> Gedichte und Zitate für alle: W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen seiner Zeitgenossen: 06.05.1775 Merck an Nicolai (168)

2015-09-10

W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen seiner Zeitgenossen: 06.05.1775 Merck an Nicolai (168)



6. Mai

Darmstadt. Merck an Nicolai

Indem Merck an Nikolai für dessen " Allgemeine Deutsche Bibliothek " eine Besprechung zugleich der Leiden und der Freuden des jungen Werthers sandte.

Verzeihen Sie mir mein langes Stillschweigen, besonders über das mir überschickte Exemplar von den „Freuden des jungen Werthers“. Ich wollte Ihnen anfangs darüber schreiben, allein es entstand sogleich ein unvermutetes Kriegsfeuer darüber in Sachsenhausen und der Orten, daß ich kein Wort auf beiden Seiten darüber verlieren wollte, aus Furcht, mich in fremde Händel zu mischen und den Verdacht einer Trätscherei auf mich zu laden. Wäre ich bei Goethe und nicht Jacobi bei ihm gewesen, so will ich hoffen, daß der Lärm nicht so laut geworden sein würde. Er scheint indessen die Folgen schon zu empfinden, weil er sogar gegen mich als Herzensfreund auf Ehre und Treue leugnet, daß er der Verfasser des „Prometheus“ sei. Aus einer gedruckten Erklärung werden Sie gesehen haben, daß ein gewisser Wagner der Verfasser davon ist, ob ich’s gleich nicht glaube.

Mir und allen Leuten, die unparteiisch dachten, schien Ihre kleine Schrift ein wohlgeratnes Gegengift gegen alle das Gewäsch der unmündigen und kraftlosen Seelen, die Tat und Entschluß ewig auf der Zunge tragen und doch denen geringsten Streichen auf ihrem Schneckenwege nicht entgegenzukriechen vermögen. Das Gesumse der Buben und das Gewimmere der Mädchen hatte lange genug gedauert, daß man endlich aus Ungeduld ein wenig Stillschweigen gebieten konnte ...

... unterdrücken Sie meine Rezension, und es geschieht mir dadurch ein wahrer Gefallen, weil mich Goethe gewiß erkennt und in seiner eignen Sache so blind ist, daß ihn auch das kälteste, seinem Gegner gegebne Lob aufbringen kann. Ein Genie ist einmal ein böser Nachbar, und ich möchte, wie sie leicht einsehen, es mit ihm nicht gerne verderben.

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