> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Geselligkeit und Freundschaft Seite 46

2015-09-08

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Geselligkeit und Freundschaft Seite 46




Unter Goethes Freundschaften unterscheiden wir zwischen denen die an ihm wirkten aus ihrer eignen Mitte heraus, mit eignem Charakter der bestimmte Seiten Goethes weiter ausbilden half, und solchen die er erst bewirkte und die dann unter Umständen auf ihn zurückwirkten.. solche denen gegenüber er wesentlich empfangend, und solche denen gegen» über er wesentlich gebend und wirkend, sei es bildend, sei es zerstörend war. Herder und Merck sind die einzigen Freunde die mehr auf Goethe gewirkt haben als er auf sie, und zwar Herder vor allem positiv, durch Anregung, Merck negativ, durch Kritik. Herders Fruchtbarkeit und eigentlich positive Wirkung auf Goethe beschränkt sich wesentlich auf die Straßburger und Wetzlarer Zeit, wenngleich die Freundschaft noch länger währte, und Herders spätere Werke, besonders die Ideen zur Geschichte der Menschheit, Goethe viel Nahrung boten.. seinen Weg bestimmten sie nicht mehr. Merck war für Goethe schon früh sein gleichsam objektivierter Weltverstand, die Synthese aller Eigenschaften die Goethe brauchte, um aus einer rein dichterisch kosmischen Existenz in eine praktische überzugehen — ein Vorspiel zum Weimarer Geschäftsleben. Man kann sagen, Merck ersetzte Goethe den Skeptizismus und die nüchterne Helle deren seine dumpfe Kraftfülle zwar bedurfte, die er aber nicht in sich selbst beherbergen konnte, ohne entzaubert zu werden. Mercks Wirkung wurde aus der titanischen Götzepoche mit herübergenommen bis in die dämonische Lilizeit, während Herder nur noch als verehrter aber überholter Meister und teilnehmender oder krittelnder Freund in Goethes Leben hereinragte. Freilich konnte sich Mercks Einfluß auch niemals an eingreifender Macht und Wucht mit dem Herders messen. Er konnte länger währen, weil es sich hier nicht um ein eigentliches Schülerverhältnis des Jüngeren zum Altern handelte, sondern mehr um ein gesellschaftliches Übergewicht das der besonnen kalte Betrachter immer, selbst bei dürftigerem Wesen, über den unbedenklich liebe- und lebensvollen Jüngling behält.

Wie um den Götz herum eine ganze Atmosphäre von Kraftprotzen und Urtümlern gelagert ist, so um den Werther herum eine Wolke von empfindsamen und seelenvoll schwelgenden, wallenden, bebenden, tränenseligen und überschwenglich weit-oder gottdurstigen Freunden und Freundinnen. Dieser Kreis war naturgemäß weniger sektenhaft, von vornherein zahlreicher und mannigfaltiger als die Nachfolge des Götzischen Goethe: denn das Kraftprotzentum war das Vorrecht und die Vorliebe weniger, zumal literarisch interessierter Jünglinge, welche sich für Schöpfergeister hielten im Sinn der Lehren Herders und der Werke Goethes, also ein Vorrecht der „Genies“, welche nie eine Gesellschaftsschicht sondern immer nur ein gegen die Gesellschaft und das breite Publikum sich abhebender Zirkel sein konnten. Dagegen die Empfindsamkeit und liebende Seelenfülle, welche durch den Werther eine Offenbarung erhalten hatte, war eine Grundanlage und der mehr oder minder latente Zustand des gebildeten und lesenden deutschen Publikums überhaupt, sie bedurfte nicht eines Führers und Rechtfertigers, wie das Genietum, das ja bei seinen eigenen Aspiranten erst durch Goethe Sinn und Mut bekam, sondern nur eines sichtbaren Mittelpunktes, einer Stimme, einer monumentalen Gelegenheit, um ihrer selbst gewiß zu werden.

Von ganz verschiedenen Seiten her konnte sich die Schar der Empfindsamen rekrutieren die durch Goethe angelockt und oft gegen seinen Willen festgehalten wurden. Da führte zunächst zu dem Werther-Goethe ein Weg von der Empfindsamkeit des Pietismus, des Gemütchristentums her. Goethe war mit diesem Kreis schon lange verknüpft, ehe er den Werther verfaßt hatte. Susanne von Klettenberg gehörte ja zu der ersten Schar die Goethes Bedürfnis nach Verinnerlichung entsprach — und die Atmosphäre von gläubiger und gottinniger Versenkung ohne welche der Werther nicht hätte geschrieben und verstanden werden können hat Goethe zuerst bei jenem Urbild der schönen Seele eingesogen. Darum gehört diese Fromme schon zum Wertherkreis — nicht weil sie erst durch den Werther kreiert oder zu Goethe gekommen wäre, sondern weil sie so in der Umwelt west der sein Werther Ausdruck gibt, wie Klinger, Lenz, Wagner Gewächse der Goethischen Götzatmosphäre, des Götzischen Klimas sind. Bezeichnenderweise gehören zu dem Götzumkreis keine Frauen, während die Wertherluft getränkt war mit Weiblichkeit. Nur ein paar tüchtige, kluge, wache und muntere Bürgerfrauen könnte man allenfalls als Götzverwandte ansprechen, als zur kräftig frischen derben Götzluft gehörig: aber die eine davon ist Goethes Mutter, und diese wäre doch zu eng umschrieben als ein Annex der Götzwelt. Die andre ist Tantchen Johanna Fahlmer, eins von den mit klugem Weltsinn, gutem Herzen und gesundem Menschenverstand begabten weiblichen Wesen wie sie ohne eignes Schicksal oder eigne Leidenschaft und Lebensmacht überall teilzunehmen, zu mitteln, zu raten, anzuhören und wohl auch zu helfen wissen, aus jenem Mittelgefühl zwischen Mutterliebe und Frauenliebe welches man Tantenliebe nennen kann. Während der Götz in wesentlich männlichem Klima gediehen ist, kann man den Werther nicht denken ohne die Weiblichkeit, und zwar waren auch die Männer des Wertherkreises feminine Seelen.

Außer dem gottinnigen Christentum von der Farbe der schönen Seele, als einer Religion der schwelgenden Liebesseligkeit und des überschwenglich erhobenen Gemüts, dem humanisierten und entdogmatisierten Christentum, lieferte Klopstocks Kreis dem Werther-Goethe neue Anhänger, die mit seinem kraftgenialen Götzwesen, mit dem Prometheischen Titanentrotz nichts anzufangen wußten. Klopstock selbst hatte die Derbheiten und Grobheiten des Götz kopfschüttelnd mißbilligt und vor dem Promethidentum waren später die Stolberge entsetzt. Aber die Empfindungsfülle und Herzenswärme des Werther lockte und bannte die Anhänger des ersten deutschen Gefühlsdichters auch zudem jungen Meister der den Umfang der Klopstockischen Gefühlswelt erweitert hatte.

Wie im deutschen Geistesleben überhaupt die Empfindsamkeit zwei ganz verschiedene Ströme hatte, die sich indessen bald vermischten und vereinigten, nämlich das beseelte Christentum und die humanisierte Natur oder „Klopstock“ und „Rousseau“ (um sie knapp mit ihren wirksamsten Trägern zu bezeichnen) so finden wir im Wertherischen Freundeskreis neben den Klopstockianern auch Leute die mittelbar oder unmittelbar durch Rousseau zur Empfindsamkeit gelangt sind, oder durch Hamann, welcher auf eine mehr deutsche Art, nicht durch rhetorisch dialektische sondern durch poetisch prophetische Mittel seinerseits die große Doppelaufgabe Rousseaus in Angriff genommen hatte: die Wiedereinsetzung der Natur und die Entthronung der alleinseligmachenden Vernunft. Von Klopstock wie von Rousseau und von Hamann her fanden die Jünglinge im Werthertume den Sieg der liebevollen, hingegebnen, gottes-oder weltfrommen Empfindung über das Denken — und das ist das Gemeinsame der unter sich sehr verschiedenen Freunde des Wertherkreises. Gefühl und Glaube wollten sie alle — einerlei zu welchen Zwecken ihnen nachher Gefühl und Glaube dienen sollte: ob zum Christentum, ob zum Pantheismus. Den Klopstockisch christlichen Flügel vertreten die Grafen Stolberg . . den Hamannisch pantheistischen Flügel die Geschwister Jacobi.

Nur lag der Keim der späteren Entfremdung von vornherein in beiden Arten Freundschaften beschlossen: denn was diese Anhängergruppen verschiedner Provenienz zu Goethe hinzog, eben seine entbundene Gefühlsfülle, war für Goethe selbst, damals schon, eine Not, ein Zustand über den er mit aller Kraft hinauszukommen trachtete. Er wollte ja grade seine Gefühle zu Fähigkeiten, zu Kräften entwickeln, und diese Freunde wollten ihn bei seinen Gefühlen festhalten. Und über dem augenblicklich Gemeinsamen der Gefühlsweise oder vielmehr des Gefühlstempos, über dem gemeinsamen Gegensatz gegen den Rationalismus (vollends unter dem Zauber der Goethischen Persönlichkeit) übersahen seine Freunde und Goethe selbst wohl eine Zeitlang die tiefe Verschiedenheit ihrer Gefühls-und Erlebnisinhalte, die unüberbrückbaren Zwiste der Gesetze nach denen sie angetreten. Denn die Stolberge fühlten, um Christen zu sein, um sich recht innig als Gottes Geschöpfe und Knechte erleben zu können. Goethe war dezidierter Nichtchrist. Von denjacobis aber mußte ihn auf die Dauer trennen, daß ihnen das hingegebene Fühlen und Glauben (welches allerdings bei ihnen nicht den selbständigen Wert der Natur ausschloß) der Selbstzweck und Endzweck des Lebens war — für Goethe aber eines der Mittel zur Erfassung der wirklichen Gotteswelt, ein Zeugnis der eignen Göttlichkeit, die sich betätigen mußte in der Gestaltung, im Darstellen, im mannigfachen Ergreifen der Welt. Nichts lag Goethe ferner, nichts war ihm fataler, an nichts litt er mehr als an dem weichlichen Selbstgenuß der subjektiven Seele, welche sich genug tat im bloß empfangenden Glauben und Fühlen, sei es Gottes sei es der Natur, welche glaubte um zu glauben und fühlte um zu fühlen, untertauchte im Meer der Hingabe, ohne das Chaos beherrschen, ordnen, formen, schauen, gestalten zu wollen. Da zog Goethe immer noch die abgrenzende und normierende Anmaßung des Rationalist mus vor, als eine Betätigung aktiver Kraft und Zeugnis eines Willens.

Zunächst freilich wurden diese inneren Gegensätze verdeckt durch die allgemeine Liebesseligkeit und Lebensdurstigkeit der Zeit, durch das Bedürfnis schrankenloser Seelenergießung auf seiten der Freunde, durch das Bedürfnis möglichst viel neues Leben an sich zu ziehen und mit seiner Fülle zu tränken oder zu wärmen auf seiten Goethes. All die Persönlichkeiten die zu Goethes nächstem Freundeskreis gehörten, d. h. die er selbst bei sich litt und die nicht nur wie Heinrich Leopold Wagner sich literarisch an ihn hingen, um nach der Verübung von Indiskretionen gewaltsam abgeschüttelt zu werden, all diese Jünglinge und Männer die Goethe damals duzte, tragen Züge der Goethischen Fülle und Güte, sind ihm irgendwie zeit- ja seelenverwandt, nur ohne die gedrängte Kraft und die mitten im Sturm und Drang schon instinktive Weisheit.. es sind glänzende und blendende Menschen darunter. Aber an Goethe gemessen (nicht nur an Goethes produktiver Begabung und Großheit des Charakters, an Goethes weltgeschichtlichem Wert) rein als lebendige junge Leute neben ihn gestellt, wirken sie undicht, unfertig, ja unecht: wie verwässerte Kopien neben dem Original, wie Wolken um einen festen Gipfel dessen Formen sie anzunehmen, zugleich zu übertreiben und zu Verblasen scheinen . . nicht gerade aus Nach« ahmung, sondern bedingt und bewirkt von dem massiven Gebild das sie locker umlagern.

Ich denke hier wesentlich an Klinger und Lenz, an die Gebrüder Stolberg und die Gebrüder Jacobi — die wichtigsten unter den Goethe«Satelliten denen eine eigne geistesgeschichtliche Bedeutung zukommt, oder die auch ohne Goethe noch etwas vorstellten. Bei all diesen Verhältnissen zu den jungen Freunden — außer dem zu Lavater, der einen Platz für sich beansprucht neben Herder und Merck — ist Goethe in jedem einzelnen Fall unbedingt der Gebende, der Bewirkende, der Herrschende. Nur das Gesamt dieser Freundschaftsatmosphäre, das Gefühl, seine Kraft fortwirken zu lassen in soviel edlen und guten Menschen, war für ihn Bereicherung, wohl auch Reinigung und Erleichterung, wie er ja in dem Brief an Gustchen Stolberg als seine größte Glückseligkeit bezeichnete mit den besten Menschen seinerZeit zu leben. Aber kein einzelnes dieser Verhältnisse hat ihn innerlich weiter gebracht, keins war ihm mehr als ein Anlaß zur Aussprache. Für uns sind sie wichtig, weil wir nirgends einen so deutlichen Begriff von dem Zauber und der Gewalt der Goethischen Gegenwart bekommen als durch die Aussprüche seiner Freunde und Jünger. Damals war er noch nicht eine mythische Figur deren Ruhm und Werk ihn von selbst mit einer ehrfurchtgebietenden Gloriole umgab, wie der alte Goethe. Was damals auf junge Geisterwirkte konnte nicht der vor ihm hergehende Begriff, son» dern nur seine gegenwärtige Ausstrahlung sein — und es gehört zu Goethes Bild, wenn wir einige dieser Wirkungen in ihren Niederschlägen festhalten.



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