> Gedichte und Zitate für alle: W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen...09.12.1774 Gilbert an Knebel (126)

2015-09-04

W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen...09.12.1774 Gilbert an Knebel (126)



9. Dezember
Berlin. Gilbert an Knebel

Gilbert: ein Jurist in Berlin, der sich mit Karl von Knebel schon in Halle in ihrer Studentenzeit befreundet hatte.

„Werthers Leiden“! Hätte ich sie doch nie gelesen, ich, dem die Natur einen so mächtigen Hang zur Melancholie gab und der in Werthers Charakter so viele Züge aus dem seinigen fand! 

Moralischen Nutzen hätte das Werk stiften können, wenn in den Schluß mehr Schauer über die Tat, mehr Abschreckendes für jeden Nachfolger gelegt wäre, und dies wäre vielleicht mit wenigen Pinselstrichen getan gewesen. 

Goethe hätte seinem Charakter einen gerechten Vorwurf ersparen können, wenn er nicht durch Werthers Briefe an Albert den Verdacht erregt hätte, daß Werther von seiner Lotte alles genossen hätte. Dies schwächt das Interesse bei jedem Leser und wirft, da Lotte noch eine lebende Person ist, auf Goethen die Schande eines Pasquillanten. 

Die Schreibart ist (einige Provinzialworte und Sprachfehler kommen nicht in censum) ganz bezaubernd. Die Gemälde der Kinder, der ganze Schluß des ersten Teils, die ganze Malerei des Ganges der Leidenschaft sind meisterhaft, und welche große Züge, die ihm nur als Brosamen von des Reichen Tische, ohne daß er darauf achtgegeben, entfallen zu sein scheinen! Überdem herrscht allenthalben, bis auf wenige Stellen, eine Stärke, eine Wahrheit, und, was das Größte ist, geht dies so weit, daß vielleicht jeder Leser, wenn er nahe ans Ziel kömmt, fühlen muß: Schwerlich konnte Werther anders tun, als er tat. 

Überhaupt ist es das Werk eines großen Genies, aber ein gefährliches Werk, das ich leider schon zu oft gelesen. Ich mag nicht mehr daran denken!


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