> Gedichte und Zitate für alle: W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen...26.10.1774 Lessing an Eschenburg (110)

2015-09-02

W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen...26.10.1774 Lessing an Eschenburg (110)


26. Oktober

Wolfenbüttel. Lessing an Eschenburg

Haben Sie tausend Dank für das Vergnügen, welches Sie mir durch Mitteilung des Goethischen Romans gemacht haben. Ich schicke ihn noch einen Tag früher zurück, damit auch andere dieses Vergnügen je eher, je lieber genießen können.

Wenn aber ein so warmes Produkt nicht mehr Unheil als Gutes stiften soll: meinen Sie nicht, daß es noch eine kleine kalte Schlußrede haben müßte? Ein paar Winke hintenher, wie Werther zu einem so abenteuerlichen Charakter gekommen; wie ein andrer Jüngling, dem die Natur eine ähnliche Anlage gegeben, sich dafür zu bewahren habe. Denn ein solcher dürfte die poetische Schönheit leicht für die moralische nehmen und glauben, daß der gut gewesen sein müsse, der unsere Teilnehmung so stark beschäftiget. 

Und das war er doch wahrlich nicht; ja, wenn unsers Jerusalems Geist völlig in dieser Lage gewesen wäre, so müßte ich ihn fast — verachten. 

Glauben Sie wohl, daß je ein römischer oder griechischer Jüngling sich so und darum das Leben genommen? Gewiß nicht. Die wußten sich vor der Schwärmerei der Liebe ganz anders zu schützen; und zu Sokrates’ Zeiten würde man eine solche ............. antreibt, nur kaum einem Mädelchen verziehen haben. Solche kleingroße, verächtlich schätzbare Originale hervorzubringen, war nur der christlichen Erziehung Vorbehalten, die ein körperliches Bedürfnis so schön in eine geistige Vollkommenheit zu verwandeln weiß. 

Also, lieber Goethe, noch ein Kapitelchen zum Schlusse; und je zynischer, je besser!

Das Griechische: aus Liebesraserei etwas gegen die Natur zu wagen.

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