> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Geselligkeit und Freundschaft Seite 47

2015-09-08

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Geselligkeit und Freundschaft Seite 47




Neben dem Werk Goethes sei seine Wirkung nicht vergessen. So schließen wir die allgemeine Charakterisierung seines Freundschaftskreises durch Urteile über ihn, Zeichen wie er von Freunden und Gegnern gesehen wurde. Immer wieder kehrt darin, ob zum Guten oder zum Bösen gedeutet, das Gefühl daß hier ein Wesen mit einem eignen inneren Gesetz und einer unzähmbaren Fülle walte, bestimmt sich auszuwirken, nicht bewirkt zu werden. Bodmer schildert ihn nach Äußerungen Passavants: „Er sei nur denen gefährlich, denen er nicht wohlwollte. Sonst von mächtigem Feuer: er könne sich in die Person und Situation versetzen, in welche er wollte und dann schreibe er fremde und nicht seine Meinungen . . . Man fürchtet, sein Feuer werde ihn verzehren . . .“ Ein Gemisch von Scheu und ängstlichem Respekt des gesetzten Bürgers mit dem Bewußtsein Gottseidank gesünder zu sein, bezeugt sich hier. Eine andre Schilderung eines Abseiters, Boies, des Hainbündlers: „Goethes Herz ist so groß und edel wie sein Geist. Er hat mir viel vorlesen müssen, und in allem ist der originale Ton, eigne Kraft und bei allem sonderbaren, unkorrekten, alles mit dem Stempel des Genies geprägtl“ Auch hier bemerken wir die beiden Wirkungen: Genialität und Unkorrektheit. Noch immer herrschte ein Begriff von einem Bürgerlich Normalen, Seinsollenden, und nur mit einem Vorbehalt beugte man sich dem lebendigen Zauber des Mannes vor dem dies Seinsollende wertlos wurde.

Bedeutender, mit einem wirklichen Blick in Goethes Inneres ist eine Bemerkung Schlossers mit Bezug auf ihn.. sie kommt aus der Ahnung des gesundverständigen Menschen daß man es hier mit einem unmeßbaren und maßlosen Herzen zu tun habe: „Eine wirksame Seele, die zuviel umfaßt, oder nichts zu umfassen hat, muß vergehen .. besser daß sie an einem Ding hängt, es sei leer oder voll —wenns nur was ist.“ Und von demselben: „Er ist weiblich .. wenn er aber in den nächsten Jahren nicht ganz zerbricht, so werden wir uns nähern.“

Knebels Bericht nach der ersten Bekanntschaft mit Goethe: „Goethe lebt in einem beständigen innerlichen Krieg und Aufruhr, da alle Gegenstände aufs heftigste auf ihn würken.“

Und nun die Urteile der eigentlichen Freunde, die Wirkung welche sie in Goethes Existenz wie im Wirbel hineinzog:

Georg Jacobi, nach der ersten Begegnung: „Herr Goethe hatte mich in öffentlichen Blättern empfindlich beleidigt; aber auch hat er das Trauerspiel Götz v. Berlichingen geschrieben. Wir gaben uns die Hand. Ich sah einen der außerordentlichsten Männer, voll hohen Genies, glühender Einbildungskraft, tiefer Empfindung, rascher Laune, dessen starker, dann und wann riesenmäßiger Geist einen ganz eignen Gang nimmt.“

Friedrich Jacobi: „Goethe ist der Mann, dessen mein Herz bedurfte, der das ganze Liebesfeuer meiner Seele aushalten, ausdauern kann. Mein Charakter wird nun erst seine echte eigentümliche Festigkeit erhalten. Der Mann ist selbständig vom Scheitel bis zur Fußsohle.“

„Goethe ist, nach Heinses Ausdruck, Genie vom Scheitel bis zur Sohle; ein Besessener, füge ich hinzu, dem fast in keinem Falle gestattet ist, willkürlich zu handeln. Man braucht nur eine Stunde bei ihm zu sein, um es im höchsten Grade lächerlich zu finden, von ihm zu begehren, daß er anders denken und handeln soll als er wirklich denkt und handelt.“

„Was Goethe und ich einander sein mußten, war .. im Nu entschieden. Jeder glaubte von dem Andern mehr zu empfangen als er ihm geben könne. Mangel und Reichtum auf beiden Seiten umarmten einander: so ward Liebe unter uns. Sie kanns ausdauern, seine Seele, — zeugte in sich der Eine vom Andren — die ganze Glut der meinigen; nie werden sie einander verzehren.“

Heinse: „Goethe war bei uns, ein schöner Junge von 25 Jahren, der vom Wirbel bis zur Zehe Genie und Kraft und Stärke ist: ein Herz voll Ge« fühl, ein Geist voll Feuer mit Adlerflügeln.“

Klinger: „ein wunderbarer Mensch. Der erste von den Menschen die ich je gesehn. Der alleinige mit dem ich sein kann. Die Nachkommen werden staunen, daß je so ein Mensch war.“

Ch. Stolberg: „Es ist ein gar herrlicher Mann. Die Fülle der heißen Empfindung strömt aus jedem Wort, aus jeder Miene. Er ist bis zum Ungestüm lebhaft, aber auch aus dem Ungestüm blickt das zärtlich liebende Herz hervor. Wir sind immer beisammen und genießen zusammen alles Glück und Wohl, das die Freundschaft geben kann.“ „Es ist ein wilder, unbändiger, aber sehr guter Junge. Voll Geist, voll Flamme.“

Endlich Lavater: „Goethe wäre ein herrliches handelndes Wesen bei einem Fürsten. Dahin gehört er. Er könnte König sein. Er hat nicht nur Weisheit und Bonhomie, sondern auch Kraft.“ „Goethe ist der liebenswürdigste, zutraulichste, herzigste Mensch. Bei Menschen ohne Prätension, der zermalmendste Herkules aller Prätension. Billiger ist kein Mensch in mündlicher Beurteilung andrer — Toleranter niemand als er. Ich hab ihn neben Basedow und Hasenkamp, bei Herrenhutern und Mystikern, bei Weibchens und Männinnen, bei Kleinjoggen und Boßhard (zwei unendlich verschiedene Himmelsprodukte unsres Landes) allenthalben denselben edeln, alles durchschauenden, duldenden Mann gesehen.“

All diese Freunde fanden in Goethe die Richtung ihres eignen Wesens verstärkt oder verschönert wieder, und in ihm verwirklicht was sie zu sein wünschten oder glaubten.

Es war nicht des jungen Goethe Art eine ehrliche Begeisterung und leidenschaftliche Liebe, die ihm entgegengetragen wurde, aus Gründen der inneren Ökonomie abzuweisen, wie es der alte Goethe manchmal mußte. Vielmehr hielt er es gerade damals selbst von der Seite der Ökonomie her für seine Pflicht jedem lebendigen Drang zu willfahren und jedem zu geben was er geben konnte, weil ja doch auch in diesem Sichausströmen Macht und Gefühl der Fülle lag. So finden wir ihn in den enthusiastischen durch das brüderliche Du gewärmten Freundschaftsverhältnissen mit Leuten die ihm nichts zu bieten hatten als ihre Bewunderung, ihr begeistertes Temperament und guten Willen. Freilich, es war damals in Deutschland eine Art Seuche des Seelenkultes ausgebrochen der auch Goethe sich nicht entzog. Das entfesselte, den Kerkern des Rationalismus entlaufene Gefühl war wahllos geworden, und der „Sturm und Drang“ genügte zunächst einmal der Aufgabe das neue Lebensgefühl sich ergießen zu lassen, nicht ihm neue Formen und Kanäle zu bauen. Dies war die geistesgeschichtliche Sendung der nachfolgenden Epoche, deren Führung wiederum aus eigener Not heraus Goethe zu übernehmen hatte. Als der überströmendste und überschwingendste, weil gefüllteste und gespannteste unter all den Stürmern, hatte er auch am meisten innen und draußen unter dieser Seuche zu leiden, und mußte als der erste nach Heilmitteln dafür suchen. Die fand er in Italien, und er ward im selben Maß den früheren Freunden, Stolberg, Jacobi, Boie, Lenz, Wagner, Bürger, Klinger und vor allem Lavater entfremdet bis zur Verfeindung, als er den liebevollen Hingabedrang zurückdämmen mußte, um ihn der strengen, sogar grausamen, immer entsagenden Selbstgestaltung zuzuleiten. Solang ihm dieses Überströmen und Mitteilen das Lebensgefühl steigerte, weil er es für die Stärke selbst hielt, zögerte er nicht in jedem zufällig begeisterten Begegner seinesgleichen zu begrüßen, den Bruder zu umarmen . . .

Ach, da ich irrte, hatt ich viel Gespielen.
Da ich dich kenne, bin ich fast allein.

Je mehr er vom Kult der bloßen Fülle, des Gefühls abkam und das Gewicht auf innere Gestaltung und äußere Leistung legte, je mehr er von sich und andern nicht nur das warme und empfindsame Dasein, sondern die gesammelte Tat und das bezeichnende Werk forderte, je weniger er sich begnügte mit dem bloßen formlosen Inhalt des Daseins, sondern Ansprüche stellte an Form, Ordnung, Haltung, desto weniger konnte er anfangen mit menschlichen Verhältnissen welche keine andre Basis hatten als eine begeisterte Stimmung, als die Schwärmerei oder Gehobenheit eines vorübergehenden, von Goethe obendrein noch als pathologisch empfundenen Zustandes. Wie ihm der Werther selbst später als Krankheitsbild fast widerwärtig wurde, so mußten ihm die andren Erinnerungen an jene Überspanntheiten leidig, und wenn sie gar noch Forderungen an ihn stellten, lästig werden . . und je inniger und begeisterter auf Stimmung, je weniger auf praktischen oder intellektuellen Interessen seine Beziehungen zu den Sturm- und drangfreunden beruht hatten, desto schmerzlicher wurde die Abkühlung. In der Tat nahm Goethe aus seiner Sturm-und Drangzeit nur diejenigen Freundschaften mit in sein Mannesalter die nicht nur auf dem Seelenkult, sondern zugleich auf irgendeinem sachlichen oder Wissenschaftlichen Grund ruhten, und je älter er wurde, desto spärlicher nahm er noch Menschen zu Freunden an, die ihn nicht auf seinem eigenen Wege förderten oder von denen er nicht lernen konnte. Niemals wieder war nach der italienischen Reise die Basis irgendeiner seiner Freundschaften die bloß gemeinsame Stimmung oder ein gehobener gemeinsamer Moment, oder Kult der Freundschaft um der Freundschaft willen, oder gar der Genuß des eignen Kraft- und Liebegefühls in der Wirkung auf den Freund. Von den Jugendfreunden hat Goethe gerade die mit denen er am schwärmerischsten, am seelenvollsten verbunden war nicht in die spätere Zeit hinüber gerettet, wenigstens nicht als bedeutende Teilnehmer an seinem Dasein: gerade den Stoibergen, Jacobis und Lenz war er entfremdet.. zumal Lavater, dem einst fast vergötterten, begegnete er später nicht nur mit Gleichgültigkeit, sondern fast mit Gehässigkeit, und grade die Siedehitze der Zuneigung erklärt den Rückschlag. Dagegen mit seinen Kritikern und Lehrern kam Goethe länger aus als mit seinen Schwärmern und Jüngern. Daß sein Verhältnis zu Herder sich lockerte ging nicht — wie bei den meisten andren Brüchen und Entfremdungen — aus Goethes Initiative hervor, sondern aus der Herders. Aber nichts ist bezeichnender für die gänzlich veränderte Stellung der Freundschaft in Goethes Leben vor und nach der italienischen Reise, als daß der einzige gleichgewichtige Freund des reifen Goethe nicht ein gleichgestimmter Gefährte sondern seine gegensätzliche Ergänzung war: Schiller. Kurz: die Freunde Goethes in seiner Sturm -und  Drangzeit, abgesehen von seinem Lehrer Herder und seinem Kritiker Merck, waren für ihn in erster Linie Gefäße seiner expansiven Lebensfülle und Erweiterungen seines Ich, und er bedurfte dazu auf der Gegenseite mehr des Widerhalls und der Hingabe als des Widerstandes. Im selben Maß als er sich an der Menschen weit formen wollte, Forderungen stellte und Verantwortungen fühlte, sich selbst bedingter, gestalteter und somit unterschiedener fühlte, eigene Pflichten und Werke vor sich sah bei denen ihm niemand helfen konnte als der Kenner und Könner, im selben Maß wurden für ihn jene puren Gemüts-und Gesinnungsfreundschaften wesenlos.



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