> Gedichte und Zitate für alle: W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen....13.10. u. 18.10. 1774 Werthes an Friedrich Jakobi (103)

2015-09-02

W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen....13.10. u. 18.10. 1774 Werthes an Friedrich Jakobi (103)


13. und 18.Oktober

Straßburg und Bern. Werthes an Friedrich Jakobi

Clemens Werthes (1748-1817), Dichter und Schöngeist schildert seine Reise rheinaufwärts.

........Soweit war ich gekommen, als der Verfasser des „Hofmeisters“, Herr Lenz, so klein und bescheiden in mein Zimmer hereinkam ... Sein Geist mag ein Bruder von Goethens Geist sein, aber für seinen Zwillingsbruder laß ich ihn ... nicht ... gelten. Er ist sein jüngeres Brüderchen, Fleisch von seinem Fleisch und Geist von seinem Geist, nur alles, wie mich dünkt, in kleinere Form gegossen.

Dieser Goethe, von dem und von dem allein ich vom Aufgang bis zum Niedergang der Sonne und von ihrem Niedergang bis wieder zu ihrem Aufgang mit Ihnen sprechen und stammeln und singen und dithyrambisieren möchte, dessen Genius zwischen Klopstocken und mir stand und über die Alpen und Schneegebirge gleichsam einen Sonnenschleier herwarf, er selbst immer mir gegenüber und neben und über mir, dieser Goethe hat sich gleichsam über alle meine Ideale emporgeschwungen, die ich jemals von unmittelbarem Gefühl und Anschaun eines großen Genius gefaßt hatte. Noch nie hätt ich das Gefühl der Jünger von Emmaus im Evangelio so gut exegisieren und mitempfinden können, vor dem sie sagten: „Brannte nicht unser Herz in uns, als er mit uns redete?“ Machen wir ihn immer zu unserm Herrn Christus, und lassen Sie mich den letzten seiner Jünger sein! Er hat so viel und so vortrefflich mit mir gesprochen, Worte des ewigen Lebens, die, solang ich atme, meine Glaubensartikel sein sollen.


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