> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Geselligkeit und Freundschaft Seite 48

2015-09-09

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Geselligkeit und Freundschaft Seite 48



Unter all diesen Freunden ist keiner für ihn damals wichtiger und später lästiger gewesen, wohl auch keiner als Persönlichkeit für sich betrachtet merkwürdiger als Lavater. Lavater ist wohl derjenige Mann den Goethe am meisten und innigsten, mit fast frauenhafter Liebe geliebt hat. Wenn man Lavaters Schriften liest, dieses Gemisch aus überschwenglicher Gefühlseligkeit und missionarhafter Anmaßung, aus Schwärmerei und Zweck, so begreift man kaum was gerade Goethe an seinem Wesen so unwiderstehlich anziehen konnte. Doch über allen Schriften Lavaters muß seiner persönlichen Gegenwart nach den Zeugnissen der Zeitgenossen ein unbeschreiblicher Zauber innegewohnt haben, und es lohnt sich nachzufühlen worin gerade dieser Zauber bestand: denn es war nicht das mitreißende Jünglingsfeuer, wie bei Stolberg und Jacobi, das Goethe verwandt ansprechen konnte, und gewiß waren die Interessenkreise Lavaters, des frommen Geistlichen und Propheten, und des heidnischen Weltkindes Goethe von vornherein getrennter als der zeitgenössischen jungen Literatoren.

Fragen wir Goethe selber wie er Lavater sah, so werden wir am ehesten den Grund von Lavaters Anziehungskraft, den Grund von dieser Freundschaft begreifen. „Er ist der beste, größte, weiseste, innigste aller sterblichen und unsterblichen Menschen, die ich kenne.“ „Es ist uns allen eine Kur, um einen Menschen zu sein, der in der Häuslichkeit der Liebe strebt und lebt.“ „Es ist mit Lavater wie mit dem Rheinfall, man glaubt auch, man habe ihn nie so gesehen, wenn man ihn wiedersieht, er ist die Blüte der Menschheit, das Beste vom Besten.“ In so enthusiastischen Ausdrücken feierte Goethe den Mann den er später als einen Halbschwindler und Ganznarren brandmarkte, ja bis ins Körperliche hinein karikierte. Hier war Rohstoff und Schlacke seines eigenen Lebens die er später bei seinem Selbstgestaltungsprozeß mit um so größerer Heftigkeit ausstieß, je inniger er sie sein eigen gefühlt hatte . . . Als dieser Umbildungsprozeß des Sturm-und Drang-Goethe, zu dessen eindringlichsten Zeugnissen eben der Zürcher Schwarmgeist gehörte, zum klassischen Goethe endgültig vollzogen war, als Goethe gar nicht mehr von innen und außen her durch jene Stürme und Dränge bedroht und belästigt war, als ihm all das Schwarmwesen lang nach Lavaters tapferm Tod zur silbernen Erinnerung geworden war: erst dann verklärte sich das Bild des seltsamen Freundes wieder, und vom Gipfel seines vollendeten Daseins aus zieht Goethe auch die Summe von Lavaters Charakter . . „Zutraulich schonend segnend erhebend, anders konnte man sich seine Gegenwart nicht denken.“

Aus jenem enthusiastischen Gefühlserguß des jungen unmittelbar dem Lavaterischen Zauber unterstehenden Goethe und dieser historischen Würdigung des längst entfernten alten können wir entnehmen welcher Art Lavaters Zauberwirkung auf Goethe gewesen ist. Über seine bigotten Schrullen und unreinen, verworrenen, ja aberwitzigen Verzückungen hinaus, lebte und webte Lavater in einem Element von Güte und Innigkeit, von Herzlichkeit und Liebseligkeit dem kein liebeempfängliches und liebebedürftiges Herz sich entziehen konnte. Goethe empfand (so gewiß den Dichter des Götz schon mitten im Enthusiasmus die schwankende lallende Weichlichkeit, die bebende Christlichkeit und die zudringliche Proselytenmacherei, die anmaßende Pfaffendemut abstoßen mußte, so wenig auch der Sucher und Finder energisch durchgebildeter Form und Gestaltung an der krausen Mischliteratur und theologisch-poetischen Traktätchenschriftstellerei des Freundes Geschmack finden konnte) zu sehr die Liebe und Güte als den Grund noch dieser Verzerrungen, als daß er deswegen gerechtet oder gezürnt hätte. Wo er ein positives Ganzes empfand nahm er die Früchte die dies Ganze trieb hin, auch wenn sie ihm nicht mundeten, wenigstens in dieser Zeit, da es ihm noch nicht so sehr auf die Früchte, d. h. Leistungen, Ergebnisse ankam als auf den Grund und die Witterung woraus Früchte entstanden.

Was zu Lavater hinzog und mit seinen Narreteien versöhnte war seine Selbstlosigkeit. Seine Bekehrungswut hatte wirklich kein andres Motiv als die christliche Nächstenliebe die sich Skrupel macht um das Heil des Nachbars, sein Christuskult war nur das theologisch überspannte Bemühn nach einem greifbaren, allmitteilbaren Ausdruck für das höchste Ideal allumfassender, allerlösender Menschenliebe. Seiner theologischen Herkunft nach konnte er kein höheres, innigeres, mächtigeres Beschwörungsmittel und Anziehungsmittel für die Menschen finden, als daß er sie mit dringlicher, zudringlicher, weil ängstlich besorgter Herzlichkeit zu dem großen Quell der erlösenden Liebe, zu Christus rief. Christus war ihm wirklich nicht nur als theologische Formel sondern als tiefstes Erlebnis die Fülle und der Inbegriff der Liebe und der Erlösung . . und wie er selbst die Liebesfülle und Erlösungstat Christi beseligend empfand, so wollte er (zugleich evangelischer Geistlicher und Kind des Humanitätszeitalters) sie möglichst vielen Menschen zu deren Beseligung und Erlösung zugänglich machen, er wandte dazu alle Mittel der Beredsamkeit, der persönlichen Werbekraft, der Seelenkunde, der theologischen, praktischen, literarischen, dialektischen Propaganda an, um die Gesinnung der Menschen zu erforschen und sie auf Grund ihrer Gesinnung in Christus zu festigen oder zu Christus zu bekehren. Je lieber ihm von vornherein ein Mensch war, desto dringlicher wurde seine Propaganda. Dieses Werbertum ging nicht von einer Berufspflicht aus, sondern wirklich aus einem christlich hebevoll besorgten Herzen, und Goethe entschuldigte seine propagatorische Zudringlichkeit, weil er darin die Gretcheangst ehrte, weil er spürte wie eine hebe treue Seele, „die von ihrem Glauben voll, der ganz allein ihr seligmachend ist, sich heilig quälte, daß sie den liebsten Mann verloren halten soll.“ Es lag deshalb bei allen oft pfäffischen Mitteln und Praktiken im Grund von Lavaters Propaganda nichts Pfäffisches, sondern wirklich noch etwas von jenem alten christlichen Liebestrieb der die ersten Gemeinden geschaffen hatte und Spott, Mißhandlung und Märtyrtum nicht scheute. Lavater hielt sich nicht wegen seines Glaubens für was Besseres, wie es der richtige Pfaffe tut, und er wollte nicht einen Vorzug für sich haben, um von da aus die Andern zu schulmeistern. Er bekehrte nicht, um seinen Machtbereich auszudehnen oder um mit seiner Begnadung zu protzen (all das können Motive des Missionierens sein) nicht weil er Geistlicher war und als solcher die Verpflichtung zu christlicher Betätigung gefühlt hätte: sondern wirklich nur weil er aus herzlicher Menschenliebe das Glück das ihm in der Liebe zu Christus zuteil geworden gerne möglichst vielen, zumal den Besten und Edelsten vermittelt hätte, besonders seinem Goethe. Auch das unterscheidet ihn von den Pfaffen, daß er nicht nach dem Maß der Christlichkeit wertete sondern auf Grund reinen Menschengefühls. Der Glaube an Christus war für ihn nicht der Wert, sondern das Glück des Menschen, und den Besten gönnte er dies Glück am meisten.

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