> Gedichte und Zitate für alle: W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen seiner Zeitgenossen: 27.04.1775 Iselin an Frey (165)

2015-09-10

W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen seiner Zeitgenossen: 27.04.1775 Iselin an Frey (165)



27. April


Basel. Iselin an Frey

AdF. Ich dachte, ich hätte Ihnen von den „Leiden des jungen Werther“ gesprochen. Ich unterschreibe Ihr Urteil, obwohl ich leider oder glücklicherweise mir seit einigen Jahren angewöhnt habe, die Freuden, die ich genieße, genauer zu prüfen, und deshalb nicht ebenso begeistert dafür bin wie Sie. Je mehr ich die poetischen Schönheiten dieses Werks bewunderte, desto klarer wurde mir, daß es gefährlich sein müsse, und diese Erkenntnis verminderte erheblich die angenehmen Empfindungen, die mir diese Lektüre sonst bereitet hatte. 

Ich verstehe nicht, warum Herr Ring Ihnen nicht den Verfasser genannt hat. Es ist ein Mann, von dem ich Ihnen schon gesprochen habe: Herr Goethe, der Verfasser des „Götz von Berlichingen“. Er ist einer der ersten Schöngeister Deutschlands und gehört zu denen, die eine neue Sekte zu gründen anfangen. Ihre mindeste Absicht ist, alle die Regeln zu zerschlagen, die Boileau, Dubos, Marmontel, Voltaire usw. für das Theater usw. aufgestellt haben; sie wollen Shakespeare für das einzige, nachahmungswürdige Vorbild gelten lassen. Er ist auch der Verfasser von „Götter, Helden und Wieland“, das wir einmal zusammen gelesen haben, der Schultheiß, Sie und ich. Der Herr Wieland, den bisher alle Welt fürchtete, zittert jetzt vor ihm. 

Nicolai hat ein reizendes Ding über diese „Leiden“ gemacht, betitelt: „Freuden des jungen Werthers, Leiden und Freuden Werthers des Mannes“. Er zeigt darin ..., daß es für diesen Narren Werther hundert Auswege gegeben hätte und daß es allemal besser ist, zu leben, als sich den Kopf entzweizuschießen. Ich habe vor einiger Zeit aus Berlin auch Gespräche „Über die Leiden des jungen Werthers“ erhalten, die voller Schönheit sind. 

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