> Gedichte und Zitate für alle: W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen seiner Zeitgenossen: 06.05.1775 Merck an Nicolai (167)

2015-09-10

W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen seiner Zeitgenossen: 06.05.1775 Merck an Nicolai (167)



6. Mai

Leipzig. Merck an Nicolai

Was soll ich zu Ihrem gänzlichen Stillschweigen auf mein Schreiben, mit dem ich Ihnen die „Freuden des jungen Werthers sendete, denken? Sind Sie ungehalten auf mich? Oder wollen Sie sich nur nicht gern, entweder über die „Freuden Werthers“ oder über die Folgen desselben, über den „Prometheus“ , sich gegen mich erklären?

Ungehalten können Sie nicht sein, wenigstens traue ich Ihnen das nicht zu. Zwar ist, wie jedermann sagt, Herr Goethe sehr ungehalten. Aber er ist es wirklich ohne Ursach. Ich griff ihn nicht an, denn ich glaube nicht, daß er willens sei, die Bande der menschlichen Gesellschaft aufzulösen. Aber einen Haufen von Lesern mancherlei Art, die aus Stellen, die er im Charakter des schwärmerischen Werthers geschrieben hatte, Axiomen und Lebensregeln machen wollten, habe ich erinnern wollen, daß Selbstmord aus Übereilung und Trugschlüssen entstehe und nicht Edeltat sei. Soviel ich absehen kann, habe ich dadurch Herrn Goethe nichts zu nahe getan. Ich habe überdies seinen Talenten, zwar nicht in dem kindischen Trompetenton, mit dem ihn Zeitungsschreiber ausposaunen, aber in dem Tone eines vernünftigen Mannes, der sein Genie schätzt und sein Wort tief empfunden hat, Gerechtigkeit widerfahren lassen. Daß ich mich anständig gegen Herrn Goethe aufgeführt, darf ich mir zwar wohl gegen ihn nicht zum Verdienste rechnen. Denn er scheint festgesetzt zu haben, daß Anständigkeit wo nicht lächerlich, doch gleichgültig sei. Doch denkt er dabei vielleicht nur auf das, was er gegen andere tut, nicht, was andere gegen ihn tun können ...

Ich bin dadurch [durch den „Prometheus“] nicht einen Augenblick unmutig geworden; wüßte auch nicht, warum, da mich nichts trifft.

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