> Gedichte und Zitate für alle: W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen...07.11.1774 Kestner an Hennings (114)

2015-09-03

W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen...07.11.1774 Kestner an Hennings (114)


7. November
Hannover. Kestner an Hennings

Sie sind noch immer mein erster Freund und ich Ihnen ganz der nämliche, der ich immer war. Zu Wetzlar habe ich nur einen gefunden, den ich Ihnen gleich nachsetze; sein Namen ist schon bekannt genug: er heißt Goethe. Sie können es daraus schließen, daß er mir mit den „Leiden des jungen Werthers“, ohne Vorsatz jedoch und in seiner Autorwärme oder Etourderie, keinen angenehmen Dienst getan hat, indem mich vieles darin verdrießt sowie meine Frau auch und der Erfolg uns doppelt verdrießt: Aber dennoch bin ich geneigt, es ihm zu verzeihen; doch soll er es nicht wissen, damit er sich künftig in acht nimmt. 

Im Vertrauen will ich Ihnen dieses und die Geschichte des „Werthers“ näher erklären, wovon Sie aber nur einen behutsamen Gebrauch machen sollen; doch aber bitte ich, einigen Gebrauch davon zu machen.

Im ersten Teile des „Werthers“ ist Werther Goethe selbst. In Lotte und Albert hat er von uns, meiner Frau und mir, Züge entlehnt. Viele von den Szenen sind ganz wahr, aber doch zum Teil verändert; andere sind, in unserer Geschichte wenigstens, fremd. Um des zweiten Teils willen und um den Tod des Werthers vorzubereiten, hat er im ersten Teile verschiedenes hinzugedichtet, das uns gar nicht zukömmt. Lotte hat zum Beispiel weder mit Goethe noch mit sonst einem anderen in dem ziemlich genauen Verhältnis gestanden, wie es da beschrieben ist. Dies haben wir ihm allerdings sehr übelzunehmen, indem verschiedene Nebenumstände zu wahr und zu bekannt sind, als daß man nicht auf uns hätte fallen sollen. Er bereut es jetzt, aber was hilft uns das. Es ist wahr, er hielt viel von meiner Frau; aber darin hätte er sie getreuer schildern sollen, daß sie viel zu klug und zu delikat war, als ihn einmal so weit kommen zu lassen, wie im ersten Teile enthalten. Sie betrug sich so gegen ihn, daß ich sie weit lieber hätte haben müssen als sonst, wenn dieses möglich gewesen wäre. Unsere Verbindung ist auch nie deklariert gewesen, zwar nicht heimlich gehalten; doch war sie viel zu schamhaft, als es irgend jemanden zu gestehen. Es war auch keine andere Verbindung zwischen uns als die der Herzen. Erst kurz vor meiner Abreise (als Goethe schon ein Jahr von Wetzlar weg zu Frankfurt und der verstellte Werther ein halbes Jahr tot war) vermählten wir uns. Hier erst, nach Verlauf eines ganzen Jahres seit unseres Hierseins, wurden wir Vater und Mutter. Der liebe Junge lebt noch und macht uns gottlob viel Freude. 

Sonst ist in Werthern viel von Goethes Charakter und Denkungsart. Lottens Porträt ist im ganzen das von meiner Frau. Albert hätte ein wenig wärmer sein mögen.

Soviel vom ersten Teile. Der zweite geht uns gar nichts an. Da ist Werther der junge Jerusalem, Albert der pfälzische Legationssekretär und Lotte des letzteren Frau, was nämlich die Geschichte anbetrifft; denn die Charaktere sind diesen drei Leuten größtenteils nur angedichtet. Von Jerusalem wußte aber der Verfasser seine vorherige Geschichte vermutlich nicht, darum schickte er die im ersten Teile voraus und setzte verschiedenes hinzu, um den Erfolg des zweiten Teils wahrscheinlich zu machen und diesem mehreren Anlaß zu geben. Der Albert des zweiten Teils war freilich etwas eifersüchtig, aber stand doch nicht in dem Verhältnis mit seiner Frau, wie da beschrieben ist. Seine Frau ist ein sehr hübsches, sanftes, gutes Geschöpf; aber nicht das Leben in ihr, was ihr da beigelegt wird. Sie war auch zu der kleinen Untreue nicht einmal fähig, und auch sie betrug sich viel eingezogener gegen Jerusalem, der sie freilich sehr liebte, aber doch im beleidigten Ehrgeiz mehr als in der unglücklichen Liebe den Grund zu seinem letzten Entschlüsse fand. Er beredete sich aber vielleicht selbst, daß das letzte die Hauptursache sei, und die letzte Veranlassung ist die Liebe selbst gewiß gewesen. 

Es ist zwar wieder wahr, daß ich ihm die Pistolen dazu hergeliehen. Aber daß er sie dazu mißbrauchen würde, ließ ich mir nicht einmal träumen. Ich kannte ihn nur wenig und meine Frau noch weniger; denn er entfernte sich die mehrste Zeit von den Menschen. Ich wußte von seinen Grundsätzen nichts und von seiner Liebesgeschichte nur, was das Publikum wußte; das war nicht viel. Er war nur zweimal bei mir gewesen, und bei dieser Gelegenheit hatte er vielleicht die Pistolen bei meiner Kammertür hängen sehen. Er schrieb mir das eingerückte Billett würklich, und aus Höflichkeit schickte ich ihm die Pistolen, ohne Bedenken. Sie waren nicht geladen; ich hatte nie damit geschossen. — Er war ein guter melancholischer Junge, aber das hätte sich niemand von ihm träumen lassen. Es hat es mir auch niemand verdacht.

Diese Jerusalemische Geschichte, die ich möglichst genau erforschte, weil sie merkwürdig war, schrieb ich mit allen Umständen auf und schickte sie Goethen nach Frankfurt. Der hat denn den Gebrauch im zweiten Teil seines „Werthers“ davon gemacht und nach Gefallen etwas hinzugedichtet. 

Als Goethe sein Buch schon hatte drucken lassen, schickte er uns ein Exemplar und meinte wunder, was er für eine Tat getan hatte. Wir aber sahen es gleich voraus, wie der Erfolg sein würde ... Ich schrieb ihm und zankte sehr. Nun sah er erst ein, was er getan hatte. Das Buch war aber schon an die Buchführer gelangt, und er hoffte noch, daß wir uns geirrt haben möchten...

Was soll ich bei der Geschichte anders tun als sie übersehen? Zu redressieren ist sie nicht. Goethe hat’s gewiß nicht übel gemeint; er schätzte meine Frau und mich dazu zu hoch; seine Briefe und seine andern Handlungen beweisen es. Er betrug sich auch viel größer, als er sich im „Werther“ zum Teil geschildert hat.

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