Panoramen, nicht Augenblicksbilder . . sie ziehen lyrisch die Summe von Lebensabschnitten, während die „Gelegenheitsgedichte“ einzelne Posten darstellen, freilich nicht als Teile, sondern als selbständige Einheiten.

Auch das ist kein Zufall daß in Goethes ganzem übrigen Leben sich nicht so viele Beispiele resümierender Lyrik finden wie gerade in den Jahren zwischen der Berufung nach Weimar und der Reise nach Italien. Seine Sturm-und -drang-periode ist fruchtbar an Gelegenheitsgedichten oder lyrisch-symbolischen Verdichtungen dramatischer Konzeptionen, die Zeit seiner vollendeten Reife an Gelegenheitsgedichten und Spruchweisheit die sich auf Gott und Welt mehr als auf seine eignen Geschicke bezieht. Mag die Gelegenheitslyrik seiner Sturm-und-drang-zeit mehr die Stimmung seiner Momente erklingen lassen, die Gelegenheitslyrik seiner späteren Jahre, wie z.B. die römischen Elegien, die Sichtbarkeit der Situationen selbst festhalten oder, wie etwa die meisten Gedichte des Buchs Suleika, den Moment ausdeuten —in jedem Fall ist das einmalige Erlebnis der Keim und das Motiv der Gedichte, wieviel auch von diesem formenden Mittelpunkt zur Ausfüllung aus dem Ganzen seiner Welt und seines Lebens hereingezogen werden mag.

Die lebenresümierenden Gedichte sind in der Zeit seiner Liebe zu Charlotte von Stein nicht nur häufiger, sie sind auch bezeichnend für das Pathos dieser Jahre, und dessen notwendiger Ausdruck. Das Hellwerden selbst, das Deutlichwerden über sich und den Gang, über das Ziel und die Pflichten seines Daseins war ja damals das erregende Moment für ihn. Sein Leben überschauen, lenken und bilden zu können, dies Glück und diese Pflicht selbst war für ihn ein dichterisch erregendes Erlebnis.. und die resümierenden Gedichte sind dessen Sprachwerdung und rhythmische Schwingung, wie die „Gelegenheitsgedichte“ rhythmische Schwingung seiner Frühlings-, Gottes« oder Liebesaugenblicke sind. Der Form nach ist also auch dies Glück der Lebensüberschau ein Moment seines Lebens, aber der Inhalt dieser Anschauung war nicht eine einmalige Situation sondern ein Gesamtzustand oder Gesamtschicksal.

Denn nur in dieser Frist seines Lebens konnte die Überschau seines Gesamtszustands oder Gesamtschicksals, die Erlangung der Klarheit ihn der art dichterisch erregen, um sich in solcher Resümelyrik zu entladen, nur damals konnte die Eroberung und der Durchbruch zur Klarheit für ihn Ursache und Gegenstand der lyrischen Inspiration werden. In der Sturm-und-drang-zeit fehlte ihm —das liegt ja in ihrem Begriff — jener Überblick, er besaß damals das Leben nur in seinen einzelnen Augenblicken, und konnte es nur in zentralen Augenblicken aussprechen. In der Zeit seiner Reife und Helle war ihm das Hellwerden und Überschauenkönnen selbst kein Erlebnis, keine dichterische Erregung mehr, sondern nur die Gegenstände um ihn, Gott und Welt und seine momentanen Begegnungen mit diesen Gegenständen, d.h. seine Gelegenheiten. Einem Menschen der eben nach einer Staroperation sehen gelernt hat wird zunächst weniger ein Erlebnis sein was er sehen kann, als daß er sehen kann . . und so ist für den Goethe zwischen der Berufung nach Weimar und der italienischen Reise das große Erlebnis daß er zur Klarheit über sich und die Welt gelangt, daß er seine Sinne reiner, seine Begriffe deutlicher, seine Vorstellungen bestimmter werden fühlt, daß ihm Sinn und Aufgabe seines mächtig getriebnen und erregten Daseins aufzugehen beginnt. Diesen Prozeß selbst wird er nicht müde in dieser Zeit zu besingen oder darzustellen: eben den Bildungsprozeß selbst, das Sehenlernen und Schauen, den Akt des Schauens, nicht die Gegenstände . . während erst die nächsten Jahre der Darstellung des Geschauten, dem Inhalt, der Anwendung des Schauens gewidmet waren. Aus dem noch neuen Glück der Überschau stammt also jene resümierende Lyrik.

„Seefahrt“ und „Zueignung“ stellen nicht so sehr den Inhalt seiner Überschau dar, als seine neue Haltung des Überschauens, die neue Zuversicht, oder den Übergang von dem dumpferen Zustand zu dem klareren . . und zwar war Goethe zu sehr Dichter und Bildner, um nicht auch dies sehr Innerliche an einem konkreten Motiv, durch sichtliche Situation zu zeigen. Die Seefahrt war ihm ein geläufiges Gleichnis für das Doppelspiel von Getriebenwerden und Lenken, für die Abhängigkeit von Schicksalsmächten deren der Mensch doch wieder zu seinen Zwecken sich bedient. „Ich lerne täglich besser steuern auf der Woge der Menschheit, bin tief in See.“ Solchen und ähnlichen Wendungen begegnen wir öfters in seinen damaligen Briefen an Lavater und Frau von Stein. Die Ausbildung dieser Metapher, d. h. eines in innere Anschauung umgesetzten Gefühls seiner Lage, hat ihn zu dem Gedicht Seefahrt geführt. Goethe dachte in Bildern, und was er die Motive seiner Gedichte nennt sind entweder Situationen die er erlebt, die er aber oft, zumeist in der vorweimarischen Zeit in ihren Gefühls-oder Stimmungsgehalt auflöst, oder es sind wie in »Seefahrt« zu Metaphern umgedeutete Gefühle oder Stimmungen. Im ersten Fall geht Goethe vom Bild zum Gefühl, im zweiten Fall vom Gefühl zum Bild. Die zunehmende Vergegenständlichung, der Wille einerseits möglichst alles in das Sinnenbild zu bannen, andrerseits das Motiv auch begrifflich möglichst klar hervortreten zu lassen, selbst als Sentenz, jedenfalls das Zurücktreten des Stimmungshaften, dumpf Atmosphärischen, sind deutliche Vorzeichen der italienischen Wandlung der er entgegenging, Merkmale zugleich der klärenden und sondernden Weimarischen Einwirkungen. 

In „Seefahrt“ ist das Gleichnis für seinen inneren Zustand so spontan, daß durch die bloße Darstellung der Situation, also des Gleichnisses, ohne weiteres das Geistige suggeriert wird, daß der Dichter nur zu bilden braucht, um seine Absicht deutlich zu machen, daß er keiner redenden, erläuternden Hinweise bedarf. Der eigentliche und der uneigentliche Sinn des Gedichts, die sinnliche Vergegenwärtigung einer Seefahrt und der geistige Ausdruck seines damaligen Lebensgangs, durchdringen sich oder gehen unmerklich ineinander über, weil das Bild dessen er sich zum Ausdruck seines Lebensganges bedient nicht gesucht, sondern unmittelbar aus dem Gefühl dieses Lebensgangs hervorgetrieben ist: es ist symbolisch, nicht allegorisch. Liest man z. B. die Verse

Aber gottgesandte Wechselwinde treiben 
Seitwärts ihn der vorgesteckten Fahrt ab,
Und er scheint sich ihnen hinzugeben,
Strebet leise sie zu überlisten,
Treu dem Zweck auch auf dem schiefen Wege 

und die Schlußverse:

Doch er stehet männlich an dem Steuer:
Mit dem Schiffe spielen Wind und Wellen,
Wind und Wellen nicht mit seinem Herzen.
Herrschend blickt er auf die grimme Tiefe 
Und vertrauet, scheiternd oder landend,
Seinen Göttern

so leuchtet durch das Gleichnis, ohne es zu verzehren, der persönlichste Sinn des Dichters, und durch die Schilderung der Seefahrt eines fiktiven Schiffers das Bekenntnis des uns wohlvertrauten Goethischen Ich. Das allmähliche Durchleuchten dieses Bekenntnisses durch die sachlich genau veranschaulichte, höchst lebendige, aber auf ein persönliches Ergriffensein des Erzählers ursprünglich gar nicht hindeutende Schilderung ist technische Meisterschaft und menschlicher Zauber des Gedichts: denn darin selbst kommt das Ringen der Seele mit den Objekten, die gegenseitige Dämpfung und Belebung zum Ausdruck.

Wie „Seefahrt“ ist auch „Zueignung“ ein erweitertes Gleichnis. (Wer ein Bedürfnis darnach hat die Goethischen Gedichte in Schubladen unterzubringen, der könnte eine ganze Gruppe seiner Poesieen unter dieser Sammeletikette begreifen: alle Gedichte welche nicht die Darstellung oder der Ausdruck eines wirklich erlebten Augenblicks sind, sondern einer gleichnismäßigen durch Assoziation hervorgerufenen Vorstellung sich bedienen, die durch Erlebnis oder Gedanke angeregt sein mag.) „Seefahrt“ ist ein symbolisch und „Zueignung“ ein allegorisch ausgebildetes Gleichnis. Beide Gedichte stelle ich nicht willkürlich zusammen: sie entstammen derselben Lebensstufe Goethes und haben denselben Gehalt oder besser denselben Grund in Goethes Leben: beide wären nicht entstanden ohne das Gewahrwerden eines großen Übergangs, einer entscheidenden Umbildung seiner Existenz. Der Dichter hat diesen Übergang das einemal konzipiert unter der Vorstellung einer Seefahrt, das andremal unter der Vorstellung einer Unterweisung durch die Muse .. denn in seinem mit tausendfältigen Bildern aus Wirklichkeit und Mythe getränkten Geist konnte ein fruchtbarer Einfall oder Blick sich mit jedem Hauch des Schicksals treffen, um daraus ein Gedicht zu schaffen. Nicht jede Vorstellung ist ein Motiv oder Sinnbild, aber jede kann es durch Begegnung mit einem Erlebnis werden. Während „Seefahrt“ einen einheitlichen Ursprung hat (den wir ja sogar zum Überfluß noch im Briefwechsel nachweisen können) ist in der Zueignung die nachträgliche Verschmelzung verschiedener Elemente, eines rein gedanklichen und eines rein phantasiemäßigen, nicht zu verkennen. In »Seefahrt« durchdringen sich Schilderung, Vorstellung, Gefühl und Sinnvollkommen, weil das Gleichnis spontan gewählt und spontan ausgeführt ist. In der „Zueignung“ sind drei Dinge deutlich geschieden die in keinem anfänglichen inneren Konnex in Goethes Gemüt und Vorstellung gestanden haben und erst allegorisch miteinander verbunden worden sind: nämlich einmal die Landschaftsstimmung, eine wirkliche Erfahrung, samt der ganzen Schilderung einer Bergwanderung im Frühlingsmorgen, sodann die Erscheinung und Gebärdung der Muse, endlich die Lehren der Muse und das Bekenntnis des Dichters. Das erste und das dritte sind spontan, das eine als sinnliche Erfahrung, das andre als gedankliches Ergebnis der Goethischen Einkehr. Dagegen ist die Erscheinung der Muse weder eine Stimmung noch ist sie eine gedankliche Reflexion — sie ist ersonnen, um das stimmungshafte und das gedankliche Element zu vereinigen und dem Gedicht ein malerisches Motiv zu geben das seine beiden eigentlichen Ursprünge gegenständlicher, handlungsartiger mache.

Denn mehr als irgendein früheres Gedicht Goethes (einige Epigramme vielleicht ausgenommen die bewußt antiker Form nachgebildet sind) ist die Zueignung geformt nach einem theoretischen Anspruch. Es bezeichnet auch darin einen deutlichen Abschnitt in der Goethischen Produktion, es ist das Eingangstor zu seiner eigentlich bewußten Kunstdichtung . . oder wenigstens Kunstlyrik . . denn Goethes Dramen, auch der Götz, sind immer schon Produkte aus Impetus und Reflexion zugleich, wie denn ein ausgebreitetes Ganze nicht durch einen einmaligen schöpferischen Augenblick allein entstehen kann (Siehe im Gespräch mit Eckermann vom 11. März 1828). Es bedarf der Auseinandersetzung zwischen dem Erlebnis und dem sinnbildlichen Stoff worin es sich darstellen soll, und eine solche Auseinandersetzung erfordert Reflexion, ja selbst Theorie.



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